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Artikel von:
Christa Kamleithner

Christa Kamleithner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste Berlin, Fachbereich Kunst- und Kulturgeschichte im Studiengang Architektur und Lehrbeauftragte am Center for Metropolitan Studies, TU Berlin.

Artikel aus Ausgabe 10


dérive - Radio für Stadtforschung
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Editorial

Der Wohnungsmarkt hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert: Der unmittelbare Bedarf ist gedeckt, nun geht es darum, besser zu wohnen. Wohnen wird als die Summe individueller Bedürfnisbefriedigung angesehen, das Angebot richtet sich gezielt an verschiedene Zielgruppen und Lebensstile. Unter dem Begriff „Themenwohnen“ kann man jene Marketingstrategie zusammenfassen, die nicht mehr nur leeren Wohnraum anbietet, sondern ein Gesamtprodukt, das auch die software umfasst. Das gesamte Wohnumfeld wird geplant, Dienstleistungen und Gemeinschaftseinrichtungen sind inkludiert. Den Auswirkungen dieser Planungslogik auf das Wohnen und den städtischen Zusammenhang wird im Schwerpunkt „Produkt Wohnen“ nachgegangen.
Detlev Ipsen eröffnet die Diskussion, er macht klar, dass hinter jeder Planungstätigkeit und Raumproduktion ein Bildprogramm steht; dies betrifft „moderne“ Raumkonzepte ebenso wie „postmoderne“, die gezielt in der semiotischen Klamottenkiste graben. Eine wesentliche Veränderung ist jedoch die Multiplikation der Bilder, deren Entstehung individueller geworden zu sein scheint. Inwiefern diese Pluralisierung und Individualisierung tatsächlich eingelöst wird oder inwiefern sie immer schon gefährdet ist, damit beschäftigt sich diese Ausgabe. Rudolf Kohoutek geht der neuen Bedürfnislage der BewohnerInnen nach, die ihren Teil zum projektorientierten Wohn- und Städtebau beigetragen hat, und zeigt den Zusammenhang alternativer Gemeinschaftswohnprojekte der 70er Jahre mit dem heutigen Themenwohnen. Und auch, wie diese neuen Befindlichkeiten das alte Konstrukt Stadt in Frage stellen. Der folgende Artikel „Wohnen im Archipel“ versucht, den Komplex des Themenwohnens und des Inselurbanismus in die größere historische Konstellation der „Biomacht“ einzureihen, wie sie von Michel Foucault, zuvor jedoch auch schon von Hannah Arendt und nun von Giorgio Agamben untersucht worden ist.
Edeltraud Haselsteiner beschäftigt sich mit historischen ArbeiterInnensiedlungen, in deren Zentrum das gemeinschaftliche Wohnen steht; dabei geht es sowohl um utopische Genossenschaftsprojekte, wie Fouriers Phalanstère, als auch um verordnetes gemeinsames Wohnen, das die Abhängigkeit der ArbeiterInnen vom Unternehmer verstärkt. Zwischen Werkssiedlungsbau und Themenwohnprojekten lässt sich dann auch eine gewisse Strukturähnlichkeit herauslösen. Roland Tusch zeigt die Themen des Wohnens im Verlauf der Zeit, die von topographischen und funktionellen
Identitätsstiftungen bis zu gezielt gesetzten und konstruierten Themen reichen.
Im Zentrum dieses Schwerpunktes steht das Wohnprojekt Fontana im Süden von Wien: Die erste typische gated community in Österreich, die derzeit noch ohne Zaun auskommt, deren Villen im Südstaaten-Look aber eine deutliche Abgrenzung signalisieren. Von hier aus lässt sich das Feld des Themenwohnens mit jenem des Sicherheitsdiskurses verknüpfen und der Bogen nach Amerika spannen, wo die Bewegung des new urbanism schon seit geraumer Zeit an der perfekten kleinstädtischen Idylle arbeitet. Sabine Pollak gibt Hintergrundinformationen zu Fontana und zeigt die Herkunft des Projekts auf; Bernadette Wolbring beschäftigt sich mit dem amerikanischen Modell – der Disney-Stadt Celebration – selbst. Sie beschreibt, wie in den Kulissenstädten des new urbanism Realität und Fiktion verschmelzen und sich das Leben dort nach seinen filmischen Vorbildern richtet. Barbara Holub hat Fontana in seinen Anfängen und zum gegenwärtigen Zeitpunkt fotografiert und diese Bilder und Interviewfragmente zusammengestellt; die Veränderungen und Diskrepanzen, die dabei sichtbar werden, sprechen für sich.
Michael Zinganel hat letztes Frühjahr die MIPIM – die weltweit größte Immobilienmesse – in Cannes besucht und berichtet über das gesell-schaftliche Leben, das sich dort zwischen Messehallen und Jachthafen abspielt. Die Selbstpräsentationen auf der Messe und jene im gegenwärtigen Wohn- und Städtebau scheinen untrennbar miteinander verknüpft zu sein. Kurt Handlbauer beschreibt Themenwohnprojekte in Tokio, die zu jenen in Europa komplementär sind. Während hier die Stadt ins Umland wandert und das Themenwohnen häufig an Schotterteichen oder Golfplätzen anzutreffen ist, gibt es im rural strukturierten Tokio Sehnsucht nach der Stadt: hier werden europäische Stadtmodelle nachgestellt.
Die beiden Interviews am Ende des Schwerpunktteils sind Resultat einer ursprünglich umfangreicher angelegten Forschungsaktion: Die Idee des Heftes war und ist, sich mit lokalen Beispielen zu beschäftigen und an diesen allgemeine Entwicklungen aufzuzeigen. Dass letztlich nicht mehr Material gesammelt werden konnte, ist den finanziellen und zeitlich knappen Umständen geschuldet, von denen die Produktion dieser Zeitschrift geprägt ist. Umso inhaltsreicher sind aber auch die beiden Interviews geworden, die die behandelte Thematik ganz konkret aufrollen.
Das Beispiel Katzelsdorf, das wohl nicht ganz zufällig eine vergleichbare räumliche Lage wie Fontana hat, war lange Zeit Musterdorf der Dorferneuerung; wie schmal der Grat zwischen selbstorganisierter Aufwertung, vorbildlichem Gemeindeleben und kalkuliertem Management ist, lässt sich hier ablesen. Dass unsere Wahl auf Katzelsdorf gefallen ist, hat nachträglich eine Bestätigung erfahren; im Standard vom 23./24. November 2002 kann die finanzielle Situation der Gemeinde nachgelesen werden, die nun auf einem Schuldenberg von „1,5 Millionen Euro“ sitzt, „unbezahlte Rechnungen ... aus der Zeit zwischen 1998 und 2002: für Straßen-, Kanal-, Gas-, Verkabelungs- und Radwegbau in der schmucken Vorzeigegemeinde. Und für die Katzelsdorfer Schlosssanierung.“
Der Bezug des Wohnprojekts Sargfabrik zum behandelten Thema ist ein komplexer, es lassen sich gemeinsame Züge mit dem Themenwohnen feststellen wie auch eine klare Entgegensetzung. Während gated communities noch die alltäglichsten Dinge vorab im Kaufvertrag festlegen, gibt es in der Sargfabrik ein funktionierendes Gemeinwesen, das in klassischen demokratischen Verfahrensweisen gemeinsame Anliegen organisiert. Welche Schwierigkeiten dabei typischerweise auftreten und wie eng der Rahmen sein muss, um solche Prozesse zu ermöglichen, wird im Interview besprochen.
Die Buchbesprechungen hängen dieses Mal großteils mit dem Schwerpunkt zusammen, sie zeigen, wie vielfältig das Thema angegangen werden kann und wie weit sich Bezüge knüpfen lassen. Zuletzt noch ein Hinweis auf die Präsentation dieses Heftes am 15. Jänner im Architekturzentrum Wien, Details finden sich auf Seite 50.