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Artikel von:
Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher, lehrt an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.

Artikel aus Ausgabe 31


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Japans schwieriger Weg von der Leere zur Fülle Manfred Russo über die Ausstellung Nagoya. Das Werden einer Großstadt im Wien Museum

Nagoya heißt die drittgrößte Stadt Japans und ist Gegenstand einer Ausstellung des Wien Museums mit dem Titel Das Werden einer japanischen Großstadt. Wie wird man eine japanische Großstadt? Im Grunde ganz einfach, indem man wächst, möglichst schnell, und sich dabei entwickelt, wie durch das japanische Wort „nobiru“ ausgedrückt wird. Schwieriger ist die Frage, warum man eigentlich eine Großstadt wird und wie man das den Besuchern erklärt. Im Wien Museum hat man sich in bewährter Manier an die Präsentation von Alltags- und Kulturobjekten und entsprechenden Bildern gehalten, eine Form der Darstellung, die gewissermaßen das kontextuelle Verständnis beim Betrachter voraussetzt und mit einbezieht. Ein Alltagsobjekt kann einen Besucher sofort in die Situation des Gebrauchs und der Verwendung versetzen, es führt ihn über sein potenzielles Zu-Handen-Sein sofort zu brauchbaren Assoziationen und Erlebnissen.

Schwierig wird es im Falle der Darstellung des Wachstums einer Stadt, wie es hier am Beispiel Nagoya versucht wird. Man darf zwar annehmen, dass bei uns jeder Toyota und niemand Nagoya kennt, schließlich hat sich Japan nach dem Zweiten Weltkrieg dahingehend begnügtseinen Imperialismus auf die Herstellung und den Export von Massenprodukten wie Autos, HiFi-Geräten, Fotoapparaten und andere Hightechgeräten zu beschränken. Denn im Grunde steht Nagoya und sein Wachstum für den fundamentalen Wandel einer Weltkultur und Hochkultur, für den Weg Japans, das sich als erstes ostasiatisches Land seit dem Ende des 19. Jahrhunderts von seinem inneren Rückzug freiwillig in die Weltgesellschaft zurückgemeldet hat und zugleich auch im Rahmen eines Hegemonieanspruchs systematisch die Nachbarländer unter seine Kontrolle zu bringen versuchte. Erst die Niederlage im Pazifischen Krieg bedeutete das Ende seiner Großmachtambitionen und darüber hinaus eine fürchterliche Demoralisierung durch die schwersten Bombenangriffe des Krieges, die eine Reihe von Großstädten ausradierte. Auch wenn wir von Hiroshima wissen, wird es nur selten erwähnt und im Falle Nagoyas lässt sich ebenfalls eine völlige Brandmarkung der aus Holzhäusern bestehenden Altstadt durch Brandbomben erkennen, die ausschließlich auf Auslöschung jedes Lebens ausgerichtet war. Japan wurde in den letzten Kriegwochen gewissermaßen zum Utilitarismus zurückgebombt, zur Einsicht, dass die Beherrschung von Märkten die einzige Erfolg versprechende Strategie zur Macht bedeutet. Insoferne bedeutet diese Katastrophe auch nur eine kurze Episode einer Interruption des Wachstums, die sich in der Statistik folgendermaßen ausdrückt: 1941: 1.379.738 Ew., Kriegsende 1945: 597.941 Ew. Und 10 Jahre später, 1955, schon wieder 1.336.780 Einwohner, die sich später auf über zwei Millionen erhöhen sollten. Nach Kriegsende machte die Stadt ein Wiederaufbauprogramm durch, das zunächst unter dem Paradigma der funktionalen Effizienz und Suburbanisierung stand, mittels Rasterplan ausgeführt wurde und sich hinsichtlich Flächennutzung nicht von westlichen Projekten unterschied. Erst seit den 1980er Jahren erfolgte aufgrund ökologischer Probleme, zuvor hatte man dem Autoverkehr absolute Priorität eingeräumt, ein Paradigmenwechsel zu qualitativem Wachstum, wobei man sich auch hier der internationalen Entwicklung anschloss.

Jedenfalls sind die Daten beeindruckend: Die Stadt selbst hatte 1889 157.000 und hat heute 2,1 Millionen Einwohner, das gesamte Agglomerationsgebiet umfasst bereits neun Millionen, womit der 22. Platz in der Rangreihe der Megacities eingenommen wird, wenngleich man in Japan immer noch Nummer 3 hinter der Region Tokio/Kawasaki/Yokohama (Nr. 1 mit 33 Millionen) und Osaka/Kobe/Kioto (Nr. 6 mit 16 Millionen) ist.

Die Evidenz des Wachstums ist also unbestritten, doch die Frage nach dem Grund des Wachstums bleibt unklar. Natürlich kann man von der Annahme ausgehen, dass die Entwicklung einer Stadt im Kapitalismus naturwüchsig so verläuft, dass Wachstum quasi das neue Telos der Stadt darstellt, so wie aus einem Samenkorn eine Stadt hervorgeht, deren Form aber nicht endgültig ist und sich stets verändert. Viele europäische Großstädte haben ähnliche Entwicklungen durchgemacht, wobei hier der Zusammenhang von Kapitalismus und Wachstum unbestritten ist. Der Autor möchte aber doch der Frage nachgehen, inwiefern diese Kriterien einer kapitalistischen Wirtschaftsethik auch für Japan als ein prototypisch orientalisches Land, das sich über Jahrhunderte von der Welt zurückzog, Geltung haben können. Daher zurück zu den schönen Exponaten der frühen Epoche Nagoyas, die noch vom alten Japan Zeugnis abgeben.

Der Mythos
Die Stadt selbst entstand im 17. Jahrhundert (Edo-Zeit 1600-1867) nicht durch Gründung, sondern durch Übersiedlung, was für uns ungewohnt klingt, da wir von einer festen topologischen Verknüpfung von Volk und Ort ausgehen, wenn man vom Mythos in Vergils Aeneis absieht, dem Untergang Trojas, der Flucht nach Rom und der dortigen Stadtgründung, die einer Übersiedlung gleichkam. Die Verlegung der Stadt von Kiyosu nach Nagoya um 1607 war strategisch bedingt, weil die alten Anlagen unzureichend waren und der Shogun durch die Errichtung einer neuen Burgstadt bessere Verteidigungsbedingungen schaffen wollte. Der Typus der Burgstadt war im 17. Jahrhundert die bevorzugte Art der Stadt im vielschichtigen Feudalsystem Japans. Der Neubau dieser Flachburg mangels Gelände­erhöhung wurde durch die Anbringung des goldenen Shachi, eines mythologischen Meerestiers mit dem Kopf eines Tigers und dem Körper eines Karpfens am Dach abgeschlossen. Die Nähe zur Burg bildete auch den sozialen Rang der Bewohner ab, wobei der Bevölkerungsanteil des Kriegeradels und der Samurai mit ihren Familien vierzig Prozent ausmachte. Der Rest setzt sich aus Händlern und Handwerkern zusammen, was bereits damals auf eine wirtschaftliche Gesinnung hindeutete, zumal in der Umgebung viel Forstwirtschaft und Bergbau betrieben wurde. Nachdem die Kriegerkaste die Steuerhoheit hatte, waren die Schichten der Händler, Handwerker und Bauern steuerpflichtig und mussten die weitgehend untätige Schicht der Samurai erhalten.

Die Burg von Nagoya lag zwar nicht im Zentrum, sondern nördlich der Stadt und stellte quasi einen dezentrierten Ort dar, an den sich die Stadt anschloss. Genau genommen befindet sich das Zentrum der Stadt an der Peripherie, und wer die Grafik der Burg (1852) betrachtet, wird hier sehr viel mehr den Charakter der Entleerung und der Verflüchtigung an der Peripherie erkennen, als ein dominantes Gebäude wahrnehmen. Man könnte daher durchaus auch hier vom leeren Zentrum sprechen, wie Roland Barthes angesichts des Tokioter Kaiserpalastes gemeint hatte, weil es sich im Gegensatz zu den westlichen Stadtzentren um keinen Ort der Fülle, sondern um einen der Leere handelte. Beim Hintergrund dieser Annahme von Barthes handelt es sich um die buddhistische Tradition, die im Nichts und der absoluten Leere den ultimativen Wert erkennt (das mahayanis­tische Grundaxiom von der allgemeinen Leere,issai kaiku). Genau diesen Eindruck spiegeln noch die wenigen aber wunderbaren Bilder und Pläne jener Zeit wieder.

Wirtschaftsethik
Allerdings gilt die buddhistische Einstellung der Weltabgewandtheit als geschäfts- und wirtschaftsfeindlich und würde Wachstum allenfalls als Krankheit betrachten, die die bedrohliche Fülle der Welt noch verstärkt. In Japan verhielt es sich freilich so, dass der Buddhismus in der verwickelten Geschichte des Landes im ersten Jahrtausend eine zentrale Rolle spielte, ehe er danach von den zahlreichen synkretistischen Formen des Shintoismus eher überlagert denn abgelöst wurde. Dieser dürfte den Kriegerkasten der Dynastie der Shogun eine passendere und weniger weltabgewandte Religion für ihre von aristokratischem Stolz und Würde geprägte Haltung und ihre nationalen Ziele dargestellt haben. Im Hintergrund ist der Buddhismus aber immer noch als eine wirksame religiöse Kraft aufgrund seiner Ethik verblieben, der das soziale Leben stark beein­flusste, allerdings scheint er nach Weber keine charismatischen Gurus mit dem magischen Heilandsprestige hervorgebracht zu haben. Für die Herausbildung einer Wirtschaftsethik im Sinne Max Webers, also einer inneren Motivation zur Arbeit, dürften die verschiedenen Sekten relevant gewesen sein, die aufgrund mangelnder soteriologischer Möglichkeiten bestimmte asketische Haltungen begünstigten und damit ähnlich dem Protestantismus eine positive Einstellung zur Arbeit erzeugten.

Diese für die damalige Zeit in Asien außergewöhnliche Haltung führte offensichtlich zu einer wirtschaftlichen Orientierung, die auch die folgende Frage besser beantwortet: Wieso kam es bei diesen Übergängen, die plötzlich eine Öffnung für die Moderne ermöglichten, einmal zu Beginn der Meiji­-Ära 1868 und das zweite Mal nach dem verlorenen Pazifischen Krieg um 1945, zu einer derartigen Freisetzung von Produk­tionsenergie? Vor allem der radikale Wandel der Stadt in der Meiji-Ära, der „leuchtenden Herrschaft“, die etwa mit der Entwicklung der liberalen Ära in Europa zusammenfiel und den Sturz des Feudalsystems mit seinen Kriegerkasten als Voraussetzung hatte, indem die Macht an den Tenno zurückfiel, bedeutete eine Zentralisierung durch Auflösung der Fürstentümer und die Errichtung eines modernen Staates. Erstaunlich ist hier vor allem der unmittelbare Übergang vom Feudalismus in die Moderne, der dieses enorm­e industrielle Wachstum auslöste. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden ein elektrisches Eisenbahn- und Straßenbahnnetz errichtet, das Straßennetz ausgebaut, Gasleitungen verlegt und ein leistungsfähiger Hafen gebaut. Eine Textil- und Keramikindustrie entwickelte sich, neben landwirtschaftlichen Produkten und Holzerzeugnissen. Die Bevölkerungsziffern betrugen1889 157.496, 1907 354.733 und 1921 schon 616.700 Einwohner, die sich bis 1941 noch auf 1.379.738 verdoppeln sollten.

Das Reich der Zeichen. Japanische Snobs
Ein Abschnitt der Ausstellung widmet sich auch dem Theater. Schon während der Edo-Zeit unter Fürst Muneharu gab es an die 60 Theater, teils im Freudenviertel gelegen, und dieses Interesse hat sich bis heute erhalten. Dieser Umstand erinnert an eine gravierende kulturelle Differenz zwischen Japan und dem Westen, die schon Roland Barthes in seinem großartigen Essay über das Theater angesprochen hat, nämlich das hohe Maß an Konventionalität und fehlender Symbolfähigkeit im Sinne einer Vertiefung der Innenwelt aufgrund des wesentlich geringeren Maßes an Introspektion bzw. Introjektion. Dieser Prozess einer phänomenalen Anreicherung der Innenwelt, die ein europäisches Erbe des Christentums, vor allem aber des Protestantismus und der Romantik durch permanente Anleitung zur Innenschau darstellt, hat sich in Japan nie verbreitet. Es gibt daher nicht diese tiefe innere Verknüpfung des Einzelnen mit seinem Innenleben, die immer zu spezifischen Symbolformen führt, die im Grunde immer nur für den Einzelnen verständlich sind und die völlige Individualisierung vorantreiben. Ergebnis dieses Prozesses ist die Persönlichkeit, die sich aufgrund ihrer inneren Disposition und inneren Erlebnisse erklärt, die zu einer Identität durch Innenleben führt. Bei den Japanern existierte dieser Begriff der Persönlichkeit nicht, weil sie keinen Kult der Introspektion betrieben haben und daher eine wesentlich größere Fähigkeit zum Zeichengebrauch aufweisen, wenn man darunter die konventionelle, allgemein verbindliche Bedeutung eines Zeichens versteht.

Man muss natürlich an dieser Stelle einfügen, dass die Übernahme der westlichen Kultur bzw. des westlichen Konsumismus auch eine entsprechende Triebstruktur und Persönlichkeit notwendig macht, die Gefühle und Konsum dermaßen zusammenschweißt, sodass eine funktionierende Konsummaschine entsteht, die heute in der Gestalt unserer Städte zu beobachten ist. Unser Innen ist heute durch Konsum und Erlebnis bestimmt, als Nachfolge einer problematischen Kombination von Sakralität und Triebstruktur. Noch wehren sich die Japaner gegen diese letzte Form der Verwestlichung, Arbeit und Produktion ist ihnen immer leichter gefallen als Konsum, was auch an der Gestalt von Nagoya zu beobachten ist. Erst in den letzten Jahren dringt der absolute Konsumismus in Form der Unterhaltungsindustrie im Land und in der Stadt, wenngleich streckenweise auf hohem Niveau, vor.

Das hat auch mit dem snobistischen Appeal der Japaner zu tun, von dem Alexandre Kojève nach seiner Japanreise in Zusammenhang mit seiner Theorie vom Ende der Geschichte gesprochen hat. Für ihn wurde in Japan der Snobismus als die interesselose Negativität demokratisiert, das heißt gut hegelisch die Negativität der Ästhetik als reiner Form als Entgegensetzung gegenüber dem animalischen Inhalt des Menschen. Das Ende der Geschichte lässt für Kojève zwei Wege offen, entweder das Abendland zu japanisieren oder Japan zu amerikanisieren, wobei letzteres bedeutet, wie gelehrte Affen Liebe zu machen. Der Umstand, dass in der Ausstellung über Nagoya keine Erwähnung des No-Theaters und der Teezeremonie zu finden sind, lässt doch den Eintritt der letzteren Variante befürchten.

Wer dieser Dinge eingedenk ist, wird eine, trotz der notwendigen Komprimierung, außerordentlich sehenswerte Ausstellung vorfinden, die mehr Fragen eröffnet als sie beantworten kann.

Ausstellung
Nagoya. Das Werden der japanischen Großstadt
Wien Museum Karlsplatz
7. Februar 2008 bis 4. Mai 2008

Katalog
Nagoya. Das Werden der japanischen Großstadt
Salzburg: Verlag Anton Pustet, 2008
280 Seiten, 29,- Euro