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Artikel von:
Katharina Held

Katharina Held studierte Kultur der Metropole an der HafenCity Universität in Hamburg und schloss ihren Master in Urban Studies am University College in London ab. In ihrer forschenden Arbeit setzt sie sich verstärkt mit dem Zusammenhang von Stadt und Nahrungsmitteln, alternativen Konsumpraktiken und Alltagskultur auseinander und ist derzeit als Lehrbeauftragte und Lektorin tätig.

Artikel aus Ausgabe 67


dérive - Radio für Stadtforschung
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Nahrungsmittel in der Stadt, Nahrungsmittel aus der Stadt Vorwort zum Schwerpunkt

Vorwort zum Schwerpunkt

Food „emerges as something with phenomenal power to transform not just landscapes, but political structures, public spaces, social relationships, cities“ (Steel 2009).


Nahrungsmittel sind als fundamentaler Bestandteil menschlichen Lebens auf vielfältige Weise in das städtische Alltagsleben eingebunden, sie verändern öffentliche Räume, das allgemeine Stadtbild, die Stadtpolitik, durchdringen städtisches Leben und produzieren Stadt und Urbanität: Als Orte der Nahversorgung sind Supermärkte, Kioske, Bäckereien etc. fester Bestandteil des Stadtbildes. Sie tragen zusammen mit Restaurants, Cafés und Imbissen zur Atmosphäre eines Stadtteils bei, bestimmen das öffentliche Leben. Im Konsumraum Stadt entfaltet Ernährung Wirkmacht, stellt doch die Nahrungsmittelindustrie einen großen Teil des Umsatzes und der Arbeitsplätze städtischer Wirtschaft. Das Transportaufkommen für die Lebensmittelmassen verdichtet den Stadtverkehr. Auch für das Image einer Stadt sind Nahrungsangebot und lokale Spezialitäten von Bedeutung: Durch Stadtmarketing wird auch die Restaurant- und Gastronomieszene wichtiges Aushängeschild und das Essensangebot ein distinktiver Faktor von Städteprofilen.
Die Verbindung zwischen Essen und der Stadt ist aber zunächst vor allem eine historisch gewachsene, symbiotische Verknüpfung. Städtische Ernährungssysteme stellen eine der wichtigsten Infrastrukturen menschlicher Siedlungen und gleichzeitig auch die Voraussetzung für städtisches Wachstum dar. Vorindustrielle Städte versorgten sich zumeist autark aus der unmittelbaren Umgebung oder sogar aus dem eigenen Stadtgebiet heraus. Aufgrund schlechter Transportbedingungen und vor allem der wenigen und technisch nicht ausgereiften Konservierungsmöglichkeiten waren der Anbau von Obst und Gemüse sowie die Haltung von Vieh notwendigerweise städtische Praktiken (Stierand 2008): Überwiegend (urban)landwirtschaftlich genutzte Freiflächen bestimmten das Stadtbild, Märkte bildeten einen räumlichen und sozialen Mittelpunkt. Zunehmende Urbanisierung, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt (Erfindung neuer Konservier-Methoden wie der Konservendose) und mobiler Handel heben ab dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die räumlichen Beschränkungen des städtischen Ernährungssystems auf. Im Zuge der Globalisierung entkoppelt sich die Erzeugung der Lebensmittel vom Wohnort: Produktions-, Konsum- und Verbrauchsräume rücken noch weiter auseinander.
Seit den neunziger Jahren finden die gesellschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Zusammenhänge des globalen Nahrungsmittelsystems stärkere Beachtung in urbanen Disziplinen, wobei viele der jüngsten Studien über Nahrungsmittel und Städte zumeist die gesicherte Versorgung und gesunde Ernährung der Bevölkerung in den Fokus rücken. Städtische Ernährungssysteme sind von zentraler Bedeutung in einer Welt, in der die Versorgung großer Teile der urbanen Bevölkerung aufgrund struktureller Probleme, in Folge von ökologischen und ökonomischen Notlagen und des Massenkonsums nicht gewährleistet werden kann. Urban food planning – beschrieben als “one of the most dynamic and rapidly expanding city-driven global social movements“ (Ilieva 2016) – erörtert Möglichkeiten lokaler Ernährungspolitik und neue Strategien in der Stadternährungsplanung. Aber nicht nur die Wissenschaft und Politik, vor allem auch selbstorganisierte Bürger und Bürgerinnen setzen sich mehr und mehr mit der Frage einer nachhaltigen und gesicherten Versorgung und Entwicklung von Städten auseinander.
Sie engagieren sich in Ernährungsräten, bauen in urbanen Gärten Gemüse an, erdenken Subsistenz-Szenarien und suchen Wege, Lebensmittelüberschüsse in neue städtische Ressourcenkreisläufe zu überführen.
All dies bringt im urbanen Alltag Praktiken hervor, die den Raum der Stadt aktiv mitgestalten. Im großen Themenfeld Nahrungsraum Stadt wirft der Schwerpunkt dieser dérive-Ausgabe einen Blick auf sozial-räumliche Zusammenhänge und Implikationen einiger dieser unterschiedlichen Praktiken von der Produktion bis zum Konsum von Nahrungsmitteln in und aus Städten.

Die Beiträge
In ihrem Artikel zu Urban-Farming in Havanna, Kuba, nimmt Carey Clouse die Besonderheiten des kubanischen Systems urbaner landwirtschaftlicher Produktion in den Blick. Zugeschnitten auf den Kontext, die kulturellen Werte und Restriktionen Havannas, bietet dieses dennoch Ansatzpunkte und Übersetzungspotential für die Versorgung von Städten in der Krise.
Urbane Landwirtschaft ist auch Thema im Beitrag von Sarah Kumnig, der den Kontext neoliberaler Stadtentwicklung hinterfragt. Analysiert wird hier ein Stadtentwicklungsprozess in Wien, dessen grünes Entwicklungsleitbild sowie die Partizipationsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger am Prozess.
Die Tätigkeiten des gemeinsamen Kochens und Essens greift Inga Reimers in ihrem Artikel zu Ess-Settings auf. Anhand zweier Beispiele denkt sie hier über die zentralen räumlichen Elemente solcher temporärer Settings und deren Einbindung in den urbanen Raum nach.
Dass Essen in der Stadt mittlerweile auch in den Medien, von Blogs und Magazinen, als Trend propagiert wird und die Rolle von authentischer Küche, Food Start-Ups und Essen als Kulturerfahrung im Zuge der Gentrifizierungsdebatte diskutiert werden (Zukin 2010, Boniface 2003), reflektieren zwei Beiträge in diesem Schwerpunkt. Miriam Stock spürt unter der Überschrift Falafel gentrified auf der Basis eines Vergleiches des kulinarischen Angebotes in Berlin und Beirut den sich verändernden Geschmackslandschaften dieser Städte und den dafür verantwortlichen Einflüssen nach. In Berlin bleibend widmet sich Katharina Held der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg und dem Diskurs um die Halle, der Widersprüche und Konfliktpotenziale des neuen Food-Trends aufzeigt.


Literatur
Ilieva, Rositsa T. (2016): Urban Food Planning: Seeds of Transition in the Global North. London: Routledge.
Steel, Carolyn (2009): Hungry City. How Food Shapes Our Lives. London: Vintage.
Stierand, Philipp (2008): Stadt und Lebensmittel. Die Bedeutung des Städtischen Ernährungssystems für die Stadtentwicklung. Dissertation. Universität Dortmund. Verfügbar unter: http://speiseraeume.de/downloads/SPR_Dissertation_Stierand.pdf (Stand: 10.02.2017).
Zukin, Sharon (2010): Naked City: The Death and Life of Authentic Urban Places. Oxford & New York: Oxford University Press.
Boniface, Priscilla (2003): Tasting Tourism: Travelling for Food and Drink. Burlington: Ashgate.