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Artikel von:
Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher, lehrt an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.

Artikel aus Ausgabe 50


dérive - Radio für Stadtforschung
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Die Straße - urbane Morphologie der exzentrischen Bewegung

Es gibt im Raum eine philosophisch anthropologische Grundfigur der Bewegung, genauer eine Doppelbewegung, ein Fortgehen und ein Zurückkehren, das sich topographisch so beschreiben ließe: ein engerer innerer Raum, in dem sich der Mensch wohlfühlt und wohin er heimkehrt, der aber von einem weiteren, äußeren Raum konzentrisch umschlossen wird, der den Menschen veranlasst hinauszugehen, der ihn aus seiner Mitte hinaustreibt und die Heimat vergessen lässt. Die Stadt entspricht ihrem Wesen nach diesem inneren, zentrischen Raum des Hauses, während die Straße tendenziell immer diese exzentrische Bewegung ins Außen vollzieht (Bollnow 1963).
Aus der Anthropologie kennen wir die Differenzierung des Raumes in Endo- und Exosphäre, wobei der endosphärische Raum immer der geschützte Bereich des Hauses oder des Dorfes ist und durch Grenzen vom exosphärischen, gefährlichen Außenraum getrennt ist. Das Zentrum des Hauses ist eine durch die Ahnen oder Götter sakral aufgeladene Sphäre, die emanative Kräfte freisetzt, deren Wirkung diesen Bereich schützt. Je weiter man sich davon entfernt, desto riskanter wird der Raum und die Überschreitung der Grenzen verlangt nach Passageritualen, um diesen riskanten Übergang im Einverständnis mit den Geistern und Dämonen zu gestalten. Noch in der griechischen und römischen Antike zeugten die zahllosen Hermen, also kleinen Statuen des Hermes, des Gottes der Kaufleute und der Reisenden, auch der Diebe, der Gott des Übergangs und des Tausches schlechthin, auf den vielen Straßenkreuzungen von der Schutzbedürftigkeit des Reisenden und der bewahrenden Hand des Gottes bei riskanten Manövern, wie es eine Reise ja immer ist und war. (...)