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Artikel von:
Peter Payer

Peter Payer, ist Historiker und Stadtforscher sowie Kurator im Technischen Museum Wien. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: Wien – Die Stadt und die Sinne. Reportagen und Feuilletons um 1900 (Hg., Löcker Verlag, 2016); Die synchronisierte Stadt. Öffentliche Uhren und Zeitwahrnehmung, Wien 1850 bis heute (Holzhausen Verlag 2015). 2017 erscheint sein neues Buch Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien (Metroverlag). www.stadt-forschung.at

Artikel aus Ausgabe 50


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Die Wiener Opernkreuzung

Exerzierfeld der Moderne

Im Hintergrund das mächtige Opernhaus. Davor voll besetzte Straßenbahnwaggons, von Pferden gezogen, einer nach dem anderen in rascher Folge, Kutschen mit fremdländisch aussehenden Lenkern rattern dahin, ein Radfahrer huscht vorbei, in der Mitte der Fahrbahn ein Wachmann, aufmerksam das Geschehen beobachtend, wohl gekleidete Bürgersdamen promenieren mit Sonnenschirmen umher, Männer mit Hüten und Schnurrbärten eilen auf den Betrachter zu, ein Mann duckt sich unter der Kamera hindurch: Der Dokumentarfilm Le Ring, im Sommer 1896 von der Société Lumière gedreht, lässt das Straßenleben der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien für 43 faszinierende Sekunden wieder auferstehen.1 Und nicht zufällig wurde für dieses erste filmische Dokument von Wien der wohl urbanste und betriebsamste Ort gewählt: die Opernkreuzung. Eine herausragende Sehenswürdigkeit im eigentlichen Wortsinn, ein bis heute hochfrequenter Repräsentationsort für die ganze Stadt.
Entstanden war die Schnittstelle von Kärnter Straße und Opern- bzw. Kärnter Ring Ende der 1860er Jahre, als die mehrspurigen Fahrbahnen samt dazugehöriger Infrastruktur und repräsentativer Gebäudekulisse fertiggestellt worden waren. Als prominenteste Eingangspforte in die Wiener Innenstadt waren hier gleich vier Architekturhighlights der frühen Gründerzeit errichtet worden. Allen voran das Operngebäude, 1869 fertiggestellt und sich mit Vorplatz und Brunnen großzügig zur Kreuzung hin öffnend; gegenüber der Heinrichhof des Ziegelfabrikanten Heinrich von Drasche, ein 1863 vollendetes Nobelzinshaus; dann das 1860 errichtete Meinl-Haus, benannt nach dem Kaffeeröster Julius Meinl I, sowie als Abschluss zwei ebenfalls 1860 errichtete Privatgebäude, die 1913 zum mondänen Hotel Bristol umgebaut wurden.