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Artikel von:
Barbara Holub
Paul Rajakovics 
Ulrike Lienbacher 
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Barbar Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst. (www.transparadiso.com)

Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien.

Artikel aus Ausgabe 47


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Ulrike Lienbacher: Kartenhaus

Im Sommer 2010 fand Ulrike Lienbachers Einzelausstellung "Elitekörper // Revolte“ im Salzburger Kunstverein statt. Sie umfasste unterschiedliche Zugänge der Künstlerin zum Thema Körper.
Ulrike Lienbacher ist für ihre feinen, poetischen Bleistiftzeichnungen von kleinen Handlungen, die sie seit vielen Jahren anfertigt, bekannt. In "Elitekörper // Revolte“ bediente sie sich unterschiedlicher Medien. Zwei Videos in einem nach außen verspiegelten Objekt fungierten als Basis für eine Videoinstallation, die sich dem Thema Sport und Körper widmete. Diese Videos bilden demnächst auch den Rahmen der Ausstellung „At your service“ im Technischen Museum Wien.
Eine weitere Arbeit der Ausstellung im Salzburger Kunstverein mit dem Titel "Nude, Pensive", die sich auf eine Postkarte mit einem Pin-Up-Girl bezieht, beschäftigt sich mit dem nackten Körper und dessen Inszenierung im Rahmen des Aktzeichnens. Das Aktmodell betrachtet Bücher mit Anweisungen zum Aktzeichnen. Durch die Betonung dieser wechselnden Rollen zwischen betrachten und betrachtet werden wird der/die Rezipient/in herausgefordert, das Objekt-Subjekt-Verhältnis zu überdenken, so wie jeder Betrachtung von Nacktheit die Frage nach dem Selbst innewohnt.
Die im Insert präsentierte Arbeit kann als Fortsetzung der in Salzburg gezeigten Werkgruppe gesehen werden. Unzählige männliche und weibliche Körper, deren Gemeinsamkeit die Nacktheit ist, sind hier als Kartenhäuser aufeinander gestapelt. Die Postkarten mit Sujets unbekleideter Körper basieren auf einem privaten „analogen“ Archiv, das Werke aus unterschiedlichsten Bereichen vereint, von bekannten Werken der Kunstgeschichte und Kunst der Gegenwart bis zu Bildern der Populärkultur. Die Fragilität des Körpers wird der verführerischen Ästhetik der Repräsentation des Körpers gegenübergestellt. Eine der gezeigten Postkarten zeigt etwa das berühmte Pin-Up von Marilyn Monroe, eine andere eine Venus von Lukas Cranach. Der jeweils unterschiedliche Kontext der „nackten“ Abbildungen eröffnet Beziehungen zu verschiedenen zeitlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen. Zugänge zu Homosexualität, körperlicher Selbstdarstellung und Mythen der Sexualität werden in dem Kartenhaus zu einer Erzählung aneinandergefügt, wobei durch die Auswahl historischer Abbildungen die Veränderung kultureller-gesellschaftlicher Wahrnehmung von Nacktheit besonders auffällig ist.
Lienbachers Kartenhaus-Architekturen wachsen strukturell zu stadt-ähnlichen Agglomerationen.
Über die unschuldige Nacktheit hinaus ist der entblößte Körper Projektionsfläche sexueller Phantasien. Ulrike Lienbacher betont, dass “eine Arbeit über Nacktheit Sexualität und ihre Darstellungsformen, etwa auch Pornographie, nicht aussparen kann“. Sie bezeichnet diese tabuisierte Zone des Körperbildes als die “Nachtseite”.
Die Künstlerin erhielt 2000 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg, war 2001/ 2002 Präsidentin des Salzburger Kunstvereins und wird von der Galerie Krinzinger vertreten. Das „Kartenhaus“ ist ab 29. März 2012 im Schaufenster der Kunsthalle Wien am Karlsplatz : public space zu sehen.