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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 71


dérive - Radio für Stadtforschung
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urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
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Editorial

Top-down vs. Bottom-up, Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe vs. sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat, urbane Kompetenz vs. Paternalismus, Rotes Wien vs. Siedlerbewegung: Das sind Debatten, denen wir uns sowohl in dérive als auch beim urbanize! Festival immer wieder stellen. Meistens kommen wir dabei zum Schluss, dass es ein Best of Both Worlds braucht. Wobei wir uns als BewohnerInnen einer Stadt wie Wien, in der gefühlte fünf Magistratsabteilungen für jeden Pflasterstein zuständig sind, bevorzugt die Wichtigkeit des Stadt-selber-Machens betonen, was in einer Stadt, in der ein ökonomisches (Über-)Leben ohne Selbstorganisation gar nicht möglich ist, weniger oder nicht notwendig wäre. Gleichzeitig wollen wir die Vorzüge einer funktionierenden Verwaltung, die sich in Wien etwa durch die einwandfrei organisierte Müllabfuhr oder den weit verzweigten öffentlichen Verkehr zeigt, nicht missen. Für den aktuellen Schwerpunkt Bidonvilles & Bretteldörfer – in dem diese Debatte wieder auftaucht – haben sich die beiden verantwortlichen Redakteure Andre Krammer und Friedrich Hauer die informelle Stadtentwicklung in Europa zum Thema gemacht. Sie betonen, dass eine exakte Trennung von formell und informell bzw. Top-down und Bottom-up unmöglich und schon der Versuch zum Scheitern verurteilt ist, weil die vermeintlichen Gegensätze oft gar keine sind: »das Formelle [kann] nicht mehr vereinfachend mit einer Top-down-Planung, das Informelle nicht mit einer Raumproduktion Bottom-Up gleichgesetzt werden«.
Der Fokus des Schwerpunkts »liegt auf informellen Siedlungsstrukturen, die in Reaktion auf soziale und existentielle Not als Selbsthilfeprojekte entstanden sind.« Gezeigt wird, »dass informelle Siedlungen eine räumlich ausgreifende, bis heute vielfach präsente Realität der europäischen Stadt waren bzw. sind« und nicht nur als ein Phänomen des globalen Südens wahrgenommen werden sollten. In den Beiträgen des Schwerpunkts zeigt sich, dass Kontext, Strukturen und Muster von lokalen Entwicklungen in unterschiedlichen Städten viele Parallelen aufweisen und es deswegen wichtig ist, sich mit Bidonvilles, Bretteldörfern und Fischkistensiedlungen nicht nur lokalhistorisch auseinanderzusetzen.
Zu den erwähnten Städten gehört u.a. Hamburg mit seinen Fischkistensiedlungen, die in den Jahren der Industrialisierung und nach dem Ersten Weltkrieg in Zeiten höchster Wohnungsnot am Stadtrand entstanden sind. Anke Schulz skizziert in ihrem Artikel Die Bude haben wir gebaut, mein Mann und ich die damalige Situation und den späteren Kampf der Bewohner für den Erhalt der Siedlungen. Mit dem Wachstum von Hamburg stieg der Bedarf an Baugrund und damit auch der Druck auf die ehemals billigen und unbeachteten Flächen.
Was in Hamburg die Fischkisten waren, waren in Frankreich die für die Siedlungen namensgebenden Kanister (frz. bidons). Verdrängt und abgelöst wurden die Bidonvilles vom fordistischen Massenwohnungsbau ab den 1950er Jahren, der damit die heutigen Banlieues schuf. Muriel Cohen und Marie-Claude Blanc-Chaléard beschreiben in ihrem Text Schwellen zur Stadt jedoch nicht nur die historischen Bidonvilles des 20. Jahrhunderts, sondern auch deren Wiederaufleben im 21. Jahrhundert, und betonen den völlig veränderten gesellschaftspolitischen Kontext, der beispielsweise für den Dschungel in Calais gilt.
Das Interessante an dem Thema Informalität in Jugoslawien sind, wie Dubravka Sekulić in ihrem Beitrag The ambiguities of informality schreibt, die Veränderungen und Kontinuitäten vor dem Hintergrund des Wechsels der politischen Gesellschaftssysteme und die Rolle, die die Gastarbeiter dabei spielten. Anders als in Frankreich geht es nicht um die Unterkünfte, die im Aufenthaltsland errichtet wurden, sondern um diejenigen im Herkunftsland.
Die Schwerpunktredakteure Krammer und Hauer steuern außerdem ein Interview mit der Filmemacherin Melanie Hollaus bei. Hollaus beschäftigt sich in ihren Filmen immer wieder mit Menschen und Räumen, die vom gesellschaftlichen Mainstream mit einer Mischung aus Angst, Abscheu und Neugier betrachtet werden. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die ehemalige Bocksiedlung in Innsbruck, über die Hollaus 2012 einen Film gedreht hat. Derzeit arbeitet sie im Rahmen des Forschungsprojekts Bretteldorf revisited – gemeinsam mit Krammer und Hauer – an einem Film über die Geschichte informeller Raumproduktion in Wien, die im Text Das wilde Wien und dem Exkurs Besuchen Sie Bretteldorf! im Mittelpunkt steht, die beide von den Schwerpunktredakteuren Krammer und Hauer verfasst wurden.
Im Magazinteil dieser Ausgabe berichtet Ernst Gruber über die Sanierung und Revitalisierung ihrer ursprünglichen Nutzung verlustig gegangener Gebäude durch junge Kreative im benachbarten Bratislava, die sich augenzwinkernd selbst als cultural developers bezeichnen.
Für das Kunstinsert zeigen Nicole Six und Paul Petritsch eine Arbeit im Rahmen ihrer Beschäftigung mit Anna Lülja Praun, eine der ersten österreichischen Architektinnen überhaupt. In ihrer Arbeit spielte Kooperation stets eine wichtige Rolle. Damit war sie einerseits ihrer Zeit weit voraus, andererseits hat diese Arbeitspraxis auch dazu geführt, dass ihrem eigenen Werk nicht die Aufmerksamkeit zuteil wird, wie dem ihrer männlichen Zeitgenossen.
Um besondere Aufmerksamkeit bitten wir zum Schluss – in höchst eigennützigem Interesse – für das Hausprojekt Bikes and Rails: Mit Bikes and Rails bauen wir im Wiener Sonnwendviertel den 1. Neubau im Habitat, dem Mietshäuser-Syndikat in Österreich. Das geplante Mietshaus wird durch die spezielle Rechtskonstruktion im Habitat dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen. Jegliche zukünftige Verwertung ist damit ausgeschlossen und langfristig günstige Mieten und solidarische Freiräume für Generationen sind garantiert. Finanziert wird das Projekt u.a. mit privaten Direktkrediten: Wer mithelfen will, dieses Modellprojekt für selbstverwalteten und bezahlbaren Wohnraum auf die Beine zu stellen, und sein Geld sozial, lokal und transparent in unser solidarisches Hausprojekt einlegen will, findet alle Informationen auf www.bikesandrails.org.