|  dérive 68  |  News  |  Verkauf  |  Links  |  Impressum  |  Backlist  |  Autoren  | Ausgabe |
Artikel von:
Christoph Laimer
Elke Rauth 

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 57


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
www.urbanize.at

Newsletter bestellen
http://eepurl.com/fmHIo

Editorial

Sicherheit ist eines der Themen, das uns bei dérive von Beginn an beschäftigt hat und seither nicht mehr verlässt. Bereits in Heft 1 schrieb Michael Zinganel, der auch in dieser Ausgabe vertreten ist, über die Diffusion angloamerikanischer Sicher- heitsdiskurse durch frauengerechte Stadtplanung, der Schwer- punkt in Heft 12 war dem Thema Angst gewidmet und dérive 24 trägt den Titel Sicherheit: Ideologie und Ware. Obwohl wir also seit Jahren gegen die überbordende Sicherheitspolitik in unseren Städten anschreiben und damit auch alles andere als alleine sind, schreitet die Überwachung im öffentlichen Raum ebenso munter voran wie die Aufrüstung der Polizei, die Einrichtung von Gefahrenzonen oder das Aufkommen privater Sicherheits- dienste. Anlass genug wieder einmal zu fragen, wie viel Sicher- heit die Stadt eigentlich verträgt. Der Erkundung dieser Frage- stellung widmen wir das urbanize! Festival 2014, das heuer bereits zum 5. Mal in Wien stattfindet, und diese Ausgabe von dérive, die als Begleitheft und Erweiterung des Festivaldiskurses zu verstehen ist. Der gemeinsame Titel: Safe City.
»If men define situations as real, they are real in their consequences« lautet das so genannte Thomas-Theorem, das sehr gut zum Paradox des subjektiven Sicherheitsgefühls passt, welches Thema des ersten Schwerpunktbeitrags Sicherheit beginnt im Kopf ist. Das subjektive Sicherheitsgefühl vermutet Gefahren an Orten – vornehmlich im öffentlichen Raum –, die faktisch eher ungefährlich sind. Dieses objektive Wissen ändert jedoch nichts daran, dass diese Orte behandelt werden, als wären sie tatsächlich gefährlich. Die Folge sind verstärkte Maßnahmen zur Überwachung und Kontrolle, die für Nutzer und Nutzerinnen wiederum den Nachweis der Gefährlichkeit liefern – wieso sonst sollten diese Maßnahmen notwendig sein? Insgesamt eine vertrackte Angelegenheit, von der in erster Linie die Sicherheitsindustrie profitiert und für die es neue Lösungen braucht. Einige Ansätze dazu behandelt dieses Schwerpunktheft.
Das Gespräch zwischen der Koryphäe der Kriminalso- ziologie Fritz Sack und dem Architektur-und-Verbrechen- Experten Michael Zinganel spiegelt die enorme Bandbreite des Sicherheitsthemas im urbanen Raum: Die beiden räsonieren über die Geschichte der Kriminalsoziologie, den Bedeutungs- anstieg des Themas Sicherheit, die Verbetriebswirtschaftli- chung der Gesellschaft, Kriminalität und Raum, den punitive turn und noch so einiges mehr. Jens Kastner startet den nicht ganz einfachen Versuch, in seinem Text Mit Sicherheit der Frei- heit entgegen Thesen von Zygmunt Bauman mit jenen von Michel Foucault sowie Luc Boltanski und Ève Chiapello – und vice versa – zu konfrontieren.
Johanna Rolshoven fragt anstatt darüber nachzudenken, wie die Stadt zur Abwehr von Gefahr und Kriminalität weiter überwacht und abgeriegelt werden kann, nach den Vorausset- zungen für eine offene Stadt und kommt zum schönen Schluss: »Eine offene Stadt zu postulieren manifestiert ein Ideal, das bei näherem Hinschauen keineswegs realitäts- oder realisierungsfern
ist.« Das Konzept der Offenen Stadt sieht sie als eines der »kulturdynamischen und stadtpolitisch wirksamen Öffnungsdis- kurse und Gegenreden« zur aktuellen Sicherheitsdebatte.
Die verstärkte Einbeziehung von Bewohnern und Bewohnerinnen in städtische Prozesse untersucht Alexa Färber in ihrem Beitrag Teilhaben und Sparen: Zwei simulative Wege zur urbanen Sicherheit, mit der inhaltlich weniger schönen Conclusio »Selbstorganisation und Teilhabe in der Stadtent- wicklung von unten müssen in dieser zugespitzten Sichtweise als systemstützende Verfahren gewertet werden.« Wollen wir das verhindern und neue Wege finden, sollten wir uns mit dieser Problematik auseinandersetzen – mehr darüber ab Seite 27. Aktueller denn je zeigt sich der Beitrag von Stephen Graham über das Phänomen military urbanism, das die strate- gische Kriegsführung in Städten und die Stadt als zentralen Schauplatz von politischer Gewalt thematisiert. Den Abschluss des Schwerpunkts bildet ein Kommentar des griechischen Architekten und Aktivisten Stavros Stavrides über Segregation, Abschottung und urban thresholds.
Das Thema Sicherheit verfolgt auch der Künstler Elvedin Klacar immer wieder in seinen Arbeiten. Einige davon, die uns Klacar dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, sind im Schwerpunkt abgebildet: Protected, Catching Big Birds, Burn Your Neighbor und Attention Mines. Details dazu gibt es auf unserer Website www.derive.at.
Das Kunstinsert in der Mitte des Heftes stammt diesmal von Martin Osterider. Rasches Displacement sind Fotografien, die auf Reisen durch verschiedene Metropolen entstanden sind und auf »ephemere Sets verweisen, die wiederum aus unbeab- sichtigten räumlichen Konstellationen entstanden sind«, wie die Kunstinsert-KuratorInnen Barbara Holub und Paul Rajakovics in ihrem Text zur Arbeit schreiben. Im Long-Player Geschichte der Urbanität startet Manfred Russo eine neue Sub-Serie innerhalb seiner Serie. Im Mittelpunkt: Henri Lefebvre als »Wegbereiter der urbanen Performativität«. Mehr über Lefebvre gibt es in den den nächsten Folgen der Serie zu lesen. Da hilft wohl nur dérive zu abonnieren, um keine Folge versäumen!
Wer auch ganz praktisch und vor Ort in das Phänomen Sicherheit eintauchen will, besucht am besten das urbanize! Festival zwischen 3. und 12. Oktober. In facettenreichen Annä- herungen zwischen tatsächlichem Sicherheitsbedarf, Überwa- chungsideologie und solidarischen Gesellschaftsentwürfen beleuchtet das Festival die rasante Entwicklung von Überwa- chung und Kontrolle, erörtert Möglichkeiten der Förderung sozialer Sicherheit in Zeiten der Krise und erforscht potenzielle Chancen für ein Erstarken der Stadtgesellschaft durch Bottom- up-Initiativen und solidarisches Handeln. Die Festivalzentrale schlagen wir im Herzen der Stadt in der Containerarchitektur des Mobilen Stadtlabors des TU future.labs auf dem Wiener Karlsplatz auf, der selbst als einstmals gefährlicher Ort eine umfassende sicherheitspolitische Transformation durchlaufen hat. Alle Informationen gibt’s auf www.urbanize.at.