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Artikel von:
Saskia Hebert

Saskia Hebert ist Architektin und betreibt mit ihrem Partner Matthias Lohmann das Büro subsolar (Architektur und Stadtforschung) in Berlin. Die Publikation ihrer Dissertation, die sie 2010 bei Susanne Hauser und Thomas Sieverts an der UdK Berlin abgeschlossen hat, erscheint 2012 unter dem Titel Gebaute Welt – gelebter Raum im Jovis Verlag. www.subsolar.net

Artikel aus Ausgabe 47


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Ortsverschiebungen: Ein Plädoyer für den Möglichkeitssinn

Immer mehr Wissen, immer mehr Tätigkeiten, ökonomische Transaktionen und sogar soziale Kontakte verlagern sich heute in virtuelle Räume. Dadurch werden nicht nur klassische städtebauliche Begriffe wie Zentrum und Peripherie in Frage gestellt, sondern auch die Ordnung der gebauten Welt selbst: Macht zum Beispiel das Einkaufen via Internet, das uns allen den Gang zum nächsten Laden erspart, reale Orte überflüssig, oder schafft es, im Gegenteil, wichtige neue? Liegt das Logistikzentrum von Amazon Deutschland irgendwo in der Peripherie von Bad Hersfeld oder im Zentrum der nationalen Warendistribution?
Trotz (oder gerade wegen) der gegenwärtigen Verschiebungen zwischen realen und virtuellen, globalen und lokalen, gesellschaftlichen und politischen Ortsaspekten ist es heute noch allzu oft eine recht konservative Definition vom Wesen des Ortes, die den architektonischen Diskurs beherrscht. Im Zuge von städtebaulichen Rekonstruktionsdebatten werden unscharfe Begriffe wie Heimat und Identität benutzt, um massive Eingriffe in die über Jahrzehnte gewachsene Substanz städtischer Zentren zu legitimieren, während nach den Belangen der BewohnerInnen, in deren Namen dies alles vorgeblich geschieht, meist überhaupt nicht gefragt wird. Das Bild vom (historischen) Ort, medial wirkmächtig inszeniert, suggeriert eine räumliche Kontinuität, die in der Lage ist, jedweden gesellschaftlichen Wandel auszubalancieren – ein Wunschdenken, das jedoch in Wahrheit den Ort mit Gewalt von seiner zeitlichen Entwicklung entkoppelt.
Wie im Gegenteil das Bewohnen (und die BewohnerInnen) von Orten zu deren Identität beitragen und welche Prozesse so etwas wie Heimat überhaupt erzeugen können, soll in diesem Artikel mit Hilfe einiger Aspekte der Phänomenologie des gelebten Raumes und unter dem programmatischen Titel der „Ortsverschiebung“ erläutert werden.
„Wenn ich von Ortsverschiebungen spreche“, sagt der Philosoph Bernhard Waldenfels, „so in doppeltem Sinne. Gemeint sind zunächst allgemeine Verschiebungen in der Bedeutung von ‚Ort‘ und ‚Raum‘, die unsere Raumauffassung verändern. Gedacht ist aber auch an spezifische Verschiebungen im Raumgefüge selbst, die der gewohnten Zeitverschiebung ähneln. Hierbei geht es darum, dass verschiedene Zeit-Räume sich überlagern und ineinanderschieben. Das schlichte Nebeneinander wird ebenso fraglich wie die schlichte Aufeinanderfolge“ (Waldenfels 2009, S. 95). Die Verschiebung, die hier zur Sprache kommt, betrifft also nicht nur einen geänderten (bzw. zu ändernden) abstrakten Orts-Begriff, sondern auch den konkreten Ort der gebauten, bewohnten und gelebten Umwelt selbst – und damit Voraussetzung und Produkt jeder architektonischen und städtebaulichen Praxis.

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