|  dérive 69  |  News  |  Verkauf  |  Links  |  Impressum  |  Backlist  |  Autoren  | Ausgabe |
Artikel von:
Barbara Emmenegger
Meike Müller 
Bettina Nägeli 
 none 

Barbara Emmenegger ist Soziologin und Raumforscherin. Sie ist Professorin und Projektleiterin am Institut für Soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Meike Müller ist Sozialwissenschaftlerin. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Bettina Nägeli ist Kulturanthropologin. Sie war bis vor kurzem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und ist neu Mitarbeiterin Kommunikation bei der Fachhochschule Bern.

Artikel aus Ausgabe 65


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
www.urbanize.at

Newsletter bestellen
http://eepurl.com/fmHIo

Nachbarschaften in Wohnbaugenossenschaften Wohnen zwischen Optionen und Verbindlichkeiten

Die Schweiz blickt auf eine über 100-jährige Tradition im gemeinnützigen und genossenschaftlichen Wohnungsbau zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts – vor dem Hintergrund von Wohnungsnot und niedrigen Haushaltseinkommen – erließ der Stadtrat von Zürich u.a. auf Druck der Arbeiterbewegung Richtlinien für die Förderung von Baugenossenschaften durch Landabgabe, günstige Hypotheken und die Übernahme von Anteilsscheinen (vgl. Kurz 2010, S. 37). Zentrales Kernanliegen des gemeinnützigen Wohnungsbaus war und ist bis heute die Befriedigung eines primären menschlichen Bedürfnisses: das Wohnen. Den um die besagte Jahrhundertwende eingeschlagenen Kurs bekräftigten die Zürcher Stimmberechtigten anno 2011: In einer Volksabstimmung wurde ein Grundsatzartikel in der Gemeindeordnung gutgeheißen, wonach der Anteil an Mietwohnungen in der Stadt Zürich im Besitz von gemeinnützigen Bauträgern von heute rund einem Viertel auf ein Drittel im Jahr 2050 erhöht werden soll. Obwohl auch in anderen Schweizer Städten ähnliche Vorstöße an Zustimmung gewinnen, nimmt Zürich diesbezüglich eine Vorreiterrolle ein, die – wenn auch in kleinerem Ausmaß – etwa vergleichbar ist mit derjenigen von Wien.
In diesem Sinne erleben die Wohnbaugenossenschaften in der Schweiz seit Anfang dieses Jahrhunderts eine Renaissance. Dies zeigt sich zum einen an einem quantitativen Wachstum: Bestehende Wohnbaugenossenschaften bieten zusätzlichen Wohnraum an, während zugleich neue Baugenossenschaften entstehen. Daneben werden auch qualitative Veränderungen sichtbar. Wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem Wert auf bauliche und betriebliche Professionalisierung gelegt, so rückt seit der Jahrtausendwende vermehrt das Soziale in den Fokus. Als gemeinnützige Organisationen auf dem Immobilien- und Wohnungsmarkt stehen Wohnbaugenossenschaften an einer Schnittstelle von marktwirtschaftlichen Herausforderungen und sozialen Aufgaben.
Der sozialen Zielsetzung des genossenschaftlichen Wohnungsbaus entspricht in nahezu idealtypischer Weise die kooperative Rechtsform der Genossenschaft, deren Grundidee sich mit den Schlagworten Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Gleichheit, Demokratie, Solidarität zusammenfassen lässt (vgl. Schmid 2005, S. 7 f.). Daran hat sich bis heute nichts geändert (vgl. Art. 828 ff. Obligationenrecht). Gegenwärtig sehen sich die Wohnbaugenossenschaften jedoch mit einem Wandel konfrontiert: Entsprechend der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz zu Individualisierung und Pluralisierung ist generell auch auf genossenschaftlicher Ebene eine Ausdifferenzierung der Engagementformen zu beobachten, welche die Genossenschaften in ihrem Grundgedanken herausfordern. Diese Herausforderung war mitunter der Impuls für ein Forschungsprojekt, welches wir in der Folge in Kürze vorstellen. […]