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Artikel von:
Verena Schäffer

Theaterhistorikerin und Künstlerin. Studium der Theaterwissenschaft, Philosophie und Geschichte an der Universität Wien. Seit 1997 praktische Theaterarbeit vor allem im Bereich Bühnenbild, langjährige Mitarbeit am Theater Gruppe80 und am Burgtheater Wien, daneben freischaffende Fotografin. Künstlerische Arbeiten insbesondere in den Bereichen Fotografie, Bühnenbild, Kunst im öffentlichen Raum. Arbeitet derzeit (2011) an einer Publikation über die Nutzungsgeschichte des Theatersaales im Nestroyhof in der Praterstraße in Wien Leopoldstadt.

Artikel aus Ausgabe 44


dérive - Radio für Stadtforschung
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Vergnügungsetablissement, Theater, Brettl, Nachtlokal. Wiener und Leopoldstädter Unterhaltungskultur zwischen 1900 und 1938.

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Das Spektrum der nächtlichen Vergnügungswelt im Wien vor dem Ersten Weltkrieg zu skizzieren gleicht einer Sysiphosarbeit. Am ehesten ließe sich ein derartiges Vorhaben durch die Herstellung einer kulturellen Topographie der Unterhaltung bewerkstelligen, welche den einzelnen Stadtgebieten unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen historischen Entwicklung, ihres Verhältnisses zum Zentrum und der Darstellung der sozio-ökonomischen Bedürfnisstruktur der sie bevölkernden Menschen bestimmte Formen und Institutionen des Vergnügens zuweist, wie dies Marion Linhardt in Hinsicht auf die Wiener Unterhaltungstheater von der Gründerzeit bis zum Beginn der Ersten Republik versucht hat (Linhardt 2006). Was sich hier wie eine in Beziehung zum Gegenstand eher mäßig unterhaltsame Baukastenanleitung historischer Stadtforschung liest, hat für die Betrachtung Wiens, mit seiner bis heute kaum veränderten, sich in konzentrischen Kreisen um das Zentrum legenden Formation von Bezirken, deren Nähe oder Distanz zum politischen, finanziellen und (hoch-)kulturellen Zentrum ziemlich genau Auskunft geben konnte über den sozialen und ökonomischen Status sowie das kulturelle Kapital seiner Bewohner und Bewohnerinnen, durchaus Berechtigung. Die Verteilung der unterschiedlichen Vergnügungsangebote auf verschiedene Unterhaltungs- und Vergnügungsräume innerhalb der Stadt zeigt ein nur leicht verzerrtes Abbild jener »territorialen Segregation des öffentlichen Raumes« (Maderthaner & Musner 2000, S. 105), welche den von der Ringstraße umschlossenen Repräsentationsbezirk der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt (I.) von den großbürgerlichen Bezirken (IX., XIII., XIX.), diese von den kleinbürgerlich und mittelständisch dominierten inneren Bezirken (II. bis VIII.) und diese wiederum – als Demarkationslinie dient hier der Linienwall, später die Gürtelstraße – von den Arbeitervierteln und Elendsquartieren der äußeren Vorstädte trennt. Würde man beispielsweise die obige Aufzählung von Veranstaltungsorten mit Kreuzen im Wiener Stadtplan markieren und diese Karte schließlich in Beziehung zum Dargebotenen und zum jeweiligen Publikum interpretieren, wäre eine erste Vorstufe einer kulturellen Topographie erreicht. Wie jeder Schematismus greift auch dieser zu kurz.
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