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Artikel von:
Susanne Karr

Susanne Karr studierte Philosophie und Germanistik und beschäftigt sich derzeit mit den künstlichen Grenzen von Natur-Kultur, Mensch-Tier und Leib-Seele.

Artikel aus Ausgabe 34


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Undisziplinierte Disziplinen? (Diese Besprechung gibt es nur online.)

Undisziplinierte Disziplinen?


Design-Week, continued: Undiszipliniert/Undisciplined. In Kooperation mit der Angewandten und der Friedrich-Kiesler-Stiftung, konzeptioniert von Doris Krüger und Walter Pardeller, entstand ein dreiteiliges Projekt, das Ausstellung, Symposion und Publikation umfasste.

Die selbst gestellte Aufgabe: zu zeigen und zu diskutieren, dass Kunst, Architektur und Design ins Alltägliche hineinreichen und es mitgestalten. Voraussetzungen und Implikationen dieser Feststellung sollten einer breiteren Öffentlichkeit in Wort und Bild nahegebracht werden. Beispielsweise im Symposion durch die Infragestellung der Aneignung künstlerischer Strategien durch Politik und Ökonomie und deren gesellschaftlicher Auswirkungen. Oder durch die Präsentation eines Museumsmodells, das von seinen BesucherInnen mitgestaltet wird, das sich als Plattform urbaner Prozesse versteht und wie ein Workshop funktioniert, wie die Direktorin Susanne Anna, frühere Direktorin der Universität für Angewandte Kunst in Köln, erläutert. Das Stadtmuseum Düsseldorf arbeitet tatsächlich mit Feedback, baut auf Kooperation und erfreut sich großen Zuspruchs.

Da wurde erzählt vom Ausstellungsprojekt Topographien von Martin Kippenberger in einem Wiener U-Bahn-Schacht, das damals total verrissen wurde, und zwar von links und von rechts, wie Michael Hofstätter anmerkt, inzwischen aber nach Bearbeitung und Recherchen von StudentInnen zum berühmt-mythisierten Vorzeigeprojekt geworden ist. Christian Teckert sprach von Ausstellungsarchitektur, die, in einer adaptierten Villa des 19. Jahrhunderts, für die selbst kuratierte Schau und für die folgenden gleichermaßen funktionieren muss: Die subtile Kunst der Zurschaustellung wird hier fast zur eigenen Disziplin, die eine eigene Inszenierungslogik entwickeln muss. Weg vom Black-Box-Thema mit temporären Statements, hin zur Auseinandersetzung mit Raum und Veränderung.

So könnte auch das Motto für die Ausstellung gelautet haben, die sich naturgemäß der Vermittlung durch Installationen, skulpturale Darstellungen, Fotografien und Modelle bediente. Im Voraus erhielten alle Mitwirkenden ein Modell des Ausstellungsraumes, um ihre Projekte genau einpassen zu können. Untertitel der Ausstellung: Das Phänomen Raum in Kunst, Architektur und
Design. Darin beschäftigten sich Werner Feiersinger, Andreas Fogarasi, Martino Gamper, Krüger und Pardeller, Gregor Neuerer, Pauhof/Walter Niedermayr und Nicole Six und Paul Petritsch mit dem Aufspüren künstlerischer Arbeits- und Darstellungsmethoden. Und sie befragten sie auf ihre je eigene Motivation. Hier nur zwei Beispiele:
Martino Gamper etwa zieht in seinen Installationen, in denen er oft Alltagsgegenstände inszeniert, die BeobachterIn in den Entstehungsprozess hinein. Das ist genuin künstlerische Praxis, seine Projekte stehen zwischen Design bzw. Architektur und Kunst. Er versucht, so Monika Pessler im Katalog, durch seine wiederkehrenden Attacken auf Etabliertes die Auseinandersetzung mit demselben, die vom Bedauern über die Zerstörung ausgelöst werde, zu reanimieren oder auch zu initiieren.

Ein bisschen Aggression und Provokation, zum Glück im Vorfeld der Ausstellung: Das Duo Six/Petritsch interveniert direkt im Raum in der Exnergasse, es wird geschossen, gegen “eine parallele, mathematisch konstruierte Realität, eine ideale Anordnung aus parallel laufenden Linien und rechten Winkeln, an der das Individuum seine Wahrnehmung orientiert und in die es sich durch seine Handlungen einfügt“, wie Elisabeth Fritz kommentiert. Durch die (Zer)Störung werden neue Blickachsen ermöglicht und angeregt, das übliche Verbleiben in vorgegebenen Dimensionen aber ebenso vorgeführt.

Das punkig anmutende „undiszipliniert“ im Titel ist wohl ein bisschen auch Lockvogel gewesen, denn wie sich herausstellt, kann dieses Adjektiv ebenso auf die Disziplinen der Kunst gemünzt sein und dabei eben die Transgression der einzelnen Disziplinen andeuten. Aber – Zwischenfrage: Muss man das extra betonen? Fließen nicht sowieso die Disziplinen ineinander? Seit jeher vielleicht sogar? Barbara Steiner befasst sich in ihrem Katalogtext mit den Disziplin- und Diskursgrenzen, auch mit deren inhärenten Dilemmata, und schildert eigene diesbezügliche Prozesserfahrungen. Weitere AutorInnen der Publikation, die theoretische Texte mit Werküberblicken der beteiligten KünstlerInnen verbindet: Paola Antonelli, Tulga Beyerle, François Burkhardt, Alison J. Clarke, Thomas Geisler, Sigrid Hauser, Lilli Hollein, Harald Krejci, Elke Krystufek, Moritz Küng, Studio Makkink & Bey, Philip Ursprung.

Es scheint redundant zu betonen, dass Design/Architektur/Kunst ineinander übergehen, allerdings ist auch die Bastion derer, die gegen Evidenzen wie diese blind und resistent sind, fast unverändert stark. Vielleicht sind die Übergänge zu unüberschaubar, wenn sich akademische Disziplinen auflösen, müssen auch Hierarchien umstrukturiert, verändert, neu geordnet, und, horribile dictu, in ihrer aktuellen Form ganz in Frage gestellt werden. De facto passieren diese Dinge längst, und es scheint völlig plausibel, dass Design/Architektur/Kunst ineinander übergehen, allerdings ist auch die Bastion derer, die gegen Evidenzen wie diese blind und resistent sind, fast unverändert stark. Vielleicht sind die Übergange zu unüberschaubar- wenn Disziplinen – im akademischen Sinne hier – sich auflösen, müssen auch Hierarchien umstrukturiert, verändert, neu geordnet, und, horribile dictu, in ihrer aktuellen Form ganz in Frage gestellt werden.
De facto passieren diese Dinge längst, und es scheint völlig plausibel, wenn DesignerInnen sich auch mit künstlerischen Interventionen zu Wort melden. Die gesellschaftlichem und ökonomischen Voraussetzungen, die städtebaulichen Implikationen müssen mitgedacht werden.

Die Art und Weise der Zurschaustellung ist selbst Statement. Das reine Zeigen gibt es nicht. Und selbst wer sich auf die Position des „nur Dekor“ – etwa im Retro-Design – zurückzieht, positioniert sich. Wie Barbara Steiner präzisiert: „Wenn es um den Gebrauch von Zeichen, ihre Kontextualisierung, Zirkulation oder Bedeutungsverschiebung geht, wird die Position einer Mitautorenschaft und keine dienende Rolle eingenommen.“


Ausstellung
Undiszipliniert/Undisciplined. Das Phänomen Raum in Kunst, Architektur und Design. 11. September 2008 bis 11. Oktober 2008
Kunsthalle Exnergasse, WUK, Wien

Katalog
Gerald Bast, Krüger & Pardeller, Monika Pessler (Hg.)
Undiszipliniert/Undisciplined. Das Phänomen Raum in Kunst, Architektur und Design.
Wien: Edition Angewandte, Springer Wien NewYork, 2008
159 Seiten, deutsch/englisch, 19,95 Euro