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Artikel von:
Elisabeth Haid

Artikel aus Ausgabe 63


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Plädoyer für ein wissensbasiertes Verständnis mitteleuropäischer Architektur [nur online]

Lifting the Curtain, eine Initiative von sechs Institutionen aus Polen, Ungarn, Tschechien, Kroatien und Österreich, hat sich zum Ziel gesetzt, die Rolle der mitteleuropäischen Architektur vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Fall des Eisernen Vorhangs zu beleuchten und neu zu lesen, ihren Einfluss auf historische und gegenwärtige Entwicklungen und Kontinuitäten bis in die Gegenwart nachzuzeichnen.
Den Auftakt des vom Architekturnetzwerk TRACE initiierten und von der Polish Modern Art Foundation (PMAF) organisierten Projekts bildete eine gleichnamige Ausstellung, die erstmals im Rahmen der Architekturbiennale 2014 in Venedig zu sehen war und auf großes Interesse und Resonanz stieß. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Österreichischen Gesellschaft für Architektur wurde die Ausstellung letztes Jahr in Wien gezeigt, mit Belgrad, Zagreb und Budapest folgten drei weitere Stationen. Vergangenes Frühjahr erschien zur Ausstellung in Wien ein von Iris Meder, Azra Charbonnier, Suzanne Kříženecký und Gabriele Ruff herausgegebener Katalog.
Zusammengefasst in sechs Kapitel – Begegnungen, Experimente, Forschung, Transfers, Kollektive und Öffentlichkeit – vereinen Katalog und Ausstellung 36 Case-Studies. Lifting the Curtain „versteht sich nicht als umfassender Überblick“, das Kuratierungsteam beschreibt die Ausstellung vielmehr als „Informationslandschaft, die den Wechsel von einem objekt- zu einem wissensbasierten Verständnis mitteleuropäischer Architektur anregen möchte“, als eine Sammlung von „Fragmenten, Hinweisen und Pfaden auf einer noch unvollständigen Landkarte“.
Die Case-Studies widmen sich Projekten aus Österreich, Ungarn, Polen, der ehemaligen Tschechoslowakei und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Neben der Weltausstellung 1958 in Brüssel — ein Fallbeispiel, das Beiträge aus allen beteiligten Ländern versammelt — werden im Kapitel Begegnungen beispielsweise auch die von der Stadt Warschau und der Vereinigung polnischer Architekten SARP 1972 initiierten Warszawskie Konftrontacje (Warschauer Konfrontationen) präsentiert: 10 Planungsteams aus Belgrad, Kiew, Berlin, Moskau, Prag, Sofia und Warschau wurden eingeladen detaillierte Konzepte für ein neues Wohnviertel für 100.000 BewohnerInnen zu erarbeiten. Diese waren nicht in Hinblick auf ein reales Bauprojekt gedacht, vielmehr sollten sie den Anstoß für Diskussionen bieten und lokale Fragestellungen in einen internationalen Kontext stellen. Aufgrund der großen Resonanz fanden die Warschauer Konfrontationen mit wechselnden Teams bis 1981 alle drei Jahre statt. 1978 wurden auch Teams aus nicht-sozialistischen Staaten eingeladen an dem Projekt teilzunehmen.
Unter den prämierten Einreichungen von 1981 war ein Beitrag eines ungarischen Teams, das aus dem 1979 von 30 ArchitekturabsolventInnen gegründeten und in Ausstellung und Katalog vorgestellten Miskolcer Kollektivhaus hervorging.
Andere Experimente, wie die Überbauungen des tschechischen Architekten Karel Prager oder der SIAL-Kindergarten, sind ebenso Teil der Fallstudien wie verschiedene Magazine und Zeitschriften: Beispielsweise die von Studierenden der Architekturfakultät an der Budapester Technischen Universität redigierte und von der Universität herausgegebene Zeitschrift Bercsényi 28-30. 1963 gegründet, entwickelte sie sich nicht zuletzt aufgrund ihres experimentellen Charakters, der Inhalte und der radikalen Bildsprache zu einer der bedeutendsten Plattformen für Kunst und Architektur in Ungarn vor der Wende. Die ersten Übersetzungen von Schlüsseltexten der Postmoderne, die Schriften Leon Battista Albertis und der sowjetische Konstruktivismus waren Themen von Sonderausgaben.
Auch Beispiele, die heute noch in Wien zu sehen sind, finden sich. Der von Karl Schwanzer entworfene österreichische Pavillon wurde nach Ende der Weltausstellung in Brüssel 1958 – für eine museale Nutzung adaptiert – als Museum des 20. Jahrhunderts im Schweizergarten wieder aufgebaut. 2011 wurde das 20er Haus als 21er Haus neu eröffnet.
Roland Rainer konzipierte gemeinsam mit Carl Auböck 1954 eine von der US-Wirtschaftskommission initiierte Fertighaus-Mustersiedlung in der Veitingergasse, in direkter Nähe zu der 1932 errichteten Werkbundsiedlung. Die Erfahrungen und Eindrücke, die Carl Auböck während eines Studienaufenthalts in Boston am MIT sammelte, und seine Entwürfe aus dieser Zeit waren prägend für das Konzept der Modellhaussiedlung, bestehend aus 15 Prototypen: ebenerdige Bungalows, mit offenem Grundriss, großzügigen Fensterflächen und geschützten Außenbereichen. Nur achteinhalb Stunden dauerte der Bau der mit dem Slogan „Designed for modern living“ angepriesenen Sperrholz-Fertigteil-Häuser. Diese sollten von den KäuferInnen aus einem komplexen Katalog individuell gestaltet und selbst zusammengestellt werden können. Etwa 40.000 BesucherInnen zählte die 6-wöchige Ausstellung — der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus, die Fertighäuser gingen nie in Serienproduktion.
Die Fallbeispiele reichen von Wettbewerben für großmaßstäbliche Planungen und städtebauliche Leitpläne, von visionären Entwürfen und Installationen, technischen Lösungen und Expertisen, über Zeitschriften, Preise, Symposien und Workshops, zu verschiedenen Institutionen, selbstorganisierten Kollektiven und Initiativen. Die am Forschungsprojekt Lifting the Curtain beteiligten Initiativen CCEA (Centre for Central European Architecture, Prag), KÉK (Kortárs Építézeti Központ, Budapest) und die ÖGFA sind ebenfalls Gegenstand von Case-Studies. Anhand von Einzelpersönlichkeiten werden zudem räumliche, institutionelle und persönliche Verflechtungen in Form reduzierter Diagramme aufgezeigt. Auch sie machen deutlich, dass insbesondere die Darstellung von internationalen Netzwerken und grenzüberschreitender Zusammenarbeit im Vordergrund steht.
Lifting the curtain ist als langfristiges, grenzüberschreitendes Forschungsprojekt angelegt. Der in Form der Ausstellung und des Katalogs erfolgte Auftakt zeigt, dass, ungeachtet des Kalten Krieges, nationaler Grenzen, politischer und ideologischer Gegensätze, ein reger Ideen- und Gedankenaustausch, Wissens- und Technologietransfer auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs und darüber hinweg stattfand und bis heute besteht.
Die spannende Auswahl, insbesondere auch an noch unbekannteren Projekten und Begebenheiten, ihre Beschreibung und Aufnahmen aus ihrer Entstehungszeit geben faszinierende Einblicke in eine mitteleuropäische Architekturgeschichte, regen dazu an, sich mit den vorgestellten Beispielen genauer auseinanderzusetzen und machen Lust auf mehr.

Iris Meder, Azra Charbonnier, Suzanne Kříženecký, Gabriele Ruff (Hg.)
Lifting the Curtain. Architekturnetzwerke in Mitteleuropa. Central European Architectural Networks
Salzburg, Wien, Berlin: müry salzmann, 2015
160 Seiten, 19 Euro