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Artikel von:
Michael Zinganel

Michael Zinganel studierte Architektur in Graz, Kunst in Maastricht und Zeitgeschichte in Wien. Er lebt und arbeitet als Künstler, Kurator, Kulturwissenschafter und Architekturtheoretiker in Wien. Seit 2005 realisierte er gemeinsam mit Michael Hieslmair Workshops, Konferenzen, Ausstellungen und Ausstellungsbeiträge über transnationale Mobilität, Massentourismus und Migration. 2012 gründeten die beiden die Forschungsplattform »Tracing Spaces«. Seit 2014 leiten sie das Forschungsprojekt »Stop & Go. Nodes of Transformation and Transition« an der Akademie der Bildenden Künste. http://mhmz.at, http://www.tracingspaces.net, http://stopandgo-transition.net

Artikel aus Ausgabe 3


dérive - Radio für Stadtforschung
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Wien für Amerikaner

Vom politischen Kabarett zur Shopping Mall

LEARNING FROM LAS VEGAS

Las Vegas ist ein sich ständig wandelndes Museum der Entertainment-Kultur und ihrer jeweils aktuellsten baulichen Entsprechungen. Las Vegas sollte Ihnen allen daher immer wieder einen Besuch wert sein:
Hier wurde 1941 mit dem El Rancho das erste themenorientierte Casino-Hotel errichtet, hier sollte 1958 am Stardust die Außenwerbung erstmals die konventionelle Architektur ersetzten. Und hier sollte im Cesar’s Palace die Shopping Mall revolutioniert werden, als dessen Designer Terry Dougall die Forum Shops als römische Straßen um einen großen Markt-Platz gestaltete, dessen mit Wolken bemalter künstlicher Himmel den Tagesablauf von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang durch sich ändernde Lichtstimmungen in nur 3 Stunden simulieren kann und dessen den zentralen Brunnen schmückende Marmor-Statuen römischer Götter sich als in weiß getauchte Schauspieler entpuppen.
In John Jerde’s Treasure Island schließlich wurden die Events aus dem Inneren in den öffentlichen Raum des Las Vegas Strip verlegt, um im Wettbewerb mit den anderen Casinos bereits auf der Straße potentielle Besucher zu binden: Im einem künstlichen Teich vor dem künstlichen Piratendorf ankert ein Piratenschiff, ein britisches Kriegsschiff fährt in den Hafen ein und beginnt das Piratenschiff zu beschießen, eine heftige Seeschlacht beginnt. Die Piraten gewinnen, das königliche britische Schiff wird versenkt, um dann für die nächste Vorstellung wiederaufzutauchen. Und zur Zeit errichtet die Howard Hughes Corporation 15 Meilen westlich von Las Vegas die weltweit größte Gated Community namens Summerlin, eine eingezäunte und bewachte Anlage aus Einfamilien- und Reihenhäusern für insgesamt 160.000 BewohnerInnen, wovon die Hälfte SeniorInnen sein werden, die einem sicheren aber unterhaltsamen Lebensabend in und um Las Vegas entgegenblicken.

Mall Madness

„The more poeple enjoy the public space, the more they spend with shopping” ist das Credo des Architekten John Jerde: Der von ihm entworfene Universal City Walk auf dem Gelände der ehemaligen Universal Studios in Hollywood konstituiert sich formal aus einer verdichteten Collage visueller Zitate der bekanntesten Landmarks von Los Angeles auf den Fassaden einer einzigen kurzen Einkaufsstraße: hier entstand ganz bewusst eine Cartoon-Stadt, eine Parodie von Los Angeles, wie ihr Schöpfer John Jerde freimütig einräumt, mit dem Ziel, dass sich alle in Los Angeles ansässigen Einkommensgruppen und Ethnien damit identifizieren, sodass das Areal des City Walk sogar von den Mitgliedern der unterschiedlichsten Gangs als Waffenstillstandszone anerkannt worden sein soll: Die Mall als pädagogische Institution, als Ersatz des verwahrlosten öffentlichen Raumes der Inner Cities?
Freilich gelten hier nicht mehr die Gesetze des Staates sondern die Hausordnung des Unternehmens: beispielsweise dürfen mehr als 4 schwarze Jugendliche die Mall nicht gleichzeitig betreten, weil sich andernfalls die kaufkräftigeren Weißen zu fürchten beginnen, und wer sich einmal einer „Überschreitung” schuldig gemacht hat, kann für immer mit Hausverbot belegt werden. Das Innere und die permeablen Grenzen dieser Territorien werden nicht mehr von der staatlichen Polizei, sondern von einer video- und computerunterstützten privaten Sicherheitsarmee bewacht.
Tatsächlich gibt es in den USA mittlerweile Malls, in denen der eingeschüchterte Mittelstand in klimatisiertem Ambiente und beschützt von privaten Sicherheitsdiensten einen speziellen Mall-geeigneten Sport betreiben kann: das Schnell-Gehen. Die als Mall Walkers bezeichneten SportlerInnen werden von den GeschäftsinhaberInnen mit Rabattmarken für die innerhalb der Mall erwanderten Meilen belohnt, die bei den Checkpoints der Wanderwege auf ihre Computerchipkarten geladen werden. In der Mall of America in Minnesota findet sich die äußerst erfolgreiche Chapel of Love, in der Hochzeiten abgewickelt werden, deren Brautpaare mitunter in derselben Mall aufgewachsen sind oder sich in der Mall kennengelernt haben. Auch Anfragen nach Eheberatungs- und Beerdigungs-Service sollen schon gestellt worden sein (...) Im Fantasy Land Hotel in Edmonton, in dem jedes Zimmer nach einem anderen Thema ausgestattet wurde, ist das Freizeitangebot der angeschlossenen Mall mit einer Sea World Badeanlage, einer Indoor-Kunsteisbahn u.v.a. so umfassend, dass für Gäste keinerlei Anlass mehr besteht, während einer Woche Urlaub die Mall zu verlassen.
Mall Madness schließlich ist ein dreidimensionales Brettspiel, bei dem die SpielerInnen je nach Glück und Geschicklichkeit unterschiedliche Abenteuer in einer Shopping Mall erleben – und im Gegensatz zu Monopoly – die Last- oder Gutschriften mit Kreditkarten anstelle von Bargeld verbuchen können.

Learning from Vienna

Als mich Norman Klein 1999 anlässlich eines Vortrages zum ersten Mal in Wien besuchte, war er unendlich aufgeregt. Für den in der Autostadt Los Angeles lebenden und an mehreren Universitäten unterrichtenden Stadttheoretiker stellt Wien ein ganz besonderes Reiseziel dar: Für Klein ist Wien nicht so sehr die Wirkungsstätte Sigmund Freuds, wie man annehmen könnte, sondern in erster Linie die Geburtsstadt eines hierzulande wenig bekannten Architekten namens Victor Gruen, einem der bedeutendsten Städteplaner der USA, dessen Konzept der Shopping Mall die Architektur von Großkaufhäusern und die Entwicklung der amerikanischen Vorstädte radikal verändern sollte.
Freilich musste er aufgrund seines politischen Engagements und seiner jüdischen Herkunft erst von den Nationalsozialisten nach New York vertrieben werden, um von dort nach Los Angeles zu ziehen, wo er eines der größten Architekturbüros des Landes aufgebaut hat.
Norman Klein durfte nun endlich Wien sehen, die Stadt, die den Schöpfer der Shopping Mall so inspiriert haben musste. Er wollte sehen, was es war, das Victor Gruen den Amerikanern geben wollte, was sie in ihren eigenen Stadtzentren und erst recht in ihren Vororten nie kennen gelernt hatten: einen fußgängerfreundlichen, verdichteten, urbanen Raum mit einer Vielfalt unterschiedlichster Raumqualitäten, der neben Shopping auch andere kulturelle und soziale Bedürfnisse befriedigen würde.
Und tatsächlich erschien der gesamte erste Wiener Bezirk dem Amerikaner als einzige riesige Shopping Mall, als wunderschöner „barocker” Themenpark, der zwar etwas zu groß geraten war, dem aber nur noch die Parkgaragen, die Überdachung, die Klimaanlage und das private Sicherheitspersonal fehlen würden.
Denn das hat dem Angelino Klein doch ein wenig Angst gemacht, als Weißer in der Inner City einer Großstadt öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und nachts zu Fuß mit mir durch eine Stadt zu ziehen, die niemals abgeschlossen wird.

Gruen – Motown – Mall

Every town is divided into four districts of equal size, each with its own shopping center in the middle of it...
Thomas More: Utopia
Utopia, n. literally: no place

Bei der Konzeption seiner vorstädtischen Großkaufhäuser soll Gruen – so Otto Kapfinger im Katalog zu Visionäre und Vertriebene – zum Einen seine Erfahrung bei der Gestaltung von mehreren kleinen Läden in der Wiener Innenstadt zugute gekommen sein, zum Anderen aber auch sein Organisationstalent und vor allem sein Sinn für das Theatralische, den er bereits 1926–34 als Organisator und Mitbegründer des Politischen Kabaretts schärfen konnte.
Bereits 1943 formulierte Gruen in einem Artikel für Architectural Forum seine Prinzipien für zukünftige Shopping Center. Vier Jahre später konnte er nahe des Flughafens von Los Angeles sein erstes vorstädtisches Großkaufhaus errichten, dessen Dach mit Rampen erschlossen und als Kunden-Parkplatz genutzt wurde.
Das erste klassische Modell – gewissermaßen den Prototyp – eines regionalen Einkaufzentrums konnte Gruen dann 1951–54 bezeichnenderweise in Detroit realisieren, der mit Ford, Chrysler und GM weltweit führenden Produktionsstätte für Automobile, in der Henry Ford bereits 1914 die Fließbandarbeit eingeführt und damit den Grundstein für die preisgünstige Massenproduktion des Automobils gelegt hatte, eine Maßnahme die die Welt verändern sollte und – vor allem nach dem Krieg – die unaufhaltsame Entwicklung der Vororte vorantrieb.
Gruen hatte ursprünglich vorgeschlagen in allen Himmelsrichtungen im Abstand von 12 bis 20 km vom Stadtzentrum jeweils eine große Shopping Mall zu errichten, North-, East-, West- und Southland. Schließlich konnte nur Northland von Gruen Associates selbst realisiert werden, Eastland zumindest noch nach Gruens Masterplan. Die von ihm vorgeschlagene Ergänzung und Verdichtung zu urbanen Subzentren blieb jedoch in beiden Fällen Vision.
Seine Malls wollte der Architekt Viktor Gruen als urban organism verstanden wissen, sie sollten „the spirit of the market place of ancient greece and ancient rome...” vermitteln (bedeutende Worte, an die sich später Terry Dougall bei der Gestaltung der Forum Mall in Cesar’s Palace in Las Vegas gehalten haben dürfte).
Seine Malls sollten das Gegenstück zur endlosen anonymen Vorstadt sein. Bezüglich ihrer inneren Erschließung orientierten sie sich an traditionellen Stadträumen gewachsener europäischer Städte: Gassen und Straßen, Höfe und Plätze unterschiedlichsten Charakters sollten ein räumliches Kontinuum intimer und öffentlicher Räume generieren Diese verdichteten Erlebnisräume sollten neben dem kommerziellen Angebot auch kulturelle und gesellschaftliche Aufgaben erfüllen und neben Geschäften daher auch regelmäßige kulturelle Veranstaltungen beherbergen. Gruen wollte dem in seinen Vorstädten isolierten Mittelstand eine Idee des urbanen europäischen Gemeinwesens vermitteln: In Northland gab es beispielsweise zwei öffentliche Vortragssäle, Klubräume, ein Postamt, acht Restaurants, Friseur, Schneider, Zahnarzt, Optiker, Mütterberatung, Kinderkrippe usf. – ein Raumprogramm, das bis auf das Sektionslokal der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Volksbibliothek an die Gemeinschaftseinrichtungen im Wohnbauprogramm des Roten Wien erinnern könnte.
Im Kern der Anlage befand sich keine Zentralwaschanlage, wie im Karl Marx Hof, in der noch in den Nachkriegsjahren die Arbeiterfamilien Schlange standen, um sich zu baden oder ihre Wäsche waschen zu können. Die Amerikaner hatten eine andere Idee von der Demokratisierung der Haushaltstechnologie: der weiße amerikanische Mittelstand sollte in jedem Einfamilienhaus über eine autarke Infrastruktur an Haushaltsgeräten verfügen. Individueller Besitz ist das zentrale Ziel und dessen Schutz das wichtigste Grundrecht. Im Zentrum der Anlage in Northland befand sich daher ein vierstöckiges Warenhaus, um das niedrigere Einzelgebäude mit 90 Mietgeschäften und kleineren Supermärkten gruppiert sind, durch Arkadengänge und introvertierte atriumartige Hofanlagen aufgelockert. Es gab keinerlei Sichtverbindung nach außen – außer an den Eingängen. Denn dort endete das Konzept der Verdichtung und ein anderes nicht minder beeindruckendes begann: ein riesiges, ringförmig um die Mall angelegtes Areal an Parkplätzen, die von einer äußeren, gürtelartigen Erschließungsstrasse eingefasst sind.
Northland war mit 40–60.000 BesucherInnen täglich bzw. 100.000 an Wochenenden das erfolgreichste Shopping Center der USA. Es war touristische Attraktion und mit Ausstellungen und mit seinen vielen Sonderaktivitäten auch kulturelles Zentrum für 600.000 Bewohner im Einzugsbereich.
Viktor Gruen bezeichnete später die shopping mall in den suburbs als vorzügliches Laboratorium oder Experimentierfeld für die nötig gewordene Wiederbelebung der Innenstädte, an deren Verfall seine Konzepte der suburban mall allerdings nicht unbeträchtlich beigetragen haben. Auch die Innenstädte wollte Gruen als überdachte Fußgängerzonen gestalten, die allseitig von einer Ringstraße mit Parkgaragen umsäumt sind, sodass alle Ziele in dieser Innenstadt innerhalb von sechs Minuten ab Verlassen des Autos erreicht werden könnten: sein Projekt für die City of Fort Worth 1954–56 stellte den ersten Revitalisierungsvorschlag für das Zentrum einer wichtigen amerikanischen Stadt dar. Seine Strategien dazu fasste er 1964 in The Heart of Our Cities. The Urban Crisis: Diagnosis and Cure zusammen, Pflichtliteratur für amerikanische Städteplaner.
Nachdem er sich 1968 aus seinem äußerst erfolgreichen Büro zurückgezogen hatte, widmete er sich der Raumplanung: 1969–71 arbeitet er am Konzept für eine autofreie Stadt, das sehr stark vom ringförmigen Verkehrs- und Grüngürtel um die Wiener Innenstadt geprägt war. Bereits 1969 engagierte er sich für die Einrichtung einer Fußgängerzone in der Wiener Innenstadt sowie für deren Erschließung durch Citybusse. 1973 zog er sich schließlich nach Wien und in sein Landhaus am Semmering zurück.
Wie vielen jüdischen EmigrantInnen, die relativ früh – vor dem Wiederaneignungsboom des kulturellen Kapitals, das mit ihnen vertrieben wurde – zurückkehrten, wurde ihm nicht sehr viel Ehre zuteil, oder wie in seinem Fall eine sehr spezielle: Nicht etwa der Platz einer Shopping City wurde nach ihm benannt, sondern eine winzige Gasse in der Heimkehrersiedlung im 10. Bezirk: in einer jener Wiener Kleingartenanlagen, die von verarmten Kriegsheimkehrern unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg illegal besetzt und besiedelt wurden, und auf deren Legalisierung und Domestizierung später die sozialdemokratische Siedlerbewegung aufbauen konnte...