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Artikel von:
Erik Meinharter

Erik Meinharter ist Redakteur von dérive, Mitarbeiter eines Planungsbüros und Lektor an der Universität für Bodenkultur.

Artikel aus Ausgabe 35


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Stadt ist Sport? (Diese Besprechung ist in der Printversion nicht enthalten)

Eventisierung, Trendsport und Stadien, oder was hat Sport mit Stadt zu tun? Der neu erschienene Band acht „Bewegungsraum und Stadtkultur“ der Reihe „transcript Materialitäten“ basiert auf dem 18. Sportwissenschaftlichen Hochschultag der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft zum Thema „Stadt-Sport-Kultur“, der im Jahr 2007 stattfand. Das Buch versucht, wie im Titel schon erkennbar, das Thema breiter anzusetzen und das Verhältnis Bewegungsraum und Stadtkultur fassbarer zu machen. Die im Untertitel vorgenommene Fokussierung auf „sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven“ ist zutreffend, da sich urbanistische oder planerische Betrachtungen und Schlüsse nicht direkt aus den Beiträgen ableiten lassen. Dies ist gut so. Der Band ist in drei Themenbereiche gegliedert, die „Kulturen der Bewegung“, „Sporträume“ und „Stadtentwicklung“ umfassen. Den grundlegendsten und umfassendsten Diskurs bietet das erste Themenfeld. Wie der Beitrag von Mitherausgeber Jürgen Funke-Wieneke zeigt, ist die Auseinandersetzung, unter welchem Aspekt Bewegung in der Stadt betrachtet werden muss, noch Gegenstand weiterer Diskussionen. Staunend erfahren wir nach einer ausführlichen Beschreibung der alltäglichen Bewegungsabläufe des Autors, dass die Bewegungsforschung „von solchen Szenen und ihrem eigentümlichen Bewegungsstil noch so gut wie nichts“ weiß. Erklärtermaßen beginnt für die Sportwissenschaft die Bewegung an einer anderen Grenze als für einen Bewegungspädagogen, nämlich „dort wo die Bewegung sich selbst thematisiert“. Sich diese grundsätzlichen Diskussionen zur Bewegungsforschung und Bewegungspädagogik vor Augen zu führen, ist jedoch, selbst wenn sie sehr einheitlich auf Piaget oder Merleau-Ponty basieren, für jedeN StadtforscherIn sehr aufschlussreich. Für ein neues Verständnis davon, welche Formen Bewegung und deren Erforschung in der Stadt annehmen kann, ist gesorgt. Werden doch Person und Umwelt als sich gegenseitig bedingende und formende „plastische Systeme“ gesehen. Die räumlich konkreteren Themenfelder „Sporträume“ und „Stadtentwicklung“ fallen in ihrer Inhaltlichen Tiefe stark ab. Die Beiträge in den beiden Gebieten, die sich anhand von Fallbeispielen weiter in die direkte Relation von Bewegung und Raum wagen, bleiben – wahrscheinlich auch aufgrund der Einschränkungen des gewählten Formats des Mediums – oberflächlich und rufen eher den Wunsch nach mehr Information hervor. Ärgerlich wird diese Form des „kleinen Einblicks“ nur dann, wenn die im Beitrag ausformulierten Vermutungen auch als nicht belegt oder noch nicht empirisch nachweisbar dargestellt sind. So werden die im Beitrag von Ahlfeldt und Maenning angenommenen relevanten Folgeerscheinungen des „ikonischen Stadionbaus“ in der Stadt unkritisch mit Aufwertungsprozessen in Zusammenhang gebracht und diese auch noch als eine Möglichkeit gewertet, die investierten Allgemeinkosten wieder in die Gesellschaft rückzuführen. Anhand dieses Beispiels ist die dem Buch zugrundeliegende Form der Tagung zu erkennen, die ja auch Fragen aufwerfen will und Anregungen für Forschungen geben kann, Diskurs wecken und provozieren will, aber nicht per se als vollwertiger Beitrag in einer Publikation enden muss. Für einen Einblick in den Diskurs über die Bedeutung der Bewegung und nicht ausschließlich des Sports in der Stadt ist der Band in jedem Fall empfehlenswert.


Funke-Wieneke, Jürgen; Klein, Gabriele (Hg.)
Bewegungsraum und Stadtkultur
„sozial und kulturwissenschaftliche Perspektiven“
Bielefeld: transcript, 2008
275 Seiten, 26,80 Euro