|  dérive 69  |  News  |  Verkauf  |  Links  |  Impressum  |  Backlist  |  Autoren  | Ausgabe |
Artikel von:
Anna Kokalanova

Anna Kokalanova ist gebürtige Bulgarin, Stadtplanerin und Stadtforscherin. Neben ihrer Tätigkeit als Koordinatorin der Plattform future.lab an der TU Wien arbeitet sie aktuell an ihrer Dissertation zum Thema Ankommensräume von bulgarischen Minderheiten in Berlin an der HafenCity Universität Hamburg.

Artikel aus Ausgabe 64


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
www.urbanize.at

Newsletter bestellen
http://eepurl.com/fmHIo

Urbane Räume von und für Roma - Das Sprechen über eine unmögliche Notwendigkeit

Am 19. April dieses Jahres, nur elf Tage nach dem Internationalen Roma Tag1, verbreitet sich im Internet ein Video, in dem der 17-jährige Rom Mitko aus Ovchepoltsi in Bulgarien brutal von einem 24-Jährigen verprügelt wird. Grund für diese Aggressivität ist eine Aussage, die Mitko vor der Kamera macht: »We are equal.« Dieser einfache Satz kostete ihn fast das Leben. Eine solche Aussage ist offenbar bei vielen Menschen heutzutage Anlass genug für kaltblütige Brutalität. Der mittlerweile von der Polizei verhaftete Täter filmte sogar den Gewaltakt mit seinem Handy und brüstete sich mit seiner Tat in einem Interview mit dem Sender BTV (Zahariev 2016).
Eine Tat wie diese, mit all ihrer unfassbaren Brutalität, ist nicht spezifisch für Bulgarien, ihre Ursache ist aber Teil unserer gesellschaftlichen Verfasstheit. Sie zeigt, dass im heutigen Europa die Überzeugung, dass es Menschen gibt, denen keine Menschenrechte zustehen, immer noch existiert. Sie zeigt auch, dass viele Menschen eine enorme Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden haben und bereit sind, unfassbare Gewalt auszuüben, um das Eigene zu schützen.
In komplettem Widerspruch zu dieser Haltung gilt der provokative Pop-Folk-Sänger Azis als populärste Person Bulgariens. Als eine Mischung aus George Michael und Madonna, von bulgarischen DurchschnittsbürgerInnen liebevoll Vasko der Schwule genannt, verweist Azis kokett und stolz auf seine ethnische Identität als Rom. In Interviews erzählt er immer wieder, dass er im Frauengefängnis von Sliven zur Welt gekommen ist und dass die einzige Berufschance, die er als junger Rom in Bulgarien gehabt hätte, Friseur gewesen wäre. Sein Auftritt und seine Musik sind eine Provokation par excellence für die gesamte bulgarische Gesellschaft. Azis versammelt alle Vorurteile – tief verankert in der postsozialistischen bulgarischen Seele – auf sich und treibt sie auf die Spitze. Durch diese Exotisierung seines medialen Images ist er zu einer beliebten Ikone des Fremden in Bulgarien geworden.
Das Bild der Roma und der gesellschaftliche Umgang mit diesem Bild schwanken zwischen diesen beiden Polen – Aggressivität und Exotisierung. Das betrifft nicht nur Osteuropa oder Bulgarien, sondern alle europäischen Länder. Während Gypsies und Travellers2 in Großbritannien von Armut, Diskriminierung und Exklusion betroffen sind, taucht Brad Pitt in Guy Richies Film Snatch als exotische Traveller- Figur auf und gewinnt die Herzen der ZuschauerInnen. Während in Europa Roma heutzutage als zunehmendes gesellschaftliches Konfliktpotenzial betrachtet werden, gibt es weiterhin wenig Diskussion darüber. Das Bild der Roma, welches medial, künstlerisch oder wissenschaftlich erzeugt wird, bleibt oft fern der Realität.
Aus diesem Anlass widmet sich der Schwerpunkt dieser Ausgabe jenen Mechanismen einer städtischen Raumproduktion, die in Verbindung mit der Gruppe der Roma stehen. Aus Sicht der Stadtforschung gibt es kaum Arbeiten, die sich explizit mit den Roma auseinandersetzen. Das hat verschiedene Gründe, die in der Romaforschung und der Romapolitik verankert sind und im Folgenden näher erläutert werden. Dabei versteht sich die Romapolitik in ihrer räumlichen Auswirkung auch als eine Stadtpolitik, die einen starken Einfluss auf die Entstehung der urbanen Lebenswelten der Roma hat. Von diesem Ausgangspunkt aus stellen die Beiträge in diesem Heft die unmögliche und dringend notwendige Verbindung zwischen Stadt und Roma her, geleitet von der Frage: Wie werden städtische Räume der Roma produziert? Und dabei steht nicht die ethnische Gruppe im Vordergrund, sondern die gegenwärtige Raumproduktion der Stadtgesellschaft in Europa. […]