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Artikel von:
Michael Zinganel

Michael Zinganel studierte Architektur in Graz, Kunst in Maastricht und Zeitgeschichte in Wien. Er lebt und arbeitet als Künstler, Kurator, Kulturwissenschafter und Architekturtheoretiker in Wien. Seit 2005 realisierte er gemeinsam mit Michael Hieslmair Workshops, Konferenzen, Ausstellungen und Ausstellungsbeiträge über transnationale Mobilität, Massentourismus und Migration. 2012 gründeten die beiden die Forschungsplattform »Tracing Spaces«. Seit 2014 leiten sie das Forschungsprojekt »Stop & Go. Nodes of Transformation and Transition« an der Akademie der Bildenden Künste. http://mhmz.at, http://www.tracingspaces.net, http://stopandgo-transition.net

Artikel aus Ausgabe 12


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
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New Urbanism zwischen Agoraphobie und künstlichem Paradies

Auf dem Weg zur gated community

Der new urbanism erfindet die US-amerikanische Kleinstadt neu. Er beruft sich dabei auf Strategien der Territorialität und soziale Kontrolle innerhalb einer überschaubaren community. Er setzt auf Individuen mit gleichen Interessen, gleichem Geschmack und gleichem Einkommen, deren höchstes gemeinsames Interesse im Immobilieneigentum und in der Erhaltung und Steigerung dessen Tauschwertes liegt. Dazu grenzen sich die BewohnerInnen nicht nur in ummauerten Arealen (gated communities) von anderen communities ab, sondern unterziehen sich bereitwillig auch strengen Gestaltungs- und Verhaltensreglements. Als negatives Gegenüber dient dabei der moderne Massenwohnungsbau, der von der öffentlichen Hand für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen in den inner cities errichtet wurde – der, so die dominante Auffassung, wegen seiner Bebauungsdichte, aber auch aufgrund seiner räumlichen Gestaltung dem sozialem Verfall und der Entwicklung des „Verbrechens“ Vorschub geleistet hätte. Die Angst vor diesem „Verbrechen“, ob nun real oder imaginiert, bildet eine der zentralen Produktivkräfte, die urbane Segregation in den amerikanischen Städten weiter voranzutreiben.

blow! Das Ende der Moderne

Am 15. Juli 1972 wurden in St. Louis drei der 33 elfgeschoßigen Wohnscheiben der 2.780 Wohneinheiten umfassenden Anlage von Pruitt-Igoe gesprengt. Diese Sprengung repräsentiere den „Tod der modernen Architektur“, argumentierte Charles Jencks in seiner 1976 erstmals erschienenen Publikation The Language of Postmodern Architecture1.
Pruitt-Igoe stellte eine jener öffentlichen Wohnanlagen dar, die nach 1949 als Bestandteil umfangreicher Stadterneuerungsprogramme errichtet worden waren. Ziel der Urban-Renewal-Bewegung war es, den Niedergang der amerikanischen Großstädte durch eine ökonomische Stabilisierung der inner cities zu stoppen: „Innerstädtische Slums wurden mit staatlicher und kommerzieller Unterstützung aufgekauft (notfalls enteignet), von Gebäuden und ihren Bewohnern befreit und anschliessend zu subventionierten Preisen auf den Markt gebracht (slum clearence).“2 Auf den frei gewordenen Flächen sollten sich Unternehmen ansiedeln und frei finanzierte Wohnungen für den Mittelstand errichtet werden. Begleitet wurde dieses Programm durch ein Konzept des öffentlich geförderten Wohnungsbaus, das als Amerikas erstes wirklich groß angelegtes Sozialprogramm gelten kann. Gedacht waren die Wohnbauten als preisgünstige Übergangsquartiere, die es den BewohnerInnen ermöglichen sollten, sich zu konsolidieren und dann in privat finanzierte Wohnungen umzuziehen.
Sowohl städtebaulich als auch in Bezug auf die Strukturierung der Einzelobjekte konnte Minoru Yamasaki, der Architekt von Pruitt-Igoe, seine Begeisterung für die Utopien der europäischen Moderne nicht verleugnen: Statt herkömmlicher Apartmenthäuser konzipierte er ein neues Modell des öffentlichen Raumes innerhalb der einzelnen Blocks. Ein einziger Lift führte nicht in jedes einzelne Geschoß, sondern nur in jedes dritte, wo ein verglaster Laubengang als horizontale Kommunikationszone vorgesehen war. „Der Rest des Weges musste in unbelichteten Treppenhäusern zurückgelegt werden, die sich aufgrund von Vandalismus und Kriminalität schnell als Bedrohung herausstellten.“3
Die ehemals dicht bebauten Innenstadtquartiere wurden durch völlig identische Solitärbaukörper ersetzt, die sich rhythmisch gegliedert auf dem Abstandsgrün ausbreiteten. Breite Straßenzüge führten auf noch breitere Freeways – die die Wohnvororte des Mittelstandes mit den Bürohochhäusern des Central Business Districts verbanden.

Die Wohnreform scheiterte: Die sozialpolitische Auffassung, allein mit dem Bau von Wohnungen die gesellschaftlichen Risse zu kitten, stellte sich als Illusion heraus. Die bis 1974 errichteten 1,4 Millionen Wohnungen befriedeten die Städte nicht. Vielmehr wurden ihre dominanten formalen Erscheinungsformen, ihre „moderne“ Architektur, als Ausdruck sozialer Diskriminierung wahrgenommen oder als Auslöser von Angst vor dem dort vermuteten Verbrechen.4 Die signifikanten Dokumente des Scheiterns dominierten den Diskurs und bestärkten das latente Misstrauen der AmerikanerInnen gegenüber abstrakten sozialstaatlichen Maßnahmen und dirigistischer öffentlicher Planung.

Small, Private, Beautiful and Safe – Die Rezeption Camillo Sittes in den USA

Sogar Intellektuelle wie Jane Jacobs oder Richard Sennett forderten die völlige Deregulierung und schwärmten von einer „anarchistischen“ Stadt aus kleinen, überschaubaren Einheiten, deren BürgerInnen sich in einer idealen Form von Zivilgesellschaft zur Selbstregulierung verpflichten. Ihre berechtigte Kritik an den Fehlentwicklungen der Moderne ignorierte jedoch die Mechanismen des Finanz- und Immobilienmarktes. Angesichts dessen, so kritisiert Elizabeth Wilson, seien ihre Vorschläge äußerst naiv und machten sie erstaunlich kompatibel mit den Ökonomen der Neoliberalen wie Milton Friedman und Friedrich Hayek.5
Denn so lange sich der private Immobilienmarkt nicht für die Behausungen der sozial Schwachen interessiert, weil daraus kein Profit zu schlagen ist, werden diese weiterhin in abgewirtschafteten Massenquartieren, verfallenden Einfamilienhäusern oder Slums vegetieren müssen und sich kaum in zivilgesellschaftliche Gemeinschaften mit Mitgliedern der oberen Mittelschicht etwa in der Downtown von Manhattan, wie sie Jacobs oder Sennett darstellten, integrieren können. Zum anderen hat sich mittlerweile gezeigt, dass mittelständische Unternehmen und Initiativen in der Stadtentwicklung kaum mehr eine Rolle spielen, höchstens es geht um die Sicherung des Marktwertes ihrer Immobilie.

Jacobs´ und Sennetts Forderung nach kleineren Einheiten wurde auch von konservativen ArchitektInnen geteilt, die sich auf die vermeintliche Idylle vormoderner europäischer Dörfer und Kleinstädte und deren funktionierende Systeme der sozialen Kontrolle beriefen. Ihr intellektuelles Sprachrohr fanden sie in Charles Jencks, der zu einem radikalen Eklektizismus aufrief, welcher im Gegensatz zur „Kälte“ der Moderne eine „Re-Emotionalisierung“ der Architektur ermöglichen sollte.6
Zur theoretischen Unterstützung griff man dazu auf den 1889 (!) erschienenen Text Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen des Wiener Stadtplaners Camillo Sitte zurück, der1965 in der Reihe Columbia University Studies in Art History and Archaeology erstmals in englischer Sprache erschien. Lewis Mumford, seit den 30er-Jahren einer der einflussreichsten Kritiker des modernen Urbanismus in den USA, sollte den Wiener ebenso zitieren wie Jane Jacobs oder Richard Sennett. Der „Durchbruch“ für die Rezeption Camillo Sittes in den USA gelang aber 1986 mit einem überarbeiteten Prachtband beim renommierten New Yorker Verlag Rizzoli: Camillo Sitte. The Birth of Modern City Planning.7
Camillo Sittes Vorbilder zur Stadtgestaltung bildeten die kleinmaßstäblichen spätmittelalterlichen italienischen Städte und die Plätze der Renaissance, die er dezidiert den weiträumigen klassizistischen Planungen von Hausmann in Paris oder der Wiener Ringstraße gegenüberstellte. In seiner Argumentation nahm er dabei auf die Krankheit der Agoraphobie Bezug, die erst seit 1871 im psychiatrischen und psychoanalytischen Diskurs bekannt war. Gemäß seiner sehr wörtlichen Auslegung wurzelt die Agoraphobie (die Angst vor der Agora, dem Marktplatz, dem einzigen – überdurchschnittlich – großen Platz in der griechischen Stadt) in der von ihm kritisierten Umgestaltung des urbanen öffentlichen Raumes, im Anwachsen des Straßenverkehrs und in den enormen Abmessungen der neuen stadtplanerischen Entwürfe in Paris und Wien.

Camillo Sitte (1843–1903) begründete in seiner Schrift bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Idee, dass der weite, neutralisierte Raum der modernen Stadt mit Angst besetzt sei. Er ist daher gewissermaßen der erste Stadttheoretiker der Agoraphobie, die fast ein Jahrhundert später auch von feministischen Forscherinnen an amerikanischen Eliteuniversitäten wieder aufgenommen wird. Esther Da Costa Meyer beispielsweise würdigt Camillo Sittes Sensibilität für die emotionale Bedeutung der den öffentlichen Raum begrenzenden Wände: Nur kleinmaßstäbliche geschlossene Plätze könnten darauf Rücksicht nehmen, was Sitte „unsere natürliche Neigung zum Schutz der Flanke“ nennt.8

Otto Wagner (1841–1918) hingegen, Sittes großer Widerpart, empfahl die streng axiale Organisation der Stadt entlang breiter Boulevards und großer Plätze und die Uniformität ihrer Bauten. Das demokratische Wesen und die Zwänge der Ökonomie unserer Gesellschaft würden „die Uniformität unserer Wohnhäuser zur Folge“ haben, schrieb Wagner 1911, dieser Herausforderung könne nur dadurch begegnet werden, dass die Uniformität zur Monumentalität erhoben wird.9 Während sich Wagners Vorschläge für Wien aber auf mächtige sechsgeschoßige klassizistische Blockrandbebauungen entlang breiter Boulevards und großer Plätze beschränkten, wollte Le Corbusier (1887–1965) in seinen ästhetischen Stadtvisionen aus den 20er-Jahren große Teile der bestehenden Stadt Paris durch wenige riesige, von Parks umgebene sechziggeschoßige Hochhaustürme ersetzen.10
Die Kritik an der Monotonie und den großen Leerflächen in den modernen Stadtentwicklungen, wie sie sich in Anlehnung an Le Corbusiers Entwürfe in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzten, und die durch sie evozierten Angstraumdiskurse wurden zu guter Letzt auch durch wissenschaftliche Untersuchungen zur Kriminalitätsprävention argumentativ gestützt.

Theorien der Selbstkontrolle – Jane Jacobs und Oscar Newman

Bei der Suche nach räumlichen Strategien zur Kriminalitätsprävention und Angstvermeidung kam feministischen Theoretikerinnen und Planerinnen eine Pionierrolle zu.11
Der Begriff social control geht auf das bereits 1961 erschienene Buch The Death and Life of Great American Cities von Jane Jacobs12 zurück. In diesem fordert die Autorin die Etablierung natürlicher oder passiver Überwachungsmöglichkeiten (passive surveillance oder unconscious social control) in den grundsätzlich von Fremden – oder besser: von einander Fremden – bevölkerten Straßen der Großstädte durch eine Vielfalt an ebenerdigen straßenseitigen Konsumangeboten. Die Ansiedlung von unterschiedlichen Geschäften und Lokalen erzeuge – so Jacobs – einerseits seitens deren BetreiberInnen eine EigentümerInnenverantwortung im Geschäftslokal selbst sowie ein Gefühl der MiteigentümerInnenschaft und der Verantwortung für den öffentlichen Bereich vor dem Lokal. Zum anderen böten diese Geschäfte wiederum einen Anlass für die Bevölkerung, die Straßen zu nutzen bzw. im Idealfall durch regelmäßige Nutzung diese Straßen und Geschäfte als eigenes Territorium zu empfinden und ebenso wie die Geschäftsleute Verantwortung zu übernehmen. Jane Jacobs’ These von der positiven Rolle kommerzieller Einrichtungen und des Konsums für die soziale Kontrolle verwirft also die Auffassung, dass intensiv genutzte öffentliche Räume Verbrechen anziehen.

Jane Jacobs unterstützt – bewusst – festge-schriebene Rollenmuster und wendet sie ins Positive: Der Angstraum Stadt würde durch natürlich überwachte Konsumangebote zum Erlebnisraum für die Frau umgewertet und ihre Lebensqualität daher entsprechend gesteigert. Weil 1961 die Rolle der Frau als Alleinverantwortliche in Haushaltsfragen unabänderlich schien, blieben bei der Alltagsverpflichtung Einkauf Frauen vorrangig unter sich. Daher wäre einer nunmehr angstfreien Umgebung durchaus eine „befreiende“ Funktion für die Frau zugekommen.
Allerdings behält Jane Jacobs die präjudizierende Terminologie der Verdächtigung Fremder, Nichtzugehöriger (oder Nichtkaufkräftiger) als potenzielle TäterInnen bei. Sie unterstützt – unbeabsichtigt und im Gegensatz zu ihrem vorgeschlagenen Modell – ihre Ausgrenzung durch die Etablierung von Zugangskontrollen zu Konsumzonen, deren Installierung sich private Geschäftstreibende nicht nehmen lassen würden. Auch würde die Neuansiedelung von Geschäften als Strategie urbaner Krisenintervention nicht an jeder Stelle der Stadt gelingen, de facto nur dort, wo die Kaufkraft ausreichend groß ist, also eher in den bürgerlichen Wohnbezirken, die sie selbst bewohnt, und nicht in den von Kriminalität heimgesuchten Bezirken, die gleichzeitig auch von Armut gekennzeichnet sind. Ihrem Konzept widerspricht auch die aktuelle Tendenz zur Konzentration von Konsumzonen. Diese sind nicht beliebig multiplizierbar und flächendeckend über die gesamte Stadt verteilbar. Wenn nicht gleichzeitig die Kaufkraft beträchtlich steigt, bedeutet die Neuansiedelung von Geschäften eine Verschärfung des Verdrängungswettbewerbes, dem in der Regel die kleineren Geschäfte zum Opfer fallen.

Jane Jacobs’ ursprünglich für die Sicherung des innerstädtischen Straßenraums entwickelter Begriff der sozialen Kontrolle wurde auch zum zentralen Leitmotiv für die Verbrechensprävention in amerikanischen Wohngebieten: Demzufolge trete Verbrechen dort weniger häufig auf, wo mögliches antisoziales Verhalten in einem physischen Raum überwachbar ist. Die Wirkung von Überwachung als Mechanismus der sozialen Kontrolle steige, wenn die Beobachtenden einander kennen und wenn sie sich einem gemeinsamen Territorium verbunden und verpflichtet fühlen. Potenzielle von außen eindringende Kriminelle würden eher zögern, ein Verbrechen zu begehen, wenn sie einen gestalterischen Einfluss der Gemeinschaft wahrnehmen (dem entspricht auch die ebenso umstrittene Theorie der broken windows, der zufolge das Zulassen von kleinsten Spuren der Unordnung bzw. die Nichtwiederherstellung der Ordnung sofort weiteres Verbrechen anzieht).
Mehr als zehn Jahre nach Jacobs’ Veröffentlichung erscheint ein weiteres den Diskurs bestimmendes Werk: 1972 behandelt Oscar Newman anlässlich der Untersuchung der Kriminalitätsprävention in amerikanischen Wohngebieten die Strategien der sozialen Kontrolle im Zusammenhang mit dem militärisch klingenden Terminus defensible space.13 Seine Hauptforderungen zur erfolgreichen Verbrechensprävention sind die Fragmentierung von Massenwohnquartieren in kleinere, überschaubarere Einheiten, so genannte zones of influence, sowie eine Gestaltung, die die soziale Überwachung des gesamten Territoriums durch seine BewohnerInnen ermöglicht. Die partizipatorische Involvierung der BewohnerInnen würde durch eine Organisation der Territorien in homogene Gruppen (z. B. getrennt nach Alter und Lebensstil) erleichtert, die er als communities of interest bezeichnet. Weitere zehn Jahre später entwickelt dann Barry Poyner, Newmans Ideen folgend, erstmals klare Gestaltungsrichtlinien in Form von patterns (Muster) zur Eliminierung potenzieller targets (Ziele), die VerbrecherInnen anlocken könnten. Poyners simplifiziertes Nachschlagewerk Design against Crime: Beyond Defensible Space sollte sich aller Kritik zum Trotz als Bestseller bei PolitikerInnen, InvestorInnen und PlanerInnen erweisen.14

In der Checkliste sind alle Schwachstellen bestehender Gebäude aufgelistet, potenzielle Verstecke für EinbrecherInnen, schlecht gesicherte Kellerfenster, Gartentüren, Mülltonnen, über die man auf Balkone klettern könnte, schlechte Beleuchtung usf. sowie eine Reihe von Maßnahmen, um sie zu eliminieren. Aber abgesehen von modernen Zugangskontrollen, Befestigungs- oder Überwachungstechniken ist es vor allem die bauliche Orientierung der Baukörper selbst, die Diebe abschrecken soll: Kleinere Gebäudegrößen reduzieren die Anzahl der Wohnungen je Stiege, ein dem Eingang zugewiesener halböffentlicher Freibereich erhöht das Zugehörigkeitsgefühl der BewohnerInnen und die soziale Sicherung der Hauseingänge. Die Anordnung der Gebäude um einen überschaubaren gemeinsamen Hof ermöglicht es, dass Parkplätze, Kinderspielplätze und Hauseingänge auch von den NachbarInnen eingesehen werden können.

Im Falle einer Nachrüstung bestehender großer Wohnanlagen empfiehlt sich die Installation eines doorman: Der/die klassische HausbesorgerIN wird adrett gekleidet in eine Portierloge in der Lobby gesetzt, wo er oder sie nun die Agenden der Hausverwaltung und der (Video-)Überwachung gleichzeitig übernimmt. Tatsächlich scheint die Rückkehr der Concierge großen Anklang zu finden – auch in Berlin, in den luxuriösen Eigentumswohnungen des Sony Center am Potsdamer Platz, die Helmut Jahn geplant hat (4.000 bis 6.000 Euro je Quadratmeter), in den neuen, an der Gründerzeit orientierten Wohnbauten von Christoph Sattler am Landwehrkanal und sogar in revitalisierten Plattenbautürmen aus DDR-Zeiten in Berlin-Marzahn, deren schwer angeschlagenes Image dadurch verbessert werden soll.15
Barry Poyner forderte, um die Solidargemeinschaft innerhalb einer Wohnanlage zu verbessern, zusätzlich zu Newmans Idee der communities of interest sogar die Trennung der BewohnerInnen nach Einkommensgruppen sowie die Trennung von Wohnen und kommerziellen Nutzungen und forderte zudem, auch die Straßen einer gemeinsamen rechtlichen Verantwortlichkeit seitens der NachbarInnenschaft unterzuordnen – sie gewissermaßen zu privatisieren. Poyner unterstützte demnach die zunehmende Segregation in den amerikanischen (Vor-)Städten bewusst mit kriminologischen Argumenten und kann daher als Theoretiker von deren extremer Ausformung gesehen werden, den gated communities.
Zur Erinnerung: gated communities sind von Entwicklungsgesellschaften errichtete geschlossene Wohnanlagen, in der Regel Einfamilien- oder Reihenhaussiedlungen, die durch die Höhe der Miete oder des Kaufpreises sowie die Art der Freizeitangebote und des Designs (z. B. Themenparks) eine Mindesthomogenität der BewohnerInnenschaft garantieren.

Gefangen im Paradies

Nach Schätzungen des Stadtplaners Edward Blakely wohnten in den USA im Jahr 2000 bereits neun Millionen Menschen in gated communities.16 In ihrer luxuriösesten Ausführung, in den Territorien jener sozialen Gruppe, die über die erforderlichen Mittel verfügt, um sich die räumlichen Voraussetzungen eines Hauses samt Videoüberwachung, Schutzmauern und privaten Söldnertruppen zu leisten, sind die BewohnerInnen völlig von der Umwelt abgeschirmt. Zwar scheinen diese Anlagen vordergründig darauf ausgerichtet, Verbrechen und Störungen durch Angehörige anderer sozialer Gruppen zu verhindern, aber durch die Etablierung eines breiten Spektrums an Verhaltensnormen werden bestimmte Formen von Fehlverhalten auch innerhalb der bewachten NachbarInnenschaft verhindert: Diese übertriebene Bedeutung der Übereinstimmung im Verhalten zeigt sich beispielsweise daran, dass BewohnerInnen so genannte Low-class-Abweichungen, wie die Wände des Hauses selbst zu streichen, das Auto vor der Garage zu waschen, Innenraummöbel im Garten zu verwenden oder den Müll morgens vors Haus zu tragen, verboten sind. Es handelt sich demnach nicht bloß um eine architektonische Festungsanlage gegenüber dem Außen, sondern vor allem auch um eine nach innen gerichtete Überwachungsarchitektur.

Der Schutz, der hier gesucht wird, richtet sich nicht nur gegen physische Gefahren, sondern vielmehr gegen psychische Bedrohungen. Denn „die eigene Normalität wird erst durch normative Ausgrenzung des Abweichenden hergestellt“17 Ein äußerst populäres Beispiel für den Beitrag baulicher Maßnahmen zu einer solchen Ausgrenzung ist die Erzählung der Genesis im Alten Testament: Der Überschreitung der von Gott gegebenen Regeln im vormals offenen Garten Eden durch Adam und Eva, dem so genannten Sündenfall, folgte als Bestrafung die Vertreibung aus dem Paradies, das sich von da an als eingezäuntes Territorium darstellte, in das die Menschen erst nach dem Ende ihres irdischen Lebens und nach der Vergebung ihrer Sünden wieder Einlass finden können. Hier liefert das Alte Testament nicht nur eine später ausgiebig bemühte Referenz für Schuldzuweisungen an die Frau oder das Weibliche an sich, denn bekanntlich war es Eva, die der Versuchung nicht widerstehen konnte und Adam mit ins Unglück riss, sondern auch die mächtige Metapher der Mauer, die die Gemeinschaft der Erlösten einschließt und die Sündigen fernhält. Aus dem offenen Garten Eden wurde eine erste gated community, deren Zugänge fortan von bis an die Zähne bewaffneten Erzengeln bewacht wurden.
„Mauern sind Verteidigungsanlagen“, notiert Vilém Flusser in Heimat und Heimatlosigkeit. „Das Wort kommt von ‚munire’, sich schützen. Es sind Munitionen. Sie haben zwei Wände: Die Außenwand wendet sich gegen gefährliche (draußen fahrende) Ausländer, potenzielle Immigranten, die Innenwand wendet sich an die Häftlinge des Hauses, um für ihre Sicherheit zu haften.“18 Im Paradies wie in den gated communities sind daher die Reglementierungen im Inneren nicht weniger streng als im Außen. Beide repräsentieren Beispiele panoptischer Architekturen, eines fiktiv, das andere real. Der new urbanism stigmatisiert die anonymen Massenwohnquartiere der Armen als Horte der Kriminalität, als die Hölle schlechthin, und die moderne Großstadt als deren Vorhof. Dem wird als positiv konnotiertes Gegenmodell die Neuerfindung der privat verwalteten Kleinstadt gegenübergestellt: Die gated communities verheißen das neue Paradies.

„In den gated communities gäbe es nichts zu befürchten, aber auch nichts zu bestaunen. Die Mauern wachsen nicht nur außen um die Gemeinschaft herum, sondern auch innen, in den Köpfen ihrer Bewohner“, kritisiert Peter Marcuse.19 Denn im Gegensatz zur alttestamentarischen Vision des Paradieses kann im realen Leben keine Gemeinschaft völlig autark existieren, der Wunsch nach völliger Abgeschlossenheit bleibt Illusion. Unzählige Vorarbeiten mussten geleistet werden, um die Ansammlung von cocoons überhaupt errichten zu können. Und selbst nach ihrer Fertigstellung bleiben sie mit dem Außen auf vielfältigste Weise verbunden: Zum einen muss das Geld, das ein Leben im vermeintlichen „Paradies“ erst ermöglicht, außerhalb – gewissermaßen in der Nähe der städtischen Vorhölle – verdient werden, zum anderen sind Lebensmittel, Wasser, Energie und menschliche Arbeitskraft nötig, um die besondere Lebensqualität im Inneren aufrechtzuerhalten. Die Arbeit der Hilfskräfte ist so schlecht bezahlt, dass sie es sich nicht leisten können, auch hier zu wohnen, ganz im Gegenteil, die meisten von ihnen leben genau in den heruntergekommenen Wohnanlagen und Slums, vor denen man sich so ängstigt.

„Daher haben die Mauern Tore, so dass die von innen hinauskönnen (und wieder hinein) und die von draußen hinein (und wieder hinaus)“, so Marcuse. Selbst das Wohnen hat sich zu einem Geschäft entwickelt: Die Häuser werden gebaut, noch bevor jemand danach fragt. Sie sehen genauso aus, wie Marktstudien es diktieren: Es ist eine Architektur des kleinsten gemeinsamen Nenners. Und noch bevor irgendjemand einzieht, wurden bereits ganze Industriezweige mit ihrer Errichtung und Vermarktung beschäftigt.
Die Erfüllung des american dream unterliegt hier aber kleinen Einschränkungen. In den gated communities muss sich die Identität des Individuums der Gemeinschaft unterordnen. Veränderungen am Haus sind nicht erwünscht. Aber auch nicht sinnvoll, denn würde das Haus wiederverkauft werden, könnten sich Abweichungen von der Norm als verkaufshemmend erweisen. Weil aber das Individuum beim Übersiedeln einen Gewinn abschöpfen will (der Erlös aus dem Wiederverkauf unterliegt nicht der Einkommenssteuer, solange er 600.000 Dollar nicht übersteigt), muss das Haus verkaufbar gehalten werden – wie, lernt man wiederum aus den Marktstudien. Obwohl BesitzerIN eines eigenen Hauses, hat man nun nicht mehr Freiheiten als einE MieterIN, denn der Tauschwert des Hauses dominiert seinen Nutzwert.

Welcome to Seaside – Dem Pionierprojekt des new urbanism

The Little Beach Town that Made a Big Difference By Remembering How Nice the World Could Be.20

Der new urbanism erfindet die amerikanische Kleinstadt neu, nostalgische, elektronisch vernetzte Einfamilienhäuser, dorfartige Hauptplätze, liebliche Rathäuser und Postämter sind das Resultat. Ein Traum vom Glück? So wie der urbane Diskurs den Beginn der Postmoderne mit der Sprengung der Siedlung Pruitt-Igoe in St. Louis datiert, gilt der Beginn der Projektentwicklung von Seaside in Florida (1980) als Geburtsstunde des new urbanism. Seaside – von den developers Robert and Daryl Davis nicht als dauerhafter Wohnort, sondern als Ferienort am Meer in Auftrag gegeben und daher am Vorbild viktorianischer Badeorte orientiert – gilt vielen als das bis heute erfolgreichste Beispiel einer neotraditionalistischen Stadtplanung.21
Obwohl oder vielleicht gerade weil sie völlig unpolitisch und ausschließlich auf Sport und Freizeit ausgerichtet war, diente die Anlage von Seaside als Vorbild für die nachfolgenden größeren Projekte des new urbanism: Die berühmteste und meistdiskutierte dieser Anlagen ist die vom Disney-Konzern ab 1995 in Orlando errichtete Stadt Celebration, zu deren Konzeption die bereits für Seaside verantwortlichen ArchitektInnen Andrés Duany und Elizabeth Plater-Zyberg als BeraterInnen hinzugezogen wurden. Für den Masterplan und die Wohnhäuser von Celebration zeichneten Cooper, Robertson & Partners sowie Robert Stern verantwortlich.

So wie das benachbarte Disneyland repräsentiert die synthetische Kleinstadt Celebration die amerikanische Idealwelt, proper, clean und ohne soziale Probleme, ein „Prototyp für das kommende Jahrtausend“, so Disney-Chef Michael Eisner.22
„Und so zeichneten die Architekten einen künstlichen See, an dessen Promenade sich ‚down town’ entwickelt, mit einer winzigen Hauptgeschäftsstraße (‚Market Street’), die in eine Grünachse mit Gracht übergeht. Hier sind Stadthäuser im Angebot, Mietwohnungen sogar, wie sie von mobilen Managern gesucht werden. Die neuenglischen Stadthäuser mit klassizistischem Portikus, Sprossenfenstern und weißen Giebelchen, mit niedlichen Gauben und (funktionslosen) Profilsimsschornsteinen. Die Baustelle nebenan verrät, weshalb die Häuser so kulissenhaft anmuten: Es sind, wie in Nordamerika üblich, dünne Holzständerbauten, und die wichtigsten Werkzeuge der Bauleute sind die Presslufttacker, mit denen die Häuser recht geräuschvoll buchstäblich ‚zusammengeknallt’ werden. Auf die Sperrholzwände werden Putzträgermatten aufgetackert. Das Ganze verputzt und getüncht sieht fast aus wie solide gemauerte Gebäude, aber eben nur fast“, schreibt Falk Jaeger unter dem Titel Die Lösung der Probleme dieser Welt.23

Zwei Drittel der Grundstücke sind mit Einfamilienhäusern bebaut, wie sie sich DurchschnittsamerikanerInnen erträumen, Miniaturausgaben palladianischer Südstaatenresidenzen mit strahlend weißem Portikus oder lieblich pastellfarbene SiedlerInnenhäuser aus dem Mittelwesten mit umlaufender Veranda. Wer sich hier einkauft (ab 160.000 Dollar), hat die Wahl zwischen sechs Alternativen, einem Haus in klassizistischem, französischem oder viktorianischem Stil, in Kolonialstil, oder er wählt ein Modell „Küste“ oder „Mittelmeer“. Selbstverständlich steht es ihm frei, eigene ArchitektInnen mitzubringen. Die haben sich freilich an ein von Stern und Robertson erarbeitetes 70-seitiges Gestaltvorschriftenwerk zu halten, ein Pflichtenheft, das sicherstellt, dass der Neubau weder in Größe noch Gestalt, weder in Material noch Farbe aus dem Rahmen fällt, dass er drei Stufen vor der Veranda hat, wenn das in der Straße angesagt ist, oder einen dreiachsigen Giebel, wenn die NachbarInnen dies auch haben.

Denn Harmonie ist eine Frage der Übereinkunft, und die wird in Celebration verordnet, beachtet, angemahnt, ob beim Hausbau, beim Sozialverhalten oder bei der Gartenpflege.
Die Gestaltung der „öffentlichen“ Bauten wurde an so namhafte Architekten wie Aldo Rossi, Michael Graves, Charles Moore, Robert Venturi, Philip Johnson und Cesar Pelli vergeben. „Öffentliche“ Bauten sind in den Projekten des new urbanism vor allem Sportanlagen, eine Post, eine Bank, eine private Schule, ein Rathaus, das hier niemand braucht, weil die Beschlüsse an höherer Stelle von der Disney-Gesellschaft gefasst werden, und das Preview Building, in dem sich InteressentInnen über die angebotenen Haustypen informieren können. Ursprünglich war es auch mit einem Aussichtsturm ausgestattet, um die zur Auswahl stehenden Parzellen auf dem Areal ausfindig zu machen.

Für viele AmerikanerInnen lässt sich der vermeintliche gesellschaftliche Verfall nicht mehr stoppen. Der Staat versagt, soziale Selbstregulierung funktioniert nicht, und sie selbst haben kein Interesse an Partizipation: Was ihnen in den Vororten fehlte, erhalten sie nun in Siedlungen der developers zum Verkaufspreis: Identität und eine emotionale Grundausstattung, Sicherheits-, Versorgungs-, Disziplinierungs- und Unterhaltungsleistungen, alles wird von den developers gestellt:24 „Einen Stadtrat und einen Bürgermeister brauchen wir nicht, die Gesellschaft hat bisher alles bestens geregelt“, äußert ein älterer Bewohner von Celebration sichtlich zufrieden, „dieses Gezänk von Leuten, die sonst nichts weiter zu tun haben, interessiert uns nicht.“25

Low Price Paradise – gated communities für alle Preisklassen

Das größte Projekt des new urbanism entsteht zurzeit 15 Meilen westlich von Las Vegas: Summerlin ist nach der Großmutter von Howard Hughes benannt, der hier 1954 von der Regierung ein Stück Wüste kaufte. 1976 ging es an die AnwältInnen, die seine ErbInnen vertraten, und die brachten John Goolsby, einen developer aus Texas, ins Spiel. 1990 wurde der Masterplan für 30 Dörfer, die bis zum Jahr 2015 insgesamt 160.000 Menschen beherbergen sollten, vorgestellt. 1996 schluckte die Rouse Corporation, einer der größten Immobilientrusts der USA, das Projekt, im Jahr 2000 sind bereits mehr als die Hälfte der projektierten Objekte gebaut und verkauft. Die Zielgruppe stellten vor allem BewohnerInnen aus den älteren Suburbs von Los Angeles dar, die sich nach der langen Rezession von 1990 bis 1995, den Rodney-King-Krawallen von 1992 und dem Northridge-Erdbeben von 1994 in Sicherheit bringen wollten.

Das Spezielle an Summerlin ist jedoch, dass hier eine Wohnform, die für eine Elite entwickelt wurde, nun auch einem Teil der anderen sozialen Schichten angeboten wird. Die Wohnform und ihr Stil erweisen sich als Imagefaktor, der den erstrebten sozialen Status sichert – oder vortäuscht. Dem Horror Vacui der gesichtlosen Suburbs setzt Summerlin die aggressiv zur Schau gestellten corporate identities seiner unterschiedlichen Dörfer entgegen. Im Home Finding Center werden InteressentInnen Stadtpläne, Preislisten und ein Handy angeboten, damit sie den Weg zu den 200 verschiedenen Modellhäusern finden. Mehr als die Hälfte der KäuferInnen ist älter als 55 Jahre, geschieden oder verwitwet.
Die mittlerweile 33 Dörfer sind in insgesamt 52 Bezirke unterteilt, die sich, mit unterschiedlichen Angeboten je nach Interessen, Einkommen und Alter ausgestattet, jeweils um zentrale Parks orientieren: Das beginnt im Niedrigpreissegment mit Häusern für nur 130.000 Dollar, die sich auch die jungen DienstleisterInnen in der Casinoindustrie gerade noch leisten können, wenn beide ganztags arbeiten. In mehr als der Hälfte der Bezirke werden Häuser für 170.000 Dollar angeboten, während andere für die wirklich Wohlhabenden reserviert bleiben, deren Häuser über 500.000 Dollar kosten: In „Pueblo“ wohnen ausschließlich junge Familien, in „Siena“ aktive Senioren. Nach Don J. Walde ließe sich eine prospektive Biografie einer der BewohnerInnen von Summerlin folgendermaßen vorstellen:
Sie beginnt in einem Ein-Zimmer-Apartment, setzt sich fort im Starter Home für 130.000 Dollar, findet ihren Höhepunkt in einem Zwei-Millionen-Haus in einer NachbarInnenschaft hinter bewachten Eingangstoren, nach der Scheidung vom Partner bleibt die überdurchschnittliche Eigentumswohnung mit Vollverpflegung, und schließlich zieht man in ein 120-Quadratmeter-Haus in Sun City, dort, wo die wirklich Alten Golf spielen, auf ihre alten Tage töpfern und sterben.26

Die größte bisher fertig gestellte gated community entstand allerdings nicht in den USA, sondern – bezeichnenderweise – in der südafrikanischen Stadt Johannesburg.27 In Sandton, einem der reichsten Vororte von Johannesburg, leben 115.000 ausschließlich weiße EinwohnerInnen auf 142 Quadratkilometern in Villen- und Einfamilienhausclustern, die von meterhohen Mauern und Stacheldraht umgeben sind. „Armed Response“ („Es wird zurückgeschossen“), steht überall zu lesen. Nur wenige hundert Meter weiter im bitterarmen Township Alexandra, das ursprünglich für 70.000 EinwohnerInnen geplant wurde, leben auf nur zweieinhalb Quadratkilometern dicht gedrängt 400.000 schwarze SüdafrikanerInnen.

Michael Zinganel ist Architekturtheoretiker und Künstler in Wien.


1 Charles Jencks, The Language of Postmodern Architecture. New York: 1976 (deutsch: Die Sprache der postmodernen Architektur. Stuttgart: 1988)
2 Gottfried Schlüter, Pruitt-Igoe, die Dritte. In: Wolkenkuckucksheim – Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur 1997, H. 1, online unter http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/wolke/deu/Themen/971/Schlueter/schlueter_t.html
3 ebd.
4 Dass es aber nicht so sehr an der formalen Erscheinungsform, sondern an der strukturellen Befindlichkeit des Immobilienmarktes in den USA, gepaart mit einer spezifischen Sozialpolitik, lag, bewies eine benachbarte Siedlung: „Denn im Jahre 1996 fiel mit Laclede Town eine Anfang der sechziger Jahre errichtete Siedlung der Abrissbirne zum Opfer, die sich in ihrer Architektur wesentlich von Pruitt-Igoe unterschied: Formenfundus und Raumstruktur waren durchaus am historischen Stadtgefüge orientiert. Sie bestand aus zwei- bis dreigeschoßigen Holzhäusern, die bunt gestrichen waren. Der Verkehr war behutsam integriert und Grünanlagen sorgfältig angelegt. Sogar Gaslaternen waren hier aufgestellt“, so Gottfried Schlüter. Diesmal gab es eine Mischfinanzierung von öffentlicher Hand und privaten InvestorInnen und nur handverlesene MieterInnen aus dem Umfeld der nahen Universität. Als aber die preisgünstig errichteten Bauten später sanierungsbedürftig geworden waren, hatte der private Investor kein Interesse mehr. Daraufhin kürzte die öffentliche Hand ihre Mittel, die Stadt St. Louis weigerte sich, die Müllabfuhr zu finanzieren. Die Siedlung verfiel, der Mittelstand zog aus, die Ärmeren ein. Das Ende von Laclede Town war besiegelt. Vgl. ebd.
5 Elizabeth Wilson, Begegnungen mit der Sphinx. Stadtleben, Chaos und Frauen. Basel: 1993, 194
6 Jencks, Language, wie Anm. 1
7 Camillo Sitte, Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Ein Beitrag zur Lösung moderner Fragen der Architektur und monumentaler Plastik unter besonderer Beziehung auf Wien. Wien: 1889; vgl. die englischsprachigen Ausgaben: Camillo Sitte, City Planning According to Artistic Principles. London: 1965; George R. Collins u. Christiane Crasemann Collins (ed.), Camillo Sitte. The Birth of Modern City Planning. New York, Mailand: 1986. Zur Sitte-Rezeption vgl. Lewis Mumford, The City in History. Its Origins, Its Transformations, and Its Prospects, New York: 1961; Richard Sennett, The Fall of the Public Man. New York: 1976; Ralph G. Wurzer, Camillo Sitte and America. A Study of the Reception of Sitte’s Ideas in American Planning Literature. Wien: 1996
8 Esther Da Costa Meyer, La Donna è Mobile. Agoraphobia, Women, and Urban Space. In: Diane Agrest u. a., (ed.), The Sex of Architecture. New York: 1996, S. 141–156
9 vgl. Otto Wagner, Die Großstadt. Wien: 1911
10 vgl. Le Corbusier, Une ville contemporaine. Paris: 1922; ders., Plan Voisin, 1925.
11 Neben Jane Jacobs, der Initiatorin des Diskurses, ist noch Patricia Brantingham hervorzuheben, die zusammen mit ihrem Mann bereits in den frühen 70er-Jahren an crime patterns zu arbeiten begann und sich in den 90er-Jahren auf environmental criminology konzentrierte. Sie gilt als eine bedeutende Mitentwicklerin des crime mapping, der Integration von Tatortanalysen und Kriminalitätsstatistiken in Stadtpläne, um sie für Präventionsmaßnahmen nutzbar zu machen. Carolyn Block war maßgeblich an der Entwicklung des Computerprogramms STAC (Spatial and Temporal Analysis of Crime) für die Illinois Criminal Justice Information Authority in Chicago beteiligt. Diane Zahm unterrichtet Architektur und Stadtplanung in Kombination mit Kriminologie und Kriminalitätsprävention am Virginia Tech College of Architecture and Urban Studies, sie gilt als Expertin für Crime Prevention Through Environmental Design und Neighborhood-Control-Programme, die mit ihrer Hilfe in Florida erstmals implementiert wurden. Sie leitet zudem Kurse in Crime Prevention Through Environmental Design für Immoblienfachleute, PolizistInnen und ArchitektInnen, unter anderem auch im Auftrag des U.S. Department of Housing and Urban Development, des American Institute of Architects und des National Crime Prevention Institute. Alice Coleman, Autorin von Utopia on Trial, setzte sich als Beraterin von Margaret Thatcher für die Reprivatisierung öffentlicher Räume in großen Sozialwohnprojekten ein. Die Architektin und Stadtplanerin Nan Ellin trat 1997 als Herausgeberin der Publikation Architecture of Fear hervor. In Wien profilierten sich im Diskurs über die soziale Kontrolle vor allem Eva Kail und das Team des Frauenbüros der Stadt Wien sowie die Architektin Silja Tillner. Vgl. das Kapitel „Diffusion der Diskurse“ in der vorliegenden Publikation.
12 Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities. London: 1961
13 Oscar Newman, Defensible Space. People and Design in the Violent City. New York: 1972
14 Barry Poyner, Design against Crime. Beyond Defensible Space. London: 1983. Die Forschungen von Newman, Poyner und ihren erfolgreichen populistischen Epigonen sind nach Bill Hillier völlig unzureichend, denn es wurden jeweils nur vereinzelte, relativ kleine Gebiete über extrem kurze Zeiträume vor und nach einer gestalterischen Maßnahme untersucht. Es gebe keine Beweise dafür, dass die Maßnahmen mittelfristig tatsächlich wirksam waren und die Bedrohung nach einer kurzen Ruhephase nicht wieder zurückkehrte. Auch gebe es keinerlei Hinweise darauf, wohin die reale Kriminalität abgedrängt wurde. Hillier kritisiert die Überbewertung der Gestaltung und fordert die Einbeziehung sozialer, ökonomischer und auf die Mobilität bezogener Einflussfaktoren. Vgl. Bill Hillier, Crime and Urban Layout. The Need of Evidence. In: Scott Ballintyne, Vic McLaren u. Ken Pease, ed.), Key Issues in Crime Prevention, Crime Reduction and Community Safety. London: 2000
15 Susanne Beyer, Stets zu Diensten. In: Der Spiegel 2000, H. 49, S. 170–172
16 ebd.
17 Michael Stolleis, Die Fremden im frühmodernen Staat. In: Die Zeit, 2. Juli 1993, S. 32
18 Vilém Flusser, Heimat und Heimatlosigkeit. Audio-CD, Köln: 1999
19 Peter Marcuse, Commodifying the Garden of Eden. In: Marc Räder, Scanscape. Barcelona: 1999
20 Selbstdarstellung auf der Homepage des Unternehmens, Homepage des Unternehmens
21 Die EigentümerInnen der Häuser wohnen nur zeitweise in Seaside, in der restlichen Zeit werden die Häuser von einer Gesellschaft vermietet.
22 Zitiert nach Falk Jaeger, Die Lösung der Probleme dieser Welt. In: archinform,
23 ebd.
24 Jörg Häntzschel, Schöne Neue Welt der Tagträumer. In: Süddeutsche Zeitung, 2000, Nr. 297
25 Jaeger, Lösung, wie Anm. 22. Tatsächlich haben sich die BewohnerInnen von Celebration zweimal in politischer Selbstorganisation gegen den Disney-Konzern „erhoben“. Zuerst erkämpften sie erfolgreich die Zusage, die Häuser, die von ungelernten Arbeitskräften zusammengezimmert waren und daher bald beträchtliche Bauschäden aufwiesen, auf Kosten des Konzerns zu sanieren. Dabei wurde aber Stillschweigen vereinbart, um die Nachfrage nach Häusern in Celebration nicht zu senken und damit auch den Wert ihrer eigenen Immobilie. Das zweite Mal protestierten sie gegen das extrem liberale Unterrichtskonzept der vom Konzern eingerichtete Privatschule. Sie erwirkten die Entlassung der progressivsten LehrerInnen und die Umstrukturierung auf ein konservatives Unterrichtsmodell, das eine konventionelle Bewertung der SchülerInnen und auch der Schule selbst ermöglicht. Denn eine „gute“ Privatschule ist ein unerlässlicher Standortfaktor, um weitere wohlhabende KlientInnen anzuziehen. Vgl. Andrew Ross, The Celebration Chronicles. Life, Liberty, and the Pursuit of Property Value in Disney’s New Town. New York: 1999
26 Don J. Walde, Last Exit Summerlin. In: Bauwelt 1999, H. 36, S. 2024
27 vgl. Stadtbauwelt 133, Johannesburg. (Bauwelt 1997, H. 12)