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Artikel von:
Fahim Amir
Christina Linortner 

Fahim Amir ist Philosoph und Kulturwissenschaftler afghanischer Herkunft und lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz. Er arbeitet zurzeit an seiner Dissertation zu dissidenten Konzepten von tierlicher Subjektivität, Urbanismus und Ästhetik.

Christina Linortner hat Architektur und Research Architecture studiert. Sie arbeitet transdisziplinär zu den Themenbereichen Migration und Wohnkultur, transkulturelle Studien und Geisterhäuser u. a. in Nigeria, China und Los Angeles. 2010-2012 Mitarbeit am Art-Science Projekt »Model House — Mapping Transcultural Modernisms« an der Akademie der bildenden Künste Wien und seit 2011 Mitarbeit am PEEK-Projekt »Eden’s Edge« an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Artikel aus Ausgabe 51


dérive - Radio für Stadtforschung
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Verstädterung der Arten

Die Denkerin Donna Haraway streicht in ihrem 1992 erschienenen Artikel »Otherworldly Conversations; Terran Topics; Local Terms« heraus, dass die Welt ein Ensemble darstellt: »... ein immer schon bewohntes Ergebnis heterogener sozialer Begegnungen, wobei nicht alle Akteure Menschen sind« (Haraway 1992, S. 67). Der Schwerpunkt dieser Ausgabe nimmt Haraways These der Implosion von Natur und Kultur, die sie naturecultures nennt, zum Anlass, Fragen nach Tieren und dem Lebendigen in urbanen Kontexten zu stellen:
Wer ist Teil der Stadt und wem gehört sie, wer macht sie, und wie passiert das?
In diesem Schwerpunkt geht es uns vor allem darum, die Ko-Produktion von Stadt mit und durch nichtmenschliche AkteurInnen in den Blick zu nehmen. Dazu gehört die Reflexion des Zusammenhangs von Natur und Kultur, Widerstand und Widerständigkeit und nichtmenschlicher Handlungsmacht in heterogenen Gefügen, die das Technologische und Digitale, das Gebaute und Geborene, das Gedachte und Erkämpfte umfassen – von mikroskopischen Körpern und metropolitanen Ökonomien.
Die Philosophin Isabella Amir arbeitet in ihrem Beitrag zu dieser Ausgabe Antinomien und Problematiken des Naturbegriffs heraus: »Obwohl der Begriff der Natur also missverständlicher nicht sein könnte und aus eben diesem Grund sehr uneinheitlich verstanden und verwendet wird, ist er in seiner Differenz zum Kulturbegriff konstitutives Element jedes philosophischen, moralischen, wissenschaftlichen und ästhetischen Diskurses.« Besonders Tiere in der Stadt stellen stereotype Vorstellungen in Frage – so ist für viele Tiere ihr natürliches Habitat der künstliche bzw. kulturelle Stadtraum. Umgekehrt sind selbst von menschlicher Besiedelung räumlich entfernte Naturräume wie die Pole, abgeschiedene Dschungelgebiete oder die Weltmeere in den vergangen Jahrhunderten – besonders verstärkt seit der industriellen Revolution – tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Weniger abgelegene Gebiete treten durch weitausgedehnte Infrastruktursysteme in Verbindung mit Städten und führen ihnen Ströme an Wasser, Nahrung, Energie, Anderem und Anderen zu – und wieder ab. In den Raumwissenschaften haben sich diese Phänomene in Theorien und Konzepten niedergeschlagen, die die Verschränkungen und Überlagerungen dieser ersten Natur mit Netzwerken von Infrastrukturen untersuchen und die komplexen Beziehungen und Austauschprozesse einer Sozionatur erkunden. Dabei werden binäre Denkkonstellationen wie Natur und Kultur sowie herkömmliche Objekt- und Subjektpositionen in Frage gestellt, um die genauere Betrachtung nicht-humaner AkteurInnen zu ermöglichen.


1000 Habitate
In der Geschichte der Stadtplanung wurden vielfach Begriffe aus der Natur verwendet, um städtisches Wachstum und urbane Transformationen zu bezeichnen. Konzepte der modernen Stadt wurden oft als graduelle Abweichung von natürlichen Formen des Lebens wahrgenommen oder in Analogie mit dem Körper eines lebenden Organismus ausgelegt (vgl. Shanty 2005, S. 64).
Eine herausragende Rolle nimmt dabei beispielsweise der in Stadtplanung und Architektur gebräuchliche Begriff Habitat ein, den Carl von Linné erstmals in seiner Systema Naturae (1753) verwendete. Das Habitat dient für gewöhnlich der Beschreibung des natürlichen Lebensumfelds, in dem eine reproduktive Population von Organismen leben kann, und besetzt damit einen speziellen Raum zwischen Spezies
und Individuum.
Bei genauerer Betrachtung erweist sich das Konzept des Habitats als Projektionsfläche für Konzepte aus verschiedenen Richtungen: So analysierte Michel Foucault 1977 in einem seiner weniger bekannten Bücher, Politiques de l’habitat (1800–1850), das Habitat in medizinischen Diskursen des neunzehnten Jahrhunderts als soziale Technologie, die Räume und Krankheiten, Subjekte und Praktiken neu ordnete. Das Habitat spielte auch in der einflussreichen Chicago School eine brisante Rolle: Diese bis in die 1930er Jahre in der US-Soziologie dominante wissenschaftliche Strömung »…skizzierte ein Stadtmodell mit konzentrisch angeordneten Ringen, die jeweils andere sozial-ökologische Habitats repräsentieren« (Schmid 2009, S. 25), und fasste damit Klassengegensätze und Ethnisierungseffekte naturalisierend in politische Metaphern wie Invasion, Sukzession und Segregation.
In Stadtplanungsdiskursen der Moderne verkündete Le Corbusier am ersten Nachkriegs-CIAM1947 in Bergamo seine Absicht, eine Habitat-Charta entwickeln zu wollen. Diese Charta sollte Mängel des Funktionalismus beheben und das Leben in den Städten wieder in den Mittelpunkt rücken. Was genau eine solche Charta zum Inhalt haben würde, ließ Corbusier vorerst offen. Die Habitat-Charta beschäftigte die modernistische Architektur- und Planungsavantgarde bis 1959, als infolge anhaltender Meinungsverschiedenheiten und eines damit verbundenen Generationenwechsels nicht nur das Ziel der Formulierung einer Charta komplett aufgegeben wurde, sondern die CIAM sich insgesamt auflösten. Auch wenn der Versuch, eine Habitat-Charta zu verfassen, gescheitert war, setzte sich der Begriff Habitat im Städtebau- und Architekturvokabular erfolgreich fest, wie im Rahmen der UN-Konferenz von 1976 oder der Tätigkeit der Teilorganisation der Vereinten Nationen UN-Habitat (vgl. Model House – Mapping Transcultural Modernisms, 2012).
Im Unterschied zum Gebrauch des Begriffes im CIAM-Diskurs bezeichnet Henri Lefebvre in Die Revolution der Städte die Konjunktur des Habitat-Konzepts als »die Karikatur eines Pseudobegriffes« (zit. n. Schmid 2005, S. 172), die techno-kratisch das Wohnen auf eine bloße Funktion reduziert. »Lefebvre sah darin gewissermassen die Essenz des industria-lisierten Alltags: Das Habitat, ein globaler, homogener und quantitativer Raum, sei in Ideologie und Praxis zugleich von oben her installiert worden und habe das ›Erlebte‹ gezwungen, sich in Schachteln, Käfige, ja gar ›Wohnmaschinen‹ einschließen zu lassen.« (Ebd.)
Habitat war bei Linné eine Tätigkeit; seine Artikel zu unterschiedlichen Spezies enthielten stets die kursiv gesetzte Formel »habitat«, also »er/sie/es lebt« da und dort. Aus der Beschreibung einer Praxis von Tieren wurde im Lauf der Zeit eine verdinglichte Essenz, eine fast zeitlose Wesenhaftigkeit. Heute erzeugt die Bekämpfung von in Deutschland oder Österreich »nicht einheimischen« Arten bis hin zu Vorstellungen »afrikanisierter Killerbienen« ein Reservoir an Bildern und Metaphern, das wir aus anderen Zusammenhängen bereits zur Genüge kennen.


Makro- und Mikronaturen
Urbanisierung als Prozess, der die gesamte Gesellschaft umfasste, bedeutete für Lefebvre nicht einfach eine Ausbreitung oder Vergrößerung der Stadt, sondern auch eine qualitative Veränderung des Urbanen selbst. Wie ist dies zu denken?
Zum einen gehört dazu die Intensivierung kapitalistisch organisierter Inwertsetzung. Wir befinden uns in einer Periode, in der die formelle Subsumption der Natur gegenüber der reellen Subsumption abnimmt: Mit reeller Subsumption, also Integration bzw. Unterwerfung unter kapitalistische Verwertungszyklen, meint die marxistische Ökonomietheorie die Umformung tatsächlicher Arbeitsprozesse nach kapitalistischen Prinzipien, während die formelle Subsumption darauf verweist, dass der Arbeitsprozess selbst nicht-kapitalistisch (Familien-betrieb, SklavInnen, Selbstausbeutung usw.) organisiert ist, aber letztlich an den kapitalistischen Markt angeschlossen bleibt. Immer mehr Land wird industriell bewirtschaftet, während Revolten und kollektive Selbstmorde in agrarisch geprägten Regionen zunehmen und zugleich einen Abgesang auf bisherige Lebensweisen und die Geburtsschreie neuer Lebensformen bilden. Mit Verstädterung ist also vor allem die qualitative Transformation von Beziehungen gemeint, wobei die Stadt ein Element innerhalb städtischer Netzwerke bildet: »Die Urbanisierung der Natur, eine Transformation, die in den letzten Jahren erhöhte Triebkraft erlangt hat, ist deutlich mehr als ein schrittweiser Prozess der Aneignung, bis der letzte Überrest der ›Primär-Natur‹ verschwunden ist. Die Produktion einer urbanen Natur ist ein simultaner Prozess sozialen und bio-physikalischen Wandels, wobei neue Arten von Räumen entstehen und zerstört werden, die von unterstützenden technologischen Netzwerken über die moderne Stadt bis zu neuen Aneignungen der Natur in der urbanen Landschaft reichen.« (Ghandy 2006, S. 63)
Neben der Intensivierung und Ausdehnung der äußeren Landnahme spielen Formen der inneren Landnahme eine zunehmend wichtige Rolle. Das Körperinnere von Menschen und Tieren wird zum Investitions- und Interventionsobjekt von Biotechnologie und Lebenswissenschaften, die DNA-Stränge patentieren und großindustriell Hormone produzieren. So entstehen in urbanen Labors neue DNA-Linien, Zelltypen, Pflanzen- und Tierarten. Damit eng verbunden sind Enteignungsprozesse – wie im Fall von Henrietta Lacks, einer US-Bürgerin dunkler Hautfarbe, der zu Beginn der 1950er Jahre – ohne ihr Wissen – Zellgewebe aus ihrem Tumor entnommen wurde. Während Lacks kurz darauf in der medizinischen Behandlung durch ihren forschenden Arzt starb, lebte sie partiell technologisch weiter: Das ihr entnommene Gewebe stirbt nicht nach einer beschränkten Zahl von Zellteilungen, sondern ist unsterblich; es bildete die Grundlage der bis heute verwendeten Zell-Linie »HeLa«. BiowissenschaftlerInnen haben daraus mittlerweile mehr als 20 Tonnen Zellen gezüchtet und insgesamt rund 11.000 Patente angemeldet, die HeLa beinhalten.
Dreißig Jahre davor war die erste erfolgreiche Synthetisierung von Ammoniak im Rahmen des Haber-Bosch-Verfahrens gelungen. Ammoniak war dadurch zum einen als essenzieller Bestandteil für Bombenproduktion von den natürlichen Geografien gelöst und andererseits als der wichtigste chemische Beschränkungsfaktor für die weitere Erschließung landwirtschaftlicher Erträge aufgehoben. Der im modernisierten Haber-Bosch-Verfahren entstehende Ammoniak wird auch heute überall auf der Welt als Dünger großindustriell in den Boden gebracht und gelangt über Pflanzen oder Tiere in den menschlichen Stoffwechsel – Schätzungen zufolge befindet sich in jedem westlichen, menschlichen Körper ein Kilogramm dieses Stoffes aus den Hochdruck-Tanks der Haber-Bosch-Synthese.
Die Philosophin Beatriz Preciado konstatiert, dass wir heute zunehmend Technokörper sind, die von Antibabypille und Viagra umgepflügt und mit Psycho-Pharmaka und Designerdrogen gedüngt werden; Silikon-Implantate und Leistungssteigerer werden zur Massenkultur (Preciado 2008). Dies verändert gesellschaftliche, biographische und biologische Stoffwechsel sowie urbane Rhythmen – und stellt somit die Opposition von Natur und Kultur auf mikrobiologischer Ebene in Frage.
Die Stadt Wien zeigt keine Zurückhaltung, sich dem internationalen biotechnological turn anzuschließen, und annonciert ihren Auftritt auf dem internationalen Markt für potente Moleküle und Gewebe. Im Beitrag der Schwerpunkt-RedakteurInnen wird der Entwicklung des ehemaligen Schlachthofes St. Marx zum neuen Medien- und Biotech-Cluster entlang der Tiergeister, die die moderne Produktion heimsuchen, nachgegangen. Der Arbeiter am Fließband werde wie ein dressierter Gorilla behandelt, wie das Diktum Henry Fords lautete; heißt dies für den so genannten Postfordismus urbaner Ökonomien, dass nun die Dressur wegfallen soll, um die wilde Subjektivität der ProduzentInnen in Wertschöpfungsketten zu integrieren, wie avancierte Kritiken der Creative Cities suggerieren? Räumliche und konzeptionelle Transfers zwischen der Reorganisation von Schlachthöfen hin zu kreativwirtschaftlicher Nutzung, wie dies auch im Falle des New Yorker Meatpacking District geschieht, stehen im Zentrum dieses Beitrags, der damit den Abstraktionen immaterieller Arbeit etwas Fleisch der Multitude zur Seite stellen will. Ein Interview mit dem Ethnologen Lukasz Nieradzik wirft Licht auf die Entstehung des Schlachthofes als des vielleicht konzentriertesten Punktes des Stadt-Land-Verhältnisses im Kontext von Modernisierung, Urbanisierung, Hygienisierung und Fleischindustrie.


Zootope und Transspezies-Urbanismus
Zootope, also Tier-Orte, Orte der Tiere, Orte für Tiere und Orte ohne Tiere sind immer mit bestimmten Zootropen, Tiermetaphern und Tierbildern, verbunden – das gilt auch für Orte, über die man gar nichts weiß, also wo sich sozusagen Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. In römischen Landkarten wurden Orte und Landkreise am Rande des Imperiums, über die gar nichts bekannt war, mit dem Zusatz Hinc sunt leones markiert: Hier sind Löwen.
Tiere durchkreuzen nicht nur unsere Träume, sondern auch unsere Räume, sie bevölkern Utopien und Heterotopien, werden Topologien zugeordnet und überschreiten sie. Tiere werden segregiert und gehen doch Beziehungen ein – mit Menschen und anderen Tieren, Technologien, Maschinen, Architektur und Städten. In verschiedenen Disziplinen ist ein Perspektivenwechsel bemerkbar. So entstehen beispielsweise in der Kulturgeographie zunehmend Arbeiten, die Tiere als Co-ProduzentInnen urbaner Räume und Co-AutorInnen von Welt konzipieren.
Wie die Begegnung mit Tieren die Bedeutung und Nutzung eines Ortes durch Menschen erheblich verändern kann, zeigen Ereignisse im Kahuzi Beiga National Park im Osten des Kongo. Innerhalb weniger Jahre wandelte sich der abgeschiedene und unberührte Lebensraum durch Diane Fosseys Forschungsarbeit über Gorillas zu einem Nationalpark inkl. Gorillatourismus. 2008 trat der Nationalpark im Zuge der Beinahe-Ausrottung der Gorillas durch wildernde ruandische Rebellen als Kriegsschauplatz erneut in Erscheinung. »Different sets of humans possessing differing purposes and technologies have hence flowed into and out of this East African region, reflecting broader geographies of science, state intervention, capitalism, colonialism, politics and human struggle, and in the process they have shaped widely divergent kinds of human-animal relations.« (Philo & Wilbert 2000, S. 2)
Abseits dieser Naturräume führten in der Stadtplanung die Lebensgewohnheiten und beispielsweise die Flugreichweite von Moskitos zur Reorganisation von kolonialen Städten. Da Moskitos nur drei Kilometer fliegen können, wurde rund um die Wohnquartiere der KolonialherrInnen eine unbewohnte Zone dieser Dimensionen herausgeschlagen. KolonialistInnen und die Kolonisierten wurden dadurch räumlich getrennt. Diese in den französischen Kolonien als zone neutre oder cordon sanitaire bezeichneten Areale sollten die KolonialherrInnen vor einer Ansteckung durch kolonisierte Körper schützen und wurden als eine Möglichkeit gesehen, einen großen räumlichen und sozialen Abstand zu den infizierten Kolonialkörpern zu gewährleisten.
Die Geografin und Stadtplanerin Jennifer Wolch wies 1998 in ihrem Text Zoopolis darauf hin, dass Tiere in der Stadttheorie bislang keinen Platz gefunden hatten. Sie plädierte deshalb für die Etablierung eines Modells, das sie Zoöpolis nennt und das die Renaturalisierung der Städte fordert und »antirassistische, soziale, ökologische und feministische Praxen zusammenbringen sollte.« (Wolch 1998) Die Geografin Alice Hovorka führt in ihrem Artikel Transspecies urban theory: chickens in an African city an, dass die neue kulturelle Tier-Geographie das Urbane als Kategorie versteht, die konstitutiv für Mensch-Tier-Beziehungen ist, und die städtische Bühne auch als Produkt von Transspezies-Beziehungen konzipiert werden müsse. Zum einen handelt es sich bei Tieren in der Stadt um Affekt-Produzenten, schließlich rufen Tiere Ekel, Zuneigung, Kontrolllust, Mitgefühl, Angst und Faszination hervor, was Auswirkungen auf die Form von Städten hat. Hovorka betont, dass obwohl diese Tiere stark von menschlichen Entscheidungen betroffen sind, auch umgekehrt der Umgang mit Tieren Wirkung trägt: »Wie Menschen über Tiere denken, fühlen und sprechen, wird ihre sozialräumlichen Praktiken gegenüber diesen Wesen auf einer alltäglichen Ebene prägen, mit wichtigen Folgen hinsichtlich des Ausmaßes, in dem verschiedene Spezies von den üblichen Orten menschlicher Tätigkeit aus- und eingeschlossen werden.« (Hovorka 2008, S. 97)
Zum anderen sind subalterne Tierstädte entstanden, die von urbanen und urbanisierten Tieren bewohnt werden, obwohl Städte primär gebaut werden, um menschlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. In diesem Kontext üben Tiere jedoch auch ihre »eigene Macht und Handlungsmacht durch Handeln oder mögliche Absicht aus. Sie akzeptieren, umgehen oder überschreiten jene Orte, die Menschen ihnen zuweisen [...] und je nachdem verstärken oder wirken sie menschlichen Zuschreibungen entgegen und generieren so relationale Verhandlungen physischer Grenzen und diskursiver Imaginäre.«
(Hovorka & Bolla, 2012, S. 57f)
Tiere sind immer schon da, auch wenn sie manchmal nicht zu sehen sind. Auf unterschiedliche Weise wollen die in dieser Ausgabe versammelten Beiträge Tiere in dieser neuen Perspektive in den Blick nehmen: In seinem Text zu Stadttauben widmet sich Fahim Amir den Engeln des Fordismus als widerständigen Akteurinnen in der Stadt, die Räume besetzen und gerade durch ihre Sichtbarkeit Probleme machen. Ralo Mayer führt in seinem Beitrag in die Wüste von Arizona, wo in einem riesigen Glashausprojekt, Biosphere 2, kuratierte Naturlandschaften und eine jahrelange Sammlungstätigkeit globaler Spezies als ein abgeschlossenes Ökosystem zur potenziellen Weltraumbesiedelung erstellt und erprobt werden sollten. Auch hier machten Tiere und Tiergeister einem Masterplan einen Strich durch die Rechnung. Alexander Nikolic beschreibt anhand von Mensch-Tier-Beziehungen in Serbien politische und subjektive Raumverschiebungen. Die Bildstrecke durch den Schwerpunktteil entstammt der Arbeit Cartographies of Life, 2002, von Wolfgang Konrad und Ursula Hansbauer, die Straßenhunde und ihre Raumnahme in Sofia und Mexiko City verfolgt haben.