|  dérive 69  |  News  |  Verkauf  |  Links  |  Impressum  |  Backlist  |  Autoren  | Ausgabe |
Artikel von:
Maja Lorbek

Maja Lorbek ist Architektin, sie lebt in Wien.

Artikel aus Ausgabe 42


dérive - Radio für Stadtforschung
Jeden 1. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr auf Radio Orange FM 94.0 oder Livestream http://o94.at
Sendungsarchiv zum Nachhören: http://cba.fro.at/series/1235

urbanize - Int. Festival für urbane Erkundungen
www.urbanize.at

Newsletter bestellen
http://eepurl.com/fmHIo

NUR ONLINE Wärmedämmverbundsystem als Symptom

Thermohaut, Vollwärmeschutz: so wird es umgangssprachlich genannt. Die korrekte Bezeichnung lautet: Wärmedämmverbundsystem – abgekürzt WDVS. Die englische Bezeichnung ist noch komplizierter: ETICS oder External Thermal Insulation Composite Systems. Das WDVS besteht aus Befestigung, Dämmung und Putzsystem. Bei der Dämmung handelt es sich größtenteils – weil mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis – um expandiertes Polystyrol (EPS).

Wärmedämmverbundsystem und das verlorene Ansehen der Architektur, ein Buch von den beiden ArchitektInnen Kerstin Molter und Mark Linnemann, setzt sich mit dem Phänomen Vollwärmeschutz kritisch und doch unbefriedigend auseinander. Zahlreiche verschiedene Themen, von Kapitalismus- und Konsumkritik über die Rolle der Bauprodukteindustrie als Wirtschaftsfaktor sowie über reduziert-technokratische Wärmeschutzverordnungen und nicht zuletzt über Sanierungen ohne ArchitektInnen bis hin zu Nachhaltigkeit werden behandelt. Viele der Themen sind bekannt. Es ist gut, dass der Wert der Architektur der Nachkriegsmoderne und der Bauten der Boomjahre erkannt und betont wird. Es ist wichtig, dass die problematischen Aspekte der Wärmedämmverbundsysteme, vor allem auf der Basis von EPS-Dämmung nochmals angeführt werden. Das Buch endet mit einem moralischen Appell an ArchitektInnen: „Aufhören mit dem Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen. Jetzt!“

Wie alles mit moralischem Imperativ Behaftete bewirkt auch dieser Appell womöglich genau das Gegenteil, und die so beschworenen ArchitektInnen verweigern. Es stimmt, dass nachträglich gedämmte Bauten ästhetisch abgewertet werden; es stimmt, dass EPS aus Rohöl gewonnen wird und die Frage der Entsorgung und des Recycling nicht geklärt ist. Es stimmt, dass noch dickere Dämmung auf der Basis etwas veralteter Technologie an ihrer Grenze angelangt ist. Weitere Optimierung von Gebäudehüllen stellte auch Hans Jörg Leibundgut von der ETH Zürich mit guten Argumenten in Frage (siehe „Superlabel in Erklärungsnot“, in archithese 6/2010). Es ist unsinnig, so Hans Jörg Leibundgut, Hunderte von Quadratmetern Gebäudehüllenfläche sehr teuer zu dämmen, wenn fünf Mal mehr hochwertige Energie durch ein Abwasserrohr von elf Zentimetern Durchmesser ungenutzt abgeleitet wird. Damit ist das ungenutzte Potenzial zur Nutzung der exogenen Energie der Abwässer gemeint.

Man sollte die Wärmedämmsysteme dennoch nicht überbewerten. Die Maßnahme – das nachträglich aufgebrachte WDVS – ist reversibel. Der Austausch von Verbund- und Kastenfenstern aus Holz durch Kunststofffenster ist hingegen viel problematischer. Bei der ersten Maßnahme gibt es keinen Verlust der originalen Bausubstanz, bei der zweiten sehr wohl. Wenngleich ärgerlich, weil die Montage in technokratisch-reduktionistischem Energiesparen begründet, ästhetisch banal, fahl und ohne jegliche Patina sowie kritisch in Produktion und Entsorgung: Die Wärmedämmverbundsysteme sind nur ein Symptom der Banalität unserer Gesellschaft, nicht mehr und nicht weniger.


Kerstin Molter, Mark Linnemann
Wärmedämmverbundsystem und das verlorene Ansehen der Architektur
Kaiserslautern: ML Publikationen,, 2010
72 Seiten, 15,80 Euro