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Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 71


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Von Innsbruck nach Calais [nur online]

Von Innsbruck nach Calais

Zwei Publikationen, die von Mitwirkenden unseres Schwerpunkt Bidonvilles & Bretteldörfer 2017 veröffentlicht wurden, umfassen sowohl den historischen Zeitraum, den der Schwerpunkt behandelt, als auch den veränderten gesellschaftspolitischen Kontext von informellen Siedlungen in Europa. Melanie Hollaus (siehe Interview ab S. 20) hat gemeinsam mit Heidi Schleich ein Buch über die Innsbrucker Bocksiedlung veröffentlicht, über die sie zuvor auch einen Film gemacht hat. Henk Wildschut, dem wir das Titelfoto für diese Ausgabe verdanken, hat den so genannten Dschungel in Calais über viele Jahre besucht und fotografisch dokumentiert.
Die Bocksiedlung in Innsbruck entstand um 1930 und existierte bis ca. 1970. Sie steht prototypisch für eine Elendsurbanisierung, wie sie sich in Folge des Ersten Weltkriegs bzw. in Folge der Wirtschaftskrise ab 1928 in vielen europäischen Städten entwickelt hat. Hollaus und Schleich geht es in ihrem Buch jedoch weniger darum, das Phänomen auf einer Metaebene zu betrachten, sondern eine Innenperspektive zu präsentieren. Das hat sich insoferne als nicht ganz einfach dargestellt, da die Siedlung um 1970 fast vollständig aufgelöst wurde und an ihrer Stelle heute nichts mehr an den damaligen Stadtteil erinnert. Den Herausgeberinnen ist es trotzdem gelungen, mit zahlreichen ehemaligen Bewohnern und Bewohnerinnen sowie Menschen, die eine Verbindung zur Bocksiedlung hatten, Interviews zu führen. Nachdem die Siedlung nicht nur von der Landkarte verschwunden ist, sondern ihr Ende auch bereits an die 50 Jahre zurückliegt, erzählen viele der Interviewten aus einer Kinder- und Jugendlichenperspektive. Das hat sich jedoch keineswegs als Nachteil erwiesen, denn gerade diese Wahrnehmungen und Erinnerungen finden zumeist wenig Gehör.
Die Situation am Wohnungsmarkt war in Innsbruck sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg verheerend. Die Bevölkerungszahl hatte sich von 20.000 im Jahr 1880 auf 55.000 im Jahr 1920 fast verdreifacht. 1945 waren 60 Prozent der Wohnungen beschädigt. In der Zwischenkriegszeit wurden viel zu wenige Wohnungen gebaut und diejenigen, die gebaut wurden, waren von schlechter Qualität. So wundert es nicht, dass in diesen Zeiten informelle Siedlungen wie die Bocksiedlung entstanden sind. Die Stadtverwaltung schritt dagegen nicht nur nicht ein, sondern war froh, dass sich die Leute Wohnraum in Selbstorganisation schufen. Wohnraum ist allerdings fast ein Euphemismus, weil die Unterkünfte in den Anfangstagen oft aus nicht mehr als einem alten Wohnwagen oder einer Bretterbude bestanden und es weder Strom noch fließendes Wasser und auch keinen Kanal gab. Mit den Jahren verbesserte sich die Wohnsituation, trotzdem stand die Bocksiedlung in Innsbruck bis zu ihrer Auflösung für Armut und Elend.
Dennoch berichten zahlreiche der Interviewten von einer glücklichen Kindheit in großer Freiheit, die sie in der Bocksiedlung verbracht haben. Ihre Armut und die Sonderstellung, die sie in der Stadtgesellschaft einnahmen, wurde ihnen selbst erst durch die Außenwelt in der Person von LehrerInnen und später ArbeitgeberInnen bewusst gemacht. So mussten sie lernen, dass es vielleicht besser wäre, nicht zu erwähnen, dass sie aus der Bocksiedlung kommen, sie sahen auch, wie kaputt ihre Kleidung im Vergleich zu derjenigen ihrer MitschülerInnen war.
Im Rückblick überwiegt bei den jüngeren Befragten die Nostalgie über Freiheit und Abenteuer. Bei den Älteren wird immer wieder auf die Solidarität der BewohnerInnen untereinander und die Nachbarschaftshilfe hingewiesen, wobei ebenso deutlich wird, dass es sich um keine egalitäre Gesellschaft handelte, sondern es eine eindeutige Hierarchie gab. Die zeigt sich schon darin, dass die Siedlung nach einem ihrer Bewohner, Johann Bock, benannt ist, der eine Art Bürgermeisterfunktion einnahm. Diese wurde sogar von der offiziellen Politik anerkannt. Als es darum ging, die Siedlung aufzulösen, suchte der offizielle Bürgermeister von Innsbruck den inoffiziellen Bürgermeister der Bocksiedlung auf, um einen Deal auszuhandeln, der, wie sich später zeigte, für Bock finanziell durchaus attraktiv war. Er und seine Familie erhielten eine stattliche Entschädigung, manch andere gingen leer aus.
Die Schleifung der Bocksiedlung fiel in eine Zeit, in der sich die Stadtoberen nach der Not der Nachkriegszeit vermehrt Gedanken um das Image der Stadt machten. Innsbruck bewarb sich um die Austragung der Olympischen Winterspiele, die 1964 in der Stadt ausgetragen wurden. Der Tourismus, der für Jahrzehnte keine große Rolle gespielt hatte, nahm wieder zu und wurde als wichtiger Wirtschaftsfaktor eingeschätzt. Die BewohnerInnen reagierten auf das Ende unterschiedlich. Manche waren froh eine in Aussicht gestellte moderne Wohnung beziehen zu können, andere hatten es sich in ihren kleinen Häuschen in der Bocksiedlung mittlerweile ganz komfortabel eingerichtet und wollten bleiben. Die BewohnerInnen wurden in über die ganze Stadt verteilte Wohnungen einquartiert, womit nach dem Ende der Siedlung auch dem Zusammengehörigkeitsgefühl, der Solidarität und möglicherweise auch dem Widerstandsgeist ein Ende gesetzt werden sollte.

Der Calais Jungle unterscheidet sich von der Bocksiedlung in erster Linie dadurch, dass die Menschen, die dort Zelte aufstellten oder sich Unterkünfte bauten, den Aufenthalt so kurzfristig wie möglich gestalten wollten, weil ihr eigentliches Ziel Großbritannien und nicht Calais und auch nicht Frankreich waren. Der zweite große Unterschied ist, dass es sich um keine lokale Bevölkerung handelte, die sich hier aufgrund einer Notlage ansiedelte, sondern, wie es bei den Bidonvilles in Frankreich sehr oft der Fall war, um MigrantInnen (siehe den Artikel Schwellen zur Stadt ab S. 24 in der vorliegenden Ausgabe). Der niederländische Fotograf Henk Wildschut hat 2006 begonnen den Calais Jungle zu dokumentieren und diese Arbeit bis zum Ende der Siedlung im Oktober 2016 fortgesetzt. Sein Buch Ville de Calais ist ein außerordentliches Werk, das nicht nur eine umfassende fotografische Dokumentation bietet, sondern in vielen Aspekten ein völlig anderes Bild als das von Gewalt und Chaos gezeichnete der Medien präsentiert.
Etliche der frühen Calais-Fotos hat Wildschut in seinem 2011 erschienen Buch Shelter veröffentlicht, die Bilder in Ville de Calais stammen aus 2015/16. Das Lager befand sich ursprünglich versteckt und geschützt in einem Wäldchen nahe Calais, musste aber später in die benachbarten Dünen verlegt werden. Das offene Gelände bot keinen Schutz gegen den Wind dafür aber einen umso besseren Überblick für die Polizei, die das Camp notgedrungen zeitweise duldete, aber stets zu kontrollieren versuchte und regelmäßig Razzien durchführte.
Wildschuts Bilder zeigen sowohl Spuren der verlassenen Plätze im Wald als auch die ersten Versuche im März 2015 Zelte und Hütten in den windigen Dünen zu errichten. Die große Zahl der Flüchtlinge und MigrantInnen, die im Jahr 2015 nach Europa kam, ließen aber auch den Jungle schnell wachsen und binnen kurzer Zeit entstanden urbane Strukturen. Die Schwierigkeit den Ärmelkanal zu überwinden, führte dazu, dass viele der Bewohner viel länger als geplant bleiben mussten, wodurch sich rasch ein großer Bedarf an einer sozialen und ökonomischen Infrastruktur ergab. Wildschut zählte im Jänner 2016 40 Restaurants, 43 Geschäfte, sechs Hammams, acht Bäckereien, vier Friseure und sieben Bars bzw. Discos; zeitweise gab es fünf Moscheen, eine Kirche und eine Schule. Die Schule hatte zwei Klassen, eine für Kinder und eine für Erwachsene. Es gab von Freiwilligen angebotenen Französisch- und Englischunterricht. Wildschut porträtiert etliche der Unternehmer nicht nur fotografisch, sondern auch in kurzen Texten. So erfährt man beispielsweise, wie es gelang, Geld für Investitionen aufzutreiben, worin das Geschäftsmodell bestand und wie es sich entwickelte. Wildschut berichtet, dass die Geschäfte immer wieder weiterverkauft wurden und dass sich auch rasch eine Bodenspekulation einstellte. Grundstücke an der zentralen Einkaufsstraße wurden zeitweise um 500 bis 2.500 Euro gehandelt.
Besonders berührend sind die Bilder, die zeigen, wie liebevoll die Innenräume mancher Unterkünfte ausgestattet waren oder wie kleine Vorgärten vor manchen Zelten oder Hütten angelegt wurden. Sie weisen darauf hin, dass es trotz dauernder Repression durch die Polizei, Konflikten zwischen den Bewohnern, der vielen erfolglosen Versuche nach England zu gelangen, von den gefährlichen und ungesunden Lebensbedingungen, so etwas wie ein Alltagsleben gab. Zum Höhepunkt hatte der Jungle geschätzte 7.000-10.000 Bewohner und unter Bewohner muss man sich tatsächlich hauptsächlich Männer vorstellen. Wildschut greift das Thema zwar nicht auf, aber es ist schon mehr als auffällig, dass auf all seinen Fotos keine einzige Frau zu sehen ist. Andere Quellen sprechen davon, dass ungefähr 10 Prozent der Bewohner Frauen und Kinder waren. Viele der Frauen lebten in einem eigenen Teil des Camps und verließen ihre Unterkunft nie bzw. verbaten es ihnen ihre Männer.
Im letzten Kapitel seines Buches zeigt Wildschut ganz bestimmte Orte, Straßen, Unterkünfte des Jungle, die er zu unterschiedlichen Zeitpunkten aus der selben Perspektive aufgenommen hat, hintereinander abgebildet, was den Entstehungsprozess besonders eindrücklich nachvollziehen lässt. Der Calais Jungle wurde Ende Oktober 2016 geräumt, seine BewohnerInnen in viele Unterkünfte über ganz Frankreich verteilt. Es dauerte allerdings nicht lange bis da und dort wieder Zelte aufgestellt und kleinere Unterkünfte aufgestellt wurden.
Beide Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie medial stigmatisierte Menschen, die in der Regel höchstens wahrgenommen werden, wenn es darum geht Negativschlagzeilen zu produzieren oder Kampagnen zu inszenieren, in Alltagssituationen zeigen oder ihnen die Möglichkeit geben, selber über ihr Leben zu berichten. Sie zeigen umgekehrt auch, wie eingeengt das Selbstbild des Mainstreams der Gesellschaft ist, dass abweichende Lebenswelten oder Biografien ein so großes Bedürfnis nach Distanz und Abgrenzung wecken. Die sogenannte Mitte der Gesellschaft braucht offenbar die Ränder, um sich der eigenen Zugehörigkeit zum anerkannten und etablierten Zentrum stets vergewissern zu können.


Melanie Hollaus, Heidi Schleich (Hg.)
Bocksiedlung: Ein Stück Innsbruck
Innsbruck: Studienverlag, 2017
184 Seiten, 24,90 Euro

Henk Wildschut
Ville de Calais
Amsterdam, 2017
320 Seiten, englisch, 55 Euro