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Artikel von:
Laurence Guillon

ist seit 2010 Ass. Professorin für Deutsche Geschichte an der Universität Paris-Ouest Nanterre La Défense. Studium der Germanistik an der Universität Paris III – Sorbonne Nouvelle (2009). Jüngste Publikation gemeinsame Herausgeberschaft mit Heidi Knörzer: Berlin und die Juden. Geschichte einer Wahlverwandtschaft? Berlin, Neofelis-Verlag, 2015 und Berlin et les Juifs. XIXe-XXIe siècles, Paris, Editions de l’Eclat, 2014. Gemeinsam mit Katja Schubert: Deutschland und Israel/Palästina von 1945 bis heute, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2014.

Artikel aus Ausgabe 66


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Das Phänomen der jüdischen Berlinophilie

Der französische Philosoph und Kunsthistoriker Jean-Michel Palmier, der sich lange in West-Berlin aufhielt, machte in den siebziger Jahren folgende Erfahrung: »Viele Juden, die dem
Tod entkommen sind, Überlebende der Konzentrationslager, sind nach Berlin zurückgekehrt, um dort zu leben. Wenn ich mich mit ihnen unterhielt, wurde ich oft von ihrer Liebe zu dieser Stadt überrascht.« (Palmier 1989, S. 188) In der Tat: Wer könnte von dieser Liebe nicht überrascht sein? Berlin war doch zum Zentrum des NS-Apparates geworden. Die Ausstellung Topographie des Terrors und die Wannsee-Villa zeugen von dieser Verwicklung der Stadt ins systematische Verbrechen. Von Berlin aus wurde die Entscheidung getroffen, Millionen Juden in den Tod zu schicken. Wie war jüdisches Leben dort nach 1945 überhaupt möglich? Ein Argument, das nicht zuletzt vom Jüdischen Weltkongress aufgeworfen wurde.1 Nach 1945 waren die Lebensbedingungen in der Trümmerstadt übrigens kaum auszuhalten. Hinzu kamen die politischen Verhältnisse: Der sich anbahnende Kalte Krieg konnte den jüdischen Überlebenden der Shoah nur zusätzlichen Schaden zufügen. Dazu äußerte sich Der Weg, das Organ der in Berlin wieder gegründeten Jüdischen Gemeinde, ganz deutlich (Der Weg, 13.2.1948, S. 1). Rein objektiv gesehen erschien das geteilte Berlin als der abschreckendste Ort überhaupt für die jüdischen Überlebenden der Shoah. In seinem Tagebuch schrieb Alfred Kantorowicz bezüglich der Berliner Verhältnisse nicht zufällig: »Das besonders Unheimliche ist die Gewöhnung an das Widernatürliche« (Kantorowicz 1978, S. 446). Diese unverständliche Anziehungs- kraft Berlins auf Juden und Jüdinnen – hat sie sich letztendlich als so unheimlich erwiesen? […]