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Artikel von:
Betül Bretschneider

Betül Bretschneider ist Architektur- und Stadtforscherin und arbeitet am Institut für Architektur und Entwerfen, Abteilung Raumgestaltung und nachhaltiges Entwerfen der TU Wien.

Artikel aus Ausgabe 59


dérive - Radio für Stadtforschung
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Komplexität des Leerstandes in einer wachsenden Stadt

Das Phänomen Leerstand rückte gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts im Zusammenhang mit den schrumpfenden Städten Europas und der USA ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach 200 Jahren Industriezeitalter verloren eine Reihe von Metropolen durch die Deindustrialisierung nicht nur ihre Produktionsstätten, sondern auch Teile ihrer Bevölkerung. Diese Verluste führten zu einem breiten Leerstand, sowohl in Baubeständen als auch an Industriestandorten. Ganze Straßenzüge, Häuserzeilen oder Stadtgebiete blieben leer und verwahrlosten.
Die Problematik der großflächigen Leerstände in den ehemals bedeutendsten Industriestädten wie Detroit oder Liverpool und Manchester, deren Stadtzentren zunehmend verelendet waren, rückte in den Fokus der Fachdiskussion. Für den Leerstand war nicht nur die post-fordistische Krise verantwortlich, sondern auch ihre expandierenden Begleiterinnen wie Segregation oder De-Urbanisierung durch Zersiedelung. Die Bilder der in Brand gesteckten Häuser im Zentrum Detroits oder die zum Teil noch von Kriegsschäden geprägte Leere in und um Liverpools Innenstadt zeigten wie dramatisch die Situation geworden war. (Bretschneider 2007)
Demgegenüber wurde zeitgleich die Osthälfte Deutschlands zum Symbol des schwierigen post-sozialistischen Strukturwandels in Osteuropa. Die Leerstände in Städten wie Leipzig und Dresden, vor allem aber auch in einer Reihe kleinerer Städte nicht nur in Sachsen-Anhalt im Osten Deutschlands, sondern auch in Nordrhein-Westfalen im Westen, forderten Stadtpolitik und Fachkreise heraus.1 Gründe wie plötzlicher Verlust von Industriearbeitsplätzen, Zersiedelung, Automobilisierung und Abwanderung der StadtbewohnerInnen in die Peripherie schwächten auch in diesen Regionen die zentralen Stadtgebiete. (...)

1
Beispielsweise das Untersuchungsprojekt Schrumpfende Städte, das zwischen 2002 und 2008 von Philipp Oswalt (Berlin) in Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Zeitschrift Archplus getragen wurde. (www.shrinkingcities.com) Anschließend behandelte auch IBA Stadtumbau 2010 das Thema Leerstand mit diversen Projekten.