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Artikel von:
Tanja Boukal
Barbara Holub 
Paul Rajakovics 
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Barbar Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst. (www.transparadiso.com)

Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien.

Artikel aus Ausgabe 58


dérive - Radio für Stadtforschung
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Ode an die Freude

Am 10.12.2014 wurde die alarmierende Bilanz des diesjährigen Flüchtlingsstroms in Europa vom UNHCR veröffentlicht: Rund 207.000 Menschen überquerten das Mittelmehr seit Jänner 2014. Dabei kamen mindestens 3.419 Menschen beim Versuch die Festung Europa zu erklimmen ums Leben. Doch auch wenn der vermeintlich „sichere Hafen Europa“ erreicht ist, eröffnet dieser oft keine menschenwürdige, respektvolle Behandlung oder Zukunftsperspektive.

Tanja Boukals Künstlerin-Insert „Ode an die Freude“, das sie nach Melilla an die Außengrenze Europas in Spanien führte, ist also von trauriger Aktualität geprägt. Seit längerer Zeit widmet sie sich dem Thema der Flüchtlingssituation in Europa und arbeitete bereits mehrmals vor Ort in Melilla. Sie beschreibt ihre Arbeit folgendermaßen: „Friedrich Schillers Libretto zum letzten Satz von Ludwig van Beethovens neunter Symphonie, die gemeinsam die Hymne der europäischen Union „An die Freude“ bilden, sagt viel über die Sicht Europas auf sich selbst und sein Verhältnis zu unbequemen Eindringlingen aus. Mit hohem Pathos beschreibt „An die Freude“ das klassische Ideal einer Gesellschaft Gleichberechtigter, die durch das Band der Freude und der Freundschaft verbunden sind.“
Eine weiße Spitzendecke aus hochwertigstem Kaschmir – von der Künstlerin von Hand gestrickt – trägt den Text der Europahymne umrahmt von gestricktem Stacheldraht. Dieses Werk ging mit ihr auf Wanderschaft nach Melilla. Dort fotografierte sie auf beiden Seiten der Grenze Flüchtlinge eingehüllt in diese Luxusdecke, eingehüllt in die hehren Ideale Europas.

Mit ihren aufwendigen Handarbeiten von „Ode an die Freude“ versucht sie einmal mehr den namenlosen Helden Würde zurückzugeben und Zeit – Zeit, die den Flüchtlingen, deren individuelle Schicksale auf „Störfaktoren“ in unserer europäischen Gemeinschaft reduziert und als Anschlag auf unseren Wohlstand betrachtet werden, nicht gegeben wird. Während Tanja Boukal in ihrer Arbeit „Am seidenen Faden“ (2008-2010), die in der Ausstellungsreihe „Der Menschheit Würde“ (2014) gezeigt wurde, Zeitungsfotos von Flüchtlingen, nachstickte, transformierte sie in ihrem KünstlerInneninsert diesen bekannten Blick auf Flüchtlingsdramen in inszenierte Fotografien. Somit läßt die Künstlerin die Flüchtlinge aus der anonymen Masse, als die sie tagtäglich in den Medien zu sehen sind, hervortreten und macht sie wieder als Individuen sichtbar. Die Form von klassischen Handarbeitstechniken wie sticken und stricken, die Tanja Boukal anwendet, ist dabei aus mehreren Perspektiven bemerkenswert. Einerseits gelten diese Fertigkeiten, die in unserer (mitteleuropäischen) Gesellschaft immer weniger angewendet werden, als veraltet. Gleichzeitig ist in Zeiten digitaler Produktion zunehmend ein Interesse an künstlerischer „Handarbeit“ aufgekommen. Weibliche Handarbeit wird dabei aber immer noch gerne in das unterschätzte Genre von „Textilkunst“ eingeordnet. Tanja Boukal als Künstlerin schafft mit ihrer politisch engagierten Kunst also auch eine Neubetrachtung dieser Kategorienzuschreibung.

Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie zeigt Tanja Boukal „Rewind: Obersalzberg“ im MUSA in Wien (bis 21.3.2015) und in der Budapest Gallery in Budapest werden Teile ihrer Serie „Die im Dunklen sieht man nicht“ präsentiert (bis 15.1.2014).
Tanja Boukal lebt und arbeitet in Wien. Der Blog zur Reise nach Melilla ist unter www.boukal.at/blog nachzulesen.