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Artikel von:
Paul Rajakovics
Gülsün  Karamustafa 

Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien.

Artikel aus Ausgabe 33


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Father’s Perspective – Monument of Confidence

Eigentlich bräuchte man Gülsün Karamustafa nicht vorzustellen: ihre Arbeiten zu Themen wie Migration oder zu ihrer Rolle als Frau und Intellektuelle in Bezug auf ihr Herkunftsland Türkei, sind international bekannt. Immer wieder stellt sie die Frage nach der eigenen Identität in Hinblick auf die türkische Gesellschaft und deren Befindlichkeit. Gülsün Karamustafa lebt und arbeitet immer noch in Istanbul, obwohl sie dort für ihre Arbeiten politisch verfolgt und sogar inhaftiert wurde.

Für dérive stellt sie eine sehr persönliche Arbeit vor, die sich konsequent innerhalb ihrer selbst gestellten Themenfelder positioniert. Die Arbeit Fathers’s Perspective zeigt die Künstlerin als Kind jeweils vor einem Denkmal von Joseph Thorak und Anton Hanak. Die der Arbeit zugrunde liegenden Fotos hat ihr Vater in den 1950er-Jahren persönlich gemacht. Dabei sind es neben dem pathetisch-monumentalen Ausdruck der Skulpturen selbst vor allem die Biografien der beiden in Österreich geborenen Künstler, die einen direkten Bezug zu Faschismus und Totalitarismus in mehrfacher Hinsicht unterstreichen. Der in Salzburg geborene Josef Thorak war offizieller NS-Staatskünstler und ging 1934 in die Türkei, um für Atatürk das „nationale Befreiungsdenkmal in Eskis“ zu schaffen. Seine Arbeit in Deutschland war so eng mit dem offiziellen Nazi-Deutschland verbunden, dass er nach dem Krieg schließlich sogar mit Arbeitsverbot belegt wurde. Auch Anton Hanak arbeitete Mitte der Dreißigerjahre für Atatürk, um gemeinsam mit Clemens Holzmeister das Denkmal des Vertrauens (Güven Aniti) im Stadtteil Kizilay von Ankara zu schaffen. Anton Hanak ist allerdings schon 1934 – also noch vor der Vollendung besagten Denkmals – gestorben, sodass sein monumentaler Gestus nicht mehr von den Nationalsozialisten appropriiert werden konnte, auch wenn er künstlerisch den Machtvorstellungen dieser Zeit durchaus verbunden war.

Jedenfalls lässt das spielerische Posieren Gülsün Karamustafas als Mädchen vor den beiden pathetischen Monumenten, überhöht durch die strenge Symmetrie der Fotoarbeit und den Bezug zu einer bewusst verschobenen türkischen Geschichtsschreibung, diese Arbeit wie ein vorgezogenes Schlüsselwerk in Gülsün Karamustafas Schaffen erscheinen.

Sie selbst war bzw. ist in diesem Sommer gleich bei mehreren Events in Österreich vertreten: So war sie bei der steirischen regionale08 (DIWAN – Grenzen und Kongruenzen) sowie bei der von Sandro Droschl kuratierten Ausstellung Open Sky als auch bei den von Alexandra Riewe kuratierten Orientierungen, die sich mit Fragen zu Orientalismus und dessen aktuellem Bezug zu Mitteleuropa beschäftigten, beteiligt. Außerdem war sie heuer Professorin an der Salzburger Sommerakademie und hatte parallel dazu im Salzburger Kunstverein eine große Einzelausstellung. Dort hat sie auf Basis ihrer Videoinstallation Tailor Made eine hedonistische Publikumsperformance und Installation mit verschiedensten Kitsch- und Mode-Accessoires, vornehmlich mit Tigermustern, inszeniert und damit das Thema der Frau in der Gesellschaft und deren Selbstinszenierung um einen zusätzlichen Aspekt in ihrer Arbeit erweitert. Natürlich hätte auch diese Ausstellung eine Rezension in dérive verdient, aber wir präsentieren lieber gleich eine Arbeit von Gülsün Karamustafa auf unserer Mittelseite.