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Artikel von:
Tobias Metzler

studierte Geschichte, Politikwissenschaft, Judaistik und Deutsche Philologie in Berlin und Yale. Er ist Dozent für Globalgeschichte und transnationale Studien an der Thammasat Universität Bangkok sowie Fellow des Parkes Institutes der Universität Southampton.

Artikel aus Ausgabe 66


dérive - Radio für Stadtforschung
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urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
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Der dunkle Kontinent unweit des Hauptpostamts. Das jüdische London aus (post)kolonialer Perspektive

Michel Foucault hat für Orte, in denen Räume, die für gewöhnlich unverbunden oder gar inkompatibel sind, räumlich zusammengeführt werden, den Begriff Heterotopie geprägt. Ein zentrales Charakteristikum dieser sich in ständigem Wandel befindlichen Andersorte ist ein Nebeneinander von Öffnung und Abschließung, das sie zugleich gegen ihre Umwelt abschottet und nach außen hin durchlässig macht und somit die stringente Trennung zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen hier und dort infrage stellt (Foucault 1994, S. 752–762).
Das Ghetto ist einer dieser urbanen Andersorte – eine Heterotopie. In ihm laufen gegenläufige räumliche Dimensionen und Vorstellungen zusammen: Ort der Exklusion und Rückzugsraum, Stadt und Schtetl, urbane Peripherie und Zentrum einer Parallelkultur. Das Ghetto ist also keineswegs ein fixierter, lokaler Mikrokosmos, sondern vielmehr Gegenstand eines fortwährenden komplexen Wandlungsprozesses. Das Ghetto wird im Verlauf dieses Prozesses zum liminalen Stadtraum, zum Grenzbereich sich überlagernder imaginärer und materieller Topographien, lokaler und transnationaler Dimensionen.
Am Beispiel des Londoner East End um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lassen sich diese Verflechtungen divergierender urbaner Raumkonstruktionen besonders gut aufzeigen. Darüber hinaus weist der Fall London auf das enge Ineinanderwirken von modernem Stadtentwicklungsdiskurs, Fortschrittsglauben und kolonialem Projekt hin, der in der Auseinandersetzung um das urbane Ghetto einen Kristallisationspunkt fand. Indem sich das Ghetto räumlich wie kulturell dem hegemonialen Zugriff des dominierenden Modernisierungsdiskurses entzog, verlagerte es die Auseinandersetzung um die für die Legitimierung und damit die Aufrechterhaltung des kolonialen Projektes essenziellen Dichotomien in den Stadtraum selbst. Neben dieser allgemeingesellschaftlichen Dimension spielte die dem Topos Ghetto inhärente Ambivalenz eine entscheidende Rolle in der zeitgenössischen Auseinandersetzung um städtische Andersorte und führte dazu, dass grundlegende Fragen moderner jüdischer Identität in der Debatte um das großstädtische Ghetto eine immer zentralere Rolle einnahmen. […]