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Artikel von:
Thomas Ballhausen

Thomas Ballhausen ist Lektor an der Universität Wien (Europäische und Vergleichende Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft) sowie Mitarbeiter des Filmarchivs Austria.

Artikel aus Ausgabe 45


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Schwellenräume der Imagination und des Gespenstischen: Ein Versuch über die mediale Darstellung des Luna Parks

Eine der wesentlichsten, wenn nicht sogar die wichtigste Aufgabe des ortsfesten Unterhaltungsparks ist die Anregung der Imagination, also eine karnevaleske Auszeit für die Sinne als leistbarer Kurztrip ins Reich der Fantasie zu bieten. Ebenso offensichtlich wie die Erbringung dieses gesellschaftlichen Entlastungsangebots ist die sich ergebende, medial vielgestaltige und facettenreiche Reflexion dieser nicht minder vielgestaltigen Attraktionsbündelung. Ob Storyville, Rixdorf oder St. Pauli, ob Coney Island, Venice Beach oder – um in der Nachbarschaft zu bleiben – der Wiener Prater, so unscharf wie die Trennlinie zwischen Unterhaltungsviertel und Luna Park oft anmutet, so verwaschen erscheint mitunter auch die Differenz zwischen Bericht und literarischer Reflexion, wenn besagte Ausnahmeorte zu medialisierten Räumen werden. Auf die Vielfalt journalistischer und literarischer Verarbeitung und Transformation der bestehenden Luna Parks, der Orte als Manifestationen städtischer Unterhaltungskultur in Abgrenzung von vergleichbaren ambulanten Formen, ist schon mehrfach und wortreich hingewiesen worden. Nicht selten standen lesens- und empfehlenswerte Werke wie Joseph Hellers Einst und jetzt, Karl Mays In fernen Zonen, Isaac B. Singers Ein Tag in Coney Island, Kevin Bakers Dreamland oder Ray Bradburys Der Tod ist ein einsames Geschäft im Zentrum entsprechender Überlegungen und Untersuchungen.

Für die vorliegenden Ausführungen, die auf eine Verschränkung von Raumtheorie und kulturwissenschaftlicher Methodik setzen (vgl. Engelke 2009), wurden deshalb, in Ergänzung als auch in konstruktiver Abgrenzung zur bestehenden Forschung, zwei wesentliche Konkretisierungen unternommen: Einerseits soll in den Beispielanalysen der Schwerpunkt auf eigengesetzlichen Medien liegen, die sich der Praxis des sequentiellen Erzählens bedienen, namentlich also auf Film, Comic und auf lyrischen bzw. experimentellen Langformen. Andererseits soll der Blick auf die Darstellung des realen, verfremdeten bzw. erfundenen Luna Parks gelenkt werden, der innerhalb des jeweiligen Beispiels die Funktion eines Schwellenraums erfüllt, der also als geradezu perforierter, durchlässiger und zwischen unterschiedlichen Sphären angesiedelter Erfahrungs- und Begegnungsraum fungiert. Erzählerische und kulturelle Faktoren der Transformation, des Unheimlichen und des Gespenstischen werden an solchen Orten nicht nur toleriert; vielmehr laden sie, also die Orte, regelrecht zur Entfaltung fantastischer Narrationsräume ein. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die aufzufindenden Beispiele gleichsam als Gespenstergeschichten lesbar sind und die erwähnte Verschiebung des jeweils aufgerufenen Luna Parks hin zu einer vollständigen Ablösung von realen Vorbildern – sogar bis zur Verlagerung in die Innenwelten der ProtagonistInnen – betreiben. Das in den hauntologies nicht selten aufgerufene Diktum des Gespenstischen, der schleifenartige Verlauf zwischen enter und exit, wird somit auch zur für den Luna Park gültigen Regieanweisung.
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