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Artikel von:
Andrea Benze

Andrea Benze ist Mitgründerin von OFFSEA (Office for Socially Engaged Architecture) und lehrt an der TU Berlin. Die Publikation ihrer Dissertation, die sie 2010 bei Iris Reuther und Susanne Hauser an der Universität Kassel abschloss, erscheint 2012 unter dem Titel „Alltagsorte in der Stadtregion. Atlas experimenteller Kartographie“ im Reimer Verlag. Sie ist Stipendiatin auf Schloss Solitude 2012. www.offseaworks.de.

Artikel aus Ausgabe 47


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Bitterfeld-Wolfen zum Beispiel vom Schützenverein aus gesehen ... Ausflüge zu alltäglichen Orten

Bitterfeld-Wolfen ist Ausgangspunkt und Ziel von Ausflügen auf der Suche nach Orten, die alltägliche Treffpunkte der lokalen Bevölkerung sind. Im Zentrum dieses Beitrags steht die Frage, wie die Region heute von der lokalen Bevölkerung benutzt wird, welche Orte durch alltägliche Handlungen entstehen und an welche Eigenschaften sie anknüpfen. Dichte Beschreibungen und experimentelle Kartierungen beschreiben die Orte.

„Wo trifft man sich in der Stadtregion?“ So könnte die Suche nach alltäglichen Orten umgangssprachlich beschrieben werden. Gemeint sind Orte, an denen sich die lokale Bevölkerung trifft, die beiläufig aufgesucht werden können und (theoretisch) für jeden offen sind, Orte des sozialen Austauschs, der Kommunikation und auch zufälliger Zusammentreffen. Diese Orte können in der Stadtregion nicht mit einem allein auf die bauliche Gestalt ausgerichteten Blick aufgespürt werden. Treffpunkte liegen im Verborgenen und erschließen sich beim Durchwandern der Region nicht. Ebenso führt eine Untersuchung der historischen Entstehung der Region nicht zu Orten, die auch heute belebt sind. Alltägliche Orte können nur durch einen erweiterten Blick auf den Raum aufgespürt werden, der über seine bauliche Erscheinung hinausgeht.

Region Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt ist eine prototypische durch industrielle Produktion geprägte, wenig verdichtete, städtische Region mit klein- und mittelstädtischem Charakter. Nach einer rasanten Wachstums- und Urbanisierungsphase vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur friedlichen Revolution 1989 ist sie großen Transformationsprozessen unterworfen. Diese oszillieren zwischen Schrumpfung, Abriss ganzer Stadtteile und der Neuansiedlung von Solarindustrie mit Zulieferbetrieben. Insgesamt ist die frühere Chemieregion in einem nicht abgeschlossenen Bedeutungswandel. Ihre bauliche Struktur entspricht vorwiegend der einer Siedlungsstadt mit einbezogenen mittelalterlichen Dorfkernen. Das kulturelle und soziale Leben steht seit der Industrialisierung im Spannungsfeld zwischen dörflich-kleinstädtischem Leben, dem Zusammenleben in ArbeiterInnenwohnsiedlungen und der Tatsache, Produktionsort international herausragender Erfindungen und national wichtiger Erzeugnisse zu sein. Immer wieder wurde versucht, mit groß angelegten Projekten ein der Bedeutung des Industriestandortes angemessenes kulturelles Leben in Bitterfeld-Wolfen zu initiieren. Spuren dieser teilweise sehr umstrittenen Versuche sind bis heute im sozialen und kulturellen Zusammenleben der Region ablesbar. Mit der Untersuchung der Vereine wird erforscht, an welchen Orten sich in dieser zum größten Teil aus übergeordneten politischen und wirtschaftlichen Überlegungen entstandenen Stadtregion alltägliches soziales Zusammenleben abspielt, wie es organisiert ist und welchen Charakter die konkreten Orte haben.

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