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Artikel von:
Frédéric Singer

Frédéric Singer hat in München, Zürich und Paris Architektur studiert und macht derzeit eine berufsbegleitende Ausbildung an der Schule Friedl Kubelka für künstlerische Fotografie. Er lebt und arbeitet freiberuflich an der Schnittstelle zwischen Architektur und Fotografie in Wien.

Artikel aus Ausgabe 52


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Zoe Hatziyannakis: Secrets & Crises

Was hast Du in diesem Park gesehen? Nichts. (Blow Up, 1966)

Die neuen Serie der griechischen Fotografin Zoe Hatziyannakis bestehen aus Abbildungen mehr oder minder bekannter öffentlicher Athener Bauten wie des griechischen Parlaments, des Finanzministeriums, des Landgerichts, des Rathauses, des Firmensitzes des staatlichen Energiekonzerns, der Fakultät für Jura oder des Entwicklungsministeriums.
In jedem Diptychon werden aus den Bildern der oben genannten Gebäude Fassadendetails herausgegriffen und der Gesamtansicht gegenübergestellt. Die Details lenken dabei die Auf­­merk­samkeit des Betrachters von außen nach innen. Diese unscharfen und geheimnisvollen Ausschnitte scheinen einem Aufschluss geben zu wollen, was hinter den Fassaden geschieht, was für mögliche kriminelle Machenschaften dahinter aufzudecken wären. Eine bildliche Reverenz an die Foto­grafie des Parks in Michelangelo Antonionis Film Blow Up (1966).
Einmal mehr legt Hatziyannakis den Fokus auf scheinbar banale Bilder des öffentlichen Raums, die sich unserer bewussten Wahrnehmung möglicherweise entziehen, und zeigt in der Gegenüberstellung auf, dass die uns umgebende Architektur keineswegs statischer Natur ist, sondern ihre Fassaden eine wandelbare Realität darstellen, welche sich im Laufe der Zeit gesellschaftlich und je nach Befindlichkeit unserer Wahrnehmung verschiebt. Doch was sieht man in den Fotografien dieser Gebäude nun wirklich? Die scheinbar undurch­sichtigen Details dieser öffentlichen Bauten wirken nicht – wie man es auf den ersten Blick vermuten würde – wie die Darstellung einer hoffnungslosen Bitte um mehr Transparenz, sondern laden dazu ein, über unseren eigenen Wunsch, hinter die institutionellen Fassaden zu blicken, tiefgründiger nachzudenken.
Ähnlich wie Antonioni mit der Fotografie des »Mörders im Schatten« im Park unter anderem die Oberflächigkeit des Swinging London der sechziger Jahre zu kommentieren scheint, tun es die unserer Aufmerksamkeit vielleicht entgangenen und nicht wahrgenommenen Details in Hatziyannakis’ Serien.
Sie verweisen, durch die unerfüllte Erwartung einer Aufklärung über die dunkle Seite dieser Systeme, auf eine allgemeine
psychologische Krise oder einen kollektiven Vertrauensbruch und beschreiben somit eine Ohnmacht gegenüber dem Beschwerlichen des Alltags und einer durch die Medien in unverständlicher finanzfachlicher und globalisierter Sprache begründeten und verstärkten Rezession.
Die Arbeiten sind teilweise Montagen und wirken je nach Wahl des Standpunktes, der Brennweite und der Lichtsituation einmal bewusst flächig, ein anderes Mal bewusst verzerrt und konstruiert. Die dargestellten Bauten reduziert die Künstlerin dadurch bewusst zu Fassaden, die wie Bühnenbilder erscheinen. Der öffentliche Raum selbst wird zur Bühne, auf der die Leidtragenden der Krise zu den eigentlichen AkteurInnen werden. Sie bezieht somit im weitesten Sinn auch den Betrachter mit ein und verweist auf eine mögliche Teilverantwortung oder eine zumindest ernsthafte Anteilnahme an der dargestellten Situation.
Die herausgegriffenen und gegenübergestellten Details steigern in einem weiteren Schritt umso mehr das Interesse und die Neugier, dieses durch die Medien einseitig belichtete Thema anhand der Arbeiten verstehen zu wollen.
In Anlehnung an konzeptionelle Fotoarbeiten, die neue narrative Realitäten erschaffen, indem sie aus bestehenden
Bildern lediglich Details hervorheben, oder an die vergrößerten
Bildausschnitte der Krawallpresse hinterfragen diese Details aber ebenso den Wahrheitsgrad einer Fotografie, indem sie unsere Aufmerksamkeit auf die fortwährende Rekontextuali­sierung von Bildern innerhalb gegebener soziopolitischer Rahmen lenken.
Text: Despina Zefkili, Kunstkritikerin, Chefredakteurin von athinorama.gr und Mitherausgeberin des Frieze Magazine. Übersetzt und redaktionell überarbeitet von Frédéric Singer.