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Artikel von:
Christoph Laimer
Elke Rauth 

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Elke Rauth ist Obfrau von dérive - Verein für Stadtforschung und Projektleiterin von urbanize! - Int. Festival für urbane Erkundungen.

Artikel aus Ausgabe 69


dérive - Radio für Stadtforschung
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urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
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Editorial

Sieht man sich einige der Themen der letzten urbanize! Festivals an – Stadt selber machen, Citopia Now oder Do it together – Perspektiven eines kooperativen Urbanismus –, lässt sich unschwer erahnen, dass uns ein demokratischeres Modell von Stadt als das existierende durchaus ein Anliegen ist. Darunter verstehen wir eine Stadt, in der die Bewohner aktive und gleichberechtigte Bürger und Bürgerinnen und keine passiven Konsumenten sind, die sich – je nach Ausstattung mit finanziellem, rechtlichem, kulturellem und sozialem Kapital – ihr Recht auf Stadt leisten können oder eben nicht.
Dieses Jahr lautet der Titel von urbanize!, das von 6. bis 15. Oktober im Wiener Architekturzentrum stattfindet, DEMOCRACitY – Demokratie und Stadt, womit wir uns ein weiteres Mal mit Aspekten dieses für die Zukunft der urbanen Gesellschaft zentralen Themas auseinandersetzen. Das erste urbanize! Festival hat 2010 stattgefunden. Im Zeitraum von damals bis heute gab es die Occupy-Bewegung, den Arabischen Frühling, die Gezi Park-Proteste, die Proteste am Syntagma-Platz in Athen, die Regenschirm-Bewegung in Hongkong, die Platzbesetzungen der Indignados bzw. die 15M-Bewegung in Madrid, Barcelona etc., Proteste in vielen brasilianischen Städten und in jüngster Vergangenheit immer mehr Wahllisten von Initiativen, die sich als Teil einer munizipalistischen Bewegung sehen. Unsere wiederkehrende Auseinandersetzung mit der Thematik hat also durchaus Anknüpfungspunkte mit der alltäglichen Realität in den Städten weltweit und zeigt: We are not alone.
Diese dérive-Ausgabe mit dem schlichten Titel Demokratie stellt sich traditionell dem Festivalthema und steuert einige Beiträge bei, deren Fokus sich mit den Stichwörtern Munizipalismus, Selbstverwaltung, Asamblea, Partizipation sowie Öffentlichkeit und Staat zusammenfassen lassen und im hauseigenen Einleitungsartikel umrissen werden.
Den Beginn des thematischen Readers zum Festival macht Juan Subirats, einer der Gründer der BürgerInnen-Plattform Barcelona En Comú, die 2015 bei ihrem erstmaligen Antreten die Kommunalwahlen in Barcelona gewonnen hat und mit Ada Colau seither die Bürgermeisterin stellt. Er skizziert in seinem Artikel Beginnt der Wandel in den Städten? den neuen Munizipalismus als Antwort auf ein Europa der Austerität und der Abschottung und zeichnet die Entwicklung von Barcelona en Comú seit dem Einzug ins Rathaus nach. Einen Überblick über die im Entstehen begriffene internationale munizipalistische Bewegung von Valparaíso über Neapel bis Hongkong gibt Kate Shea Baird, die ebenfalls Aktivistin bei Barcelona en Comú ist.
Ein interessierter Beobachter der Entwicklung in den spanischen Städten ist der Autor und Hamburger Recht auf Stadt-Aktivist Niels Boeing, den wir kurz nach den G20- Protesten zum Interview trafen. Im Gespräch erzählt Boeing jedoch weniger von Robocops und der Stadt als einzigem Gefahrengebiet, sondern über den erfolgreichen Versuch in
St. Pauli Stadtteilversammlungen einzuführen und sie zu einem Raum der demokratischen Debatte zu machen. Thema des Interviews war natürlich auch Boeings letztes Buch VON WEGEN, dessen Untertitel Überlegungen zur freien Stadt der Zukunft den Inhalt des Gesprächs gut zusammenfasst.
Das demokratiepolitische Top-down-Angebot für Mitsprache in Fragen zur Stadtentwicklung und -planung lautet Partizipation. Über die Probleme, die damit verbunden sind, war in dérive zuletzt von Sarah Kumnig im Schwerpunktheft zum Nahrungsraum Stadt zu lesen. Diesmal berichtet Peter Leeb über die bewundernswert hartnäckige Stadtteilinitiative FRISCH, die seit fünf Jahren für mehr öffentlichen Freiraum auf dem Gelände der Schmelz in Wien kämpft. Für eine grundsätzliche Diskussion der Frage, was Demokratie heißt, sorgt in diesem Schwerpunkt Mark Purcell, der sich seit Jahren intensiv damit beschäftigt. Seine Antwort darauf ist ebenso klar, wie es seine Begründungen und Herleitungen sind. Demokratie heißt für Purcell, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und die individuellen Potenziale und Fähigkeiten nicht verkümmern zu lassen, indem man sie an eine übergeordnete Institution wie den Staat abgibt. Für seine Argumentation und etymologischen Thesen greift er auf staatspolitische Klassiker wie Thomas Hobbes oder John Locke ebenso zurück wie auf die Schriften von Aristoteles und Platon. Dieser historisch weite Blick in die Vergangenheit ist für die aktuelle Situation keineswegs unwichtig, haben doch heute wieder höchst aktuelle demokratische Einrichtungen wie die Stadtteilversammlung (siehe Barcelona) ihre Ursprünge in der Antike.
Manfred Russos Serie Geschichte der Urbanität konfrontiert in der aktuellen Folge das Imaginäre bei Jacques Lacan mit Henri Lefebvres – so die Hypothese – analoger Dimension des espace vécu (erlebten Raums), »um daraus einige Erkenntnisse über die Rolle des Imaginären in Bezug auf Stadt und Raum ableiten zu können«.
Peter Payer hat für den Magazinteil einen Nachruf auf die im Februar verstorbene Wiener Stadtforscherin Elisabeth Lichtenberger verfasst. Lichtenberger hat während ihrer wissenschaftlichen Karriere nicht nur zahlreiche Bücher und Artikel zu urbanen Themen verfasst hat, sondern zeichnet auch für die Gründung des Instituts für Stadt- und Regionalentwicklung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ebenso wie für den Studienzweig Raumforschung und Raumordnung am Institut für Geographie der Universität
Wien verantwortlich.
Der Titel des Kunstinserts von Gabriele Sturm lautet The Mismeasure of Paradise. Sturm legt – nicht nur mit dieser Arbeit – den Fokus dabei auf den Warentransfer und die De- und Neukontextualisierung seiner kulturellen und inhaltlichen Bedeutung.
urbanize! DEMOCRACitY lädt mit zahlreichen internationalen Gästen von A wie City Plaza Athen bis zu Z wie Mehr als Wohnen Zürich ab 6. Oktober ins Festivalwohnzimmer im Wiener Architekturzentrum ein. Gemeinsam rufen wir dort 10 Tage vor der österreichischen Nationalratswahl die Place Internationale aus: Einen Ort der Solidarität und nicht der Angst.