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Artikel von:
Florian Haydn
Robert Temel 

Florian Haydn ist Architekt in Wien, Gründungsmitglied von the POOR BOYs ENTERPRISE, seit 2000 Büro DuD_Florian Haydn. Er war Projektpartner des EU-Forschungsprojektes Urban Catalyst und Mitorganisator des Symposions tempo..rar.

Robert Temel ist Architekturkritiker und Architekturtheoretiker in Wien sowie Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA). Er war Mitorganisator des Symposions tempo..rar.

Artikel aus Ausgabe 14


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tempo..rar
Zur Erforschung der Möglichkeiten beim temporären Besetzen von Orten


Orte und Nutzungen

Mit Fragen zum Thema des Temporären, des Flexiblen, Kurzzeitigen und Vorübergehenden sowie des damit verbundenen Anstiftungspotenzials zur Identität von Orten durchwanderten wir im Mai 2003 in Form des Symposions tempo..rar die Stadt Wien. Unterschieden werden sollte der temporäre Ort von einer temporären Nutzung des Ortes, die Frage war, worin denn die Beziehung zwischen Ort und Nutzung/NutzerIn bestehe. Temporäre Orte sind gerade nicht Marc Augés Nicht-Orte: Sie besitzen wie seine Orte Identität, Relation und Geschichte. Im Unterschied zum Nicht-Ort sind diese temporären Orte Projektionsflächen, sie sind aber eben nicht leer. Der Schirm, auf den projiziert wird, enthält bereits zuvor Information – man könnte sich vorstellen, dass es sich um lichtempfindliches Material handelt, auf dem alle Projektionsversuche im Lauf der Zeit ihre Spuren hinterlassen. Die Intensität und Dauerhaftigkeit dieser Spuren ist jedoch unterschiedlich, die Frage ist, welche Handlungen längerfristig Spuren hinterlassen können und wie deren Spuren ins Bewusstsein der StadtbenützerInnen gelangen, sodass sich daraus möglicherweise wieder Handlungsnetzwerke ergeben. Der temporäre Ort bleibt auch über die temporäre Nutzungsdauer hinaus Projektionsfläche, auf die neu projiziert werden kann. Die Identität dieses temporären Ortes ist jedoch nicht vollständig determiniert, sondern gestaltbar – das ist es, was die temporären NutzerInnen anzieht.

Das Projekt tempo..rar suchte sich gleich einem temporären Nutzer Veranstaltungsorte aus dem leer stehenden Immobilienangebot der Stadt. Vier Tage mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten und Beteiligten (EigentümerInnen, Stadt- und RegionalplanerInnen, KulturtheoretikerInnen, Stadtverwaltung, KünstlerInnen, ArchitektInnen, VeranstalterInnen, SoziologInnen, LandschaftsplanerInnen, KuratorInnen, etc.) bildeten den Rahmen. So wurde an vier Nachmittagen an vier verschiedenen Orten diskutiert, die jeweils wieder paradigmatisch für Aspekte des Themas standen: Die Karawane startete im APA-Hochhaus im 19. Wiener Gemeindebezirk, in der Muthgasse, zwischen Donaukanal und U4: ein leerstehendes Geschoß eines sonst noch genutzten Bürohochhauses an der Peripherie, des vermutlich in ein paar Jahren abgerissen wird. Besucht wurde dann das ehemalige, nun leerstehende Postverteilerzentrum in Rudolfsheim-Fünfhaus hinter dem Westbahnhof: Dieses Gebäude steht ebenfalls seit kurzem leer und soll abgerissen werden. Wir machten in der Folge Station im Bahnhofsrestaurant des Südbahnhofs, nachdem das ursprünglich eingeplante 20er Haus, der ehemalige Expo-Pavillon von Brüssel 1956, plötzlich und unerwartet doch nicht zugänglich war: Das 20er Haus stand eine Zeit lang leer, nachdem das Museum moderner Kunst, der bisherige Nutzer, ins Museumsquartier umgezogen war. Schließlich beendeten wir die Wanderung im Lokal Fluc im Bahnhof Praterstern, da ebenso unerwartet ein überlassenes leeres Geschäftslokal nicht genutzt werden konnte: Der Bahnhof Praterstern wird in einigen Jahren völlig umgebaut, nur aus diesem Grund war es dem Fluc möglich, das Lokal zu einem bezahlbaren Mietpreis zu bekommen.

Gedächtnis

Was haben all diese Orte mit Gedächtnis zu tun? Mit dem Gedächtnis können wir uns orientieren und uns auf unsere Wünsche zubewegen: Das Sich-aneignen-Wollen (physisch oder mental), das (Sich)-dort-verwirklichen-Wollen und das Einfach-nur-dort-sein-Wollen. Orte, die in Bezug zu mir stehen, erwecken meine Fantasie und Vorstellung von etwas. Mit den Diskussionsbeiträgen des Symposions wurde das Mögliche für einen Ort oder eine Nutzungsidee überprüft. Im Fall der vier Veranstaltungsorte war das im Moment des Symposions gleichzeitig Nutzung und Projektion von möglicher Nutzung. Man könnte auch sagen, das Projekt diente zur Erforschung des Gedächtnisses der/in der Stadt. Die eigenen Gedächtnisräume der remote landscape (Richard Long) bewirken ein Zugehen auf die ferne Stadtlandschaft, die als Mindmap ganz nah direkt vor mir liegt. Mein Wissen um ihn, das Gedächtnis betritt den Ort. Mein eigenes Gedächtnis, das sich mit dem Fernraum kurzschließt, ist das Gedächtnis des Ortes selbst: Mein Ort mit meinem Gedächtnis, meinen Ideen und Vorstellungen, die ich mit diesem Ort verknüpfe.

Gebäude

Wir gehen davon aus, dass strukturelle Überlegungen sich durch mehrere Größenmaßstäbe hindurch ziehen, dass es nötig ist to jump the scale, das heißt in Projekten die Bearbeitung der Mikro- und Makroebene zu verbinden. Ein Themenschwerpunkt des Symposions war Gebäude, um in der Folge auf Stadtstrukturen schließen zu können. Ein Gebäude könnte als die Feineinstellung von Bedürfnissen späterer BenutzerInnen verstanden werden. Die BenutzerInnen formulieren ihr Bedürfnis. Je nach Ambition der ArchitektInnen, die Hilfestellungen bei der Ausformulierung von Bedürfnissen leisten, wird über Planungsschritte ein Prototyp „Haus“ entwickelt, welcher schließlich realisiert wird. Je mehr Bedürfnisse auf den Tisch kommen, desto präziser und feiner kann der Prototyp „Haus“ auf dem „Papier“ entwickelt werden. Ein Qualitätskriterium der Architekturarbeit liegt darin, dass der realisierte Prototyp „Haus“ nach seiner Errichtung in der „Natur“ weiter entwickelbar ist, das heißt, dass der errichtete Raum auf während der Planungsphase noch nicht bekannte Bedürfnisse, neue Nutzungsideen, zum Beispiel auf eine sich verändernde Lebensform in Beruf oder Lebensgemeinschaft, reagieren kann, oder bestenfalls neue Nutzungen sogar anregt.

Temporäres in der Stadtplanung

Neben der Tatsache, dass temporäre Nutzungen als Planungsinstrument Versuch und Irrtum erlauben, steht die alternative soziale Konstellation des Planungsprozesses, nämlich „Bottom-up“ statt „Top-down“. Temporäre Nutzungen sind oft eher Teil des sozialen Netzwerkes im Planungsgebiet als einer gesamtstädtischen, überlokalen Szene. Ihre Integration in Planungsprozesse steht für Partizipation. Voraussetzung für derartige Planungsabläufe ist allerdings eine do it yourself-Mentalität der AkteurInnen, es geht nicht darum, auf Vorgaben der Verwaltung und Politik zu warten und zu reagieren, sondern selber zu agieren.

Wesentliche Aspekte temporärer Nutzung sind weiters die Perspektiven eines Regenerationsprozesses der urbanen Ökonomie. Wie Jane Jacobs in ihrem Buch The Economy of Cities schreibt, sind marginale, informelle Unternehmen die Innovatoren der städtischen Ökonomie, da sie anders als die großen Unternehmen fähig sind, nicht einfach das Bestehende fortzuführen, sondern to add new work to old. Und die Perspektive des stadträumlichen Wandels: Einheitliche, homogene Stadtviertel, wie sie aus Masterplänen nun einmal entstehen, sind in späteren Phasen extrem schwierig zu regenerieren. Differenzen in der historischen, sozialen, ökonomischen Struktur erleichtern das, und die können mithilfe von temporären Nutzern produziert werden – to achieve Complexity and Contradiction.

Als erstes Ergebnis des Symposions hat sich ein Werkzeugkasten von Begriffen herausgestellt, der herangezogen werden kann, um einerseits Beispielfälle anhand unserer Prioritäten zu bewerten, und andererseits, um konkrete planerische Schritte durchzuführen. Im Folgenden findet sich eine Fülle von Gedanken, die wir den TeilnehmerInnen unserer Veranstaltung schulden. Die AutorInnen werden nur bei wortwörtlichen Zitaten genannt, für alle weiteren verweisen wir auf die Teilnehmerliste am Ende des Textes.

Begriffe

Unterschieden werden kann zwischen Zwischennutzungen, die Orte, in deren Verwertungszyklus eine Lücke besteht, kurzfristig für andere, meist nicht rein ökonomisch orientierte Nutzungen einsetzen, und Mehrfachnutzungen, die versuchen, neben der „dominanten“ zugeschriebenen Nutzung andere Nutzungsweisen fix zu verankern. Interventionen sind temporäre Eingriffe, die an einem Ort Alternativen sichtbar machen wollen. Wichtig für diese Nutzungsformen ist es, dass eine Institutionalisierung meist mehr schaden als nützen würde. All dies kann als temporärer Ort bezeichnet werden, dem die Idee des Temporären zugrunde liegt: „Eine Vorstellung des Temporären könnte in der zwischenzeitlichen Nutzung […] nicht so sehr den experimentellen Prototyp […] erkennen, sondern in der Temporalität selbst, im limitierten Zeitraum, auch Züge einer räumlichen und urbanen Qualität begreifen. […] Tendenziell richtet sich Temporalität als prototypische Erscheinung gegen die Temporalität selbst. Politisch äußert sich diese negativ gefasste Temporalität etwa in der Ausgrenzung gerade jener Begehren, die ,nur‘ auf einem vorübergehenden Verweilen begründet sind.“ (Spiegl/Teckert)

Die Handelnden

Bedürfnisse nach Temporalität ergeben sich durch Kultur (Nomaden), durch Zwang (Hausbesetzung, Obdachlosigkeit), durch Fluktuation (altersbedingte Mobilität, sozialer Aufstieg, wachsende Haushalte, Verdrängung), durch Lifestyle (Um-, Auf-, AussteigerInnen) und im Kontext von Sicherheitswünschen (temporäre Nutzung des öffentlichen Raumes mit Schutz vor bestimmten NutzerInnen, Privatisierung des öffentlichen Raumes). Die wichtigsten Rollen im Kontext eines temporären Nutzungsprojektes: ZwischennutzerInnen, „offizielle“ NutzerInnen, EigentümerInnen, BenützerInnen/BesucherInnen, Verwaltung, Politik, Medien. Die Person des Zwischennutzers besitzt strukturelle Ähnlichkeit mit der Figur des Guerillero, insbesondere in der Form, dass sie taktisch statt strategisch vorgeht. „Bei aller Unterschiedlichkeit von Zwischennutzer und Guerillero, die vor allem im Fehlen eines zu vernichtenden Feindes begründet ist, verdeutlicht ein Vergleich die strukturellen Ähnlichkeiten des Vorgehens. (…) Beim Zwischennutzer geht es zwar nicht um die gerechte Sache, aber um die eigene. Er will niemanden überzeugen oder gar besiegen, aber er ist von seiner Sache so überzeugt und begeistert, dass er sie auch wider jede ökonomische Vernunft durchzieht und Mitstreiter gewinnen kann. (…) Bei der Ortswahl wird der Zwischennutzer dort zuschlagen, wo der Immobilienmarkt schwach ist, der Zwischennutzer aber eine Chance sieht, seine Klientel zu erreichen und zu begeistern.“ (Arlt) Wesentlich für viele temporäre Projekte ist der Begriff des Prosumers, also des Konsumenten, der aktiv wird und selbst einen Teil der Produktion übernimmt. Und zentral ist schließlich die Metapher des Netzwerkes: Sowohl lokal als auch funktional sind ZwischennutzerInnen in verschiedenen Netzwerken situiert, deren produktive Überlagerung zu überraschenden Möglichkeiten führt.

Vorgangsweisen

Die temporäre Nutzung ist das Gegenteil des Masterplans: Sie geht vom Kontext und vom aktuellen Zustand statt von einem fernen Ziel aus, sie versucht Bestehendes zu verwenden statt alles neu zu erfinden, sie kümmert sich um die kleinen Orte und kurzen Zeiträume sowie die Zustände zu verschiedenen Zeitpunkten. Manche ZwischennutzerInnen berufen sich für ihre Projekte auf Konzepte der Situationistischen Internationale, insbesondere indem sie den Begriff des Spiels für stadträumliche und stadtplanerische Prozesse einsetzen, ebenso wie materielle Räume um Handlungsräume erweitert werden. Es geht aber nicht nur um eine unterschiedslose Verwebung der zwischengenutzten Orte in den Kontext, sondern diese Leerstellen werden mit dem Mittel des Freistellens sichtbar gemacht und aktiviert. Ein paradigmatischer Fall der (mehr oder weniger) temporären Nutzung ist die Hausbesetzung: „Verglichen mit anderen europäischen Großstädten wurden in Wien […] nur wenige Häuser besetzt. […] Hausbesetzungen und die damit verbundenen Manifestationen […] bestimmten in Berlin die Wohnungspolitik […] weitaus mehr als hier. […] Die massiven Aneignungen leerstehender Häuser bewirkten etwa, dass Hausbesetzungen geduldet und vielfach sogar durch Mietverträge legalisiert wurden. Die BesetzerInnenszene selbst begann sich 1980 durch einen „Besetzerrat“ zu formieren und bewirkte schließlich sogar das Absetzen von Politikern, die in Skandale rund um die Wohnungspolitik verwickelt waren. […] Die zahlreichen Hausbesetzungen in Deutschland haben nicht nur eine differente Wohnbaupolitik, sie haben auch eine differente Wohnbaupraxis bewirkt. So entstanden etwa aus der HausbesetzerInnenszene heraus privat initiierte […] Wohnprojekte, in denen spezifische BenutzerInnengruppen gemeinsam wohnen und das räumliche und soziale Gefüge des Wohnhauses selbst definieren.“ (Pollak)

Politik und Ökonomie

In der aktuellen Auseinandersetzung um die Nutzung des öffentlichen Raums in den Städten sind temporäre Nutzungen ein Werkzeug des empowerment: Sichtbarmachen der Möglichkeiten des Raumes. Dem gegenüber steht die Tendenz zur Privatisierung. Klar ist, dass grundsätzlich verschiedene Absichten mit temporären Nutzungsprojekten verknüpft sein können: „Man kann zwei Ansätze herausarbeiten, die zwar mit ähnlichen Mitteln arbeiten, aber zu denkbar verschiedenen Ergebnissen führen: der eine wäre getragen von einem klar ausgerichteten ökonomischen Kalkül mit dem Ziel der Grundstücks- oder Stadtteilaufwertung; der andere getragen von dem Wissen um das Nicht-Wissen der ,richtigen‘ Ziele; ein Versuch, mittels temporärer Nutzungen in einem Trial-and-Error-Prozess zu neuen städtischen Programmen zu finden.“ (Kamleithner) Während dauerhafte Eingriffe notwendigerweise ein gewisses Maß der Affirmation erfordern, gibt es für das temporäre Projekt mehr Freiraum: Es ist eher Aktivismus als Politik. Das Prinzip des Grundeigentums in der Stadt bedingt ein interessantes Paradoxon: Die Dynamik der städtischen Entwicklung und die Bedürfnisse der StadtbewohnerInnen stehen dem statischen Eigentum gegenüber, das ein beharrendes Moment in der schnellen Stadt darstellt. Temporäre NutzerInnen können die dadurch entstehenden Lücken produktiv nützen.

Auswirkungen, Ziele

Temporäre Nutzungen sind Symptome eines alternativen Stadtplanungsverständnisses: Statt die Entwicklung der Verwaltung und der Ökonomie allein zu überlassen, versuchen sie ein Aneignen der Stadt zu erproben. Wichtigste gedankliche Basis dafür ist eine do-it-yourself-Mentalität der StadtbenützerInnen. Die Projekte sind eine Stimulation, die das Gewöhnliche, Altbekannte in Frage stellen: „Temporäre Räume sind Vorbilder für bürgerinitiatives Aneignungsverhalten, sie provozieren eine versteckte Revolte im rebellionsfeindlichen Österreich. Realisierte Projekte beinhalten Sprengkraft. Sie provozieren Fragen nach dem ,Warum nicht auch bei uns?‘ Das Wissen um die Umsetzbarkeit mobilisiert schlafende Riesen.“ (Mellauner) In diesem Sinne bewirken sie auch eine Veränderung der Kultur der Planung. Allerdings sind all diese Eigenschaften kein Geheimnis. Ökonomie, Politik und Verwaltung können solche „selbstbestimmten“ Tendenzen durchaus in ihrem Sinne produktiv nützen: „Das ,Regieren durch Community‘ gewinnt an Bedeutung. Es handelt sich um eine Form von Machttechnologie, die auf selbstverantwortliche Gemeinschaften setzt und vor allem zur Durchsetzung von Integrationsprogrammen in so genannten Problemquartieren zum Einsatz kommt. […] Als Idealbild gelten nun selbständige Gemeinwesen, die möglichst wenig Kosten verursachen sollen und eine Rücknahme von staatlichen Interventionen ermöglichen.“ (Ronneberger)

Architektur und Stadtplanung

Eine strategische Vorgangsweise in der Stadtplanung, wie man sie aus dem 20. Jahrhundert kennt, ist heute nicht mehr möglich, die Alternative ist die taktische Stadtplanung: Man muss Ziele formulieren und zu deren Umsetzung PartnerInnen suchen, die ähnliche oder zumindest teilweise kompatible Ziele haben. Dem demokratischen Prinzip der Partizipation in der Stadtplanung droht der Missbrauch als „Regieren durch Community“. Interessant wäre jedenfalls ein Offenhalten des zukünftigen Zustandes, demzufolge temporäre Nutzungen dem Testen und Entwickeln von Programmen dienen können. Dies hätte auch den Effekt, dass sich wie von selbst die bei der Masterplanung so schwer umsetzbaren, die Urbanität fördernden Nutzungsmischungen ergeben. Aber es gibt immer noch etwas anderes: „Die Fassung eines leeren oder ungenutzten Raumes als ökonomisches Brachland ist das Produkt einer Verwertungslogik und definiert dieses als ungenütztes Kapital. Das Prinzip dahinter stützt sich auf eine Funktionalität, die in der Dysfunktionalität des Ungenutzten und Leeren nur Nutzlosigkeit vermutet.“ (Spiegl/Teckert)

TeilnehmerInnen bei tempo..rar: Peter Arlt, Andrea Breitfuß, Gerhard Buresch, Jens Dangschat, Friedemann Derschmidt, Andreas Feldtkeller, Martin Fritz, Matthew Griffin, Hans Groiss, Ursula Hofbauer, Barbara Holub, Brigitte Jilka, Christa Kamleithner, Jutta Kleedorfer, Rudi Kohoutek, Elke Krasny, Martin Kutschera, Michael Mellauner, Helmut Mondschein, Klaus Overmeyer, Erich Petuelli, Mirko Pogoreutz, Sabine Pollak, Paul Rajakovics, Christian Reder, Walter Rohn, Klaus Ronneberger, Florian Schmeiser, Andreas Schneider, Georg Schöllhammer, Roland Schöny, Dieter Schreiber, Susanne Schuda, Martin Schwanzer, Andreas Spiegl, Dietmar Steiner, Christian Teckert, Klaus Vatter, Rudolf Zabrana, Wolfgang Zinggl, Beatrix Zobl;
Alle Beiträge der TeilnehmerInnen von tempo..rar sind im Web unter www.hausfressen.at/temporar zu finden.

Das Symposion tempo..rar schloss an an das Forschungsprojekt Urban Catalyst, das von der Europäischen Kommission mit Mitteln des 5. Rahmenprogramms für Forschung und technologische Entwicklung gefördert wurde. Kulturwissenschaft ist nicht die ureigenste Domäne der EU-Forschungsförderung, aber im 5. Rahmenprogramm, das von 1998 bis 2002 lief, gab es innerhalb des thematischen Programms über Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung eine key action zum Thema „Die Stadt von morgen und das kulturelle Erbe“. Nachdem 80 Prozent der (aktuellen) EU-BürgerInnen in Städten leben, wurden diese als untersuchungswürdig angesehen, allerdings wurde die key action im aktuellen 6. Rahmenprogramm nicht fortgeführt, ob wegen mangelnden Erfolgs oder mangelnder Bedeutung des Themas sei dahingestellt. Für kulturelles Erbe gibt es nach wie vor ein Programm, Stadtforschung kann allerdings inzwischen nur mehr im Rahmen von Projekten wie URBAN und INTERREG gefördert werden.

Die Struktur von Urban Catalyst war überaus disparat: Elf PartnerInnen in sechs Ländern kooperierten innerhalb des Projektes, die jeweiligen Schwerpunkte unterschieden sich jedoch massiv, sie reichten von reiner sozialwissenschaftlicher Analyse bis zu stadtplanerischen Entwürfen, von der Reintegration ungenutzter Flächen in den Immobilienverwertungszyklus bis zur Beschwörung der Qualitäten der Leere und des Temporären. Projektkoordinator war eine Gruppe in Berlin um Philipp Oswalt und Kees Christiaanse. Näheres zu Urban Catalyst unter www.urbancatalyst.de .