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Artikel von:
Theresa Schütz

Theresa Schütz absolvierte 2009 das Architekturstudium an der TU-Wien. Sie ist Mitbegründerin des Vereins der Gehsteig-Guerrilleros und testet Grenzen und Potenziale improvisierter urbanistischer Praktiken im Erschließen öffentlicher Räume. Seit 2010 ist sie als PräDoc am Ifoer tätig, war 2011 Projektmitarbeiterin im «Strategiekonzept Plattform-Erdgeschoß-Zone Wien”. Sie ist Mitglied des CIT COLLECTIVE – culture is transformation, a cross disciplinary initative for urban commons.

Artikel aus Ausgabe 50


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Auf der Straße gehen / Auf die Straße gehen

In meinen zaghaften Versuchen einer Annäherung an das anonyme Wesen der Straße und mit den folgenden Aus­führungen über die Einfallslosigkeit klassischer Planungs­ansätze im Umgang mit diesen als Verkehrsräume deklarierten Nicht-Orten werde ich zu aller erst unser gewohntes städtisches Mobilitätsverhalten und -denken hinter mir lassen müssen
und stattdessen mit der ungewohnten Perspektive des Philosophen Vilém Flusser »Von der Freiheit des Migranten« aus den Straßenraum betrachten:
»Sesshafte sitzen und Nomaden fahren. Das heißt zuerst einmal, dass man Sesshafte im Raum lokalisieren kann, während Nomaden erst im Raum-Zeit-Kontinuum definiert werden können ... Nomaden sind Leute, die hinter etwas herfahren, etwas verfolgen (...) Gleichgültig welches das verfolgte Ziel ist, das Fahren ist keineswegs beendet, wenn es erreicht wurde. Alle Ziele sind Zwischenstationen, sie liegen neben dem Weg (...) und als Ganzes ist das Fahren eine ziellose Methode (...) ein offenes Schweifen.« (1994, S. 58ff.)
Der Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty fragt nach den Wahrnehmungsbedingungen und nach dem Orientierungs­verhalten der Menschen im Raum. Laut seinem Werk Die Phänomenologie der Wahrnehmung zeigen sich alle Objekte erst auf einem Hintergrund, wobei dieser Hintergrund vom Menschen nicht als gesondertes Objekt, sondern als unend­licher Horizont seiner Wahrnehmung erfahren wird. Insofern sich der menschliche Körper selbst vor diesem Hintergrund bewegt, wird Räumlichkeit nie als ein objektiv geometrisches System oder als abgeschlossenes Behältnis erfahren. Raum spannt sich, so argumentiert der Soziologe und Kultur­philosoph Michel de Certeau, als Animation von Orten durch eine doppelte Bewegung auf; der Bewegung eines Körpers durch den Raum und der des Hintereinanderfolgens der Orte selbst. Solch ein Ensemble koexistenter Elemente bezeichnet Certeau als »frequented place«, »an intersection of moving bodies«. Räumliche Wirklichkeit ist zur Position und Bewegung des Betrachters relativ und nur von dieser menschlichen Situierung her erfahrbar. (...)