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Artikel von:
Klaus Ronneberger

Klaus Ronneberger, Studium der Kulturanthropologie und europäischen Ethnologie, der Soziologie und Politikwissenschaft. Langjähriger Mitarbeiter am Institut für 
Sozialforschung Frankfurt am Main. Gegenwärtig freier Publizist.

Artikel aus Ausgabe 60


dérive - Radio für Stadtforschung
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Henri Lefebvre und die Frage der Zentralität

Den intuitiv fesselnden Slogan vom Recht auf die Stadt hat Henri Lefebvre 1968 – im Jahr der internationalen Studentenrevolte – erstmals auf die politische Agenda gesetzt. Dem
französischen Philosophen und Raumtheoretiker geht es bei dieser Parole um Ziele, die über die herrschenden Gesellschafts- und Produktionsverhältnisse hinausweisen: »Kritik der Politik im allgemeinen und der Politiker und politischen Parteien im besonderen, Kritik des bestehenden Staates und Kritik des Staates schlechthin. Nur ein globales Projekt kann alle Rechte, die der Individuen und die der Gruppen, definieren und verkünden, indem es die Bedingungen ihrer praktischen Verwirklichung bestimmt. Heben wir unter diesen Rechten hervor das Recht auf die Stadt (das Recht, nicht aus der Gesellschaft und der Kultur abgedrängt zu werden in einen Raum, der zum Zweck der Diskriminierung produziert wurde) und das Recht auf Abweichung (das Recht, nicht von notwendigerweise homogenisierenden Mächten in vorgegebene Kategorien gepresst zu werden).« (Lefebvre 1974, S. 42) Das Recht auf Stadt formuliert Lefebvre somit weniger aus einer juridischen Perspektive, sondern er konzipiert es vor allem als ein soziales Projekt. »An dieser Arbeit kooperieren bereits die Teilgruppen, vor allem jene, die die Zentralgewalt an die geistige, gesellschaftliche und räumliche Peripherie abgedrängt hat: die Frauen, die Jugendlichen und die ›Benachteiligten‹. Wenn die Peripherie auch machtlos und in der Isolierung zur Beschränkung auf örtliche und punktuelle Revolten verurteilt bleibt, so hat sie doch die Möglichkeit, die Zentren zu überrennen, sobald diese ins Wanken kommen« (ebd., S. 43).
Lefebvre dekliniert sein Vorhaben immer wieder neu durch. In Le droit à la ville (1968) spricht er vom Recht auf die Stadt. Doch seit La révolution urbaine (1970) hat der Begriff Stadt nur noch eine ideologische Bedeutung. Nun ist vom Recht auf Zentralität bzw. dem Recht auf die Straße die Rede, das mit einem Projekt der allgemeinen Selbstbestimmung (Autogestion) verknüpft werden müsse (Lefebvre 2014, S. 160). Später verwendet der Philosoph die Formel vom Recht auf die Differenz und schließlich geht es ihm um Bürgerschaftsrechte
(vgl. Gilbert/Dikeç 2008). […]