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Artikel von:
Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher, lehrt an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.

Artikel aus Ausgabe 55


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Postmoderne IX: Die Stadt als Archipel der Kapseln (Teil 3)

Heterotopie als Chance oder Bedrohung? Kapsel, Heterotopie und Privatisierung des öffentlichen Raumes.

Für den Urbanisten Lieven de Cauter (2004; siehe dérive, 53, Geschichte der Urbanität, Postmoderne 7) gilt die Kapsel als das architektonische Modell unseres Lebens, ursprünglich als Vehikel für Transportsysteme entwickelt sowie in weiterer Folge auch in gated communities, Einkaufsmalls und anderen Enklaven und Ghettos als Grundmodell angewandt. Die beun- ruhigende Konsequenz sieht er in der Verwandlung des öffent- lichen Raumes in einen heterotopischen Raum, weil hier eine Verkapselung größeren Maßstabes erfolgt. Zweifellos ist diese These durch Frederic Jamesons Rede vom urbanen Raum, der in zunehmendem Ausmaß eingepackt und verhüllt wird, inspi- riert und beruht auf dessen Behauptung, die er anhand seiner Analyse des postmodernen Raumes im berühmten Bonaventura Hotel in Los Angeles exemplifiziert hatte. Demzufolge wurde der Innenraum des Hotels durch Abschließung in den totalen Raum einer autonomen Welt verwandelt, was als ein Vorgang von größter urbanistischer Bedeutung einzuschätzen war, weil dieses Hotel nun nicht mehr als Teil der Stadt, sondern als ihr Ersatz aufgefasst werden wollte. (Jameson 1991,S. 44; siehe dérive, 52, Geschichte der Urbanität, Postmoderne 6) Hier verbindet sich das Prinzip der Privatisierung durch Abschlie- ßung vom umgebenden Raum mit dem der Kapsel, deren zent- rale Eigenschaft in ihrer Disposition zur Heterotopie besteht, die aufgrund ihres Doppelcharakters – einer Neigung zur Illu- sion als auch zur Kompensation – kritisch zu betrachten ist. Die Heterotopie galt von ihrer Logik und Tradition immer als ein Raum der Ausnahme (auch bei Foucault), als ein verblie- bener Raum, der der Kontinuität des normalen Alltagsraumes gegenübersteht. De Cauter behauptet, dass sie durch die zuneh- mende Privatisierung des urbanen Raumes im Zuge der Stadt- produktion aber zum Regelfall wird und den öffentlichen Raum zum Restraum macht, zu einem Zwischenraum, der im Netz- werk der heterotopischen und kapsulären Knoten übrig bleibt. (de Cauter 2004; siehe dérive, 54, Geschichte der Urbanität, Postmoderne 8) Daraus lässt sich seiner Meinung nach im urbanistischen Diskurs aufgrund des wachsenden überge- wichtes der Heterotopie ein Verlust der Öffentlichkeit aufgrund der gegenseitigen Ausschließung des öffentlichen Raumes und der Heterotopie ableiten. (…)