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Artikel von:
Erik Meinharter

Erik Meinharter ist Redakteur von dérive, Mitarbeiter eines Planungsbüros und Lektor an der Universität für Bodenkultur.

Artikel aus Ausgabe 40


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GartenSTADTLandschaft

Sehr gerne und sehr oft werden in Essays zur Stadt und Stadtforschung Begriffe wie Freiraum, öffentlicher Raum, Außenraum, Platz, Park, Boulevard, Garten bis hin zur Landschaft analog für den unbebauten Raum städtischer Agglomerationen eingesetzt. Welche Rolle spielt die Landschaftsarchitektur, die diesen Raum als ihr Arbeitsfeld und ihren Forschungsgegenstand definiert, bei der Erforschung urbaner Landschaften?

Freiraum

Die Definition des öffentlichen Raums, des Freiraumes der StadtbewohnerInnen, ist im Diskurs aufgrund der vielfältigen unterschiedlichen in der Stadt forschenden Disziplinen nicht eindeutig. Nicht immer ist erkennbar, welchen konkreten Raum dieser Begriff umschreibt. Ein Ansatz kann es jedoch sein zu hinterfragen, wie dieser öffentliche Raum im Hinblick auf Eigentum und rechtliche Verfügbarkeit, Lage innerhalb der bebauten Strukturen oder Materialität tatsächlich beschaffen ist. Das Forschungsprojekt StaRS1 der RWTH Aachen hat sich der Untersuchung der Konfiguration des vermeintlich Öffentlichen angenommen. Im Beitrag von Klaus Selle wird augenscheinlich, wie viele Ebenen hinter der einfachen räumlichen Situation des nicht umbauten Stadtraums verborgen sind, die direkt auf ihn einwirken. Die Frage nach der reinen Öffentlichkeit des nicht umbauten Stadtraumes stellt sich, aufgrund einer im engeren Sinne schon immer existierenden Privatisierung des Öffentlichen Raums, nicht mehr. Welchen Freiraum die StadtbewohnerInnen noch nutzen können und welche Verfügungs- und Aneignungsmöglichkeiten ihnen zur Auswahl stehen, wird in einem koproduzierten Raum eine nicht so leicht zu beantwortende Frage sein. Der gerne beschworene Vergleich mit der griechischen agora hinkt nicht nur, da diese neben ihrer Versammlungsfunktion auch Marktplatz und religiöses Zentrum war, sondern auch weil oft vergessen wird, dass an diesem gerne idealisierten öffentlichen Raum nur bestimmte Bürger Rechte besaßen.

Der individuelle Freiraum

Aufgrund des sich im öffentlichen Raum manifestierenden öffentlichen Lebens finden soziale und soziologische Ansätze seit jeher ihren Weg auch in die Profession der Landschaftsarchitektur. Partizipation und Bottom up-Planungsprozesse, Planungswerkstätten, Nachbarschaftsgärten und temporäre Gärten – all diese Strategien versuchen auf die neuen Anforderungen einer sozial nachhaltigen Entwicklung und Planung der Stadt Rücksicht zu nehmen. Sie sind jedoch sehr weiche Formen der Beteiligung von oder Aneigung durch StadtbewohnerInnen, die aufgrund der vielfältigen Verflechtungen mit anderen Themenbereichen nur selten auf stadtstrukturelle Entscheidungen einwirken können. Dass die Forderung einer Demokratisierung des Anspruches auf Raum neu wäre oder gar aufgrund eines vermeintlichen Rückzugs der Öffentlichkeit aus diesen Räumen geschieht, ist ein Trugschluss. Fundamentale Ansätze einer emanzipatorischen Stadtplanung und Stadtentwicklung fußen auf einer gesellschaftlichen Wende der 1960er Jahre des 20. Jahrhunderts, zielen auf die Veränderung des Planungsprozesses und damit auf die Änderung einer Verwaltungsstruktur. Wenige Ansätze haben sich so viele Jahre halten können wie das West Philadelphia Landscape Project, das im Artikel von Anne Spirn (ab Seite 59) vorgestellt wird. Es ist nicht der aktuellste, jedoch der über Jahrzehnte immer wieder neu entwickelte Versuch, die sozialen und räumlichen Strategien zu vereinen. Der Freiraum der Stadt ist ein Raum der allgemeinen Mitsprache. Dieser Arbeitsbereich der Landschaftsarchitektur ist also immer ein Raum mit unbestimmter, öffentlicher NutzerInnenstruktur. Diese Form der Öffentlichkeit kann nicht von einer einzigen Disziplin alleine betrachtet werden, wodurch die fast zwingende interdisziplinäre Forschung schon im Forschungsgegenstand begründet liegt.

Neue Wege der Beschreibung urbaner Freiräume

Für die Erfassung dieses Raumes der Stadt eine adäquate methodische Vorgehensweise zu finden, um mehr als nur die physischen Konfigurationen aufzunehmen, ist eine zentrale Forschungsfrage der Landschaftsarchitektur. In den letzten Jahren wurden die klassischen deskriptiven Methoden durch weichere dokumentarische Beschreibungen erweitert. Das Umherschweifen in Form einer dérive hat plötzlich eine modische Ausformung der Ortsbeschreibung erhalten und wird in universitären Projekten als Analyseform eingesetzt. Gleichzeitig wird durch Spaziergangswissenschafter wie Bertram Weisshaar, Künstler wie Boris Sieverts und Kollektive wie stalker eine abgewandelte Form als Methode zur Beschreibung von Raum eingesetzt. Wenn jedoch versucht wird, die tatsächlichen Konfigurations-, Produktions- und Verfügungsverhältnisse des Freiraums zu beschreiben, greifen – aus Gründen der Komplexität – fast alle Methoden zu kurz. Es stellt sich daher stärker denn je, wie Philipp Rode in seinem Beitrag (ab Seite 124) hervorhebt, die Frage nach dem Substantiellen des Negativraums. Die Suche nach den letzten verbliebenen unbeschriebenen Orten, die einem In-Wert-Setzen noch offen stehen, wurde schon durch Marc Augés Nicht-Orte begonnen. Dieser positiven Umdeutung des davor unbeschriebenen und abseitigen Raumes, des komplexen und unbeachteten Restraumes sind die in der Stadt tätigen Disziplinen gefolgt. Freiraum gewinnt dadurch einen Charakter des potenziellen Forschungsgegenstandes. Er bleibt Neuland für Stadtforschungsreisende.

Auch die von Charles Waldheim geprägte Wortfindung des Landscape Urbanism beruft sich auf eine Strategie der Beschreibung und Transformation des terrain vague. Aus der konservativen Utopie der Gartenstadt wurde Landscape Urbansim. Es findet ein Wechsel der Perspektive von der Parzelle und dem kleinbürgerlichen Leben hin zu städtischen urbanen Strukturen statt. Dieser Wechsel scheint mit den Begriffen Garten und Landschaft im urbanen Kontext einherzugehen. Der Garten als Ziel allen bürgerlichen Lebens steht mit der Gartenstadt im Widerspruch zur urbanen Dichte. Die Landschaft wird als Synonym für komplexere urbane Systeme dem entgegengesetzt. Landschaft ist nicht an Land und damit an den vermeintlichen Gegenpol der Stadt gebunden, auch wenn der Begriff ursächlich mit der Urbanisierung zusammenhängt. Hierzu müssen sich Forschende schon mit dem komplexen Diskurs zur Kulturtheorie der Landschaft auseinandersetzen, der maßgeblich von Ulrich Eisel geprägt wurde. Stadt ist immer abhängig von Land. Das städtische Umland ist immer stark in die Struktur und das Funktionieren der Stadt eingebunden. Schon alleine aufgrund der Güter, die in einer Stadt nicht produziert werden können, steht diese in einem Abhängigkeitsverhältnis von der sie umgebenden Landschaft. Landscape Urbanism – als Re-Import einer europäischen Tendenz der 1990er Jahre – verspricht eine Trendwende hin zum neuen Verständnis des Verhältnisses von Stadt und Landschaft. Dazu muss jedoch auch geklärt werden, was Landschaft ist.

Frei Räumen. Das Verschwimmen der Disziplingrenzen

VertreterInnen des Landscape Urbanism wie auch des Ecological urbansim, wie Mohsen Mostafavi, fordern interdiszipliäres Forschen und Arbeiten an der Stadt. Faszinierenderweise hat die ökologische Urbanistik keinen direkten Bezug zur schon seit Herbert Sukopps Entdeckung der Großstadt als Gegenstand ökologischer Forschung bestehenden Stadtökologie. Faszinierend insofern als das grundlegende Verständnis des Ökosystems Stadt eigentlich die Voraussetzung für ein ökologisches Handeln in dieser sein müsste. Der Fluss, in den nicht nur die Entwicklung der Stadt, sondern auch die Entwicklung der planerischen Methoden, mittels derer versucht wird, Stadtplanung zu betreiben, geraten ist, führt zu einer Annäherung der Methoden der Stadtplanung und des Städtebaus an die Arbeitsmethoden der Landschaftsarchitektur. Gegenstand der Bearbeitung ist eine sich permanent verändernde Struktur. Im Falle der Landschaftsarchitektur waren es die natürlichen Prozesse und die NutzerInnen, die von sich aus unausweichlich Planungen über die Zeit veränderten und dadurch den Methodendiskurs beeinflussten (vgl. das Studio Urbane Landschaften).2

Die in der Stadt in Bewegung geratenen Rahmenbedingungen führen zu neuen Methoden, die auch in der Vergangenheit streng und dirigistisch agierende Planungsbereiche aufweichen. Das Neue ist hier jedoch lediglich die Transformation der Methoden aus einer in die nächste Disziplin. Zusätzlich werden die Anforderungen an urbane Strategien in mehreren Bereichen, wie z. B. Mobilität oder Ressourcenmanagement, noch erheblich erhöht werden. Forschung wird ebenfalls multidisziplinär werden müssen, nicht zuletzt aufgrund der Nachfrage nach neuen urbanen und ökologischen Strategien, die weit mehr erforschen als die kleinklimatischen Veränderungen an Fassaden aufgrund einer vorgesetzten Begrünung. Es geht um die Erforschung einer stadtstrukturellen, interdisziplinären Integration von energetischen, ökologischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Belangen im Rahmen der Urbanisierung, in der die Disziplin der Landschaftsarchitektur, wie alle andern auch, nur einen Teil abdecken kann. Bei dieser Form der multidisziplinären Arbeit muss, um eine Forderung Herbert Sukopps aufzugreifen, »die Integration (humanwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Bereiche) professionell und nicht von den Einzelwissenschaftlern durchgeführt werden.«


Anmerkungen


1 
StaRS — Stadträume in Spannungsfeldern

2 
Studio Urbane Landschaften wurde an der Leibniz Universität 
Hannover 2005 von Hille von Seggern und Julia Werner gegründet: 
www.freiraum.uni-hannover.de/391.html



Weitere Informationen

Weisshaar, Bertram: www.spaziergangswissenschaft.de

Sieverts, Boris: www.neueraeume.de

Zu Charles Waldheim und Mohsen Mostafavi siehe 
Topos Nr. 71, 2010, sowie das neu erschienene Buch 
Ecological Urbanism, Baden: Lars Müller Publishers, 2010

Eisel, Ulrich: www.ueisel.de

Sukopp, Herbert (2001): Rückeroberung? Natur im Großstadtbereich. 
Wiener Vorlesungen, Wien: Picus