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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 53


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Das urbane Leben hat noch gar nicht begonnen

Applied to the urban environment, unlikely insertions or juxtapositions of
uses can unsettle our existing perceptions of urban life and space, opening up
new possibilities and invigorating the idea of what a city can be.

Margaret Crawford

Die Konzeption von idealen Städten und Stadtgesellschaften ebenso wie der Entwurf von Planstädten am Reißbrett ziehen sich quer durch die Geschichte. Sie reichen von Platons Atlantis oder Thomas Morus’ Utopia bis zu Constant Nieuwenhuys’ New Babylon, Yona Friedmans La Ville Spatiale oder Archigrams Plug-In City. Zumindest was die großmaßstäblichen utopischen Visionen anbelangt, zeichnete sich mit dem Ende der rebellischen 1960er Jahre, die die Nachkriegszeit beendeten, ein Paradigmenwechsel ab, der mit der Implosion der Sowjetunion dann endgültig abgeschlossen war. Francis Fukuyama wurde mit seiner 1992 formulierten These vom »Ende der Geschichte« weltberühmt. Auch vom Zerfall, der Krise, dem Verschwinden und dem Tod der Städte war damals die Rede, wenn auch aus anderen Gründen,1 aber vielleicht ist es doch kein Zufall, dass der Geschichte und der Stadt im gleichen Zeitraum das Ende prophezeit wurde.

»There is no such thing as society.«
Mit dem politischen Aufstieg von Ronald Reagan und Margaret Thatcher begann das neoliberale Laissez-faire-Modell ab den späten 1970ern den keynesianischen Wohlfahrtsstaat zu verdrängen. Damit machte sich eine Ideologie breit, deren ProtagonistInnen nicht nur nichts von Gesellschaftsutopien wissen wollten, sondern abstritten, dass es so etwas wie Gesellschaft überhaupt gäbe2, und stattdessen jeden und jede für alle Aspekte ihres Schicksals selbst verantwortlich machten. Entsprechend standen Interessensvertretungen wie die Gewerkschaften, die die MassenarbeiterInnen als Klasse und nicht als Individuen vertraten, in härtestem Konflikt mit neoliberalen Regierungen – man erinnere sich beispielsweise an den britischen Bergarbeiterstreik. In den USA steht die Sprengung der 2.780 Wohneinheiten umfassenden Wohnanlage Pruitt-Igoe in St. Louis im Jahr 1972, also knapp zehn Jahre vor Reagans Präsidentschaft, beispielhaft für eine ideologisch begründete Abkehr von Sozialpolitik.3 Die politischen Machtverhältnisse erforderten plötzlich, längst erkämpfte Errungenschaften zu verteidigen. Der Kampf um das Bewahren eines Status Quo ließ für Gesellschaftsutopien wenig Platz. Wer dennoch darauf beharrte, dass eine andere Welt möglich sei, blieb entweder ungehört oder wurde als seltsamer Kauz oder politischer Wirrkopf abgetan. Wer Visionen hatte, sollte – so ein bekannter Sager sozialdemokratischer Politiker4 – doch lieber zum Arzt gehen. VertreterInnen des neoliberalen Gesellschaftsmodells lieben es bis heute, visionäre, politische Ideen anderer als gesellschaftspolitische Experimente zu diskreditieren, die das naturgegebene Funktionieren des freien Marktes behindern und damit dem Erblühen der Gesellschaft entgegenstehen. Dabei stehen sie in der Fetischisierung des Marktes der Fetischisierung des Staates durch ihre ideologischen GegnerInnen um nichts nach.

Die Utopie und die Zeit gesellschaftlicher Umbrüche
Ganz verschwunden sind die utopischen Gedanken aber trotzdem nie und tauchen – verstärkt in den letzten Jahren – in neuem Gewand wieder auf. Schon Karl Marx und Friedrich Engels wiesen darauf hin, dass bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen geschaffen sein müssen, um eine neue Stufe der historischen Entwicklung zu ermöglichen, und formulierten daraus ihre Kritik an den Frühsozialisten5, die sie stets eher verächtlich als utopische und damit nicht wissenschaftliche Sozialisten bezeichnet hatten. Das verstärkte Auftreten utopischer Ideen ist gleichsam ein Indikator dafür, dass ein herrschendes System in der Sackgasse steckt, seine Erneuerungskraft (vorübergehend) verloren hat und die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Dasselbe gilt für die Empörung über gesellschaftliche Zustände: Nicht die Größe des Elends macht ein Aufbegehren wahrscheinlicher, so Hannah Arendt, sondern die potentielle Möglichkeit auf Veränderung: »Nur wo der begründete Verdacht besteht, daß Bedingungen geändert werden könnten und dennoch nichts geschieht, stellt sich Wut ein.« (Arendt 1993, S. 64)
Das Erahnen erster zarter Wurzeln einer neuen Gesellschaft bildet somit die Voraussetzung für gesellschaftliche Umstürze, für die Empörung über unhaltbare Zustände und das Auftauchen von konkreten Utopien und visionären Projekten. Ein Blick zurück auf die 1960er zeigt eine Ära, in der sich Umbrüche in vielen Bereichen abzeichneten und in der die uniforme, autoritäre Nachkriegs-Massenkonsumgesellschaft in eine Krise geriet. Doch nach mehreren Schrecksekunden, ausgelöst durch militante Aufstände und starke außerparlamentarische Oppositionsbewegungen in den Zentren der westlichen Welt, stellte der Kapitalismus seine Erneuerungsfähigkeit und seinen Machtwillen unter Beweis und es gelang ihm, Bewegungen zu spalten, Ideen zu integrieren und zu kommerzialisieren, das System zu erneuern und zu stärken. Die utopischen Gesellschaftsentwürfe prallten am Vorwurf der Weltfremdheit ab, wurden abgedrängt, marginalisiert und teils kriminalisiert oder auf den Marsch durch die Institutionen geschickt. Das kapitalistische System erwies sich in dieser Situation als mächtiger als die revolutionären Ideen – aus Anti- wurde nur Post-.
Herbert Marcuse sprach in einem Vortrag, den er 1967 in Berlin hielt, vom »Ende der Utopie«. Gemeint war das Ende jener Definition, die Utopien als Projekte gesellschaftlicher Umgestaltung, die für unmöglich gehalten werden, auswies, weil »die subjektiven und objektiven Faktoren einer gegebenen gesellschaftlichen Situation der Umwandlung entgegenstehen (…)« (S. 10). Das galt laut Marcuse für visionäre Ideen nicht mehr. Umsetzung und Realisierung waren unmöglich, weil »deren rationale Verwendung durch die bestehende Organisation der Produktivkräfte verhindert wird.« (S. 12) Doch die Hoffnung, dass damit noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde, blieb bestehen, denn: »Alle materiellen und intellektuellen Kräfte, die für die Realisierung einer freien Gesellschaft eingesetzt werden können, sind da.« (S. 12)
Nach einer längeren utopiearmen Phase scheint heute das Entdecken und Weiterentwickeln von vorhandenen Potenzialen in der Praxis oder die Öffnung neuer Perspektiven durch Interventionen im alltäglichen urbanen Leben die großen Gesellschaftsentwürfe Platz abzulösen. Sie sind es, die Vorstellungen eines möglichen urbanen Lebens entwerfen, das nach Henri Lefebvre noch gar nicht begonnen hat.6 Das offensichtliche Versagen des neoliberalen Experiments hat sicher seinen Teil dazu beigetragen, wieder eine Situation zu schaffen, die viele über neue Gesellschaftsmodelle nachdenken lässt. Utopien verändern ihre Ansprüche, werden aber in Umbruchphasen sowohl stets aufs Neue entwickelt als auch herbeigesehnt.

Das Dilemma der Utopie
Als immer wiederkehrender Stolperstein für die Umsetzung utopischer Gesellschaftsentwürfe taucht fast zwangsläufig das visionary/realism dilemma (Cunningham 2010) auf, dem nur schwer zu entkommen ist: Je utopischer die Visionen, desto unmöglicher scheint eine Verwirklichung. Mit dem Vorwurf der Weltfremdheit sind utopische Ideen nur allzu rasch diskreditiert. Ist die Utopie realistisch, sieht sie sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, keine richtige Utopie zu sein, nur die bestehenden Verhältnisse zu optimieren und damit zu prolongieren, was die Verwirklichung der utopischen Utopie noch unmöglicher macht. Peter Marcuse, Professor für Stadtplanung an der Columbia University NY, hat die ewige Falle zwischen utopischer Vision und normativer Kraft des Faktischen mit Verweis auf seinen Vater Herbert Marcuse so formuliert: »...nur in einer befreiten Gesellschaft (können) die Menschen wirklich befreit sein. Es bedarf aber befreiter Menschen, um eine wirklich befreite Gesellschaft zu erzeugen.« (Marcuse 2010).

Utopisches Handeln in der Stadt von heute
Die Umsetzung seiner bekannten und seit einigen Jahren im politischen Stadtdiskurs als verbindendes Label verwendeten Forderung nach einem Recht auf Stadt konnte sich Henri Lefebvre nur in einer zukünftigen Stadt vorstellen, mit einer neuen, freieren und gerechteren urbanen Gesellschaft. Trotzdem begnügte sich Lefebvre nicht mit der Projektion seiner Forderungen in die Zukunft. Er distanzierte sich sowohl von »hard-eyed pragmatism« als auch von »starry-eyed utopianism« (Purcell 2013, S. 320). Es gibt für Lefebvre so etwas wie eine konkrete, praktizierbare Utopie, die er durch autogestion ermöglicht sah: Die Veränderung der alltäglichen Verhältnisse durch alle Betroffenen, eine Praxis zwischen Selbstermächtigung, Partizipation, Selbstverwaltung und Aneignung, die für Lefebvre das Potenzial hat, die Kluft zwischen Reform und Revolution zu überbrücken. Sinngemäß entwickelte sich autogestion im Mai 1968 zu einer der zentralen Forderungen. (Ronneberger 2011) Neben autogestion ist transduction ein wichtiger Begriff Lefebvres, der die Verknüpfung von aktueller Praxis und der möglichen, virtuellen urbanen Gesellschaft zum Inhalt hat. Mark Purcell, der sich in seinen Publikationen intensiv mit Lefebvre auseinandersetzt, schreibt: Through transduction »we begin by closely examining actual-but-inchoate practices that are currently taking place in the city, and then we extrapolate them using theoretical reflection to produce, in thought, a more fully developed version of them, a virtual idea (which he [Lefebvre] calls ›urban society‹) that shows us what kind of world they would produce if they were allowed to flourish and pervade the city«. (Purcell 2013, S. 319). Der urbanen Praxis und der ihr innewohnenden Kraft der Erzeugung von visionären Bildern möglicher Entwicklungen kommt somit die Rolle eines Laboratoriums zu, eines Versuchsfeldes für zukünftige Modelle von Stadtgesellschaft. Das urbane Alltags-Handeln durch die BewohnerInnen ist für Lefebvre von zentraler Bedeutung – er verwendet dafür den Begriff »inhabiting the city«. »The daily routines of inhabitants shape urban space as an oeuvre, as a collective work of art. As they work at their jobs, share a break together on the sidewalk, shepherd their children to the park, look for a place to get out of the rain, wait for the bus, sit outside at the café, stand in line for the shelter to open, shop at the store, and move about the city, walking, riding, or driving, inhabitants are carrying out daily acts of survival.« (Purcell 2008, S. 94)
»... [N]eue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle (der gegenwärtigen Gesellschaftsformation), bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind« schrieb Karl Marx im Vorwort Zur Kritik der Politischen Ökonomie und folgerte daraus, dass eine »Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.« (Marx 1971 [1859], S. 9). Entlang dieser These bewegt sich auch die Critical Urban Theory (CUT), die von Stadtforschern wie Neil Brenner, Professor für Urban Theory in Harvard, vertreten wird. Als ein Charakteristikum für die CUT nennt Brenner »to ›excavate‹ possibilities for ›radically emancipatory forms of urbanism that are latent, yet systematically suppressed, within contemporary cities‹« (2009). Es gilt also, jenseits aller vorhandenen Limitierungen nach utopischen Potenzialen zu graben und Möglichkeitsräume freizulegen, die in den Zwischenräumen des Städtischen latent vorhanden sind. David Harvey, Geograf und Stadtforscher, betont jenseits des visionary/realism dilemmas die Macht der lebendigen Vorstellungskraft der Menschen, wenn er vorschlägt »... to combine projected visions (...) and recommendations for the ›temporal‹ dimension of radical political processes, where the latter recognizes the limitations and takes advantage of opportunities of
a given circumstance.« (Zit. nach Cunningham 2010, S. 269f)

Spontane Interventionen
Um die Voraussetzungen für eine lebenswertere Stadt und eine gerechtere Stadtgesellschaft zu schaffen, müssen wir ihre Potenziale also in der Gegenwart erkennen und dementsprechend handeln. Wie diese Stadt aussehen kann und organisiert sein soll, ist nicht festgeschrieben. Eine Vorstellung davon keimt im urbanen Handeln, in politischen Debatten und Aktionen. Margaret Crawford, Professorin für Stadtplanung in Berkley, vertritt die These, dass spontane, urbane Interventionen dazu in der Lage sind, die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaftsordnung weniger als kraftvolle Maschine, sondern eher als löchriges Gewebe erscheinen zu lassen, durch das man neue Gesellschaftsmodelle aufblitzen sehen kann. (Crawford 2012) Eine wichtige Rolle in der Wirkung solcher Interventionen spielen für Crawford die Begriffe defamiliarization und refamiliarization: Interventionen vermögen sowohl ein völlig anderes Bild einer gewohnten Situation zu erzeugen (defamiliarization), wie auch die urbane Umgebung als stärker nutzbaren und lebenswerteren Raum zu inszenieren (refamiliarization). Genau diese von spontanen Interventionen hervorgerufenen neuen, anderen Bilder können Ahnungen der künftigen Stadt bzw. der urbanen Gesellschaft (Lefebvre) im Hier und Jetzt stärken und konkretisieren.

Die Auseinandersetzung um die zukünftige Stadt
In immer mehr Städten organisieren sich Bottom-up-Initiativen, um selbst aktiv zu werden oder sich gegen missliebige Maßnahmen zu wehren. Themen wie leistbares Wohnen sind für breite Bevölkerungsschichten von essentieller Bedeutung, Freiräume und die Qualität des öffentlichen Raumes gewinnen parallel zu nachhaltigen Mobilitätskonzepten an Wichtigkeit. Die Kampfzone im urbanen Raum ist eröffnet, denn natürlich existieren ganz unterschiedliche Visionen der zukünftigen Stadt und die meisten haben mit Lefebvres’ Recht auf Stadt wenig bis gar nichts zu tun haben. Wie immer empfiehlt es sich anzusehen, wo Profitinteressen liegen und wer die VerliererInnen alternativer, zukünftiger Entwicklungen sein könnten.
Eine der Branchen im Kampf um ihre urbanen Pfründe ist sicher die Automobilindustrie. Die Bedeutung des Autofahrens in den industrialisierten Städten des Nordens nimmt ebenso ab wie das Prestige, dass das Auto einstmals seinen BesitzerInnen verlieh. Bei jungen urbanen Menschen haben Smartphones, Tablets und andere Tools aus der IT-Welt längst das Auto als Statussymbol ersetzt. Zunehmend wird das Auto auf seinen Gebrauchswert reduziert: Als praktisches Gerät in bestimmten Situationen, das man in Städten eigentlich selten braucht und dessen Besitz eine Menge Kosten und Aufwand verursacht. Bei der Automobilindustrie ist die Nachricht längst angekommen, weshalb sie in vorderster Front steht, um über die Zukunft der Städte mitzureden. Hip gestylte, urbane Initiativen, die von fast allen großen Automobil-Konzernen betrieben werden, um ihr Image wieder aufzupolieren, breiten sich aus.7 Dem nachlassenden Faktor Statussymbol begegnet die Industrie mit Modellen wie Carsharing, den hohen Kosten mit neuen Kleinwägen und dem Vorwurf der Luftverschmutzung mit E-Mobility-Angeboten. All diese Innovationen sind Teil eines Konzepts namens Smart City, das uns als Stadt der Zukunft präsentiert wird.
Smart City reicht allerdings weit über die Entwicklung neuer Profitmöglichkeiten für die Automobilindustrie hinaus. Konsortien aus unterschiedlichen Branchen (IT, Infrastruktur, Verkehr, Bau) planen, finanzieren und bauen bereits weltweit Städte in Eigeninitiative, die uns die perfekte Welt versprechen. Dabei wird uns potenziellen BewohnerInnen nicht nur eine Technikgläubigkeit abverlangt, die an die 1950er-Jahre erinnert, bei so manchen Projekten wird von den BewohnerInnen auch erwartet, dass sie ihre politischen Rechte aufgeben. Sicherheit und perfekt organisierte, homogene Lebensumgebung im Austausch gegen elementare Bürgerrechte. Smart City ist ein Top-down-Konzept, das uns ökologische Nachhaltigkeit und höhere Lebensqualität verspricht, aber im Kern durch Profitinteressen von Konzernen befeuert wird.8 Es wird auf jeden Fall Smart Citizens brauchen, um das »Recht auf Stadt« gegen eine Smart City der Konzerne durchzusetzen.

Zukunft der Stadt – Zukunft der Demokratie
Egal wie die Zukunft der Stadt aussehen wird: Im Kern geht es immer um die Zukunft der Demokratie, um Möglichkeiten der Mitbestimmung, Beeinflussung und Durchsetzung von urbanen Entwicklungen. Zahlreiche AutorInnen machen sich seit vielen Jahren Gedanken darüber, wie Strukturen und Spielregeln einer demokratischen Gesellschaft weiterentwickelt werden müssen, um mehr Menschen – unabhängig von politischer oder finanzieller Macht – zu ermöglichen, nicht nur gehört zu werden, sondern Interessen bei entsprechender Unterstützung auch durchzusetzen. Der Geograf Mark Purcell hat sich in seinem 2008 erschienenen Buch Recapturing Democracy. Neoliberalization and the Struggle for Alternative Urban Futures mit diesen Fragen in Zusammenhang mit Recht-auf-Stadt-Bewegungen beschäftigt. Mit Henri Lefebvre ist er der Überzeugung, dass Demokratie nie einen Endzustand erreichen, nie »condition« sondern immer »movement« sein wird. »Democracy is nothing other than the struggle for democracy. The struggle for democracy is the movement itself.« ( Lefebvre, Henri, zit. nach: Purcell 2013, S. 318). Diese Überzeugung teilt auch die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, die sich umfassend mit Fragen der Demokratie in zahlreichen Publikationen beschäftigt hat: »Wer glaubt, pluralistische Demokratie könne je perfekt realisiert werden, transformiert sie in ein sich selbst widerlegendes Ideal, da die Bedingungen der Möglichkeit einer pluralistischen Demokratie zugleich die Bedingung der Unmöglichkeit ihrer perfekten Implementierung ist.«
Mouffe argumentiert, dass Demokratie mehr Konflikt und Auseinandersetzung braucht und die ständige Orientierung auf möglichst raschen Konsens dazu führt, dass dadurch Debatten unter Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten verhindert werden und Demokratie sich nicht entwickelt. »Eine gut funktionierende Demokratie erfordert den lebhaften Zusammenstoß demokratischer politischer Positionen. Fehlt dies, besteht die Gefahr, dass diese demokratische Konfrontation von einer Konfrontation zwischen anderen Formen kollektiver Identifikation ersetzt wird.« (Mouffe 2010, S. 105) An den deliberativen Demokratiemodellen9 kritisiert Mouffe, dass die Frage »nach den Existenzbedingungen des demokratischen Subjekts« (a.a.O., S. 98) unbeachtet bleibt, weswegen viele potenzielle AkteurInnen ausgeschlossen sind. Mouffe plädiert für einen agonistischen Pluralismus, der Gleichheit und Freiheit als gemeinsame Basis voraussetzt, auf der die demokratische Konfrontation ausgetragen wird. Agonistisch sieht Mouffe als eine Auseinandersetzung zwischen Gegnern, die diese gemeinsame Basis haben, im Unterschied zu antagonistisch, als eine Auseinandersetzung von Feinden, die diese Basis nicht haben. Damit wir der urbanen Gesellschaft als Assoziation freier Individuen näher kommen, wird es notwendig sein, Konflikte auszutragen. Urbanes Handeln vermag Bilder einer möglichen, anderen Stadt zu entwerfen, die Weiterführung dieser Visionen einer urbanen Zukunft obliegt einer selbstbewussten, fordernden und engagierten Stadtgesellschaft. Die Mittel und Wege dafür müssen Schritt für Schritt in der Gegenwart entwickelt und praktiziert werden. Die Stadt der Zukunft ist ohne Bottom-up-Initiativen nicht mehr denkbar.


Fußnoten
1
In den 1990er Jahren überzeugten die Möglichkeiten des aufkommenden Informationszeitalters und der
Digitalisierung so manche WissenschaftlerInnen davon, dass räumliche Verankerung, Entfernung und somit auch Städte in naher Zukunft keine Rolle mehr spielen werden.
2
Das Zitat »There is no such thing as society.« stammt von Margaret Thatcher.
Sie hat es 1987 in einem
Interview mit der Zeitschrift Woman’s own von sich gegeben. (31 October 1987 under the title
Aids, education and the
year 2000!, pp 8–10).
3
Die Stadtverwaltung von St. Louis betrieb die Suburbanisierung und investierte, trotz gegenteiliger Behauptungen, nichts mehr in die Instandhaltung von Pruitt-Igoe. Sie ließ die Gebäude völlig verkommen und machte schließlich die Bewohner und Bewohnerinnen, die sie jahrelang autoritär bevormundet hatte, für den Niedergang verantwortlich. Das Beispiel gilt in neoliberalen und konservativen Kreisen bis heute als Beweis für das zwangsläufige Scheitern staatlicher Wohnungspolitik.
Die Sprengung von Pruitt-Igoe gilt auch deswegen als Symbol einer Zeitenwende, weil der Architekturtheoretiker Charles Jencks in seiner Publikation The Language of Post-Modern Architecture über den Tag der Sprengung schrieb »Modern architecture died in St Louis, Missouri on July 15, 1972, at 3.32pm
(or thereabouts).« (p. 9)
4
In Deutschland wird das Zitat Willi Brandt, der
es auch bestätigt, in Österreich Franz Vranitzky, zugeschrieben.
5
Henri de Saint-Simon, Robert Owen und Charles Fourier.
6
»La vie urbaine n’a pas encore commencé.« (Lefebvre 1967, S. 31.)
7
Z.B. die audi urban future initiative oder das Bettery Magazine der Daimler AG.
8
Dass Smart City Konzepte
in manchen Projekten mit positiven Aspekten aufwarten, soll hier gar nicht abgestritten werden. Es ist allerdings zu beobachten, dass internationale Projekte, die einen Anschlag auf demokratische Errungenschaften bedeuten und den BewohnerInnen jede Mitsprache und Eigeninitiative verunmöglichen,
in der Diskussion kaum erwähnt werden.
9
Die deliberative Demokratie betont öffentliche Diskurse, öffentliche Beratung, die Teilhabe der Bürger an öffentlicher Kommunikation und das Zusammenwirken von Deliberation und Entscheidungsprozess (Quelle: Wikipedia).