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Artikel von:
Katharina Held

Katharina Held studierte Kultur der Metropole an der HafenCity Universität in Hamburg und schloss ihren Master in Urban Studies am University College in London ab. In ihrer forschenden Arbeit setzt sie sich verstärkt mit dem Zusammenhang von Stadt und Nahrungsmitteln, alternativen Konsumpraktiken und Alltagskultur auseinander und ist derzeit als Lehrbeauftragte und Lektorin tätig.

Artikel aus Ausgabe 63


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Stadt als Möglichkeitsraum: Spurensuche [nur online]

Im poststrukturalistischen Diskurs werden Konzeptionalisierung von Stadt und Urbanität vor allem anhand von Dezentralisierungs- und Auflösungsprozessen, Ephemeralität und Mobilität thematisiert. Die Stadt wird deshalb im 21. Jahrhundert vor allem als Möglichkeitsraum gedacht – politisch, kreativ und lebendig. Was aber ist dieser Möglichkeitsraum? Wer oder was zeichnet diese Räume in der kontemporären Stadt aus, gestaltet, produziert, modifiziert, programmiert sie? Wie werden diese Räume greifbar?
Die Landschaftsarchitektin und Urban Designerin Tabea Michaelis macht sich in der englischen Publikation Showtime Wilhelmsburg: A Randonnée of Possibilities auf die Suche nach den Möglichkeitsräumen der Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg. Das Buch – Produkt einer 12-wöchigen Feldforschung – sucht die Frage nach dem Programm des Möglichkeitsraumes aus der Perspektive der Akteur-Netzwerk-Theorie zu beantworten und bedient sich dafür der von Michel Serres geprägten Methode der 'randonnée'.
Der Einstieg in die dreiteilige Arbeit eröffnet LeserInnen den Zugang zu Michaelis' theoretischen Überlegungen anhand eines virtuellen Dialoges mit dem französischen Soziologen Bruno Latour und dem Philosophen Michel Serres. Die programmatische Grundlage der Auseinandersetzung mit dem Feld bildet die 'randonnée', eine Reise querfeldein über die Insel(n). Mit ihrer Kamera macht sich die Forscherin auf den Weg, beobachtet à la Latour, fotografiert, kommuniziert, improvisiert, interveniert, lässt sich vom Feld lenken. Die Offenheit der Methode spiegelt sich auch in der Zusammenstellung der Materialien wider: Fotografien, Texte, Einträge aus dem Feldtagebuch und Zeichnungen fangen das Beobachtete ein. Auch an den dahinter stehenden methodologischen Überlegungen lässt der Prolog die LeserInnen teilhaben. Offen gelegt werden zudem Reflexionen der Rolle der Forscherin, bevor diese abschließend die materialordnende Analysemethode erläutert. Im zyklischen Kodierverfahren der 'Grounded Theory' sichtet Michaelis ihr Material und stellt das (vorläufige) Ergebnis in elf Kapiteln anhand von zweiunddreißig konzeptuellen Begriffen in einem diagrammatischen Katalog vor: das (Alltags)Programm der Elbinseln.
Container, Wohnmobile im Hafen, leere Sonnenblumenkernhülsen und Plastiktüten, PfandsammlerInnen, Eindeichung, Imbisse, Transporter, Hafenfähren, Call-Shops, leerstehende Hallen und Fabriken, Schaufenster, TierliebhaberInnen – der Möglichkeitsraum der Elbinseln wird greifbar in individuellen Aneignungen von Raum, Transformationen, performativen Praktiken, wirtschaftlichen Strategien, Alltagsphänomenen und historischen Zusammenhängen. Kategorien wie 'Aneignungen', 'Insel-Akteure', 'mobile Aktanten', 'performative Praktiken' und 'Mensch-Maschine-Raum' fassen das Feld und verknüpfen Inhalte. Einleitende Textpassagen variieren zwischen detaillierter Beschreibung ihrer Beobachtungen, weiterführender theoretischer Auseinandersetzung, Bereitstellung historischen Hintergrunds und assoziativer Verschlagwortung. Episodenhaft folgen sie der Autorin ins Feld (und wieder hinaus), verdeutlichen einige Sachverhalte, während sie andere nur dokumentieren, spielen mit unterschiedlichen Graden von (Un)Schärfe und lassen so auch Spielraum für weitere Assoziationen offen.
Michaelis gelingt es, in ihrer Arbeit dem Möglichkeitsraum der Elbinseln auf die Spur zu kommen, Akteure zu identifizieren und ihren Assoziationen und Praktiken nachzuspüren. Gleichzeitig verdeutlicht das Buch die Prozesshaftigkeit und Flüchtigkeit dieser Räume, die sich auch in der Komposition und Präsentationsform des Materials ausdrücken. Ihr Vorgehen dokumentiert die Autorin, indem sie LeserInnen an Überlegungen und Fragen, die sich für sie vor und während der Forschung ergaben, teilhaben lässt und diese im fiktiven Dialog mit Theoretikern erörtert. Dies ist die besondere Stärke des Buches, das sein Publikum in die theoretisch-methodologischen Gedankengänge miteinbezieht und dadurch die Plausibilität der Kombination verschiedener Ansätze für das Anliegen der Autorin klarstellt. Zudem erläutert das Buch überzeugend, welchen Mehrwert eine Kombination des Akteur-Netzwerk-Ansatzes mit dem Vorgehen der 'randonnée' mit sich bringt und wie dies ermöglicht, einen Blick auf den gelebten Raum und das 'Dazwischen' zu werfen.
Leider erschwert das äußerst sperrige Layout des Textes den Zugang zu den teilweise poetischen Textpassagen, die bis auf wenige Ausnahmen eine überzeugende Darstellung der Analyse Michaelis' zeichnen. Kurze Abschweifungen in Stereotype und die stilistischen Wechsel im Text – die in ihrer Gesamtheit auch die 'randonnée' spiegeln, in der sich auch Michaelis nicht nur im übertragenen Sinn zwischenzeitlich verlor – lassen jedoch Fragen nach Ein- und Ausschlüssen der Forschung offen.
Michaelis erschließt sich und den LeserInnen die Elbinseln, folgt den Akteuren, Hinweisen, Assoziationen. Unterwegs wird ihr Bild des Feldes immer dichter, facettenreicher. Das vorliegende Buch ist Zeuge ihres Forschungsprozesses und gleichzeitig ein Produkt desselben, das jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Getreu ihres programmatischen Ansatzes bleibt die Arbeit für die Autorin ein 'open book'. Die 'randonnée of possibilities' ist nicht beendet, sie setzt sich auch in den Fragen und Adaptionen der LeserInnen fort.

Tabea Michaelis
Showtime Wilhelmsburg: A Randonnée of Possibilities
Leipzig: Spector Books, 2015
420 Seiten, 24 Euro