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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 59


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Harry Glück - Funktionalismus mit menschlichem Antlitz (nur online)

Die Bauten des österreichischen Architekten Harry Glück, dem die vorliegende Publikation gewidmet ist, sind schwer zu fassen. Sie lassen sich in die üblichen Kategorien nur schwer einordnen. Mit vorschnellen Urteilen liegt man deswegen auf jeden Fall falsch. In Wien ist Harry Glück in erster Linie durch den Wohnpark Alt Erlaa bekannt und – so meinten viele vor allem ArchitektInnen lange Zeit – berüchtigt. Alt Erlaa ist eine Großsiedlung mit 3.200 Wohnungen im Süden von Wien, gebaut in den 1970/80er Jahren. Also just zu jener Zeit als die Rede von den trostlosen Schlafstädten bereits zum funktionalismuskritischen Standardvokabular gehörte, der französische Wohnbauminister Bauprojekte mit mehr als 2.000 Wohneinheiten verboten hat und die Siedlung Pruitt-Igoe in St. Louis (USA) gesprengt wurde. Der Architekturtheoretiker Charles Jencks bezeichnete dieses Ereignis bekanntlich als die Geburtsstunde der Postmoderne, wie Christian Kühn in seinem Beitrag im vorliegenden Band erwähnt.
Der Hinweis auf Pruitt-Igoe ist insofern interessant als es hier trotz vieler Unterschiede auch Parallelen zu Alt Erlaa gibt. Eine dieser Parallelen ist das Auseinanderklaffen von Eigen- und Fremdwahrnehmung. Wie der äußerst sehenswerte und aufschlussreiche Dokumentarfilm The Pruitt-Igoe Myth: an Urban History zeigt, waren die BewohnerInnen von Pruitt-Igoe in den ersten Jahren überglücklich in solch komfortablen Wohnungen leben zu dürfen und ebenso stolz auf ihre Siedlung. In der vor allem medial vermittelten Außenwahrnehmung herrschte allerdings bald ein anderes Bild. Eines das vorzugsweise von Kriminalität, Verwahrlosung und moralischem Verfall zu berichten wusste. Der Wohnpark Alt Erlaa, der also zu einer Zeit errichtet wurde, als der funktionalistische Städtebau kaum ein schlechteres Image hätte haben können, wurde von der Architekturkritik entsprechend abgeurteilt. Doch auch hier lebten und leben die Bewohner und Bewohnerinnen zur offensichtlichen Überraschung der KritikerInnen glücklich und zufrieden. Studien über die Wohnzufriedenheit ergeben regelmäßig höchste Werte. Im Unterschied zu Pruitt-Igoe ist die Kritik mittlerweile jedoch weitgehend verstummt. Der riesige Unterschied ist natürlich, dass Pruitt-Igoe sowohl politisch als auch baulich völlig vernachlässigt wurde, wohingegen Alt Erlaa vorbildlich in Stand gehalten und betreut wird.

Friedrich Achleitner, einer der damaligen Kritiker, bezeichnet Alt Erlaa heute, befragt von Reinhard Seiß, dem Herausgeber der Publikation über Harry Glück, als „bemerkenswert“ und erläutert die damaligen Kritikpunkte aus heutiger Sicht. Die Kritikpunkte eines weiteren heftigen Kritikers des funktionalistischen Städtebaus, Henri Lefebvre, stehen in der aktuellen Folge von Manfred Russos Serie zur Geschichte der Urbanität von dérive (S. 51-55) im Mittelpunkt. Henri Lefebvre wusste jedoch durchaus zwischen Wohnqualität und einer gesellschaftspolitischen Kritik zu unterscheiden. Ausstattung und Komfort der Wohnungen zollte Lefebvre Respekt, seine scharfe Kritik galt dem Einzug des Funktionalismus’ in den Alltag und somit seiner Kolonisierung.

Hat Harry Glück eine Geheimformel entdeckt, um seine Wohnbauten vor Monotonie, Langeweile, Trostlosigkeit und Vandalismus zu schützen bzw. was macht(e) er tatsächlich anders als viele andere ArchitektInnen? Durchforstet man das Buch, findet man einige Antworten, manche Fragen bleiben trotzdem offen. Eine Antwort ist, dass Glück sich intensiv mit der Ökonomie des Bauens beschäftigt und es ihm deswegen gelingt, in für ihn weniger wichtigen Bereichen Geld zu sparen und diese in für sein Konzept wichtige Bereiche umzuschichten. Eine weitere Antwort ist, dass Glück sich nach Fertigstellung seiner Bauten laufend darüber informiert, wie sie funktionieren und angenommen werden, und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in seine nächsten Projekte mitnimmt. Harry Glück kümmert sich wenig um diverse ästhetische Trends und hat eine große Überzeugungskraft für seine Ideen entwickelt, von der sich die Bauherren überzeugen lassen. Diese wissen, dass es auch ökonomisch sinnvoll ist, Glücks Konzepte umzusetzen. Leerstand ist unbekannt, von Vandalismus hört man ebenfalls nichts und Sanierungen sind weit weniger häufig notwendig als im üblichen Durchschnitt. Glück ist außerdem davon überzeugt, dass privater Grünraum für die BewohnerInnen essenziell ist, weswegen das Terrassenhaus sein bevorzugter Typ ist.

Die Bereiche, in die Harry Glück eingespartes Geld investiert, sind z.B. Schwimmbäder auf dem Dach, die als eines seiner Markenzeichen gelten dürfen. Neben der hohen Ausstattungsqualität, zu der Schwimmbäder natürlich beitragen, erfüllen sie für Glück in ganz besonderem Maße die Möglichkeit zu Kommunikation und Kennenlernen auf Augenhöhe. Soziale Unterschiede lassen sich bei einer Begegnung in Badekleidung viel schwerer ablesen als in den meisten anderen Situationen. Diese ungezwungenen Kontakte sind offenbar auch einer der Gründe, warum Hobbyräume und das Vereinsleben außerordentlich gut funktionieren. Während man all diese Argumente im Buch, vorgebracht durch BewohnerInnen, MitarbeiterInnen, BauträgerInnen, ArchitektInnen u.a., liest und staunt, wie einfach es eigentlich gehen könnte, fragt man sich dann doch, ob das alles sein kann. Der erste Gedanke, die Bewohnerschaft sei wohl kulturell und sozial relativ homogen, wird zwar z.B. von einer Bewohnerin zurückgewiesen, aber es würde einen trotzdem interessieren, wie hoch z.B. die Zahl der Arbeitslosen und SozialhilfeempfängerInnen im Vergleich zu anderen Großsiedlungen tatsächlich ist. Wenn man davon ausgeht, dass die meisten Bewohner und Bewohnerinnen in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren eingezogen sind, die Fluktuation der MieterInnen sehr niedrig ist und Wohnungen oft innerhalb der Familie weitergegeben werden, drängt sich doch der Gedanke auf, dass die Gründe für das gute Funktionieren des Zusammenlebens auch mit ähnlichen Alterskohorten und übereinstimmendem soziokulturellen Background zusammenhängen. Ob das Rezept also heute – in einer viel differenzierteren Gesellschaft – ebenso gut aufgehen würde, ist deswegen fraglich. Andererseits haben ja z.b. große Siedlungen wie Petržalka in Bratislava in realsozialistischen Zeiten auch deswegen gut funktioniert, weil die ganze Gesellschaft vertreten war, wobei diese natürlich systembedingt grundsätzlich gleicher war als die westlich kapitalistische. Gleichzeitig kann eine urbane Lösung natürlich nicht das Themenwohnen sein, wogegen sich Glück auch dezidiert ausspricht.
Das von Reinhard Seiß herausgegebene Buch über Harry Glücks Wohnbauten bietet natürlich weit mehr als in dieser Besprechung angerissen wurde. Vor allem geht es nicht nur, wenn auch relativ ausführlich, um den Wohnpark Alt Erlaa. Es gibt einzelne Beiträge zu anderen Bauten wie dem Terrassenhaus Inzersdorfer Straße oder der Verdi-Siedlung und ein Verzeichnis aller Wohnbauten mit ihren 18.000 Wohnungen sowie wunderbare Fotos von Hertha Hurnaus. Glücks Bezug zum Roten Wien ist ebenso Thema wie es eine Diskussion mit AkteurInnen des sozialen Wohnbaus gibt.
Rund um die Themen Urbanität, steigende Bevölkerungszahlen und Mieten sowie sozialer Wohnbau wird es künftig auf jeden Fall neue Lösungen brauchen. Harry Glücks Funktionalismus mit menschlichem Antlitz wird dafür nicht die einzige Antwort sein. Seine Konzepte, Erfahrungen und Methoden bieten aber auf jeden Fall wichtige Ansätze, die in der Debatte präsent bleiben sollten. Glücks generellem Credo „Luxus für alle“ ist ohnehin zu 100 Prozent beizupflichten.

Reinhard Seiß (Hg.)
Harry Glück. Wohnbauten
Salzburg: Müry Salzmann, 2014
240 Seiten, 48 Euro