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 Gruppe Freiraum

Gruppe Freiraum besteht aus AktivistInnen die für mehr freie Räume in der Stadt kämpfen.

Artikel aus Ausgabe 20


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Freiraum

Die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse, welche uns und unser Leben konstituieren und prägen, durchziehen nicht zuletzt auch den Raum, in dem wir uns bewegen, so zumindest die Ausgangshypothese einer Wiener Gruppe, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, Raumaneignung unter dem Schlagwort „Freiraum“ verstärkt zu thematisieren. Die soziale Konstruktion des Raums und deren Materialisierung in Architektur und Raumgestaltung sind durch Macht durchdrungen, deren verschiedene Ausformungen wie Rassismus, Sexismus, Heterosexismus, Klasse und Kapitalismus sind ihm eingeprägt. Die räumlichen Strukturen und die in ihnen verankerten hegemonialen Bedeutungen, Werte und Normen reglementieren und normieren wiederum unser alltägliches Verhalten und unsere Interaktionen, geben diesen einen Rahmen.
Um mögliche Alternativen zu den herrschenden Verhältnissen versuchen und proben zu können, müssen deswegen Räume geschaffen bzw. erobert werden, in denen ökonomische Zwangsstrukturen und herrschende Diskurse zumindest zum Teil außer Kraft gesetzt werden. Solch einen Platz strebt die Gruppe Freiraum an: „Einen selbstbestimmten Freiraum, den wir gemeinsam aufbauen. Eine Spalte in der Realität, an der wir nach Lebenslust und Kreativität suchen können, an der wir Fähigkeiten und Träume miteinander und füreinander einbringen können; an der wir mit Formen des Zusammenlebens jenseits von Markt und Herrschaft experimentieren können.“ (Kommuniqué der Gruppe Freiraum vom 10. 7. 2004, www.freiraum.at.tt)


Aus diesen Gründen wurde nach einer ersten kurzfristigen Besetzung einer leerstehenden ehemaligen Universitätsbücherei im Juni 2004 am 10. Juli desselben Jahres zum ersten Mal ein größeres Areal am Universitätscampus im Alten AKH in Wien von einer Gruppe StudentInnen, Arbeitslosen und Jugendlichen in Besitz genommen. Noch in der selben Nacht wurde von über hundert Menschen begonnen, das als Mistablage benutzte, 1.400 m2 große Gelände hinter dem so genannten Narrenturm selbstorganisiert instand zu setzen. Schutt wurde entfernt, die Sanitäranlagen reaktiviert, Tausende Liter Wasser herangeschafft, provisorische Elektroleitungen für das ganze Gelände installiert, eine Latrine gebaut und eine Großküche eingerichtet, Essen für rund zwei Wochen besorgt und eingelagert, eine Bühne gebaut, eine Musikanlage aufgestellt, ein Kulturprogramm entwickelt und Konzerte für den nächsten Abend organisiert; ein Raum wurde für eine Ausstellung adaptiert und die Ausstellung anschließend umgesetzt, ein mehrere hundert Quadratmeter großes Segel über den Hof zwischen die Kastanien gespannt usw. Längerfristig geplant waren die Schaffung eines im ansonsten durchkommerzialisierten und teuren Universitätsviertel dringend benötigten unkommerziellen Cafés mit regelmäßiger kostenloser Küche, Kulturprojekte und –veranstaltungen wie eine offene Galerie und Theater, eine kritische Gegenuniversität mit selbstorganisierten Seminaren und Lesekreisen, ein autonomer Frauenraum, ein „Kostnix-Laden“, eine freie Kinderstube und generell ein offener Platz, an der jede/r ihre/seine Ideen und Bedürfnisse frei umsetzen können sollte.

Polizeilich beendet wurde diese Besetzung nach nur zwei Tagen am 12. Juli 2004. Mehrere Dutzend AktivistInnen ließen sich vom Gelände tragen. In der Folge kam es zu weiteren Aktionen und temporären Raumaneignungen, um der Forderung nach einem Freiraum Nachdruck zu verschaffen, sowie zu einer weiteren, diesmal nach nur einem Tag geräumten Besetzung des Areals hinter dem Narrenturm am 13. Juli 2004, bei der die Instandsetzungsarbeiten am ansonsten leeren Gebäude und Garten fortgesetzt wurden. Im Herbst und Winter wurde eine Kampagne zur Drucksteigerung auf die Universität Wien lanciert; nebenbei kam es in regelmäßigen Abständen zu einer Reihe kurzzeitiger, so genannter „stiller“ Besetzungen, um die Auseinandersetzung mit dem Thema Raumaneignung insbesondere angesichts der wachsenden Gefährdung der wenigen bestehenden autonomen Räume in Wien zu institutionalisieren. Nach einer wetterbedingten Winterpause wurde das Gelände im Universitätscampus dann am 13. Mai 2005 und 23. Mai 2005 wieder neu belebt und Workshops und Kulturprogramme abgehalten; beide Besetzungen fanden aber schon am darauffolgenden Tag ein Ende. Die Themen Raumaneignung und Freiraum bleiben jedoch nach wie vor bestehen.
Weitere Informationen zum Projekt Freiraum gibt es auf der Website www.freiraum.at.tt