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Artikel von:
Andre Krammer

Andre Krammer ist Architekt und Urbanist in Wien.

Artikel aus Ausgabe 5


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Petržalka, die Platte revisited

In der Industrialisierung des Bauwesens sehe ich das Kernproblem des Bauens in unserer Zeit. Gelingt es uns, diese Industrialisierung durchzuführen, dann werden sich die sozialen, wirtschaftlichen, technischen und auch künstlerischen Fragen leicht lösen lassen.
Ludwig Mies van der Rohe, 1924


Kommt man von Wien über den Grenzübergang Berg oder Kittsee, so stellt sich spontan Erstaunen über diese Betonwüste ein und unser Blick scheint sich auf eine fremde Wirklichkeit zu richten. Dieser exotistische Zugang wirkt dann umso absurder, wenn man bedenkt, dass das industrialisierte Bauen eine Erfindung des Westens war und dass sich in ganz Europa derartige Siedlungen und Trabantenstädte finden lassen.
Der Plattenbau stellt eine der Konsequenzen der urbanistischen Ideen dar, die sich unter den ArchitektInnen der Moderne in den zwanziger Jahren zu formieren begannen. Die Kongresse von CIAM (Congrès Internationaux d´Architecture), die mit dem Gründungstreffen 1928 in der Schweiz bis 1956 zehn Mal stattfanden, waren Kumulationspunkt einer architektonisch-urbanistischen Internationale. 1928 waren es 24 ArchitektInnen aus acht europäischen Ländern, dann stieg die Mitgliederzahl kontinuierlich an. Als Gründungsfigur kann Le Corbusier gelten, der zusammen mit Gabriel Guévrékian und dem Schweizer Kunsthistoriker Sigfried Gidion das erste Treffen organisierte. Die Manifeste und Deklarationen der zwanziger und dreißiger Jahre sind geprägt von ungebrochenen Fortschrittsglauben und der Begeisterung für Technik und Industrialisierung. Den Theorien von Frederick W. Taylor und Henry Ford konnten sich die ModernistInnen nur schwer entziehen.

„Wohnford“ und die Industrialisierung des Wohnens

Frederick W. Taylors (1856-1915) Thesen zu einem „scientific management“, in denen er eine Analyse von Produktionsvorgängen vornahm, in der Arbeitsgänge in Einzelschritte zerlegt wurden, um dann reorganisiert wieder zusammengesetzt zu werden, wurden in den zwanziger Jahren auch unter ArchitektInnen breit rezipiert. Ziel dieser wissenschaftlichen Betriebsführung war eine Effizienzsteigerung und eine optimale Nutzung von Arbeitskraft. Das führte hin bis zu den „motion studies“ von Frank und Lillian Gilbreths (SchülerInnen von Taylor), die Bewegungsstudien von ArbeiterInnen durchführten, um den Arbeitsvorgang zu rationalisieren. In der ursprünglichen Konzeption von Taylor sollte die Effizienzsteigerung und der resultierende Gewinn auch der ArbeiterInnenschaft zu Gute kommen. Die Unterordnung des Menschen unter die maschinelle Produktion wurde von der ArbeiterInnenschaft aber auch als zunehmende Ausbeutung gedeutet.
Gleichfalls einflussreich wurden die Theorien von Henry Ford, dessen Entwicklung des Fließbandes für die Autoindustrie der „Highland Park Factory“ sowie seine Thesen zum Kreislauf von Massenproduktion und Massenkonsum.
Dieser intellektuelle Hintergrund, verbunden mit den elenden Wohnverhältnissen des städtischen Proletariats, also der „Wohnfrage“, die zu einer wichtigen sozialen Frage geworden war (nicht zuletzt aufgrund der damit verbundenen und gefürchteten politischen Explosionskraft) führte zur Gründung von CIAM.

Gruppierungen innerhalb von CIAM

Die anfängliche Homogenität von CIAM erscheint bei genauerer Betrachtung als Mythos: Schon früh manifestierten sich zwischen einem linken Flügel, der durch die Baseler ABC-Gruppe geprägt war und einem eher liberalen Flügel, rund um Le Corbusier und Sigfried Gidion, prinzipielle Unterschiede. Diese führten unter anderem auch zur Abwanderung einiger Mitglieder (Ernst May, Fred Forbat, Hans Schmidt, Hannes Meyer, Arthur Korn, Mart Stam,..) in die Sowjetunion. André Lurcat (CIAM-Mitglied) brachte diese ideologischen Spannungen auf den Punkt: „Le Corbusier spricht über Autorität, ich spreche über die Diktatur des Proletariats.“
Die „Liberalen“ folgten den Theorien Henry Fords und nahmen industrielle Massenproduktion als einen „natürlichen“ Vorgang an, der unter jeder Staatsform zum Tragen kommen würde. Rationalisierte industrielle Produktion sollte im Dienste einer neuen sozialen Gerechtigkeit stehen, aber unter dem Gesichtspunkt: „Ford over Marx“.
So favorisierte Le Corbusier Entwerfen für eine neue physische Umwelt vor politischer Aktion: „Architektur oder Revolution. Revolution kann vermieden werden.“
Eine kapitalistische Internationale sollte im Dienst einer sozialen Reform stehen und nach tayloristischen Gesichtspunkten handeln. Le Corbusier stand zu dieser Zeit den französischen NeosyndikalistInnen nahe, die zur Zurückweisung von parlamentarischer Demokratie tendierten, politische „action directe“ propagierten und Produktion nicht zur Staatssache machen wollten, sondern in der Hand syndikalistischer Eliten sehen wollten. Corbusier definierte die ArchitektInnen als IdealistInnen, denen das Bauen gleichsam Religion war und die sich nicht um Politik kümmern sollten. Mies van der Rohe sah - im Gegensatz dazu - schon früh Stadtplanung als ein primär politisches Problem.

CIAM – klassisch

Die Essenz des urbanistischen Modells von CIAM liegt in der Propagierung einer neuen funktionalen Ordnung beziehungsweise Entflechtung. Stadtplanung sollte die prinzipiellen Funktionen des Lebens organisieren: Wohnen, Arbeit, Erholung und Verkehr im Dienste des Kollektivs.
Damit verbunden war die Kritik an der historisch gewachsenen Metropole und Stadt: Angriffspunkte waren die „chaotische“ Landaufteilung, die man durch kollektiv bestimmte und methodische Landnutzung ablösen wollte: Kollektives „master-planning“ für die breite Masse, nicht für Eliten. Zentrale Planung sollte die Konfusion der alten Stadt vermeiden. Privatbesitz wurde konsequenterweise als Hindernis gesehen. So kritisierte man beispielsweise den Mangel an Sonnenlicht in der Amsterdamer Blockbebauung, das „Chaos“ der Baseler Bebauungsstruktur. Echos der Gartenstadtbewegung sind darin hörbar, allerdings sah man in der Gartenstadt primär individuelle Bedürfnisse befriedigt und eine eklatante Vernachlässigung des Kollektivs, während die neue, funktionale Stadt ein Gleichgewicht zwischen individuellen und kollektiven Ansprüchen herstellen sollte.
Walter Gropius sprach von einer neuen Ära, in der kooperative und kommunale Gesetze den Individualismus, wie er im 19. Jh. entstanden war, ablösen sollte. Eine entscheidende Formulierung erfuhren diese Gedanken in der „Charta von Athen“ 1933, die im Zuge von CIAM 4 entstanden war:
Der Kongress fand auf einem Kreuzfahrtschiff statt, das im Sommer 1933 von Marseilles nach Piräus, den Hafen von Athen, unterwegs war. Als Thema war die „funktionale Stadt“ festgelegt worden. Vier – für die Stadtplanung wesentliche - Funktionen wurden definiert: Wohnen, Arbeit, Erholung, Verkehr. In Seminaren wurden existierende Städte, von denen im gleichen Maßstab analytische Pläne vorbereitet worden waren, verglichen, und die Rolle von historischen Gebäuden in der neuen Stadt, Prinzipien der Orientierung (zur Sonne), Bildungs- und Erholungseinrichtungen (Größe, Situierung) und das Verhältnis der „modernen“ Straße zum neuen Wohnen diskutiert. Als Ergebnis wurden fünf prinzipielle Grundsätze genannt:
1. Auf einer spirituellen und materiellen Ebene sollte die Stadt individuelle Freiheit und gleichzeitig kollektive Handlungen ermöglichen. 2. Sämtliche urbane Strukturen sollten sich auf den menschlichen Maßstab beziehen. 3. Urbanismus sollte das Verhältnis der Räume für Wohnen, Arbeit und Freizeit zueinander und in Bezug auf die tägliche Aktivität der BewohnerInnen festlegen. 4. Wohnen sollte als zentrales Element und Ausgangspunkt urbaner Organisation angesehen werden. 5. Die Elemente, die UrbanistInnen berücksichtigen, sind : Der Himmel, die Bäume, Wohnen, Arbeitsplätze, kollektive Plätze (Erholungsräume) und Verkehr.

Industrialisiertes Bauen

Durch zentrale Planung und Standardisierung der Bauelemente sollte ein preisgünstiges Wohnen für die Masse ermöglichen werden. Das Thema „Vorfabrikation“ wurde intern aber auch unterschiedlich gewertet: So argumentierte Josef Frank für eine radikale Industrialisierung aller Elemente, Le Corbusier wiederum wollte die Vorfertigung auf bestimmte Grundelemente limitieren und favorisierte eine Skelettbauweise, die eine freiere Raum- und Fassadengestaltung ermöglichen sollte.
Die Entwicklung industrialisierter Bauformen geht ins 18. Jh. zurück. Schon um 1800 kamen in Großbritannien und dessen Kolonien „pre-made-houses“ zum Einsatz, was hauptsächlich auf Wohnungsnot zurückzuführen war. Zu einem Referenzpunkt der Moderne wurde der Kristallpalast von Josef Paxton, errichtet 1851 im Rahmen der Weltausstellung. Bei dieser Stahl-Glas-Architektur kamen in hohen Stückzahlen vorfabrizierte Stahlteile zum Einsatz. Im 20. Jh. begann in Europa ein Wettbewerb zwischen Stahlindustrie und Betonbau, der aufgrund steigenden Rohstoffmangels für Letzteren entschieden wurde, während sich zum Beispiel in Amerika der Stahlbau (bis heute) durchsetzte. Die Erfindung der „Plattenbauweise“ geht auf den New Yorker Ingenieur Grosvenor Atterbury zurück. Er entwickelte 1908 geschoßwerkhohe Paneele, die aus vorgegossenen Betonplatten mit Hohlräumen bestanden. In Europa kam bis 1945 in Ost und West hauptsächlich eine Variante zum Einsatz, die auf einer kleinteiligeren Block-Variante beruhte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zur massenhaften Anwendung der Plattenbauweise.
Im Osten entstand die sowjetische Variante des Taylorismus: Auch Lenin war von den Theorien Frederick W. Taylors und der Gilbreths beeindruckt und sah im Taylorismus ein System, das den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ermöglichen sollte. Eine hierarchische Betriebsstruktur, gekoppelt mit zentraler Planung und industrieller Massenproduktion wurde zum Leitbild des Taylorismus im Osten. Industrielle Bauformen gab es seit den zwanziger und dreißiger Jahren, vorwiegend an Industriestandorten. Als Folge der Wohnungsnot in der Zwischenkriegszeit wurde allen BürgerInnen ein Mindestwohnraum zugebilligt. Moissey J. Ginsburg (ein CIAM Mitglied) wurde Vorsitzender der „Sektion für Typenbauten des Komitees für Bauwesen“, das sich eine allgemeine Senkung der Baukosten zum Ziel setzte (durch Typisierung der Grundrisse, Rationalisierung von Küchen im Sinne der Frankfurter Küche,..)
Im Westen wurde seit den zwanziger Jahren von CIAM und vor allem von Walter Gropius die industrielle Herstellung von Wohngebäuden vorgeschlagen. Er stellte die Frage, ob nicht im Sinne von Fords Autoproduktion auch Fließbandhäuser zu entwickeln wären. Seit 1923 bemühte er sich um den Aufbau einer „Häuserfabrik“. Allerdings waren anfänglich die Erfahrungen mit dem industriellen Wohnbau im ökonomischen Sinn desillusionierend: Das anlässlich der Werkbundsiedlung in Stuttgart 1927 industriell gebaute Haus von Walter Gropius gehörte zu den teuersten der Siedlung.

Die Nachkriegszeit

Nach 1945 kam es zu einem Boom der Errichtung von Großsiedlungen in industrieller Bauweise in Ost und West. Dabei kam das Leitbild der funktionellen Stadt zum Tragen: eine Verbindung von industriell gefertigten Zeilenbauten und einer aufgelockerten Siedlungsform. Die Plattenbautechnologie wurde im großen Stil bei der Errichtung von Satelliten- und Trabantenstädten angewandt. Die ersten entstanden im Westen: „Les Minguettes“ in Lyon, „Bijlmermeer“ in Amsterdam. Im Osten wurde diese Bauweise zur fast ausschließlich angewandten Technik. In der DDR wurde sie zur Staatsdoktrin. Allerdings knüpften sich in der BRD wie in der DDR ähnliche Hoffnungen an eine rasche Verbilligung des Wohnens und an eine Sättigung der Nachfrage. Im Dezember 1954 hielt Nikita Chruschtschow eine Rede über die Wohnungsfrage, in der er eine Ökonomisierung des Bauens forderte – in Verbindung mit einer Abkehr von der stalinistischen, neoklassizistischen Bauweise. Eine funktional gegliederte Stadt sollte die überkommene „kapitalistische Block-Randbebauung“ ablösen. Die Typisierung von Wohnungen sollte die Idee sozialer Gleichheit widerspiegeln.

Das Gleichheits-Postulat

Die soziale und physische Struktur der neuen Stadt sollte also der Verringerung von Differenzen innerhalb der Gesellschaft entsprechen. Die Annäherung von Klassen und Schichten (Einkommen, Bildung) und die Überwindung der Arbeitsteilung der Klassengesellschaft spiegelte sich in den Typisierungsmodellen der Wohnstrukturen. Diese Typisierung (gleiche Grundrisse, Wohnungen, Wohnblöcke, ... für alle) sollte egalitäre Wohnbedingungen sicherstellen. Begünstigte Standorte und Lagen innerhalb eines Wohnkomplexes sollten vermieden werden. Unterschiede zwischen Land und Stadt, Zentrum und Peripherie würden dadurch nivelliert. Das setzte die Annahme einer Interessensübereinstimmung von Individuum, Familie und Gesellschaft voraus.

Kritik an CIAM

Gleichzeitig mit der praktischen Anwendung der Prinzipien der funktionalen Stadt nach dem Krieg, kam es zunehmend zu interner und externer Kritik an CIAM.
Von außen kam von der linken Seite der Vorwurf, dass es sich bei der modernen Architektur um einen neuen westlichen und bürgerlichen Stil handle, während konservative Kritiker von Kulturbolschewismus sprachen. Nach 1945 meldete selbst Le Corbusier Zweifel an, ob sich die „Charta von Athen“ auf die Nachkriegssituation anwenden ließe. In einem Brief an Josep Luis Sert bekannte er, nicht mehr zu wissen, wie die neue Stadt organisiert werden solle. Man stellte sich zunehmend die Frage, welche Elemente zusätzlich zu den vier Funktionen nötig waren, um eine urbane Struktur zu erzeugen. Corbusier sah sich genötigt, den Einfluss von ökonomischen und sozialen Realitäten auf die Stadtplanung einzugestehen. So änderte er seinen Ausspruch von „Revolution oder Architektur“ zu „Architektur und Revolution“.
Zum einflussreichsten Nachkriegskongress wurde CIAM 8, der 1951 in Hoddelston, England, stattfand und in dem „the heart of the city“ zum Thema wurde. Man diskutierte die Planungsparameter für zivile Stadtzentren und deren Einfluss auf die Identität einer Gemeinschaft. Betont wurde erneut die Notwendigkeit einer zentralen Planung und einer öffentlichen Finanzierung. Allerdings wurde es zunehmend schwieriger, eine gemeinsame Deklaration zu verfassen, da die Differenzen nicht zuletzt zwischen einer älteren und jüngeren Generation deutlicher wurden. Der nachfolgende Kongress CIAM 9 von Aix-en-Provence, Frankreich, 1952 war dann schon durch offene Polemiken der neuen Generation geprägt. Vor allem Allison und Peter Smithson griffen die funktionalistische Doktrin der „Charta von Athen“ an und sahen die Notwendigkeit, über eine Re-Identifizierung der BewohnerInnen mit dem Wohnhaus, der Gemeinschaft, der Straße, dem Distrikt und der Stadt nachzudenken. Man bekundete ein Interesse für „Zwischenräume“ und Bildungseinrichtungen. Man stellte Überlegungen zu Fragen des Stadtwachstums an: Ein indirekter Angriff auf die Idee der „Tabula rasa“ und des „Fünf-Minuten Städtebaus“.
Lewis Mumford schrieb 1940 an Sert, dass die vier Funktionen nicht genug seien, da sie das Politische, das Kulturelle und die Erziehung nicht berücksichtigten. 1960 wurde die Stadt Brasilia, die nach CIAM-Prinzipien von Oscar Niemeyer und Lucio Costa geplant wurde, von den Mitgliedern des Team 10 (die Smithsons, Jacob Bakema, De Carlo, Alexander), das sich direkt nach CIAM 10 1956 gebildet hatte, angegriffen.
1961 veröffentlichte Jane Jacobs ihr „The Death and Life of Great American Cities“, in dem sie den Massenwohnbau der Nachkriegszeit kritisierte und „master-planning“ insgesamt in Frage stellte.

Die funktionale Stadt versus „collage city“

1978 veröffentlichten Fred Koetter und Colin Rowe ihr „collage city“. In diesem Buch kulminierte die Kritik an der Stadtvision der Moderne. Zum einen sahen sie in der Wissenschaftsgläubigkeit der Moderne ein Nachwirken der Aufklärung, andererseits diagnostizierten sie eine fantastische, pathetische Vorstellung einer teleologischen Geschichtsvorstellung, wie sie Hegel formuliert hatte. Das hatte laut Koetter/Rowe die Annahme der Modernisten zur Folge, dass Architektur rational bestimmbar und historisch vorbestimmt sei.
Der Text birgt den Versuch einer Rekontextualisierung der Moderne (der Architektur) in die Geschichte utopistischer Ideen seit 1500 und will den Gründungsmythos des Neuen Bauens – eine Entstehung ex nihilo, den Bruch mit der Tradition – ad absurdum führen. Die Ideologie der ModernistInnen gipfelt – so ihre Argumentation - in dem Paradigma (in Fortführung klassisch aufklärerischer Ideen): Natur ist rein, Sitte verdorben.
Die „collage city“ als Gegenmodell stellten sie als eine Theorie der widerstreitenden Kräfte vor: In dieser Stadt herrscht gleichzeitig Ordnung und Unordnung, collagierte Fragmente (Architektur) erzeugen die Stadt als Theater der Erinnerung und gleichzeitig der Vorhersehung. Statt entweder - oder setzen sie: sowohl - als auch. Von Claude Levi-Strauss entlehnte man den Begriff der Bricolage: die Bastelei. So stellten sie sich die neuen ArchitektInnen als IngenieurInnen verkleidete Bricoleurs (BastlerInnen) vor. Sie kennzeichneten (als Bricoleurs) ein „wildes Denken“: durch einzelne Ereignisse (architektonische Fragmente) erzeugen sie Strukturen, ein neues Ganzes (als historisches Beispiel führen sie das barocke Rom vor). Als IngenieurInnen weisen die ArchitektInnen die Vorzüge eines „gezähmten Denkens“ auf. Sie erzeugen Strukturen, die Ereigisse erlauben: Das Stadtraster von Manhattan.
Die „collage city“ ist der Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen und überlagern.


Die delirierende Stadt

In „Delirious New York“ (ebenfalls 1978 erschienen) feierte Rem Koolhaas’ Manhattan und dessen „Kultur der Verdichtung“. Urbanität wird als ein Zustand der Überlagerung von diversesten Programmen definiert, die in New York aufgrund der Erfindung des Liftes vertikal geschichtet werden. Dadurch kommt es zu einem beinahe surrealen Zusammentreffen von Aktivitäten. Berühmtes, von Koolhaas angeführtes, Beispiel ist der „Downtown Athletic Club“, ein Wolkenkratzer in dem „Junggesellen in Boxhandschuhen Austern essen“. Allerdings vermisst man in Koolhaas’ „retroaktivem Manifest für Manhattan“ (Manhattan ist gewissermaßen das Gegenmodell zur CIAM-Stadt) eine Diskussion über die soziale Geografie der Stadt, die von Segregation und Gentrifizierung geprägt ist. Die surreale Welt des „Downtown Athletic Alub“ wird von einer eng definierten sozialen Gruppe konsumiert: von Junggesellen mit hohem Einkommen.
In seinem Aufsatz „What ever happened to urbanism?“ in der Publikation S,M,L,XL (1995) schreibt er über die architektonische Moderne a lá CIAM:
„Das alchemistische Versprechen der Moderne – durch Abstraktion und Wiederholung Quantität in Qualität zu verwandeln – war ein Fehlschlag, eine Falschmeldung: Ein Zauber, der nicht funktionierte. Ihre Ideen, Ästhetik und Strategien sind zu Ende. Insgesamt haben alle Versuche eines neuen Anfangs nur die Idee dessen diskreditiert. Ein kollektiver Scham im Kielwasser dieses Fiaskos hat einen massiven Krater in unserem Verständnis von Moderne und Modernisierung hinterlassen.“

Petrzalka – die Platte revisited

In Petržalka lassen sich einige Planungsparameter der Großsiedlung ablesen.
Die weitgehende Homogenisierung der Stadtstruktur, die standardisierte Zuordnung von Infrastruktur. Schulen, Kindergärten, Einzelhandelsgeschäften und Busstationen – fußläufig erreichbar. Der Verzicht auf private Freiflächen und die monostrukturelle Aufteilung der Räume.
Petržalka teilt seine Probleme mit anderen Stadtstrukturen dieser Art: Bauschäden (deren Behebung oft zu teuer ist), eine Unflexibilität der typisierten Grundrisse, einen Mangel an kollektiver Infrastruktur und die fehlende Möglichkeit von Erwerbstätigkeit im Wohnumfeld.
Erinnert man sich an Le Corbusiers Forderung der zwanziger Jahre, nach einer Unabhängigkeit der Architektur vom politischen Kontext und gegenteiliger Annahme von Mies van der Rohe, dass Stadtplanung vorwiegend eine politische Frage sei, erscheint ein prinzipieller Vergleich zwischen Plattenbausiedlungen in Ost und West interessant:
Die Großsiedlungen im Osten weisen bis heute eine soziostrukturelle Mischung auf: ProfessorInnen und ArbeiterInnen wohnen im selben Block. Im Westen ist die Sozialstruktur homogener (BezieherInnen niedriger Einkommen sind in der Regel die BewohnerInnen). Schon heute kommt es zur Bildung von Gettos innerhalb der äußerlich homogenen Struktur: Die Wende hat auch eine zunehmende soziale „Entmischung“ zur Folge, eine Begleiterscheinung der „Differenzierung der Gesellschaft“ nach westlichem Vorbild. Das Funktionieren und die Qualität von urbanen Strukturen und Architektur kann nicht unabhängig vom politischen und ökonomischen Kontext betrachtet werden.
Auch wenn man aus heutiger Sicht die Parameter eines fordistischen Wohnbaus hinterfragen muss, scheint es sinnvoll, dessen Manifestationen als historische Begebenheit zu akzeptieren und sie (auch aus pragmatischen Gründen) als unfertig zu betrachten. Versuche, einzelne Wohnungen aufzuwerten und beispielsweise Penthäuser und Luxuswohnungen zu schaffen, sind im Allgemeinen gescheitert (wie Christine Hannemann über Projekte in Ostdeutschland berichtet). Oft ist die Situation einer Großsiedlung nicht von internen Zuständen abhängig, sondern von ihrem Umfeld: von der Beziehung zu anderen Stadtteilen, das Vorhandensein von Arbeitsplätzen in der Umgebung.
Wenn sich in den Plattenbausiedlungen im Osten eine kontinuierliche Entdifferenzierung der BewohnerInnen einstellt, so ist das eine Rückkehr zu der Konzeption der Moderne der zwanziger Jahre (worauf Christine Hannemann hinwies). Damals wollte man die Vorteile eines industrialisierten Bauens dem städtischen Proletariat zukommen lassen. Es stellt sich die Frage, ob ein homogenes oder differenzierteres soziales Umfeld nachbarschaftliche Kontakte fördert?