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Artikel von:
Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Artikel aus Ausgabe 37


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Keine Stadt ohne Einwanderung oder: die Normalität der Migration

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.
Karl Valentin

Kein Tag vergeht ohne einen Beitrag in der Tagespresse, im Radio und Fernsehen zum Themenkomplex Integration und Migration – in Österreich wird das Thema vorzugsweise unter dem Schlagwort „Ausländerthema“ oder „Ausländerproblem“ abgehandelt. Man könnte meinen, Zuwanderung nach Österreich gibt es erst seit fünf bis zehn Jahren, so aufgeregt wird die Diskussion geführt. Dass die FPÖ es seit fast 20 Jahren schafft, Wahlkampf für Wahlkampf „Ausländer“ zum Thema zu machen und die anderen Parteien eben solange unfähig sind darauf adäquat zu reagieren bzw. offenbar nicht in der Lage sind, eine eigenständige Politik zu verfolgen, die sich nicht ständig daran orientiert, was die FPÖ gerade macht, lässt einen nur mehr ratlos den Kopf schütteln.

Der allgemeinen Aufgeregtheit soll mit diesem dérive-Schwerpunkt ein wenig Gelassenheit entgegengesetzt werden. Migration ist seit ewigen Zeiten eine der normalsten Sachen der Welt und Städte, die nicht in Bedeutungslosigkeit und Langeweile versinken wollen, sollten froh sein, ein Ziel für Zuwanderung abzugeben. Man stelle sich nur eine Stadt wie Wien ohne ZuwanderInnen vor: Hätte die Donaumetropole in den letzten 150 Jahren keine Einwanderung erfahren, wäre sie wohl nicht mehr als eine schrumpfende Kleinstadt bar jeder internationaler Bedeutung, deren BewohnerInnen auf zahlreiche „typische“ Leibspeisen, lieb gewonnene Ausdrücke und tourismusfördernde Gebäude ebenso verzichten wie sie sich mit einem bescheidenen Kultur-, Wissenschafts- und Geistesleben begnügen müssten. 20 bis 30 Prozent an im Ausland geborenen BewohnerInnen ist für zahlreiche Städte weltweit seit Jahrzehnten Normalität, auch Zahlen bis zu 50 Prozent sind keine Seltenheit mehr.

Neu an der Migration ist aber, dass sie ihr Gesicht verändert. Migrationsrouten waren lange Zeit relativ klar nachvollziehbar und übersichtlich – AlgerierInnen gingen nach Frankreich, Pakistani nach Großbritannien, TürkInnen nach Deutschland – die Liste ließe sich noch lange fortführen. Heute gibt es eine unglaubliche Vielzahl sich kreuzender Routen, die nicht mehr eindeutig historischen oder politischen Verbindungen zwischen altem und neuem Heimatland entsprechen. Auch die Kategorien und rechtlichen Status der MigrantInnen sowie die sozialen und politischen Implikationen haben sich vervielfacht. Steve Vertovec, Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen, spricht in diesem Zusammenhang deshalb von einer „diversification of diversity“ (Vertovec, 2008). Für Zielländer und -städte ist es unabdingbar sich auf diese neuen Bedingungen einzustellen: „Social, political and economic success will be determined by how well societies adapt themselves to increasing complexity (not how they fight it).“ (Vertovec, 2008)

Migration ist ein Querschnittsthema und deswegen ist es höchst an der Zeit, wie zuletzt auch der Wiener Bürgermeister Häupl gefordert hat, ein Integrationsstaatssekretariat einzurichten. Die bisherige – und nach wie vor gültige – Ansiedelung der österreichischen Integrationspolitik im Innenministerium hat in den letzten Jahren nur dazu geführt, dass Integrations- und Asylpolitik in erster Linie mit den Themen Sicherheit und Kriminalität verknüpft worden ist. (Was im Übrigen nicht erst seit der konservativen Innenministerin Maria Fekter Faktum ist, auch zurzeit der SPÖ-Innenminister Löschnak und Schlögl in den 1990er Jahren stellte sich die Situation in Österreich ähnlich dar.) Es ist mehr als an der Zeit zu ignorieren, was Rechts-Außen-Parteien zu diesem Thema vermelden. Ohne eigenständige, moderne und offene Migrationspolitik ist keine annehmbare Lösung in Sicht. Denn egal wie man dazu steht: Migration ist eine alltägliche Realität und betrifft alle Aspekte der Stadtgesellschaft – von Bildung, Kultur, Wohnen, Sozial- und Gesundheitsthemen, bis zur politischen Teilhabe und dem Arbeitsmarkt – und wird künftige Generationen noch stärker prägen als sie es bisher schon getan hat.

Diese Normalität der Migration zeigt sich in zahlreichen Statistiken. Auch der in Österreichs Hauptstadt gern getätigte Hinweis, doch einen Blick ins Telefonbuch zu werfen, um daran erinnert zu werden, welch beträchtlicher Teil der WienerInnen osteuropäische Wurzeln hat, besitzt noch immer seine Berechtigung. Das Wien um 1900 ist noch heute regelmäßig Thema von Publikationen, Ausstellungen und wissenschaftlichen Forschungen und gilt als die große Zeit der Wissenschaften und Künste. Gerade in diesem historischen Zeitraum erlebte Wien eine ungeheure Zuwanderung, welche die EinwohnerInnenzahl zwischen 1870 und 1910 von 840.000 auf über 2 Mio. emporschnellen ließ, was die derzeit aktuellen Zuwanderungszahlen allesamt lächerlich erscheinen lässt. Dass damals für viele Menschen, die während dieser Zeit nach Wien kamen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen katastrophal waren und der Antisemitismus enorme Verbreitung fand, ist die bekannte Schattenseite. Dass Wien noch heute von den architektonischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen profitiert, bleibt jedoch unbestritten.1

35 Prozent der Wiener Betriebe sind aktuell im Besitz von UnternehmerInnen, die 72 unterschiedliche Staatsbürgerschaften besitzen, nur eine nicht, nämlich die österreichische. Die Eltern von rund 50 Prozent der Wiener ErstklasslerInnen haben keine österreichische Staatsbürgerschaft2 bzw. nicht Deutsch als Muttersprache. WienerInnen mit Migrationshintergrund prägen also schon heute zu einem guten Teil das Leben der Stadt und werden das in Zukunft noch stärker tun. Völlig egal also, ob wir darüber glücklich sind oder nicht: Es wird für unser aller Zukunft das Schlaueste sein, den Umstand zur Kenntnis zu nehmen, zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.

Um genau das zu tun, dürfen sich die regierenden PolitikerInnen ab sofort durchaus ein wenig anstrengen und endlich eine Politik gestalten, die sich nicht ständig an den jeweiligen Kampagnen von Stammtischweisheiten absondernden Rechts-Außen-Parteien wie der FPÖ orientiert. Diese haben nämlich nicht das geringste Interesse, eine Gesellschaft mitzugestalten, die allen BewohnerInnen der Stadt ein lebenswertes Umfeld bietet, individuelle Freiheiten sichert, ein berufliches Fortkommen und Bildung ermöglicht. Schließlich würden sie sich damit die eigenen politischen Pfründe abgraben und nur mehr als Kleinparteien am Rande des politischen Spektrums vor sich hin dümpeln. In Wien sind in letzter Zeit erste Ansätze in Richtung einer eigenständigen Migrationspolitik zu beobachten. Mitverantwortlich dafür ist Kenan Güngör, der etliche österreichische Städte, Organisationen und Bundesländer in Sachen Integrationspolitik berät und gemeinsam mit den jeweiligen Akteuren Leitbilder dafür entwickelt. Ein Interview mit Kenan Güngör findet sich als Abschluss dieses Schwerpunkts ab Seite 26.

Auch Erol Yildiz konstatiert in seinem Beitrag Von der Hegemonie zur Diversität die positiven Veränderungen der letzten Jahre, die sich in Deutschland beispielsweise an Staatsbürgerschaftsrecht und Zuwanderungsgesetz zeigen. Insgesamt beurteilt er die Fortschritte des Migrationsdiskurses jedoch weiterhin kritisch: Für Yildiz dominiert nach wir vor „das Bild eines ,nicht anpassungsfähigen‘ Migranten, der sich in seine ethnische Nische zurückzieht, seine ,Herkunftskultur‘ reproduziert, in der medialen und realen Parallelwelt lebt und zu Fundamentalismus und Gewalt neigt“ die Debatte. Er sieht eine große Differenz zwischen diesem nach wie vor hegemonialen Blick, der von außen auf die Migranten-Communities geworfen wird, und der unspektakulären Alltagspraxis und Lebenswirklichkeit migrantischer Gruppen. „Was aus der Außenperspektive als negativ und homogen präsentiert wird, erweist sich aus der Binnensicht als durchaus differenziert, mehrdimensional und hybrid.“

Einen weiteren Beitrag zum Schwerpunkt liefert Wolf-Dietrich Bukow. Auch Bukow sieht Normalität in Form einer „alltäglichen Routine im Umgang mit Diversität“, die vor allem dort zu finden ist, wo „Diversifizierung des Alltags aus welchen Gründen auch immer gelebt und oft schon aus pragmatischen Gründen zugelassen wird, in jedem Fall weit ,unterhalb‘ der politischen Debatten.“ Im Zentrum seines Textes steht die Frage, wie die europäische Stadt strukturell auf Mobilität reagiert. Dazu untersucht er „wie urbane Arrangements arbeiten bzw. wie Mobilität und die in diesem Zusammenhang zunehmende Diversität von der Stadt als einem lebenden System verarbeitet, nämlich ,strukturell akkommodiert‘ wird.“

Klaus Ronneberger und Vassilis Tsianos beginnen ihren Beitrag zum Schwerpunkt mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Migration, beginnend mit der Anwerbung der GastarbeiterInnen, die in Deutschland in den 1950er und in Österreich in den 1960er Jahren startete. Zentral in ihrem Beitrag Panische Räume sind allerdings die Fragen rund um die räumliche Segregation von MigrantInnen und Begriffe wie Ghetto und Parallelgesellschaft , die trotz ihrer zunehmenden Beliebtheit für die Verhältnisse im deutschsprachigen Raum bestenfalls sehr ungenau oder überspitzt, und meist schlicht falsch sind. Ronneberger und Tsianos vermissen hier kritische Positionen in der deutschsprachigen Stadtforschung sowie eine ideologie- und diskurskritische Diskussion über Rassismus, wie sie in der anglo-amerikanischen Debatte anzutreffen ist. Dabei weisen die beiden darauf hin, dass „die Referenz auf Kultur die ideologische Konstruktion des Fremden dominiert und als naturalisierende Kategorie fungiert“.

Man muss an dieser Stelle vielleicht ein wenig weiter ausholen und neben der von Ronneberger und Tsianos erwähnten Problematik, die darauf hinaus läuft „die Ursache des Rassismus in seine Opfer zu verlegen“, auch über das Paradoxon des Multikulturalismus , wie es der französische Autor Pascal Bruckner in seinem Essay Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten? vor einigen Jahren in der Debatte um Ayaan Hirsi Ali formuliert hat, nachdenken: „Er (der Multikulturalismus, Anm. C.L.) gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen, aus denen sie sich bilden, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen. Stattdessen: Anerkennung der Gruppe, Unterdrückung des Individuums. Bevorzugung der Tradition gegen den Willen all jener, die Bräuche und Familie hinter sich lassen, weil sie zum Beispiel die Liebe nach ihrer eigenen Vorstellung leben wollen.“ Bruckner spricht hier einen Aspekt an, der es verdienen würde, breiter und vor allem auch sachlicher diskutiert zu werden. Bisher findet diese Diskussion im deutschsprachigen Raum – und hier vor allem in Deutschland – meist sehr emotional statt, was zu verhärteten Standpunkten und Stillstand statt Entwicklung führt.
Menschen in erster Linie als Träger einer Kultur oder Religion zu sehen, und die – auf Seiten der Linken – daraus folgenden kulturrelativistischen Positionen, müssen einer Kritik unterzogen und zur Diskussion gestellt werden. Die Möglichkeit der freien Entfaltung der Persönlichkeit ohne Rücksicht auf Religion oder Kultur ist ein zu wichtiges Gut. Die leidige Kopftuchdebatte bildet hierbei nur ein, wenn auch bereits klassisches Beispiel: Von vielen Linken und Grünen wird das Recht ein Kopftuch zu tragen meist viel hartnäckiger verteidigt, als das Recht kein Kopftuch zu tragen. Da wir aber weit davon entfernt sind, dass muslimische Frauen diese Frage ohne äußeren Druck für sich selbst entscheiden können, würde es mehr Linken und Grünen gut anstehen, auch hier aktiv einen Nachdenkprozess zu beginnen.

Schließlich gehört es zu den Grundbedingungen einer offenen Stadtpolitik, allen BewohnerInnen gleiche Rechte zu garantieren, ihnen den gleichen Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Universitäten zu ermöglichen und ihnen die Teilhabe am politischen Willensbildungsprozess zu sichern. Finden alle diese Voraussetzungen vor und sind die BewohnerInnen somit auch BürgerInnen der Stadt, eröffnet dies erst die Freiheit der Entscheidung, welchen politischen, kulturellen oder wie auch immer gearteten Netzwerken und Communities jede/r einzelne von ihnen angehören will – oder eben nicht.



Literatur

Vertovec, Steve (2008): New Complexities and Challenges of Diversity. Vortrag beim Internationalen Symposium Städte – Sprachen – Kulturen, Mannheim, 19. September 2008 (Verfügbar unter:
http://www.hausderdeutschensprache.de, Stand 01.10.2009)
Bruckner, Pascal (2007): Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten? (Verfügbar unter: http://www.perlentaucher.de/artikel/3594.html, Stand 01.10.2009)