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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 65


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
www.urbanize.at

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Editorial

Housing the Many – Stadt der Vielen lautet das Thema des 7. urbanize!-Festivals, das dieses Jahr erstmals in Hamburg und Wien stattfindet. Im Mittelpunkt des Festivals stehen die vielfältigen Erfahrungen aus Initiativen und Projekten urbaner Selbstorganisation, die mit alternativen Ansätzen für Stadtentwicklung und Wohnbau längst Wege aufzeigen, wie Stadt von, mit und durch die Vielen geplant werden kann. Gemeinsam mit unserem Ko-KuratorInnen-Team von der Hamburger Planbude und zahlreichen Festivalgästen wollen wir im Lichte der Wohnungskrise und der wachsenden Stadt dazu einladen, gemeinsam über Strategien und Muster einer selbstbestimmten Produktion von Stadt mit Potenzial auf Skalierung nachzudenken, um von der Vielzahl an Einzelprojekten zu Modellen zu gelangen. MitdenkerInnen, MitstreiterInnen und MitwisserInnen sind herzlich willkommen!
Auch diese dérive-Herbstausgabe nimmt sich des Themas an – als vertiefender Reader, Ergänzung und Erweiterung der urbanize!-Diskurse. Der Fokus der acht Schwerpunkt-Texte liegt auf dem Thema Wohnen: Von der Beschäftigung mit grundsätzlichen Aspekten der Wohnungsfrage, der Friedrich Engels bereits 1872 zu Öffentlichkeit verholfen hat, bis zu konkreten Beispielen, die Strategien für ein besseres (und leistbares) Zusammenleben in der Stadt zeigen, als es der derzeit dominierende Wohnungsbau zu leisten vermag.
»Was heißt hier eigentlich bezahlbar?« fragt sich Carsten Praum in seinem Beitrag Der Mythos der Bezahlbarkeit. Er geht der ominösen Drittel-Faustregel auf den Grund, die monatliche Mietkosten von 25 bis 30 Prozent des Einkommens unabhängig von seiner Höhe als leistbar definiert. Ganz so, als ob es unerheblich wäre, ob 70% von 1.200 Euro für das Leben übrig bleiben oder von 3.600 Euro. Bereits in den 1970er Jahren hat Michael E. Stone mit seinem residual income approach dafür ein alternatives Modell vorgelegt, das Praum in seinem Beitrag vorstellt.
Auch Michael Klein, einer der Schwerpunktredakteure dieser Ausgabe, wirft einen Blick zurück in die Geschichte. Er rückt die Wohnungsfrage und die Ansätze ihrer Reform in den Fokus, die „das gesellschaftliche Zusammenleben in Städten und ihre Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert über weite Strecken begleitet und maßgeblich geprägt“ haben. Auch heute, in einer Phase der – auch für die Mittelklasse – zu stark steigenden Wohnkosten, ist das Wohnungswesen samt Nebenaspekten wie Gentrifizierung wieder eines der meist diskutierten Themen.
Danny Dorling zeigt in seinem Artikel am Beispiel Großbritannien, wie negativ sich die Laissez-faire-Politik der letzten Dekaden auf die Lage am Wohnungsmarkt ausgewirkt hat. Während sich viele das Leben in den Städten nicht mehr leisten können und die Qualität der Wohnungen in keiner Weise ihre Preise rechtfertigt, herrscht gleichzeitig Leerstand. Dorlings Forderung: »Housing in the UK needs to be for homes, not
for investment«.
Einen Blick auf die Alltagswirklichkeiten des Zusammenlebens werfen Barbara Emmenegger, Meike Müller und Bettina Nägeli. Am Beispiel des Schweizer genossenschaftlichen Wohnbaus, dessen »Grundidee sich mit den Schlagworten Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Gleichheit, Demokratie, Solidarität zusammenfassen lässt«, zeigen sie, welche Herausforderungen sich heute für Nachbarschaft einstellen. Denn auch Wohnbaugenossenschaften sehen sich mit der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz zu Individualisierung und Pluralisierung konfrontiert, die sich in einer »Ausdifferenzierung der Engagementformen« zeigt.
Wie in zahlreichen anderen Städten hat die große Zahl an Geflüchteten in den letzten Monaten auch in Hamburg den schon lange bestehenden Mangel an leistbarem Wohnraum in den Fokus gerückt. Der gleichzeitig aufkommende Protest gegen Großunterkünfte für Flüchtlinge aus der Wutbürgerfraktion hat das Plenum von Recht auf Stadt Hamburg veranlasst, eine Erklärung »gegen die Hysterie – für eine andere Planung« zu verfassen, die wir auf den Seiten 29 bis 31 dokumentieren.
In unseren Breiten noch eher unbekannt, verfolgen in angloamerikanischen Ländern lokale Initiativen mit dem Community Land Trust (CLT) Modell bereits seit Jahrzehnten einen ähnlichen Ansatz wie das Mietshäusersyndikat, zu dem es in den letzten dérive Heften Beiträge gab. Udi Engelsman, Mike Rowe und Alan Southern analysieren an zwei eindrucksvollen Beispielen aus Boston und New York die unterschiedlichen Phasen der Entwicklungsgeschichte zweier CLTs.
Die Initiative Neustart Schweiz hat wiederum ein umfassendes Konzept entwickelt, das sich Fragen des Wohnens und Zusammenlebens, der Mobilität, der Arbeitswelt und der Nachhaltigkeit widmet und eine Lösung in Form eines Nachbarschafts-Modells vorschlägt. Eine erste Umsetzung des Modells ist mit dem Projekt NeNa1 geplant, das Fred Frohofer, einer der Akteure der Initiative, unter dem ambitionierten Titel Urbane Weltrettung vorstellt.
Eine weitere konkrete Initiative, die sich den Themen Zusammenleben und der Verbindung von Wohnen, Arbeiten, Kunst und Kultur widmet, ist das Haus der Statistik, ein seit vielen Jahren ungenutzter Gebäudekomplex auf dem Berliner Alexanderplatz. Die gleichnamige Initiative will ihn zu einem Zentrum für Geflüchtete, Soziales, Kunst und Kreative entwickeln. Florian Schmidt, Christian Schöningh, Maria Munoz Duyos und Claudia Hummel stellen Geschichte und Pläne der Initiative vor. Andreas Hofer ergänzt den Beitrag um einen Kommentar zu den Perspektiven eines Urbanismus von unten, der auf einer gemeinwohlorientierten Ökonomie basiert und den Schritt vom Besetzen zum Besitzen macht.
Housing the Many – Stadt der Vielen erkundet Wohnen als politisches Thema, das untrennbar mit Fragen des Zusammenlebens, von Besitz und Eigentum, der Verteilung von Ressourcen, und damit dem Recht auf Stadt und dem Recht auf Zentralität zu tun hat.