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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 56


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Smart Cities - Zurück in die Zukunft

The smart city vision tends to focus on infrastructure, buildings, vehicles, looking for a
client amidst the city governments that procure or plan such things. But the city is something else. The city is its people. We don´t make cities in order to make buildings and infrastructure. We make cities in order to come together, to create wealth, culture, more people. As social animals, we create the city to be with other people, to work, live, play. Buildings, vehicles and infrastructure are mere enablers, not drivers. They are a side-effect, a by-product, of people and culture.
(Hill 2013)

Die Karriere des Wortes smart ist beeindruckend und aktuell dermaßen erfolgreich, dass man es ob seiner Omnipräsenz kaum noch hören will. Dabei fing alles so sympathisch an, im Österreich der 1950er Jahre: Genau genommen im Jahr 1955 als die Designerin Emanuela Wallenta die Verpackung für die neue Zigarettenmarke »Smart« der Austria Tabakwerke entwarf, die bis heute als Designklassiker gilt und später als »Smart Export« mit leicht verändertem Design zur beliebtesten Zigarette Österreichs avancierte, die im bekannten Portrait der Künstlerin Valie Export sogar Einzug in die Sphären der Kunst hielt. Ebenso beliebt wie das smarte Rauchen war das Comic-Duo Clever & Smart mit Agent Jeff Smart in der Hauptrolle. Als Mitte der 1990er schließlich Mercedes seinen Smart einführte, der als Stadtauto positioniert wurde, war die Verbindung von smart und Stadt gelegt. Ein interessantes Detail, spielen doch Verkehr und Mobilität in den derzeitigen Smart-City-Konzepten eine bedeutende Rolle. Ebenso wie das Smartphone, dessen Siegeszug sämtliche anderen Werbevokabel wie mega, ultra, hyper und sogar geil auf die Plätze verwiesen hat.
Dem weltweiten Siegeszug der Smartphones haben wir es wohl zu verdanken, dass uns seit einigen Jahren die Smart City als der erstrebenswerteste Aufenthaltsort für unser Leben präsentiert wird. Auch hier reduziert sich die Verbindung nicht nur auf die gemeinsame Verwendung einer hippen Vokabel. Smartphones sollen in der Vorstellung der meisten Smart-City-Konzepte so etwas wie die Schaltzentrale, das Interface zwischen Mensch und Stadt werden.Durch den andauernden Städtewettbewerb daran gewöhnt, ständig mit urbanen Werbeslogans konfrontiert zu werden, hat es ein wenig gedauert, bis klar war: Die Idee der Smart City wird nicht sofort wieder von der Bildfläche verschwinden. Warum das so ist, wird schnell klar: Smart City verspricht smart business.
Eine der Wurzeln der Smart City liegt, wie Judith Ryser detailliert in ihrem Beitrag ab Seite 10 dieser Ausgabe zeigt, im Kampf gegen den Klimawandel. Die Wahrnehmung des wenig überraschenden Umstands, dass in den Städten der Großteil der weltweiten Energie verbraucht wird, führte zur Erkenntnis, dass Städte die Zielgebiete für Maßnahmen zur effektiven Reduzierung des Ressourcenverbrauchs darstellen. Smart City will aber mehr als nur eine Reaktion auf den Klimawandel sein. Smart City will unsere Städte von Grund auf neu denken und gestalten. Ohne »Vision« und »Utopie« kommen die zwei grundsätzlichen Planungsvarianten für Smart Cities kaum aus. Da sind einerseits jene New Towns, die auf der grünen Wiese oder im Wüstensand entstehen, und andererseits die Implementierung der »Vision« in die existierende Stadt. Die beiden Varianten unterscheiden sich in erster Linie in der Zielgruppe: Die EntwicklerInnen der Greenfield Smart Cities richten sich vorrangig an InvestorInnen und internationale High Potentials; die Regierungen bestehender Städte mit Smart-City-Ambitionen müssen zusätzlich die bereits vorhandene Bevölkerung ins Boot holen. Gemeinsam ist ihnen die Utopie einer Stadt, in der Big Data hilft, alles zu messen, zu überwachen, zu regeln, zu evaluieren, unter Kontrolle zu halten und schlussendlich auch zu entscheiden. Die Idealvorstellung ist wohl ein zentraler Kontroll- und Überwachungsraum wie ihn IBM unter dem Namen Intelligent Operations Center im Programm1 und für Rio de Janeiro (siehe Foto S. 23) bereits verwirklicht hat.

Smart Cities ohne Smart Citizens?
[S]mart-city technologies mesh particularly well with an authoritarian government’s interest in monitoring dissenters, anticipating likely sources of resistance and forestalling or suppressing acts (or actors) perceived as challenging the government’s claim to legitimacy.
(Greenfield 2013, S. 72)

Das höchste Ideal im Universum der Smart Cities ist der störungsfreie, planbare Ablauf des städtischen Alltags. Die Stadt soll wie eine gut geölte Maschine funktionieren, Reibungsverluste sind unbedingt zu vermeiden. Doch gerade Smart City Konzepte, die gerne auf technisch aufwändige und zentralistische Lösungen setzen, sind für Störungen anfällig. Je ausgeprägter die Konsumentenrolle der BürgerInnen ist – und die ist in der Smart City groß – desto folgenreicher sind die Auswirkungen. Smart ist eine Welt, in der dem Einzelnen die Notwendigkeit zu denken, sich Lösungen zu überlegen, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, abgenommen wird. Anstatt die Stärkung der urbanen Kompetenz der BürgerInnen als wichtigste Aufgabe zu sehen, werden diese darin bestärkt, dass unerwartete Ereignisse und Begegnungen, unübersichtliche Situationen und Unklarheiten nicht urbane Normalität darstellen, sondern als Gefahr und Zumutung einzustufen sind. Smart Cities degradieren ihre BürgerInnen zu KonsumentInnen, denen sie bestenfalls eine App zur Verfügung stellen, um eine Störung zu melden oder eine Idee abzugeben. Die vorgeblich wichtige Rolle, die BürgerInnen in einigen Smart City Konzepten zugestanden wird, klingt verdächtig oft nach reiner Beschwichtigungsprosa, um die Angst vor Big Data zu nehmen. Solche Passagen gehören mittlerweile zum guten Ton, können jedoch erst ernst genommen werden, wenn ihnen tatsächlich Taten folgen, die über reine Show- und Alibimaßnahmen hinaus gehen. Noch ist der Entwicklungsgrad der sozialen Smart City Strategien verglichen mit jenen der technologischen verschwindend und der Widerspruch groß, der zwischen aktueller alltäglicher Realität und der prognostizierten Smart-City-Zukunft klafft. In Wiens Smart City 2050 Vision ist beispielsweise zu lesen: »Wien wird weltweit für seine selbstverständliche und tief verwurzelte Praxis anerkannt, allen Bevölkerungsteilen große Entfaltungs- und Mitgestaltungsmöglichkeit zu bieten.« Im Wissen vieler BürgerInnen, wie kompliziert es im Dschungel der Wiener Verwaltung sein kann, kleinste Initiativen zu setzen, und welche Hürden sich bei größeren Projektideen auftürmen, fällt es schwer, an die Ernsthaftigkeit solcher Visionen zu glauben. Doch bis 2050 gehen ja noch gute 35 Jahre ins Land ...
Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Rolle der StadtbewohnerInnen in den einzelnen Smart-City-Konzepten durchaus unterschiedlich ausfällt. Während es in der »Ökostadt Masdar« in den Vereinigten Arabischen Emiraten völlig klar scheint, dass in der Stadt nur die Upperclass wohnen wird und das Dienstleistungspersonal unter hohem Ressourcenaufwand täglich pendeln muss, bemüht sich Wien jüngst stets zu betonen, dass die Smart City eine Stadt für »alle« werden soll. Eine tatsächliche Neuausrichtung der Stadtpolitik, bei der die BewohnerInnen im Mittelpunkt stehen und alle Maßnahmen davon abgeleitet werden, ist bisher aber nicht zu erblicken. Trotz des anhaltenden Trends zum »Stadt selber machen«, vielfältiger Bottom-up-Initiativen und steil ansteigendem Interesse an der Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes gibt es kaum ernsthafte Ansätze, die Möglichkeiten neuer Technologien für eine Veränderung der Top-down-Politik zu nutzen. Die Machtverteilung bleibt unangetastet. Obwohl gegenteilig beworben, missachten die propagierten Smart-City-Technologien diese gesellschaftlichen Entwicklungen weitgehend: Ihre Anwendungen setzen auf Top-Down, Zentralismus, Konsum und Passivität.
Smart City vermittelt das Bild einer postpolitischen Gesellschaft, in der das Auswerten von Daten und Ablesen von Indikatoren Aushandlung und Diskussion bei Entscheidungsfindungen ersetzt. Endlich kein Aufeinanderprallen von Meinungen mehr, kein Wettstreit der Ideen: Die vermeintlich objektiven Daten machen Diskussionen obsolet. Dabei setzen die Entwickler der Smart Cities auf unschlagbare Argumente: Wer kann schon etwas gegen ökologische, nachhaltige Städte mit innovativen Mobilitätskonzepten und zukunftsweisender Kommunikationstechnologie haben? Die Heile-Welt-Renderings voller shiny happy people erledigen den Rest. Besonders gefährlich sind solche Vorstellungen immer dann, wenn der Einfluss von Konzernen auf Entscheidungsträger sehr hoch ist oder – wie im Fall der Smart City durchaus üblich – Konzerne selbst zu Betreibern werden: Ganze Städte werden von Konzernen konzipiert, gebaut und verwaltet. Bürgerrechte? Keine Notwendigkeit, schließlich handelt es sich um Privatgrund. Auf den Websites von bekannten Greenfield-Smart-Cities wie Masdar City, PlanIT Valley oder Songdo wird man auf der Suche nach Informationen zu politischen Entscheidungsstrukturen nicht fündig. Diese Smart Cities erinnern damit an New-Urbanism-Städte wie Celebration, vom Disney Konzern in den 1990ern gebaut, verwaltet – und mittlerweile wieder verkauft. Auch dort gab es keinerlei demokratische Strukturen, dafür aber jede Menge Sicherheitsversprechen. Ein ähnliches Konzept verfolgt der russische Konzern Sferiq, der schicke, kleine, von einem Schweizer Architekturbüro geplante Städte oder Stadtteile für eine finanzstarke Zielgruppe im Franchiseverfahren anbietet.

Smart Business
Infrastructure companies, whether cars and highways or screens and routers, look to increase traffic on their infrastructure. It is in their interest. We can hardly blame them for trying – that is their job – but we should not so blithely and carelessly let it drive urban strategy as it did 50 years ago.
(Hill 2013)

Einer der gewichtigsten Vorwürfe, den man der Smart City Konzeption machen muss, ist der Einfluss, den internationale Großkonzerne von Anfang an hatten. So kann der Smart, von Daimler ursprünglich als Elektroauto gedacht, als ein erstes Aufblitzen des Kampfes der Automobilindustrie um die Städte gesehen werden. Heute dominiert Daimler mit car2go den Carsharing-Markt in zahlreichen Städten. Obwohl sich die Automobilindustrie im Smart-City-Bereich derzeit weniger dominant als erwartet zeigt, bildet E-Mobility ein zentrales Thema und ist als Versuch zu werten, die Existenz des privaten Pkws in der Stadt auch für die Zukunft abzusichern. Eine starke Leistung der Automobilhersteller, E-Mobility als innovative Lösung für den Verkehr in den Städten im Diskurs zu platzieren. Der einzige offensichtliche Vorteil von Elektromotoren ist die geringere Belastung der Luftqualität; dass Elektroautos ebenfalls unverhältnismäßig viel Energie und Unmengen an Platz verbrauchen, fällt zumeist unter den Tisch. Strom kommt bekanntermaßen aus der Steckdose – das AKW lässt grüßen, und das in Zeiten wachsender Städte akute Platzproblem als Folge des motorisierten Individualverkehrs wird mit E-Mobility nicht gelöst, sondern fortgeschrieben.
Die engagiertesten Konzerne beim Thema Smart Cities sind Siemens, IBM und Cisco, die mehr oder weniger überall auftauchen, wo Smart City draufsteht. Siemens ist in Greenfield-Smart-Cities wie Masdar City ebenso präsent wie im Wiener Smart-City-Stadtteil Aspern oder bei der »sustainable cities initiative« The Crystal in London. IBM betreibt gleich mehrere eigene Smart-City-Websites und Plattformen: People for Smarter Cities, Smarter Cities Challenge oder Smarter Cities Scan. Der Netzwerkanbieter Cisco beschwört »the power of
the Internet for Everything« und droht: »Smart City development is a question of when not if, a question of how not what.« (Clarke 2013) Augenscheinlich kein Mangel an Sponsoren herrscht auch bei den unzähligen Konferenzen, die laufend rund um den Erdball stattfinden – und man darf sich wundern, wie viele Titel aus den Wörtern future, smart, innovative, sustainable und transformation generiert werden können: Global Forum – Shaping the Future (Microsoft, Alcatel, AT&T, ...); Smart City World Congress: Change the World (Microsoft, IBM, Nissan, Philips); Smart to Future Cities (Siemens, Microsoft, HP, ..); Smart City Event (IBM, Bosch, ABB) – die Liste ließe sich endlos weiterführen.
Wie Sebastian Raho in seinem Artikel Die stille Politik der großen Utopie in diesem Schwerpunkt ab Seite 27 zeigt, ist die Dominanz von Konzernen in entscheidenden EU-Gremien erdrückend und viele Veröffentlichungen der EU klingen frappant nach Copy & Paste Papers von Siemens und Konsorten. In der einflussreichen High Level Group, Teil der European Innovation Partnership for Smart Cities and Communities, stammt die Überzahl der Mitglieder aus Konzernen wie Siemens, Orange, Philips, Volkswagen, SAP oder Nokia – kein einziges Mitglied jedoch aus einer NGO.
Wie aber eine Smart City entstehen soll, die ihrem Namen gerecht wird, ist mehr als fraglich, wenn Konzerne als maßgebliche Impulsgeber an der Konzeption und Umsetzung beteiligt sind. Die höchste Priorität im Kapitalismus heißt schließlich Profit – und das um jeden Preis, wie die Geschichte bisher gezeigt hat. Die Vorgehensweise zeigt sich dabei immer gleich: Wenn sich Profitmaximierung mit sinnvollen gesellschaftlichen und ökologischen Zielen verbinden lässt – wie das bei der Idee der Smart City teilweise sicher der Fall ist – haben wir Glück gehabt. Wenn nicht, dann müssen Werbefeldzüge her und LobbyistInnen kommunale Überzeugungsarbeit leisten, um die profitablen Geschäftsideen durchzubringen. Styropor-Dämmwahn oder Glühbirnenverbot als bekannte Folgen aus der Gegenwart sind nur zwei Beispiele. Ein besonders eindrücklicher historischer Skandal ist der Great American Streetcar Scandal, die systematische Zerstörung des Straßenbahnnetzes in dutzenden US-Städten von den 1930ern bis in die 1960er Jahre durch die Automobilindustrie, um den Absatz von Pkws anzukurbeln. Was man daraus lernen sollte: Profitorientierung braucht Kontrolle durch eine starke Öffentlichkeit.
Im Kontext der Smart City sind die Innovationen Smart Meter und Smart Grid in ihrer derzeit geplanten Form erste Kandidaten auf einer Liste entbehrlicher Produkte. Einerseits sind damit schwere Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes verbunden, andererseits dürfte das Versprechen einer großen Energieersparnis kaum Realität werden. Bei Feldversuchen des Fraunhofer Instituts in Österreich und Deutschland wurde ein Einsparungspotenzial von gerade einmal 3,7 Prozent festgestellt, was schon als positiv bewertet werden kann, denn bei anderen Versuchen konnte oft gar keine Ersparnis erzielt werden. (Gölz 2012, S. 180f ) Auch im Modellversuch T-City der Deutschen Telekom in Friedrichshafen fielen die Einsparung laut einem Bericht des Spiegel eher »bescheiden« aus.2 Was bleibt sind hohe, von den KonsumentInnen zu tragende Umstellungskosten und die Gewissheit, dass Hersteller der Smart Meter wie Siemens, IBM oder Kapsch auf jeden Fall ein gutes Geschäft machen werden.
Auch das Smartphone, als mobiler Pocketcomputer quasi der Schlüssel zur Smart City, bildet ein Beispiel für enorme Ressourcenverschwendung durch ständige Modellwechsel, schlechte Qualität und subventionierte Mobilfunkverträge, die eine rasche (Neu)Anschaffung nahelegen. Die ÖsterreicherInnen wechseln laut Arbeiterkammer ihre Handys im Schnitt alle 18 bis 24 Monate,3 womit für die Hersteller das Vokabel »Marktsättigung« obsolet geworden ist. Doch die Smart City verspricht IKT-Unternehmen nicht nur aufgrund der Smartphones auf Jahrzehnte hinaus volle Auftragsbücher, wenn auch nur ansatzweise das umgesetzt werden wird, was in den letzten Jahren kolportiert wurde: Die Palette reicht von IBMs Intelligent Operations Center über Verkehrsmanagement-Systeme von Siemens, Videokommunikationstechnologie von Cisco und Microsofts CityNext-Produkte bis zu RFID-Transponder-Chips in Stadtbäumen4 sowie tausenden anderen mehr oder weniger sinnvollen Produkten.

Smart Cities und die Technik
Technology is the answer, but what was the question
(Price 1979)

Die enge Verknüpfung von Smart City und Big Business ist eine kritisierenswerte Tatsache, die heute kaum noch verwundert. Ein klein wenig anders stellt sich die Allianz von Smart Cities und Technik dar. Das Ausmaß an unkritischer Technikgläubigkeit erinnert frappant an die 1950er/60er Jahre. Selbst die Visualisierung so mancher Smart City ähnelt den futuristischen Stadtvisionen der ersten Nachkriegsjahrzehnte wie sie in populärwissenschaftlichen Zeitschriften zu finden waren.5
Das grundsätzliche Problem der Smart-City-Technologie ist ihr eingeschränkter Fokus auf die Möglichkeiten der Technik statt auf die tatsächlich vorliegenden Problemstellungen. Statt von der Perspektive der Bedürfnisse der urbanen Gesellschaft auszugehen, liegt der Ursprung der Konzeption im Potenzial der Technologie. Ein anschauliches Beispiel für solchermaßen unbefriedigende Ergebnisse bildet die auf fünf Jahre angelegte T-City Friedrichshafen der Deutschen Telekom. »Gemeinsam mit der ausgewählten Stadt will die Deutsche Telekom zeigen, welche Chancen die Nutzung neuer, innovativer und breitbandiger Informations- und Kommunikationstechnologien Wirtschaft, Institutionen, öffentlichen Einrichtungen und den Einwohnern bietet.«6 Die Telekom war bei ihrem Feldversuch bemüht, die Bevölkerung einzubinden und investierte viel Geld. Sie suchte »T-City-Botschafter« und betonte immer wieder, wie wichtig die Beteiligung der BürgerInnen für das Projekt sei. Den FriedrichshafnerInnen war das egal. Im Evaluierungsbericht der Uni Bonn und in der Abschlusspublikation heißt es: »Die angestrebte breite Beteiligung und Begeisterung der Bevölkerung ist hingegen nicht gelungen. Für viele Bürger blieb das Thema zu abstrakt.«7 »Nach Auffassung vieler Gesprächspartner richtet das Projekt sein Augenmerk zu stark auf die Technologien oder die Imagesteigerung und zu wenig auf die Menschen.«
(Hatzelhoffer et al 2012, S. 162) An anderer Stelle heißt es: »Eine andere Bürgerin (...) hat den Eindruck, dass das Projekt von technikaffinen Männern gemacht werde, die zu wenig auf die Bedürfnisse der normalen Bürger eingehen würden.« (ebd.). »Insgesamt«, so die Forscher, »wird die Auswirkung des Projektes auf die Lebensqualität von den Bürgern, mit denen Gespräche geführt wurden, als gering empfunden. Häufig ist die Wahrnehmung auf einzelne Aspekte des Projektes reduziert, die in der Regel nicht als eigener Nutzen erkannt werden.« (Hatzelhoffer et al 2012, S. 163).

Smart City ist ein zentralistisches Top-down-Projekt
Was die Smart City mit allen möglichen anderen Stadtkonzepten der letzten Jahre verbindet, ist ihr Rezept-Charakter. Obwohl natürlich immer betont wird, dass die lokalen Gegebenheiten berücksichtigt werden müssen, ist die Smart City in diesem Punkt mit der Creative City vergleichbar: Ein lokal (vermeintlich) erfolgreiches Konzept wird in Medien und auf Konferenzen gehypt und damit zum Must-have im Städtewettbewerb. Der lokale Kontext und die fehlende langfristige Bestätigung eines Erfolgs tauchen nur in Nebensätzen auf. Bei Smart City wird dieser Umstand noch dadurch verstärkt, dass die EU Richtlinien vorgibt und Voraussetzungen für künftige Förderungen festlegt. Kein Wunder: Die EU-Smart-City-Gremien sind mit Konzernen bestückt, die großes Interesse an Richtlinien und Standards für die EU-weite Umrüstung besitzen.
Der scheinbar unaufhaltsame Trend, auf die internationale Vergleichbarkeit von Daten für den Städtewettbewerb zu setzen, führt jedoch dazu, dass lokale Besonderheiten wenig bis keine Berücksichtigung finden. Ein gutes Beispiel dafür bilden die neuen EU-weiten Richtlinien zur Reduzierung des Wasserverbrauchs, obwohl die geographischen Gegebenheiten zwischen wasserreichen Ländern wie Österreich und wasserarmen wie etwa Spanien völlig unterschiedliche Voraussetzungen schaffen. Trotzdem soll die Reduzierung des Wasserverbrauchs überall Standard werden, auch wenn Städte wie beispielsweise Berlin aufgrund des hohen Grundwasserspiegels massive Problem mit dem sinkenden Wasserverbrauch haben. Ähnliche Beispiele gibt es auf kommunaler Ebene, wo Fernwärme als (Smart-City-)Standard vorgegeben wird und Betriebe ihre bisher anfallenden Holzreste nicht mehr zur Wärmegewinnung verwenden dürfen, sondern aufwändig entsorgen lassen müssen. All diese Indikatoren müssen ständig zentral kontrolliert und überwacht werden, was sowohl ein Datenschutzproblem darstellt als auch die finanzielle Gesamtbelastung in der Smart City weiter erhöht – zusätzlich zu den meist hohen Umrüstungs- oder Anschaffungskosten. Die EU-Förderpolitik in Sachen Smart City fordert von den Städten bereits im Vorfeld die kostenintensive Implementierung von Maßnahmen, um später mit Subventionen rechnen zu können. Wer von den Fördertöpfen profitieren will, muss sich erst mal dafür fit machen. Städte, die das aus ökonomischen Gründen nicht schaffen, werden keinen Anspruch auf Förderungen haben. Das führt zu einer weiteren Ungleichverteilung der Mittel und Zentralisierung der ökonomischen Macht.
(Siehe dazu den Artikel von Sebastian Raho ab Seite 27.)

Smart City Kritik
Wer sich näher mit der Smart City beschäftigt, wird kein Problem haben, in kürzester Zeit auf Unmengen an Informationen zu stoßen. Interessanterweise stammen diese nahezu ausschließlich von Smart-City-BefürworterInnen oder von Menschen, die sich akribisch mit ihren technischen Details beschäftigen. Kritik findet man kaum. Ein Umstand, der bei einem so großen, globalen Vorhaben vorerst doch einigermaßen verwundert. Mit der Zeit wird klar, warum das so ist: Bei der Smart City ist viel Geld im Spiel. In Zeiten ausgehungerter Universitäten und immer knapperer Budgets geht ohne Drittmittelforschung nichts mehr. Affirmative Smart-City-Forschung ist äußerst lukrativ, sowohl Konzerne als auch die EU investieren viel Geld, wie man unter dem Siegel der Verschwiegenheit von Wissenschaftlern hören kann. Sich aus einer kritischen Perspektive mit dem Thema zu befassen oder kritische Aspekte der Konzeption zu untersuchen, passiert wohl deswegen selbst dann nicht, wenn die Smart City ein jahrelanges Forschungsprojekt darstellt. Die Abwesenheit von Kritik aber ist Gift für die Lernfähigkeit jedes Systems: Es geht nicht darum, das Konzept zu verdammen, aber es geht sehr wohl darum, eine objektive Auseinandersetzung mit der derzeit dominantesten Planungsvision für die Zukunft unserer Städte zu eröffnen. Aufgerufen dazu ist die Wissenschaft ebenso wie die Gesellschaft mündiger Stadtbewohner und -bewohnerinnen.
Dieser dérive-Schwerpunkt ist hoffentlich ein erster Beitrag zur Anregung einer kritischen Auseinandersetzung mit einem Thema, das die urbane Gesellschaft in den nächsten Jahren nachdrücklich verändern könnte. Gerade im deutschsprachigen Raum gibt es unseres Wissens kaum gesellschaftspolitisch motivierte Kritik an der technologischen Top-down Konzeption der Smart City. Die aber ist höchst notwendig, um interessante Aspekte des Konzepts zu stärken und überbordende Konzerninteressen zurückzudrängen.
In Wien gibt es zumindest erste Lippenbekenntnisse, die Smart City nicht nur technologisch, sondern auch sozial zu denken. Verbildlicht hat sich dieser Anspruch jüngst auf einem Pressefoto, das Wiens roten Bürgermeister Michael Häupl und die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou mit einer Tafel zeigt, auf der das bekannte »Smart City Wien«-Logo mit der Ergänzung »für alle« versehen wurde. Wie heißt‘s so schön? An ihren Taten sollt ihr sie messen.