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Artikel von:
Erik Meinharter

Erik Meinharter ist Redakteur von dérive, Mitarbeiter eines Planungsbüros und Lektor an der Universität für Bodenkultur.

Artikel aus Ausgabe 24


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Die Experimente, die Landschaft, die Theorie und ihre Stadt. Erik Meinharter über das Symposium landscape-X-periments

Die Dichotomie zwischen Stadt und Land verschwimmt. Der öffentliche Raum gerät als Metapher für die aus dem Raum in die Medien verlagerte Öffentlichkeit in den Fokus. Die Stadtlandschaft (wie Sieverts seine Weiterführung der Zwischenstadt nennt) weitet die Schnittstellen der Städte mit der Landschaft aus. Dieser Trend der letzten Jahre führt auch zu einem interdisziplinären Verschwimmen von Professionen und Methoden. Das Interesse an der Landschaft und deren Bedeutung im kritischen Diskurs steigt, Landschaftsarchitektur steht nicht mehr im Gegensatz zum Urbanen und der Architektur. Die Landschaft rückt in das kritische Interesse anderer Disziplinen – Lili Licka spricht vom „Phänomen der Auflösung methodischer Grenzen“. In diesem Kontext sind die zahlreichen Symposien, Kongresse und Workshops, wie jene, die jüngst in Wien stattgefunden haben(1), als Statements und Versuche der Positionierung der Disziplin zu werten.

landscape-X-periments (27.04.2006) war eine dieser Veranstaltungen. Der Schwerpunkt des vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur Wien in Kooperation mit der ÖGLA, der Österreichischen Gesellschaft für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung, und dem Alumnidachverband der Universität für Bodenkultur organisierten eintägigen Symposiums fokussierte auf einen Theoriediskurs zur Idee und Strategie des Experiments. Experimente sind nach der Wende von der klassischen (Natur)Wissenschaft zur fundamentalen Unsicherheit auf drei Basisprinzipien aufgebaut: Unvorhersehbarkeit, Kontext und Prozess. Martin Prominski von der Universität Hannover liest diesen Paradigmenwechsel als zentral im Arbeiten mit und in der Landschaft und damit als Strategie der Landschaftsarchitektur. Die Hinwendung zu breiteren Untersuchungsformen beim Arbeiten an der Stadt kann auch als eine Ursache der Aktualisierung von Landschaft im urbanen Diskurs gesehen werden. Es zeigt sich eine Parallelität zwischen der Prozesshaftigkeit aller Maßnahmen und deren schwer vorhersehbaren Auswirkungen auf die Arbeitsstrategie in der Landschaftsarchitektur.

Einen Versuch diesem Phänomen der Unsicherheit mit experimentellen Strategien zu begegnen, stellt das Projekt Herhugowaard/Schuytgraaf des niederländischen Landschaftsarchitekturbüros Karres en Brands dar. Es zeigt einen fast spielerisch anmutenden Umgang mit Abhängigkeiten. In einem in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich (www.kaisersrot.com) entwickelten digitalen Modell einer Stadtentwicklungsmaßnahme wurde aus voneinander abhängigen Einzel-Faktoren ein Netzwerk gebildet, innerhalb dessen lokale planerische Eingriffe komplexe Verschiebungen nach sich ziehen. Die „unsichtbare Landschaft“ wird in die Entscheidungsfindung miteinbezogen. Die gestalterische Entscheidung behielten Karres en Brands – im Wissen um die Unvollständigkeit digitaler Simulationen – dann doch in ihren Händen.

Die bei solchen Algorithmen nicht erfassbaren sozialen Zusammenhänge wurden von Gareth Doherty von der Universität Harvard in der Einleitung seines Vortrags „Landscape as Urbanism“ als zentral auch für kleinstädtische Entwicklungen beschrieben. Doherty entwickelte mit CHORA eine experimentelle Strategie, mittels einer zufälligen Streuung von Aufnahmepunkten („Bean-Map“) aufschlussreiche Aufnahmen einer Region zu erhalten, und damit vom Landschaftlichen auf das Urbane schließen zu können. Um die Erkenntnisse in kleinen Projekten vor Ort umzusetzen, erwies sich diese „Zufalls-Methodik als wenig geeignet, da die sehr kleinteiligen, nicht aus sich selbst entwickelten Maßnahmen den Ansatz einer Initialzündung konterkarierten.

Hier stellten die von Stefan Bendiks von der Gruppe Artgineering vorgestellten so genannten non-physical interventions schon eher eine Form der gezielten experimentellen Intervention dar. Von Staustadt und Stauerleben bis zum Wohnen und Arbeiten an einer ehemaligen Schnellstraße wird Banalität und Informalität als Qualität definiert. Als Staubetreuer auf Motorrädern mit einem filekit (Stau-Versorgungspaket) ausgestattet, karikierten sie bei der Biennale in Rotterdam 2003 gemeinsam mit feld72 und D+.nl die mobile Gesellschaft. Die Untersuchung von Regionen, die durch Mobilität zuerst geformt und später verlassen werden, zeigen architektonische (Wohn)Formen des Informellen, deren Qualität erst entdeckt werden muss.

In den postsozialistischen Ländern ist diese Qualität zurzeit wegen des Bedeutungsverlusts des Öffentlichen kein Thema, wie die Projekte von ProstoRoz zeigten. Gezeigt wurden ästhetisch ansprechende, experimentelle Installationen, die versuchten, öffentliche Räume in Ljubljana positiv zu definieren. Problematisch dabei die mangelnde Auseinandersetzung mit den realen Gegebenheiten, lässt sich diese Form der Kunst im öffentlichen Raum doch allzu leicht für Aufwertungsprozesse instrumentalisieren, damit in der Folge lukrativer privatisiert oder in Bauland umgewidmet werden kann. Vorhandene Nutzungen, Aneignungen und das „verwahrloste“ Erscheinungsbild gelten als nicht erhaltenswert. Der Grund dafür liegt nicht alleine in der Notwendigkeit einer ökonomischen Nutzung öffentlicher Räume: Im Kontext des „Zurücklassens eines alten Systems“ wird Verwilderung als Teil einer überholten Wirtschaftsweise gelesen. Brachen, so Frank Lohrberg in seinem Vortrag, werden in Zeiten der Schrumpfung auch immer mit ökonomischem Niedergang assoziiert. Er plädierte – am Beispiel von Projekten im Ruhrgebiet – für eine aktive Beschäftigung mit dieser Verwilderung und einer einhergehenden Wertschätzung der verbliebenen Anwohner.
Die Grenze der experimentellen Zugänge schien insgesamt eher zwischen „Poesie und Treue“ (LeBalto) im Garten und kritischem Zugang zur Landschaft zu verlaufen. Die regen Diskussionen, die um die Projekte von ProstoRoz sowie über die Gärten von LeBalto geführt wurden, zeigten auf, dass durch den erweiterten Arbeitskontext, die Aktualisierung des Öffentlichen und die Auflösung methodischer Grenzen eine Abwendung vom romantischen Bild der Landschaftsarchitektur vollzogen ist und Landschaft nicht mehr das grüne heilsversprechende und natürliche Gegenstück der Stadt darstellt.


1 Der Kongress GROW! (31.03.-02.04.2006) deckte mittels Einzelvorträgen mehrere Themenfelder ab. Ein Themenblock war zum Beispiel scaping the urban. Zum Kongress ist eine Publikation in Planung. Das Seminar Urban Landscapes – Common Challenges Shared Strategies (19.05.2006) an der TU Wien organisiert vom Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen orientierte sich im Rahmen des LE:NOTRE-Projekts als Startveranstaltung des EULP (European Urban Landscape Partnership) an der Form eines workshopartigen Informationsaustausches zwischen Städten.