|  dérive 67  |  News  |  Verkauf  |  Links  |  Impressum  |  Backlist  |  Autoren  | Ausgabe |
Artikel von:
Michael Hieslmair

Michael Hieslmair studierte Architektur in Graz und Delft. Er lebt und arbeitet als Künstler, Kurator, Kulturwissenschafter und Architekturtheoretiker in Wien. Seit 2005 realisierte er gemeinsam mit Michael Zinganel Workshops, Konferenzen, Ausstellungen und Ausstellungsbeiträge über transnationale Mobilität, Massentourismus und Migration. 2012 gründeten die beiden die Forschungsplattform »Tracing Spaces«. Seit 2014 leiten sie das Forschungsprojekt »Stop & Go. Nodes of Transformation and Transition« an der Akademie der Bildenden Künste. http://mhmz.at, http://www.tracingspaces.net, http://stopandgo-transition.net

Artikel aus Ausgabe 64


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
www.urbanize.at

Newsletter bestellen
http://eepurl.com/fmHIo

Sofia–Express - Alltag am Verkehrskorridor

Trotz Vollmitgliedschaft der Herkunftsländer der Passagiere und des seit 2013 uneingeschränkten Zutritts zum EU-weiten Arbeitsmarkt besteht nach wie vor ein großes Lohn- und Preisgefälle zwischen Ländern des ehemaligen Westens und Ostens Europas. Daher pendeln sehr viele Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus auch zwischen Österreich und Bulgarien.
Ihre Transportmittel und damit die verbindenden Gefäße, die sich auf den großteils voll ausgebauten Straßenkorridoren bewegen, sind insbesondere für jene, die kein Auto besitzen oder selbst fahren wollen, Klein- bzw. Minibusse mit bis zu neun Sitzplätzen, aber auch große Reisebusse mit 50 Sitzplätzen wie dieser. Zwar sind bei frühzeitiger Buchung die Flugverbindungen zwischen Sofia und Wien heute kaum mehr teurer1, Bustickets sind aber bei kurzfristigen Buchungen deutlich billiger und erreichen auch andere Ziele als bloß die Landeshauptstädte. Vor allem aber ermöglichen sie die kostengünstige Mitnahme von mehreren mitunter auch großvolumigen Gepäckstücken2 – das entscheidende Argument für die Wahl des Verkehrsmittels.
In der multilokalen Lebensrealität der meisten Passagiere gehören Busfahrten über weite Distanzen längst zum Alltag – unter ihnen Fahrer, Touristen, Saisonarbeiter, Pflegekräfte, Studenten, Bettler, Grossmütter usw. Die Stopps entlang der Route bewirken mehrere Re-Gruppierungen der Passagiere und fördern die Kommunikation unter den sozialen und ethnischen Gruppen – als Sitznachbarn, in der Rauchergruppe vor dem Bus, in der Tischgesellschaft an der Raststation, in der Warteschlange vor den Toiletten und bei den Grenzkontrollen. Der überwiegende Teil der Passagiere fährt die Route in regelmäßigen Abständen, bspw. mehrmals pro Woche, immer am selben Wochentag, alle drei Wochen, ein Mal pro Jahr. Sie alle wissen über die Abläufe bestens Bescheid, kennen sich manchmal sogar untereinander oder finden schnell Anschluss zu jemandem aus dem selben Milieu oder aufgrund eines ähnlichen Reisemotivs. Auch Angehörige der Volksgruppe der Roma […]