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Artikel von:
Michael Klein
Andreas Rumpfhuber 

Michael Klein, studied architecture in Vienna and Paris and graduated from the Academy of Fine Arts in 2007. Since then, he has been working in the fields of architecture, landscape architecture, and urban design in practice, research, and teaching. His theoretical research interest focuses on how political thinking, its theory and economic conditions affect design, architecture and the urban environment.

Andreas Rumpfhuber is an architect and researcher living in Vienna. He founded Expanded Design, an office for design and research. Andreas is currently director of the Austrian Science Fund Project »The Architecture of Cybernetics of Architecture«, a project about the invention of office landscaping in the 1950s and is principal investigator of the esf/hera-funded research project SCIBE.

Artikel aus Ausgabe 55


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Knappheit, Austerität und die zeitgenössische Stadt

Im Herbst vergangen Jahres provozierte der damalige Bürgermeister der Stadt New York, Michael Bloomberg, mit einer Aussage, die die Bruchlinien, Verwerfungen und Paradoxien einer Debatte um die geeigneten Handlungsansätze für die Herausforderungen der kapitalistischen Stadt (genauer: die, leistbaren Wohnraum zu schaffen) markierte: »Somebody said that there is not enough housing. That’s a good sign«1, sagte Bloomberg, der sich eigentlich für mehr housing equality und die Stärkung des öffentlichen Wohnungssektors ausgesprochen hatte. Bloombergs Stadtregierung hatte sich die Aufwertung bestehender Wohngegenden und die Schaffung neuer Wohnungen zu leistbaren Preisen zum Ziel gesetzt. Verfolgt wurde das mit dem Mittel der Privatisierung, der Strategie, den Anteil Privater in der Bereitstellung von leistbarem Wohnraum in Public-Private-Partnerships zu erhöhen. ImmobilienentwicklerInnen sollten bestehende städtische Wohnkomplexe nachverdichten und leistbare Mieten garantieren. Tatsächlich waren die durchschnittlichen Mieten in New York seit Jahren drastisch gestiegen, während die Realeinkommen sanken. Die Knappheit an Wohnraum, so Bloomberg, sei nun eine gute Nachricht. Denn zu wenige Wohnungen bedeute eine gut gehende Wirtschaft, Zuzug und steigende Nachfrage. Die Kräfte des Marktes, also in diesem Fall die ImmobilienentwicklerInnen, würden dem entstehenden Bedarf bestmöglich entgegenwirken. Postwendend erntete Bloomberg für sein Statement Kritik der Opposition und von Wohnungsinitiativen. Er würde die hohen Mieten ausblenden, die die Einkommen der New YorkerInnen überproportional belasteten und die unteren Einkommensgruppen besonders hart treffe.
Wiewohl der Fall eine lokale Debatte einer US-amerikanischen Metropole darstellt, kann er als stellvertretend für eine breite Palette von Politikformen verstanden werden, die eng mit Begriffen wie Knappheit, dem (realen wie diskursiven) Aufkommen von Mangel oder Austerität, also den Kürzungen öffentlicher Ausgaben, und mit Praktiken des Neoliberalismus in Verbindung steht. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe Knappheit und Austerität in gesellschaftlichen Diskursen im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007, insbesondere zur Staatsverschuldung in der Eurozone, als Argument für die als notwendig behauptete Umstrukturierung von Wohlfahrtstaaten, macht einen genaueren Blick auf die zugrundeliegenden Prozesse notwendig. Knappheit taucht aber auch vor dem Hintergrund immer enger werdender Verfügbarkeiten von Ressourcen im Kontext ökologischer Zusammenhänge auf. Die Auseinandersetzung mit Knappheit ist für die Vorstellung, wie wir zusammen leben wollen, und für die Produktion unserer Städte von unmittelbarer Bedeutung. Denn nicht zuletzt stellt sich mit ihr die Frage der Verteilung und des Zugangs zu Ressourcen für unsere Gesellschaften neu.

Ein Zeitalter der Knappheit
Michael Bloomfelds Statement ist durchaus keine Ausnahme. Die Idee, dass Mittel, wenn sie knapp sind, effizienter eingesetzt werden und der Markt dabei das Instrument darstellt, die Mittel bestmöglich zu verteilen, ist nicht ungewöhnlich. Nach Jahrzehnten des optimistischen, unbegrenzten Wachstums treten heute die Grenzen der Entwicklung stärker in Erscheinung als je zuvor. Es scheint eine Epoche angebrochen, in der wir Güter zuallererst als knapp wahrnehmen. Knappheit gab es auch zuvor; sie stellt uns heute aber vor neue gesellschaftliche Herausforderungen, und sie taucht in verschiedensten, miteinander verschränkten Zusammenhängen auf. Denn mit der Finanz- und Wirtschaftskrise waren nicht nur öffentliche und private Vermögen dahin geschrumpft und öffentliche Haushalte in Bedrängnis geraten. Knappheit dient als das fundamentale Argument gegenwärtiger Spar- und Austeritätspolitik. Jenseits eines Mangels von Verfügbarkeiten und des unmittelbaren Einsparens von Ausgaben ist es die Idee eines effizienteren Wirtschaftens unter knappen Bedingungen, die den Kern der Austerität ausmacht. Sie suggeriert, dass vor ihrer Implementierung die Mittel unwirtschaftlich eingesetzt, ja verschwendet wurden.
Auch diese Vorstellung ist nicht neu. Eine restriktive Fiskalpolitik verfolgten einzelne Staaten Europas auch in der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre.2 Mehr noch aber erinnern die gegenwärtigen Austeritätsprogramme innerhalb der Eurozone an das Vorgehen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in den 1980er Jahren. In den Strukturanpassungsprogrammen wurde den sogenannten Entwicklungsländern als Bedingung für den Erlass bestehender und die Vergabe neuer Kredite eine rigide Beschränkung der Haushaltsausgaben auferlegt3 und zugleich die Deregulierung von Handel und Märkten forciert. Die Abhängigkeitsverhältnisse der Schuldnerländer wurden damit in postkolonialen Zeiten auf eine neue Ebene gestellt. Teile dieser politischen Praktiken, wie sie in den 1970er und 1980er Jahren umgesetzt wurden, finden sich in den Strategien gegenwärtiger Austeritätspolitik wieder. Auch in der Eurozone werden Schuldenschnitt und Kredite an Bedingungen geknüpft. Zur Verringerung der Haushaltsdefizite wird eine Reihe von Maßnahmen bemüht, die auf ausgabenseitiges Sparen, eine gezielte Öffnung, Internationalisierung und Deregulierung der lokalen und nationalen Wirtschaften sowie auf Privatisierung verstaatlichter Industrien und öffentlicher Besitztümer und nicht zuletzt auf Korruptionsbekämpfung setzen. Das Ziel des ausgeglichenen Budgets, so das Argument, werde am besten mit freier Marktwirtschaft erreicht; im System des freien Wettbewerbs werden die knappen vorhandenen Mittel durch die Märkte bestmöglich verteilt.
Die gegenwärtige Knappheits- und Austeritätspolitik könnte demnach als Fortsetzung des neoliberalen Projektes gelesen werden, als einer politischen Utopie, die, von gesellschaftlichen Zwängen des Verhandelns befreit, ein Regieren jenseits der Demokratie verfolgt und sich dabei an der Theorie eines reinen Marktes orientiert. Als Grundlage jedes wirtschaftlichen Handelns ist Knappheit dabei die notwendige Ausgangslage, vor deren Hintergrund sich ein solches Projekt erst entfalten kann. Ihrer diskursiven Produktion kommt daher eine bedeutende Rolle zu. Dieses Denken entlang von Knappheit und Austerität ist zudem bemüht, das Versagen bestehender Regierungsformen durch angebliche Misswirtschaft und Verschwendung zu beweisen. Auf diesem Fundament setzt die Formung des neoliberalen Subjektes, des eigenverantwortlich agierenden unternehmerischen Selbst (Bröckling 2007), an. Wohlfahrtsstaatliche Leistungen finden sich dabei zunehmend in die Zuständigkeit des Einzelnen überführt. So werden beispielsweise Wohnungseigentum als Modell für die Altersvorsorge propagiert oder, wie in einigen Ländern Südeuropas, Sozialwohnungen zunehmend temporär vergeben. In der neoliberalen Freiheitsvorstellung handelt das Subjekt nach der Maxime der Eigenverantwortlichkeit und strebt danach, der Armut selbst zu entkommen, während der Staat eine Praxis der Nichteinmischung verfolgt (siehe u. a. Mouffe, Laclau 2006,
S. 212ff.). Die Mechanismen des Marktes – das freie Spiel der Kräfte – werden auf neue Handlungsbereiche ausgeweitet und zugleich öffentliche Gelder eingespart.
Denn angesichts der hohen Schulden, so das Argument, sei der Wohlfahrtsstaat nicht länger finanzierbar, die Ausgaben hätten ständig zugenommen, und zu lange schon habe man über den Verhältnissen gelebt. Die Strukturanpassungen in der Eurozone seit 2010 sind von drastischen Kürzungen der Staatsausgaben, der öffentlichen Bereiche und staatlicher Subventionen geprägt. Sozialleistungen und Gesundheitssysteme blieben davon genauso wenig verschont wie das Bildungswesen, Wohnen oder Kulturbudgets. Aber nicht nur Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien4, Länder, denen der Bankrott drohte, kürzten ihre Ausgaben. Das Argument des überbordende Kosten verursachenden Wohlfahrtsstaates zog sich durch die gesamte Eurozone. David Cameron sprach von einem »Zeitalter der Austerität«5, das nun die unverantwortliche Politik der Labour Party und die Jahre exzessiver Ausgaben ablösen werde.6 Und der damalige deutsche Außenminister Guido Westerwelle verglich staatliche Sozialleistungen in einem Kommentar für die Tageszeitung Die Welt 2010 mit dem Versprechen auf »anstrengungslosen Wohlstand, der zu spätrömischer Dekadenz«7 einlade. Die Idee wohlfahrtsstaatlichen Ausgleichs und sozialer Versorgung wird hier mit Unmäßigkeit und Verschwendung gleichgesetzt, die den Staat langsam, aber sicher ins Verderben führen.
Tatsächlich kann die steigende Schuldenlast einzelner Länder jedoch nicht durch wohlfahrtsstaatliche Ausgaben erklärt werden. Betrachtet man die Entwicklung der Sozialausgaben, fällt auf, dass, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, der Anteil in den betroffenen Staaten nicht überdurchschnittlich angestiegen ist, sondern sich etwa mit dem Wirtschaftswachstum entwickelte.8 Zudem waren es nicht die Länder mit gut ausgebauten Sozial- und Fürsorgesystemen, deren Schulden seit Beginn der Krise bedeutend angestiegen sind. Vielmehr waren es meist auf einzelne Staaten konzentrierte Investitionen und Kreditaufnahmen, die, verstärkt durch riskante Spekulation und Derivatehandel, in kurzer Zeit zu enormen Blasen führten, deren Platzen am Beginn der Krise stand.
In Spanien und Irland beispielsweise trugen Zugewinne in der Immobilienbranche zu einem wirtschaftlichen Wachstumsschub bei, der viele Private dazu veranlasste, in vollem Optimismus Kredite aufzunehmen, um zu investieren. Die Baubranche verzeichnete enorme Beschäftigungszugewinne und nahm mit dem Immobiliensektor einen immer größer werdenden Anteil am gesamten Bruttoinlandsprodukt ein. 2006, am Höhepunkt der Spekulationen um Immobilien, wurden in Spanien 600.000 neue Wohnungen fertiggestellt. Das sind in etwa gleich viele wie in allen anderen Staaten der EU zusammen im gleichen Zeitraum gebaut wurden. Begleitet wurde diese Entwicklung von einer regelrechten Explosion der Immobilien- und Mietpreise. Das Platzen der Immobilienblase zog enorme Preisverfälle nach sich, die Bauwirtschaft brach ein, und die dadurch ausgelösten Umsatz- und Beschäftigungsrückgänge im (anteilsmäßig bedeutenden) Immobiliensektor schlugen sich auf die Volkswirtschaften und das Bankenwesen nieder.
Auch in den Vereinigten Staaten war die Krise von einem Einbrechen der Subprime-Märkte und der Immobilienwirtschaft ausgegangen. So waren es vor allem die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Volkswirtschaften, die sie zur Staatsschuldenkrise werden ließ, und nicht ursächlich die sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Ausgaben. Mit dem Platzen der Blasen wurden Rettungspläne für den Finanzsektor notwendig, und mit der durch die Krise ausgelösten Rezession brachen auch die öffentlichen Einnahmen ein.
Die Krise und die mit ihr einhergehende Knappheit verfügbarer Gelder in den Staatshaushalten werden als Argument für tiefgreifende Kürzungen der öffentlichen Ausgaben herangezogen. Sie brachten die Rücknahme von grundlegenden Arbeitsrechten, die Kürzung von Gehältern sowie Umbauten des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens. Es sind Einsparungen, die die sozial- und wohlfahrtsstaatliche Versorgung in ihren Grundfesten angegriffen haben, die unmittelbare Konsequenzen für die Produktion unserer gebauten Umwelt, unserer Städte und Formen des Zusammenlebens bedeuten (vgl. Goodbun et al. 2014 und spezifisch für die Stadt Wien: Klein und Rumpfhuber 2014). Sie treffen im Besonderen sozial schwache Gruppen und tragen so zur wachsenden sozialen Ungleichheit bei. Die Austeritätspolitik, die sich europäische Länder teils auf Drängen der Troika, des Kontrollorgans von Europäischer Kommission, EZB und IWF, teils in einem vorauseilendem Gehorsam auferlegt hatten, ist auf massive Kritik gestoßen. Griechenlands Kínima Aganaktisménon Politón, Spaniens Movimiento 15-M, Occupy Wall Street oder Occupy London sind nur einige der »Empörten«, die gegen Sparmaßnahmen aufgetreten sind.

Die andere Knappheit
Wenn die in den Protesten geäußerte Kritik sich auch ausdrücklich gegen die gegenwärtige Sparpolitik richtet, so beschränkt sie sich doch nicht darauf. Sie zielt nicht unmittelbar auf eine Rückkehr zu den früheren Modellen des Wohlfahrtsstaates. In Griechenland, in Spanien und auch in den USA sind die Protestbewegungen der 99% durchzogen von einer Skepsis gegenüber den Versprechen unbeschränkten wirtschaftlichen Wachstums. Der steigende Wohlstand westlicher Konsumwirtschaften und damit auch der Wohlfahrtsstaaten war an die Bedingung ökonomischen Wachstums geknüpft. Beide, wirtschaftliches Wachstum wie steigender Wohlstand, sind zwei Seiten kapitalistischer Akkumulation von Kapital, und beide wirken stabilisierend und systemerhaltend. Folgen wir der etablierten Argumentation, dann erlaubt erst stetige Akkumulation, angetrieben durch wirtschaftliche Konkurrenz, den ausgleichenden Fortschritt, der ermöglicht, Armut zu beseitigen. Sie ist so etabliert, dass wir Fortschritt oder Wohlstand in Wachstumsraten (genauer: im BIP) messen.
Wachstum sichert die Nachfrage und garantiert so steigende Löhne und Arbeitsplätze. Dieses Verhältnis stellt den historischen Kern des fordistischen Wohlfahrtsstaates dar, in dem die Logik kapitalistischer Akkumulation auf die sozialen Forderungen der ArbeiterInnenbewegung traf und entsprechende Zugeständnisse fand.
Genau hier verläuft eine Bruchlinie, die selbst die Kritik an der Austeritätspolitik durchzieht und in zwei Lager zu teilen scheint: Auf der einen Seite befindet sich jenes der traditionellen gewerkschaftlichen und neo-keynesianistischen Positionen, die die Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums für Maßnahmen der Umverteilung unterstreichen. Auf der anderen Seite finden sich jene, die dem »Dogma des Wachstums« zunehmend skeptisch gegenüberstehen. Wirtschaftliches Wachstum um jeden Preis habe seine Schattenseiten und sei nicht notwendigerweise armutsvermindernd. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben dies einmal mehr gezeigt. Schon das Wachstum westlicher Industrienationen nach dem Zweiten Weltkrieg – die Hochblüte des Wohlfahrtsstaates – wurde begleitet von einer wachsenden weltweiten Ungleichheit. Doch abgesehen von der Schwierigkeit, Wachstum mit Wohlstand gleichzusetzen, gibt es auch begründete Vorbehalte gegenüber einer Annahme ständigen und endlosen Wachstums (siehe dazu etwa: Wissenschaft & Umwelt Interdisziplinär 2009; Sachs 2010).
Zum einen basieren Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs oft auf einer umfassenden Finanzierung durch Kredite. Können Schuldner ihre Zahlungen nicht mehr leisten, drohen Schuldenkrisen. Zum anderen bestehen mit der begrenzten Verfügbarkeit von planetaren Ressourcen Grenzen des Wachstums. Auch wenn gegenwärtige Tendenzen kapitalistischen Wirtschaftens eine besondere Ausdehnung im immateriellen Bereich zeigen, ist reales Wachstum an den Verbrauch erschöpfbarer Ressourcen geknüpft (Altvater 2009, S. 101-109). Im Fall westlicher Industrienationen waren es vor allem fossile Ressourcen, etwa Kohle oder Öl, die als Quelle des Wirtschaftswachstums fungierten und die zunehmend als knapp gelten. Doch nicht nur peak oil, die maximale Förderrate von Öl, ist erreicht, sondern auch peak soil, die der nutzbaren Erdoberfläche. Auch der Boden ist eine nicht erneuerbare, lebensnotwendige Ressource, die durch Erosion, durch Versiegelung und Urbanisierung immer knapper wird. Zuwächse landwirtschaftlicher Flächen gehen oft auf Kosten von Waldbeständen, werden zunehmend zur Energiegewinnung genutzt und sind in der intensiven, industriellen Bewirtschaftung mit erdölbasierenden Düngemitteln rasch ausgelaugt (siehe Montgomery 2007). Zudem sichern sich Staaten und Unternehmen zunehmend Zugriff auf Landreserven anderer Kontinente und lösen damit freilich nicht das Problem von Knappheit, sondern verlagern und verschärfen es für lokal betroffene Gruppen dieser Gebiete.
Die Grenzen des Wachstums war der Titel jenes Berichtes des Club of Rome zur Zukunft der Weltwirtschaft, der bereits 1972 in Zeiten eines schier unendlichen Wachstumsoptimismus platzte.9 Die Systemanalysen und Simulationen von Bevölkerungs- und Industriewachstum, Ernährungslage, Umweltverschmutzung und Ressourcenabbau zeichneten ein düsteres Bild der Zukunft der Menschheit (Meadows et al. 1974). Die Grenzen des Wachstums markierten damit einen Wendepunkt in der Konzeption gesellschaftlicher Entwicklung; der Bericht kritisierte die etablierte Vorstellung unbeschränkten technologischen Fortschritts und wurde zu einem einflussreichen Argument für die entstehende Ökologiebewegung.
Der Club of Rome wollte mit der Studie zeigen, dass unter Beibehaltung der damaligen exponentiellen Expansionsraten diese Grenzen des Wachstums schon bald erreicht würden, und zielte weniger darauf ab, genaue Prognosen über das Versiegen von Ressourcen zu datieren. Dass gerade dieser letztere Aspekt heftige Kritik auf sich zog, war einem historischen Vorläufer geschuldet: Denn die Grenzen des Wachstums folgte einer ähnlich düsteren Prognose wie schon zuvor ein früher Vertreter der ökonomischen Theorie: Robert Thomas Malthus, Inhaber des ersten Lehrstuhls für politische Ökonomie10, hatte in seinem berühmten Essay on the Principle of Population (1798) die Überbevölkerung zum zentralen gesellschaftlichen Problem gemacht. Denn die Zunahme erwirtschafteter Nahrungsmittel, so Malthus, wachse mit der Entwicklung technologischer Mittel in arithmetischer Folge, in gleichbleibendem Ausmaß, während die Bevölkerung geometrisch zunehme, also regelrecht explodiere (Malthus 1976, S. 71). Jegliche Unterstützung des Bevölkerungswachstums führt in diesem Verständnis direkt zu Mangel und in die Krise. Armut oder Hunger erhielt in dieser Argumentation eine natürliche Dimension. Malthus wandte sich mit seinem Essay ausdrücklich gegen den Fortschrittsoptimismus seiner Zeit. Mehr noch, er richtete das Naturgesetz von Wachstum und Knappheit gegen die English Poor Laws, jene sozialpolitischen Interventionen, die als Vorläufer des Wohlfahrtsstaates betrachtet werden können.
Auch wenn die Absicht hinter den Grenzen des Wachstums 1972 andere waren: Die Argumentationslinie folgte einem ähnlich pessimistischen Muster einer absoluten Knappheit und schien gegen die Befreiung durch Fortschritt und Technologie zu sprechen. Vor allem hatten sich zur gleichen Zeit mit Paul Ehrlich und Garrett Hardin zwei weitere Wissenschaftler der Argumentation von Malthus angeschlossen. Das eine Mal, um Maßnahmen zur verpflichtenden Bevölkerungskontrolle und der Aufhebung von Hilfeleistungen zu rechtfertigen. Das andere Mal, um einen wissenschaftlichen Beweis gegen das Funktionieren von Commons, gemeinwirtschaftlich verwalteten Ressourcen und Besitz, zu entwickeln. Vor allem das Letztere diente IWF und Weltbank in der Folge in der Umsetzung neoliberaler Ziele in den schon erwähnten Strukturanpassungsprogrammen als Argument.

Die Natur der Knappheit
Mit Malthus hatte die Knappheit als zentrale Herausforderung in die Wirtschaftswissenschaften Einzug gehalten, oder genauer: Die Disziplin hatte darin ihre Legitimation gefunden. In einem bekannten, gängigen Verständnis ist die Ökonomik nach Lionel Robbins die Wissenschaft vom »menschlichen Verhalten als einer Beziehung zwischen Zielen und knappen Mitteln mit alternativen Verwendungsmöglichkeiten« (Robbins 1932 , S. 15). Ohne Knappheit gäbe es keine Notwendigkeit zu wirtschaften. Allerdings ist es weniger der Mangel im Sinne einer natürlichen oder absoluten Knappheit endlicher Ressourcen, der in der neoklassischen Theorie, dem Mainstream des ökonomischen Denkens, Thema ist. Vielmehr ist es eine relative Knappheit, die entsteht, wenn wir entscheiden müssen, wie wir unsere Mittel einsetzen, um bestmöglich unsere Wünsche und Bedürfnisse abzudecken: die Entscheidung etwa, wie wir eine Summe Geld investieren, unsere begrenzte Zeit verbringen oder etwa, ob wir Land für Ackerbau, Siedlungen oder dichte Bebauung nutzen. Diese Knappheit braucht nicht erst endliche Ressourcen. Sie entsteht hier aus einer Mehrzahl miteinander konkurrierender Verwendungsmöglichkeiten, die unterschiedlich bewertet werden, und wir müssen entscheiden, wirtschaften. Die neoklassische Theorie geht davon aus, dass die menschlichen Wünsche unendlich, die Mittel dafür jedoch nur begrenzt verfügbar sind. Knappheit wird damit zum universellen Problem. Selbst wenn die grundlegenden Bedürfnisse gestillt sind, endet das Verlangen nach mehr nicht. Der Konsum von Gütern hat einen gesellschaftlichen Aspekt, der Besitz von Waren bildet sozialen Rang ab (Veblen 1994, S. 43ff.). Im Streben nach sozialem Aufstieg wird die Knappheit darin zum eigentlichen Motor von gesellschaftlichem Fortschritt und ökonomischem Wachstum.
Was in den diskursiven Zusammenhängen sowohl einer ökologischen absoluten Knappheit der letzten Mittel wie auch der relativen Knappheit oft untergeht: Dinge sind nicht knapp, weil sie endlich sind. Ressourcen werden knapp, weil auf sie zugegriffen wird (vgl. auch: Luhmann 1994, S. 177ff.). Das Ausmaß des Zugriffs hängt von der Bedeutung, die den Ressourcen gesellschaftlich zukommt, ab. Knappheit wird durch soziale Prozesse von Zugriffs- und Verteilungsentscheidungen produziert. Sie entsteht erst als Folge von veränderten Umständen, sie ist relational und historisch.
In The Original Affluent Society hat Marshall Sahlins (1972) eindrücklich veranschaulicht, dass Ökonomien sich jeweils kulturspezifisch ausbilden, indem er zeigte, dass nomadische Gesellschaften nicht als Hungergesellschaften, sondern vielmehr als Überflussgesellschaften verstanden werden können, insoferne sie von Bedürfnislagen abhängen. Umfangreicher Besitz bedeutet hier eher Last als Reichtum. Ebenso haben die feministischen Ansätze zur Ökonomie von Marianne Ferber und Julie A. Nelson (Ferber & Nelson 1993) gezeigt, dass es ein Wirtschaften jenseits der Kategorien der Knappheit gibt. Gemeinsam dekonstruieren diese Arbeiten aber nicht nur den Mythos einer universellen Knappheit. Vor dem Hintergrund der Austeritätspolitik stellen sie den homo oeconomicus, jenes modellhafte Wesen der neoklassischen Theorie, das rational zur Maximierung des eigenen Nutzens handelt, als westliche, dominant männliche Figur zur normativen Durchsetzung auf politischer Ebene bloß.
Wie alle Wahrheiten sind auch die der Ökonomie diskursiv hervorgebracht – das gilt für das, was wir als Natur verstehen, genauso wie für die Knappheit. Nichts an der Knappheit ist natürlich. Die konzeptionelle Ausrichtung erfährt das Denken der Knappheit in der neoklassischen Theorie: Im Zusammenwirken des freien Marktes als Garant für optimale Verteilung knapper Ressourcen durch eine unsichtbare Hand (Adam Smith) auf der einen Seite und den homo oeconomicus auf der anderen. Ihre hegemoniale Durchsetzung findet die Knappheit im Versuch, diese Theorien normativ zu wenden und als politisches Projekt zu formulieren, wie wir versucht haben, in diesem Text auszubreiten.
Es scheint demnach angebracht, der Rede von Knappheit und den letzten Mitteln kritisch zu begegnen. Dies gilt es sich im Versuch, alternative Modelle des Wirtschaftens, Planens und Zusammenlebens hervorzubringen und neue Ansätze in der Produktion unserer Umwelt zu ermöglichen, zu vergegenwärtigen. Vor allem dort, wo zwischen sozialer und ökologischer Frage – oder anders formuliert: zwischen der Forderung nach einem mehr auf der einen Seite und dem notwendigen weniger auf der anderen – nach Lösungen gesucht wird, ist das kritische Hinterfragen jeder Knappheit vonnöten. Das bedeutet nicht, zu leugnen, dass es Formen von Knappheiten gibt – sie sind in unserer Welt allgegenwärtig. Jedes Denken aber, das die Knappheit zum unumstößlichen Naturgesetz verabsolutiert, macht den Mangel und mit ihm eine natürliche Ungerechtigkeit zur Ausgangslage jeder gesellschaftlichen Form. Wenn wir hier das Thema eröffnen, so tun wir das also nicht, um uns der Knappheit unterzuordnen. Die Frage nach der Knappheit zu stellen, heißt die Politik der Knappheit und Austerität zum Anlass zu nehmen, die Verteilung und den Zugang zu Ressourcen neu zu verhandeln.

Fußnoten
1
Washington Times vom 20. Oktober 2013.
2
Zur Sparpolitik des Kabinett Brünings siehe etwa: Winkler 1998, 209ff.
3
Sir Richard Stafford Cripps hatte als englischer Handelsminister den Begriff des »Zeitalters der Austerität« während des Zweiten Weltkrieges in die Politik eingeführt. Doch erst mit den Strukturanpassungsprogrammen des IWF und der Weltbank in den 1980er Jahren bekam der Begriff der Austerität seine heutige Bedeutung und wird im Sinne des zeitgenössischen Gebrauchs verwendet.
4
Durchaus wertend war von PIIGS die Rede.
5
Vgl. Fußnote 3.
6
David Camerons Spring Forum Speech: www.conservatives.com/Video/Webcameron.aspx?id=b3b3d2c1-353a-4d53-bef2-c5ab79fbae5d.
7
www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html.
8
Erst die wachsende Arbeitslosigkeit nach 2009 ließ die Zahl der SozialhilfeempfängerInnen, und so auch die Sozialausgaben, ansteigen.
9
Als Vorläufer könnte Rachel Carsons 1962 erschienenes Buch Silent Spring angeführt werden, wo etwa zehn Jahre zuvor auf die Problematik industrieller Landwirtschaft hingewiesen wurde und das erheblichen Einfluss auf die Ökologiebewegung hatte.
10
Am College der britischen Ostindien-Kompanie in der Grafschaft Hertfordshire im Jahr 1805.

Die Forschung zu diesem Schwerpunkt wurde im Rahmen des HERA Projektes SCIBE, Scarcity and Creativity in the Built Environment, www.scibe.eu, ermöglicht.