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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 11


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Editorial

„This war is stupid“, schreibt Robert Menasse in seiner Rede, die bei der großen Friedensdemo am 22. März verlesen wurde. Darin schafft er es, mit keinem einzigen Wort die politischen Verhältnisse im Irak zu erwähnen. Anstatt sich vielleicht die Frage zu stellen, wie es dazu kommen konnte, dass sich eines der brutalsten, gewalttätigsten Regime der Welt über Jahrzehnte an der Macht halten kann, erzählt er uns nur von den USA, dem - laut Menasse -„Entwicklungsland der Aufklärung“. Kein Wort der Kritik darüber, dass viele europäische Länder (darunter auch Österreich und die großen „Friedensmächte“ Deutschland und Frankreich) glänzende (Waffen-)Geschäfte mit dem Irak gemacht haben und das Überleben des Regimes damit vermutlich verlängert haben. Keine Forderung die irakische Opposition zu unterstützen oder die irakischen Flüchtlinge aufzunehmen. Kein Verweis darauf, dass viele KriegsgegnerInnen von heute vor kurzem, als es gegen den „Erzfeind“ Jugoslawien ging, noch zu den KriegstreiberInnen gehörten. Nein, kein Wort von alldem, stattdessen Kritik an der nicht vollständigen US-amerikanischen Befreiung Europas vom Faschismus (und das in einem Land, das zur Befreiung herzlich wenig beigetragen hat), naive Einschätzungen darüber, wer nationale Interessenpolitik macht (nämlich die USA) und wer angeblich nicht (europäische Politik), eigenartige Vorstellungen über den Unterschied zwischen der US-amerikanischen und der europäischen Wirtschaftsordnung etc.
Da Menasse nicht der Einzige ist, der nichts über die Verhältnisse im Irak und die Gewalt seines Regimes zu sagen hat, sondern quasi stellvertretend für den Mainstream, der sich über alle politische Lager ausgebreitet hat, hier angeführt ist, soll an dieser Stelle eine kurdische Exilirakerin zu Wort kommen, die, wie viele ihrer Landsleute (siehe z. B. www.koalitiondemokratischerirak.de), mit der einseitigen Ausrichtung der Friedensbewegung auf die USA nicht sehr glücklich ist. Im Irak herrscht seit 30 Jahren Krieg, Frieden kann es nur geben, wenn Hussein nicht mehr an der Macht ist.

Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens

Rede von Aras Marouf – Kurdin, Nordirak – auf der Antikriegsdemonstration, Saarbrücken, Montag, 17. März 2003.

Wie viele von euch haben einen Krieg erlebt, wie viele von euch sind im Krieg geboren und gewachsen, wie viele haben Kinder und Erwachsenen in den Augen geschaut während sie sich vom Leben auf grausamste Art und Weise verabschieden müssten, wer von euch war auf der Flucht, ein ganzes Leben auf der Flucht, in der Hoffnung die Heimat wieder zu sehen, wer hat auf der Flucht die liebsten Menschen aus eigener Familien sterben sehen und selbst mit dem Leben davon gekommen ist? Ich habe das erlebt! Und nicht nur ich, sondern auch viele Irakis. Der Krieg im Irak ist allgegenwärtig!
Von Henri Barbusse gibt es einen eindrucksvollen Satz. Er lautet: „Zwei Armeen, die gegeneinander kämpfen, sind eine große Armee, die sich selbst umbringt.“ Bei allem Respekt vor denen, die wie Henri Barbusse vom aktiven Kriegsteilnehmer zum noch engagierteren Kriegsgegner wurden – was der französische Autor zum Ausdruck bringt, ist nur eine Hälfte der Wahrheit. Denn wo gekämpft wird, werden immer auch Zivilisten getötet. Das ist die andere Hälfte der brutalen und blutigen Wahrheit. Gestern vor 15 Jahren geschah in meiner Heimat Kurdistan, in der Provinz Suleymania, in der Stadt Halabja, ein Mord, nur ein Mord an 5.000 Zivilisten. Kinder, Frauen, Männer, ließen in der Stadt Halabja qualvoll ihr Leben in einer Giftwolke aus Senfgas oder Sarin. Alte, Kranke, Schwangere, Babys Behinderte erstickten. Zehntausende wurden krank und starben später an den Folgen des Gasangriffs.
Heute leben dort viele Jungen und Mädchen im Alter unserer Kinder, die damals – ungeboren – im Mutterleib geschädigt wurden, mit schlimmen Missbildungen. Wer am 16. März vor den heranfliegenden Bombern am frühen Morgen noch fliehen konnte, fand später von seinem Haus nur noch Trümmer vor, die irakischen Truppen walzten fast alles mit dem Bulldozer nieder. Halabja ist am 16. März 1988 zu einem Sinnbild für die Tyrannei im Irak geworden. Wir wollen heute Abend an die Opfer erinnern. Aber auch an die Täter. Das Massaker war Teil eines noch größeren Wahnsinns: Bei insgesamt acht der Al-Anfal- Aktionen vernichtete das Regime Saddam Husseins 180.000 Kurdinnen und Kurden, 4000 Dörfer und Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Die systematische Vernichtungsaktion der Baathpartei gegen Kurden lief vom Frühjahr 1987 bis zum Herbst 1988. Am Ende waren 80 Prozent der kurdischen Dörfer zerstört. Die ländliche Bevölkerung wurde zusammengetrieben, Jungen und Männer zwischen 15 und 50 Jahren wurden auf Lastwagen abtransportiert. Sie sind nicht mehr aufgetaucht. Erinnert Sie vielleicht dieses Bild an Bilder aus eigener Geschichte? Das Drama in Nordirak erregte in Europa kaum die Gemüter. Allenfalls die schrecklichen Bilder der Leichen von Halabja ließen die Medien und die Öffentlichkeit eine Zeitlang aufhorchen. Diskussionen über deutsche Lieferungen für die Giftgasproduktion verebbten aber schnell. Das Thema Halabja gehört heute Abend hierher. Das darf nicht im Hintergrund rücken!!
Im gesamten Irak hat das Regime Saddam Husseins unzählige Verbrechen an der eigenen Bevölkerung verübt. Die Menschen des Südiraks wurden nach der Niederschlagung der Volksaufstände grausam dafür bestraft, dass sie sich gegen ihre Unterdrücker erhoben. 40.000 Menschen wurden ermordet, zehnmal so viele aus ihren Dörfern vertrieben oder deportiert. Die südirakischen Marschen, ein natürliches Sumpfgebiet in der Größe des Bundeslandes Hessen, wurden trockengelegt, den Bewohnern die Existenzgrundlage entzogen, ihre Siedlungen mit Napalm bombardiert. Tausende Menschen werden überall im Land unter furchtbaren Bedingungen in Haft gehalten. Kurden und Araber, Assyrer, Yeziden und Turkmenen, Suniten, Schiiten und Christen. In den Gefängnissen wird gefoltert und willkürlich getötet.
16.000 Namen hat Amnesty International gesammelt von Menschen, die einfach „verschwanden“
All dies ist noch nicht Vergangenheit, all dies ist im Bewusstsein aller Iraker jeden Tag präsent. 23 Millionen Irakis sterben seit 30 Jahren jeden Tag mehrmals.
Hunderttausende Irakis wurden ermordet, vier Millionen sind Flüchtlinge und eineinhalb Millionen sind innerhalb des Irak zwangsweise umgesiedelt worden. Das ist der alltägliche Krieg, den wir seit über dreißig Jahren erleben.
Am 15. Jahrestag des Verbrechens hoffen wir darauf, dass Sie ein zweites Halabja nicht zulassen werden Für Kurden ist Saddam Hussein trotz Flugverbotszone ein unkalkulierbares Risiko, von dem der Irak befreit werden muss.
Wir haben Frieden und Freiheit verdient. Wer über Krieg und Alternativen redet, muss auch die Perspektive dieser Menschen einnehmen können. Das ist eine Botschaft von Halabja. Saddam Hussein verdient weder Schonung noch Rücksichtnahme, Zu einer konsequenten Friedenspolitik gehört auch, dass Giftgastäter vors Kriegsverbrechertribunal gestellt werden Das irakische Volk will Frieden, und der ist nur durch einen Regimewechsel und durch Entbaathifizierung zu erreichen. Hätten Europäer und Amerikaner in ihrer Irakpolitik ein gemeinsames Ziel, hätten sie auch einen gemeinsamen Weg gewählt. Aber ihn wird es nun nicht geben, da zu unterschiedliche Interessen im Spiel sind.
Aber es geht auch um die Interessen des irakischen Volkes. In unserem Land herrscht seit 30 Jahren Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Hunderttausende sind ihm zum Opfer gefallen; Saddam an der Macht zu lassen, hieße auch, sich für die Fortsetzung dieses Krieges zu entscheiden.
Halabja, hat für uns heute schließlich eine dritte Botschaft: Bitte treibt jetzt die Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung voran, die seit Wochen wieder auf der Flucht sind – nicht nur in Kurdistan. Wer aus taktischen Gründen noch zögert, macht sich schuldig an der drohenden humanitären Katastrophe.

Quelle: www.wadinet.de