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Artikel von:
Gesa Ziemer
Vanessa Weber 

Gesa Ziemer ist Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis und Vizepräsidentin Forschung an der HafenCity Universität Hamburg. Zuletzt erschienen: Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität (2013), Bielefeld: Transcript Verlag.

Vanessa Weber ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Kultur der Metropole an der HafenCity Universität Hamburg. Sie arbeitet zur Ästhetisierung des Städtischen und promoviert zu urbanen Protestkulturen im Graduiertenkolleg Lose Verbindungen: Kollektivität im digitalen und urbanen Raum.

Artikel aus Ausgabe 58


dérive - Radio für Stadtforschung
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Konstellationen, Konfrontationen und Kombinationen Das Ruhrgebiet als urbanes Labor?

Metropole Ruhr ist das Stichwort für eine Region aus 53 Städten, die gezwungen sind, die Zeit von Kohle, Stahl und Schwerindustrie hinter sich zu lassen und eine Verwandlung zu vollziehen. Die Idee von der einen gemeinsamen Identität dieses diversifizierten Raumes scheint wie ein dichter Nebel über der Region zu liegen. Doch das Ende der Zukunft ist nah: Die Transformation eines polyzentral strukturierten Konglomerats unterschiedlichster städtebaulicher, naturräumlicher und kultureller Erscheinungsformen zur Metropole erweist sich als fernab der Lebenswirklichkeiten, die sich im Ruhrgebiet vorfinden lassen. Vielmehr schließt diese Vorstellung an den planungs- und wirtschaftspolitischen Wunsch an, eine innovative Stadtregion von europäischem Rang sein zu wollen, die ihre Lösung der drängenden Fragen darin sieht, an den stark konkurrenzbezogenen Wettbewerb der so genannten Global Cities anzuschließen. Seit den erfolgreichen Großereignissen der letzten Jahrzehnte, wie der IBA Emscher Park1 oder der Kulturhauptstadt RUHR.2010, gilt es die spezifische Urbanität dieser vielschichtigen Region zwischen den Universitäten in Dortmund, Witten, Hagen, Essen, Bochum und Duisburg, 
den Industriedenkmälern wie der Zeche Zollverein in Essen, dem Gasometer in Oberhausen, dem Emscher Landschaftspark, den Medien- und Kulturzentren wie dem Dortmunder U, den Sportstätten und Stadien, den vielen Museen und Theatern, den letzten noch bestehenden Industrieanlagen, den Flughäfen Dortmund, Köln/Bonn und Düsseldorf, den Autobahnen A2, A42 sowie dem Ruhrschnellweg und vielen anderen Orten herauszuarbeiten.
»Das Ruhrtal war grün. 53 Städte wuchsen aus Arbeit, Dreck und Schweiß. Für eine glänzende Zukunft. Viele kamen und blieben. Depression, Hoffnung und Kreativität«.2 Im Rahmen einer Theatertour durch das Ruhrgebiet erprobten die Performancekollektive kainkollektiv, LIGNA, Invisible Playground sowie copy&waste die 54. Stadt und spielten damit, eine große Vision Wirklichkeit werden zu lassen: Eine Stadt – Ruhrstadt – die 54. Stadt, die Urbanität nicht im (klein-)städtischen, sondern in der ganzen Region verortete und das Ende der Zukunft einläutete. Denn die spezifische Urbanität dieser heterogenen Region scheint sich bei weitem nicht in einem standardisierten Geflecht von Baukultur, Wirtschaftsförderung und Kulturprogrammen zu bewegen. Und dennoch schließen die Kriterien, die zur Bestimmung dieser besonderen Form von Urbanität angewendet werden und an deren standardisierter Deutung die unterschiedlichsten AkteurInnen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beteiligt sind, größtenteils noch immer an den Wunsch nach eindeutigen Zuschreibungen und damit an die bekannten ökonomischen und technizistischen Paradigmen der globalen Rankings an: Wachstum und Wohlstand.
Genau diese Denkweisen, die in Anlehnung an Vorstellungen florierender europäischer Städte auf Wachstum, Wohlstand und Fortschritt, ausgelöst durch das so genannte richtige Humankapital, setzen, lassen sich nicht auf das von Strukturwandel und Schrumpfungsprozessen geprägte Ruhrgebiet und seine eigenlogischen Dimensionen übertragen – auch nicht, wenn die Metropole Ruhr ausgerufen wird. Vielmehr gilt es die zeitgenössischen Verflechtungen, die die Ruhrregion charakterisieren, freizulegen: Die vielschichtigen Lebensformen, die pluralen Ökonomien, die wechselseitigen Strukturen von 
Zentralität und Dezentralität, die polymorphen Beziehungen und Vernetzungen, die besondere Bedeutung von Mobilität mit den durch Brüche gekennzeichneten Arbeitsbiographien. Welche Ressourcen und Potenziale bietet diese Region, ihre Geschichte und Gegenwart? Wie kann eine eigenständige Entwicklung aussehen, die sich nicht darauf beschränkt vermeintliche Erfolgsmodelle zu kopieren? Und wie kann eine Diskussion über diese Fragen in einem Gebiet wie dem Ruhrgebiet beschaffen sein?

Ungewöhnliche Verbindungen
Es sind diese Fragen unter vielen anderen, die das Ruhrgebiet im Sinne eines vielschichtigen Laboratoriums zu einem komplexen Forschungs- und Experimentierfeld von VertreterInnen aus u. a. Urbanismus, Geographie, Soziologie, Ingenieurwesen, Kulturwissenschaften, Stadtplanung, Architektur und Kunst machen. Und damit das Spektrum zwischen einerseits dem Wunsch nach Eindeutigkeit und andererseits der Erfahrung von Mehrdeutigkeiten aufspannen. Die Versuchsanordnungen, die durch die Interaktionen der unterschiedlichen AkteurInnen in Zusammenhang mit den vielfältigen Fragestellungen hervorgerufen werden, ermöglichen eine spezifische Sicht auf diese besondere Region – das Ruhrgebiet.
Der Schwerpunkt dieser Ausgabe von dérive vereint verschiedene Perspektiven auf das Urbane Labor Ruhr und versucht, den Laborbegriff für das Ruhrgebiet produktiv zu machen. Dies deshalb, weil in den letzten Jahrzehnten in der Region von Recklinghausen bis Essen, von Duisburg bis Hamm einige Zusammenschlüsse installiert wurden oder sich gebildet haben, die sich mit der zukünftigen Entwicklung dieser Region befassen. Die Bandbreite der Formate reicht hierbei von den seitens der Regionalplanung ausgerufenen Ideenwettbewerben, Fachdialogen und Foren über die von der Kulturförderung initiierten künstlerischen und kulturellen Interventionen bis hin zu den vielschichtigen Eigeninitiativen der BürgerInnen dieser 53 Städte.
Die AutorInnen thematisieren die ambivalenten Merkmale des Laboratoriums zwischen Ordnung und Chaos, Wiederholbarkeit und Einmaligkeit, Sterilität und Fruchtbarkeit, Bestimmtheit und Offenheit, Planbarkeit und Experimentierfreude, Rationalität und Verwunschenheit sowie den Umgang mit Komplexität, indem sie die spezifische Urbanität des Ruhrgebiets – die Ruhrbanität3 – als polyzentrisches und polyperipheres Städtegeflecht diskutieren. Der Laborbegriff eignet sich vor allem deshalb, weil in der konkreten Analyse einiger Vorgänge im Ruhrgebiet hervorsticht, dass die Übertragbarkeit, also das Copy-and-paste von Ereignissen und Erkenntnissen bestimmter Situationen auf andere urbane Settings, oft mit Vorsicht zu genießen ist und im je konkreten Fall an die Grenzen der Planbarkeit reicht. Zwischen Versuch und Irrtum der Erzeugung urbaner Situationen (Katja Aßmann), der spezifischen Raumartenvielfalt in Zusammenhang mit einem DIY-Urbanismus (Dirk Haas), den Grenzen von Messbarkeit und Planung in den Weiten der Literatur (Jens Gurr), den Chancen einer nachhaltigen Entwicklung unter Rückbesinnung auf die Besonderheiten der Region (Tim Rieniets) sowie der Steuerung des Scheiterns künstlerischer Projekte, die die Grenzen von Fiktion und Realität neu verhandeln (Fabian Saavedra-Lara), scheint es weit wichtiger, »spezifische räumliche, kulturelle, habituelle, atmosphärische Besonderheiten« (Haas 2013) dieser Region zu betonen und diese der »stattfindenden Vereinheitlichung von Stadtbildern entgegenzustellen und lokale Identität zu behaupten.« (Ebd.)
Die Kunstinstitution Urbane Künste Ruhr stellt ein solches Labor dar, in dem künstlerische Praktiken den Strukturwandel begleiten oder auch mitinitiieren sollen. Seite an Seite mit baulichen sowie stadt- und regionalplanerischen Zugängen suchen KünstlerInnen, NetzwerkerInnen und Kulturinstitutionen »nach dem Kern des Urbanen«4 und verstehen Kunst im öffentlichen Raum als tiefgreifende Neugestaltung von Stadt und Region, denn es stellt die Frage inwieweit ein solcher (hoher) Anspruch nachhaltig eingelöst werden kann. Diese spezielle Situation ist besonders für die kulturwissenschaftliche Forschung interessant. Aus diesem Grund hat die HafenCity Universität Hamburg, die auf das Thema Metropolenentwicklung und Baukunst spezialisiert ist, den ersten Teil einer begleitenden Forschung realisiert, aus deren Diskursen in diesem dérive-Schwerpunkt Auszüge dargestellt werden. Die Forschungsfragen lauteten: Wie kann soziale Innovation qua Kunst implementiert werden? Können solche Aktivitäten nachhaltig sein? Die Diskussion mit ExpertInnen und einer interessierten Öffentlichkeit hat sich immer stärker um den Laborbegriff formiert. Dieser zielt beispielsweise auf Symposien, Salons, Konferenzen, hybride künstlerische Formate zwischen installativen, interventionistischen und performativen Praktiken, Workshops, temporäre Institutionen und viele andere flüchtige Arrangements und Praktiken, die statt der Abgeschiedenheit des naturwissenschaftlichen Labors als Lehr- und Forschungsstätte im Rahmen von Urbane Künste Ruhr auf Kommunikation, Diskursivität und den erfahrungsbasierten Umgang mit Mehrdeutigkeiten, Unvorhergesehenem, Ambivalenzen und Widersprüchen setzen: »Ein solcher Prozeß wird nicht etwa bloß durch endliche Zielgenauigkeit begrenzt, sondern ist von vornherein durch Mehrdeutigkeit charakterisiert: er ist nach vorne offen.« (Rheinberger 2006, S. 25)
Doch auch außerhalb des institutionellen Rahmens von Urbane Künste Ruhr entstehen Urban Labs. Beispielsweise durch ungewöhnliche Kooperationen wie die des Theaters Oberhausen mit dem freien Performance-Kollektiv geheimagentur. So initiierten die GeheimagentInnen in den letzten Jahren verschiedene Einrichtungen wie die Beratungsstelle Get Away!, Schwarzbank – Kohle für alle, das Wettbüro: Alles oder alles (2013) und die Factory (2014), die zwischen Fiktion und Wirklichkeit eine neue Realität produzieren. Bei der Schwarzbank diente ein Container in der Oberhausener Fußgängerzone für den Zeitraum von zwei Wochen als Bankfiliale, um die von der geheimagentur gedruckte Währung – die Kohle – in Umlauf zu bringen. Die Schwarzbank bot einen Kleinkredit an, für den die KreditnehmerInnen eine Tätigkeit leisten mussten, für die sie schon immer einmal bezahlt werden wollten: von Kinderbetreuung über öffentliche Tanzstunden bis hin zum Wahrsagen vor der Bankfiliale. Die alternative Währung zirkulierte nicht nur über den Zeitraum dieser performativen Installation ausgesprochen erfolgreich. Das Interesse an der Kohle war so groß, dass auch nachdem die geheimagentur die Arbeit offiziell an die Stadt Oberhausen und ihre BürgerInnen übergab, weiter intensiv über die Möglichkeiten und Machbarkeiten einer alternativen Währung als Oberhausener Pilotprojekt mit zahlreichen ExpertInnen diskutiert wurde. Obwohl die Implementierung einer Komplementärwährung 2014 als gescheitert erklärt wurde, hat diese Arbeit als Laboratorium eine Möglichkeit zum Umgang mit Geld erprobt, die die Grenzen von Legalität und Illegalität, von Fiktion und Wirklichkeit, von Vision und Umsetzung, wenn zunächst auch nur temporär, so doch verschiebt: und damit etwas Unwahrscheinliches plötzlich wahrscheinlich wird.5
Kommen wir noch einmal zurück zum Ausgangspunkt und fragen, was die Allgegenwart der Urban Labs bedeutet. Worin könnte die Verbindung des Laboratoriums mit dem Urbanen und dem Feld der Kunst bestehen? Welche Elemente sind es, die diese Sphären miteinander verbinden? An welchen Stellen lassen sich ihre Differenzierungslinien ziehen und wie entgrenzen sie sich wohin? Und schließlich, wie kann eine ganze Region zum Laboratorium avancieren? Halten wir zunächst fest: Die Ausweitung des Laborbegriffs hat Konjunktur. Insbesondere der Bezug des Laboratoriums zum Städtischen scheint verlockend zu sein. Außerhalb seiner ursprünglichen Bezeichnung als traditionellem Ort der Naturwissenschaften hat das Konzept des Labors die unzähligen Urban Labs hervorgebracht, die sich wie ein unaufhaltsam wachsender Organismus dort ausbreiten, wo über die ungewissen und noch verhandelbaren Zukünfte des Städtischen samt ihrer sozialen Implikationen gerungen wird. Spätestens seit Bruno Latour konstatierte, dass er die Welt aus den Angeln heben würde, 
sofern man ihm ein Laboratorium gebe, hat das Labor endgültig Einzug in das Vokabular der Gesellschafts- und Stadt-forschung genommen: »We are only just starting to take up the challenge that laboratory practices present for the study of society.« (Latour 1999, S. 169)
In Bezug auf unseren Kontext scheint es am augenscheinlichsten, die Differenzierung zunächst am Maßstab und den Grenzziehungen zu verorten. Denn als Labor lässt sich sowohl das Konglomerat Stadt – oder wie im Fall des Ruhrgebiets die Region – selbst begreifen als auch die einzelnen kollektiven, oft komplizenhaften Zusammenschlüsse, deren AkteurInnen gemeinsam die schier unzähligen Aspekte des Städtischen erforschen: »Wie eine Metropole im Kleinen ist das Laboratorium zunächst ein Ort, an dem Kombinationen und Konfrontationen von Mensch und Maschine, Körper und Technik, Organismus und Mechanismus stattfinden, deren Effekte registriert, gemessen und berechnet werden.« (Schmidgen 2011) Jedoch lassen sich die Urban Labs weder auf die administrativen Grenzen der Städte beschränken noch auf einzelne Zusammenschlüsse Gleichgesinnter. Vielmehr sind diese Laboratorien »soziale Formen« (Knorr-Cetina 1988, S. 85) deren Innen niemals vollständig von ihrem Außen zu trennen ist. Sie tauchen unlängst auch an Orten auf, die sich einer dichotomen Zuschreibung von Stadt und Land entziehen: eben an Orten wie dem Ruhrgebiet. Sie tauchen dort auf, wo es keinen Konsens über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Zusammenlebens gibt. Sie lassen sich entsprechend weder auf Themen noch auf Kontexte begrenzen und werden durch die unterschiedlichsten Verbindungen hervorgerufen: mal 
geplant, mal ungeplant; mal forciert, mal zufällig; mal breiten sie sich aus, mal bleiben sie singuläre Ereignisse; mal werden sie vermarktet, mal sind sie Gegenkultur; mal sind sie feste 
Verbindungen, mal lose Zusammenschlüsse; mal haben sie Folgen, mal scheint es, als habe es sie nie gegeben. Und manchmal, da sind sie etwas ganz anderes, etwas Dazwischenliegendes: »Nach Art einer literarischen Metapher zusammengefügt, die anscheinend nicht Zusammengehörendes in einem Bild vereint, das an Doktor Mabuses düsteres Kabinett mit Reagenzgläsern, Kolben und Zylindern, siedenden Flüssigkeiten und scharf riechenden Dämpfen ebenso denken lässt wie an die gleißend hellen, sterilen, computerisierten High-Tech-Forschungsstätten in Universitäten oder Betrieben der chemischen und pharmazeutischen Industrie, gehören die Begriffe Laboratorium und Moderne doch ein und demselben Kontext an.« (Neitzke 2000, S. 124)

Verhandelbare Orte
Das Labor als Lehr-, Arbeits- und Forschungsstätte ist ein Ort, der eng an eine ikonographische Vorstellung als Ort der Naturwissenschaft geknüpft ist, in dem in Abgeschiedenheit natürliche Situationen künstlich reproduziert werden, um Entdeckungen, Erfindungen und andere Konstruktionen voranzutreiben. Es werden Experimente oder Versuche durchgeführt, um wissenschaftliche Tatsachen zu schaffen.6 (vgl. Palfner 2012, S. 161) Einerseits bezieht sich die Ikonographie des Labors entsprechend auf die Idee von Ordnung, Gewissheit, Kontrollierbarkeit, Stabilität und Routine, auf naturwissenschaftlich-technizitische Erklärungsmodelle, mit denen Licht ins Dunkel der Welt gebracht werden soll und deren Diktion sich noch heute in den High-Tech-Forschungsstätten findet.7 Andererseits rücken Aspekte des Experimentierenden, Unvorhersehbaren, Chaotischen und Zukunftsoffenen des düsteren Kabinetts in den Blick der Aufmerksamkeit. Es scheint genau die Verhandlung dieser beiden Vorstellungen von ein und demselben Ort, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Auf der einen Seite der Wahn der Stadt- und Regionalplanung, der Investorenschaft und der Verwaltung, Ordnung im undurchsichtigen Chaos von Urbanität zu schaffen. Das Ruhrgebiet soll eine eigene Urbanität entwickeln, gleichzeitig ist das Ziel den Anschluss an die Metropolen des 21. Jahrhunderts zu schaffen: sei es über das Aneinanderreihen von Großevents die Steigerung der Attraktivität zum Zwecke touristischer Vermarktung zu erzielen oder um Investitionen, Industrien und eine kreative Klasse anzuziehen. Zwar soll die Region dynamisch, lebhaft und profitabel sein, gleichermaßen jedoch weniger widersprüchlich und gegensätzlich. (vgl. Neitzke 2000, S. 127) Der Begriff Urbanität wird zielgerichtet als Element zeitgemäßer Standortpolitik verwendet. Seiner wird sich unbeachtet des Kontextes auf vielfältige Weise bedient, nämlich immer dann, wenn er die Stadt in einem weltoffenen Licht erscheinen lässt, das eine gute Vermarktungsstrategie verspricht. Auf der anderen Seite lassen sich in einem erweiterten Verständnis des Labors als Ort der Wissenschaft hin zum Raum der Wissensproduktion, der nicht an einen morphologischen Ort gebunden ist, Labore insbesondere in Bezug auf urbane Kunstproduktion als künstlerische Forschung ausfindig machen, die sich selbst an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Forschung sieht. Auch das Programm von Urbane Künste Ruhr ist ein künstlerisch-laborhafter Versuchsaufbau im urbanen Raum. Gemeinsam ist all ihren Projekten, dass sie mit Prozesshaftigkeiten in Verbindung stehen, die in ihrer jeweiligen Praxis durch Verflüssigungen, Vernetzungen und durch Verschiebungen charakterisiert sind: Sie entgrenzen sich von der Werk- hin zur Ereignisästhetik, von der Installation hin zur Performance, von der singulären Autorenschaft hin zum Kollektiv, von dem Genie als Einzelkünstler hin zur Auflösung vom Publikum. In ihrer Widersprüchlichkeit und mit ihrem subversiven Potenzial sind sie wie »Urbanität [...] immer auch gegen die glatte, ordentliche und übersichtliche Stadt gerichtet.« (Siebel 1994, S. 8)
Die Verwendung der Labormetapher speziell in Bezug auf das Ruhrgebiet spiegelt seitens der Planung einerseits den Wunsch Urbanismus im Reagenzglas herzustellen, ihn beliebig oft zu reproduzieren und überall dort zu verwenden, wo es im Auge der Akteure und Akteurinnen der Stadtentwicklung an Urbanität fehlt. Denn ein Spezifikum an der Laborarbeit ist der nachvollziehbare Aufbau des Experiments und die Verwendung von spezifischen Methodensets. Beides soll für Wiederholbarkeit sorgen. Der Vergleich liegt also sehr nah, da die Disziplin der Stadtplanung unaufhörlich versucht, den extrem komplexen Zusammenhang Stadt zu planen und steuerbar zu machen. Vielleicht liegt die Faszination andererseits aber auch im Zauberhaften des Laboratoriums, welches das Versprechen einzulösen vermag, das Land in die Stadt zu verwandeln – so wie die Alchimisten, die Blei zu Gold werden ließen. Jedes Labor enthält auch Dimensionen des Unsichtbaren und Unvorhersehbaren, die eben gerade nicht einfach dargestellt werden können oder wiederholbar sind. Die Anziehungskraft der Urban Labs könnte entsprechend auch in dem dringenden Verlangen danach liegen, die unzähligen Dimensionen des Urbanen zu erforschen und das Städtische weniger als einen Ort, denn mehr als einen Raum zu umreißen, samt den »ungezählten Schichten seiner Realität: historischen, ästhetischen, politischen, geographischen, geologischen, realen wie mythologischen, sichtbaren und unsichtbaren, erinnerten, vergessenen, verdrängten, tabuisierten.« (Blum 2010, S. 28)
In diesem Verständnis können die Urban Labs in bestimmten Settings dazu beitragen, die komplexen Zusammenhänge einer verstädterten Region experimentell zu erforschen. Urbane Künste Ruhr und viele andere Initiativen öffnen dabei das Urbane zum Feld der Kunst und entgrenzen damit sowohl die Künste als auch die Stadt- und Regionalplanung als Disziplinen hin zu einem offeneren Verständnis der Entwicklung von Städten und Regionen – so, dass das Ende der Zukunft der 54. Stadt wieder offen zu sein scheint. Denn das Unwahrscheinliche, das neben dem Geplanten aus dem Experiment hervorgehen kann, vermag eine andere Zukunft zu versprechen: »Als die kleinsten vollständigen Arbeitseinheiten der Forschung sind Experimentalsysteme so eingerichtet, daß sie noch unbekannte Antworten auf Fragen geben, die der Experimentator ebenfalls noch gar nicht klar zu stellen in der Lage ist.« (Rheinberger 2006, S. 25) Die Kriterien wie Mess- und Reproduzierbarkeit, des Zauberhaften und der Wunsch danach Komplexität gerecht zu werden, geben uns Aufschluss darüber, warum der Laborbegriff – nicht nur im Ruhrgebiet – gerne auf Städte und Regionen übertragen wird. Wenn um das Ausloten des Städtischen zwischen anderen gegenwärtigen Konstellationen und zukünftigen Möglichkeiten gerungen wird, ist eines klar: nämlich, dass es immer auch ganz anders sein könnte.