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Artikel von:
Udo W. 
Häberlin

Artikel aus Ausgabe 59


dérive - Radio für Stadtforschung
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Kleinteilige Quartiersentwicklung statt Allmachtsphantasien und megalomaner Stadtideologien

Die Stadtaktivistin und Autorin Jane Jacobs und vor allem ihr Anfang der 1960er-Jahre erschienener Bestseller Tod und Leben großer amerikanischer Städte sind weit über die urbanistischen Disziplinen hinaus einem interessierten Publikum bekannt. Nach ihrem Tod 2006 wurden die sogenannten Jane’s Walks gegründet, die mittlerweile in zahlreichen Städten einmal pro Jahr stattfinden. Von Dirk Schubert, Professor an der HCU Hamburg, der seit vielen Jahren zu Leben und Werk von Jane Jacobs forscht (siehe beispielsweise seinen Text 50 Jahre Jane Jacobs “Death and Life of Great American Cities“ in dérive 45), liegt nun ein Buch vor, das sich nicht nur im engeren Sinne mit Jacobs beschäftigt, sondern auch mit dem gesellschaftlichen Klima und der kulturellen und politischen Aufbruchstimmung der 1960er Jahre, dem Fachdiskurs der damaligen Zeit, aber auch – wie es im Titel heißt – der Zukunft der Stadt.
Schubert verortet Jacobs Engagement nicht nur im New York ihres Gegenspielers Robert Moses, dem damaligen, sehr einflussreichen Leiter der New Yorker Stadtplanung, sondern lässt Bob Dylan genauso The times they are a changin’ singen, wie er die Dokumentation The Burning Would von Marshall McLuhans aufgreift oder den Leser und die Leserin die Atmosphäre des Greenwich Villages atmen lässt. Es ist die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und von Martin Luther King, der Militanz der Black Panther Party und der Gegenkultur, der WeltverbesserInnen genauso wie der Präsidentschaft von John F. Kennedy.
Der Mythos um Jacobs verlangt nach einer umfassenden Auseinandersetzung mit den Kämpfen und Diskussionen ihrer Zeit, insbesondere der technokratischen Projekte in Bulldozermanie (Flächensanierung, Highways) des Planungszars Robert Moses. Jacobs Agitation gegen Flächenverbrauch und Ressourcenverschwendung bei wachsender Stadtbevölkerung wurde global zum großen Thema. Die Beiträge von ZeitgenossInnen und Fachleuten wie Victor Gruen, W. H. Whyte, Kevin Lynch oder Alexander Mitscherlich greift Schubert ebenso auf, wie er das Selbstverständnis von Planern und Planerinnen, ihre jeweiligen Legitimationen und Diskussionen analysiert. Hier fallen Stichworte und Phrasen wie: Planer als städtische Chirurgen (à la Le Corbusier), Reformer des Kapitalismus, unerbittliche Modernisten (Richard Sennett), Planungstechnokratin oder Techniker-Eliten mit Autofahrer- oder Vogelperspektive, rationale Maximiererin individueller Bedürfnisbefriedigung bis zu Denkmalpflegern oder gemeinwesenorientierten AnwaltsplanerInnen der kleinen Leute und Minderheiten, ….
Schubert beschränkt sich aber nicht nur auf die Planungsdisziplinen, sondern geht auch auf die relevanten Ansätze in Soziologie, Ökonomie und den Ingenieurwissenschaften ein.
Das Buch ist eine wertvolle Fundgrube zur Vertiefung und Sensibilisierung der Themen Strukturwandel, Dichte, Funktionsmischung, freiwillige Segregation oder subjektive Sicherheit und Kontaktvielfalt. Es reflektiert auch Fachdiskurse um Lewis Mumford, Jean Gottmann, Hans Blumfeld Werner Sombart, Hans Paul Bahrdt, Mike Davis, Robert Lucas, Richard Florida, Kisho Kurokawa und ordnet sie den jeweiligen Argumentationssträngen zu. Schubert liefert zu Devianz, zu Stadtplanung von unten und der häufig auf die drei Ds verkürzten Formel density, diversity, disorganized-complexity eine erhellende Auseinandersetzung einzelner Strömungen und prägender Ideologien. Besonders ergiebig ist die Auseinandersetzung aus europäischer Sicht. Hier fällt die Analyse auf historisch komplexere Entwicklungsstrukturen wie die der kompakten Stadt und besitzt andere Voraussetzungen für die Anwendung und Weiterentwicklung. Der von Jane Jacobs angestoßene Paradigmenwechsel von intakter Nachbarschaft, Quartiersentwicklung und direkter Demokratie und die (darauf aufbauenden) neuen Leitbilder treffen auf unterschiedliche Realitäten. Jacobs’ heute wieder sehr aktuelle Forderung nach Berücksichtigung von NutzerInneninteressen, starkem öffentlichem Raum, sozialer Durchmischung und Nischen für Kreativität, Grätzelbildung und -identität, Gemeinschaftsgeist bzw. aktiver Partizipation unterstreicht die Bedeutung der Auseinandersetzung im vorliegenden Buch.
Schuberts umfassende Recherche bietet Argumentationshilfe für Kritiker und Kritikerinnen von unurban urbanization (Suburbs oder Sprawl, deren Flächenausdehnung ohne städtischer Dichte nicht mit öffentlichem Verkehr erschlossen werden kann) und könnte damit dem von Jacobs erhofften Durchbruch zu einer Stadt der kurzen Wege – also lebendigen, fußgängerfreundlichen Quartieren – befördern. Indem Schubert aktuelle Debatten und Argumente rund um Gentrifizierung, Gender Issues und Recht auf Stadt einbringt, erzeugt er einen neuen Mehrwert im Geiste von Jane Jacobs.

Dirk Schubert
Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt. Diskurse – Perspektiven – Paradigmenwechsel
Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2014
355 Seiten, 66 Euro