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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 61


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Pasolini, Lefebvre, Tati und die Kritik des fordistischen Alltags

Beim urbanize-Festival 2012 hat Klaus Ronneberger im Wiener Filmmuseum einen höchst interessanten Vortrag zur Urbanismuskritik von Guy Debord, Henri Lefebvre und Jacques Tati gehalten. Vor kurzem ist eine Publikation von ihm erschienen, in der er das Thema wieder aufgreift, nur dass er Guy Debord durch Pier Paolo Pasolini ersetzt.
Die drei Zeitgenossen, die persönlich nicht miteinander in Kontakt standen, werden in jeweils einem eigenen Kapitel „als Kritiker des fordistischen Alltags“ portraitiert. In seiner Einleitung schreibt Ronneberger, dass ihn die Kritik aller drei an der fordistischen Nachkriegsmoderne und der „wachsenden Entfremdung der Menschen von ihren Alltagsbedingungen durch den ,Konsumkapitalismus‘“ sowie an dem damals weit verbreiteten Fortschrittsoptimismus interessiert hat. Unter Peripherie und Ungleichzeitigkeit fasst er das Aufeinanderprallen von der in weiten Teilen noch stark agrarisch geprägten, kleinteilig föderalistischen Gesellschaft Italiens und Frankreichs mit der durch eine staatliche, zentralistische Normierungsstrategie geförderten Modernisierung, die „das Andere, das Vormoderne als Abweichung registriert und gegebenenfalls auch verfolgt“, zusammen. In beiden Ländern kam es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten zu einer starken Landflucht und im Falle Frankreichs auch zu einer transnationalen Zuwanderung, die zu einer umfassenden Urbanisierung führte und die Städte an ihren Rändern wachsen ließ. Industrialisierung und Massenproduktion setzen sich mit – im Vergleich zu England und Deutschland – Verspätung durch und etablierten sich in einer, vor allem in Italien noch in weiten Teilen handwerklich und kleingewerblich strukturierten und geprägten Wirtschaft. Die Kritik der drei Protagonisten schrammt (wenn überhaupt) stets nur äußerst knapp an einer konservativen Nostalgie vorbei und war damals z.B. im Vergleich zu den britischen Cultural Studies und ihrer Einschätzung der Möglichkeiten, sich durch Konsum selbst zu ermächtigen und kreativ zu sein, auf den ersten Blick wohl heillos antiquiert. Pasolini sprach in Zusammenhang mit dem hedonistischen Konsumismus gar von einem „neuen Faschismus“. Aus heutiger Sicht verschwimmen die damals noch klaren Widersprüche. All das, was in der (Massen-)Konsumgesellschaft ursprünglich verschwand, also Handwerk, Authentizität, Ursprünglichkeit, kleinteilige bäuerliche Strukturen, Wissen über Produktionsabläufe, Herstellungsmethoden, Inhaltsstoffe etc., steht heute wieder hoch im Kurs. Der widerständige Charakter existiert allerdings nur noch in Nischen oder ist zur bloßen Attitüde verkommen. Attribute wie Authentizität sind mittlerweile selbst feste Bestandteile der Welt des Konsums.
Pasolini lebte, bevor er nach Rom ging, in einem kleinen Ort im norditalienischen Friaul. Besonders fasziniert war er von Furlan, der Sprache der Region, die dort heute noch sowohl Alltags- als auch Amtssprache ist. Er schätzte ihre Klarheit und die Abwesenheit „von bürgerlichen Metamorphosen und Metaphern“. Eine Faszination, die er später in Rom für den in den Borgate, den ursprünglich informell errichteten Siedlungen der Vorstädte, gesprochenen Jargon erneut aufbrachte. Den Normierungsdruck, der auf Sprachen wie Furlan oder den Verhaltensweisen der BewohnerInnen der Borgate lastete, nahm Pasolini als Nivellierung und „Kolonialisierung subalterner Alltagspraktiken“ wahr.
Ronneberger schildert die Nachkriegs-Stadtentwicklung Roms und Pasolinis ausufernde Streifzüge durch die ihn faszinierende römische Peripherie, deren BewohnerInnen dem allgegenwärtigen Konformismus weniger zu verfallen schienen als die sich entwickelnde italienische Massengesellschaft. Interessant ist Pasolinis Verhältnis zum Katholizismus. Diesen sah er historisch zwar als Machtmittel der Eliten, seine Grundlagen übten trotzdem eine Anziehungskraft auf ihn aus. Seine filmische Auseinandersetzung mit religiösen Themen wurde sicher durch den Umstand gefördert, dass er auch Religion durch die „konsumistische Revolution“ gefährdet sah, da er meinte, die Herrschenden seien für den Machterhalt nicht mehr auf sie angewiesen.
Was Lefebvre mit Pasolini teilt, ist die Wertschätzung einfacher, traditioneller Alltagspraktiken. Was für Pasolini das Friaul, waren für Lefebvre die Pyrenäen, denen er sich zeitlebens verbunden fühlte. Ronneberger registriert eine starke Sympathie für „die sozialen und kulturellen Überreste längst vergangener Hirten- und Bauernrepubliken“ und „[e]ine nostalgische Sehnsucht nach einem nicht entfremdeten Leben“. Das fordistische Konsummodell, dem Lefebvre ebenso kritisch gegenüber stand wie Pasolini, ermöglichte es der westlichen Gesellschaft, „auf offene Gewalt“ zu verzichten. Lefebvre sah Zeit und Raum immer stärker dem Markt unterworfen und somit dem selbstbestimmten Alltag der Menschen entrissen. Lefebvres Kritik am Urbanismus von oben und der Reduktion des Wohnens auf reine Unterbringung in den Grands Ensembles der Banlieues dürfte dérive-LeserInnen weitgehend bekannt sein, weshalb hier nicht weiter darauf eingegangen wird. Somit zu Jacques Tati bei dem die Sehnsucht nach der vormodernen Zeit, dem noch nicht entfremdeten Alltag ebenfalls ständig zu spüren ist. Technizistische Konsumartikel, moderne Möbel und Architektur sowie die neue Arbeitswelt sind in seinen Filmen ständiger Anlass für feinen Spott und treffen auf großes Unverständnis. Der auf der Hand liegende Verdacht, Tati sei völlig technikfeindlich und rückwärtsgewandt und verkläre nur das gute alte französische Landleben mit seiner angeblichen Gemütlichkeit, spießt sich allerdings mit seinen Anstrengungen, seine Filme technisch möglichst perfekt zu produzieren und dabei – ohne Rücksicht auf Verluste – auch auf neueste zum Teil noch unausgereifte Innovationen zu setzen. Ronneberger hebt hervor, dass Tati „manche Mythen der Nachkriegsgesellschaft entzaubert“ und ebenso wie Pasolini und Lefebvre „auf der Suche nach dem Widerständigen gegen die Zumutungen der fordistischen Rationalität“ war. Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine Szene in Playtime, in der ein offensichtlich ohne handwerkliche Sorgfalt errichtetes Restaurant im Laufe eines Abends Schritt für Schritt in Bruch geht, was die Stimmung der Gäste jedoch keineswegs dämpft, sondern – ganz im Gegenteil – vielmehr Anlass für größte Ausgelassenheit ist. Die Absicht, das subversive Potenzial, das genau in solchen Momenten aufblitzt, zu zeigen, vereint Pasolini, Lefebvre und Tati und Ronneberger versteht es, sie in den Werken aller drei aufzuspüren und schärft damit unseren Blick für die Brüche und Risse in der polierten Fassade des kapitalistischen Alltags.

Klaus Ronneberger
Peripherie und Ungleichzeitigkeit. Pier Paolo Pasolini, Henri Lefebvre und Jacques Tati als Kritiker des fordistischen Alltags
Hamburg: adocs, 2015 132 Seiten, 15,90 Euro